Huch, zwei Zentner? 34D iss mir doch lieber oder wie NFL-Profis ihre Playbooks lernen

Football ist ein rauer Sport und der Körper muss extrem durchtrainiert sein. Aber der fitteste Profi sieht in der NFL kein Land ohne das Playbook zu kennen. Der Football-Lesebefehl für den heutigen Tag: Wie merken sich NFL-Profis überhaupt die Plays?

Executive summary

Ein hoch spannendes Thema, aus der Schule noch bekannt als „Finde deinen Lerntyp“ heraus. Es gibt den Typ mit dem fotografischen Gedächtnis („Der Nachwuchs der Scutigerella immaculata? Ah ja, stand im Biologiebuch auf Seite 239, linke Spalte, zweiter Absatz, in Kursivdruck!“), oder den assoziativen Typ (der Klassiker TEAM = Toll Ein Anderer Macht’s, oder IBM = immer billige Maschinen, oder FIAT = Fehlerhaft in allen Teilen), den visuellen Typ, den kategorisierenden Typ und so weiter, und so fort. Eine interessante Materie schon zu Schulzeiten.

Und nichts ging darüber, abends um 12 im Bett Lateinvokabeln herunterzulesen. Ich habe sie nicht mal gelernt. Ich habe sie nur laut gelesen. Mich schlafen gelegt. Und am nächsten Morgen wusste ich sie alle. Es geht nichts über eine Prise Schlaf vor einem Test, und es gibt keine bessere Zeit, sich etwas zu merken. Weil das Gehirn im Schlaf weiterdenkt. Soll angeblich auch wissenschaftlich erwiesen sein.

Das war auch die Methode, die Trent Dilfer (Superbowl-Champ mit den Ravens 2000/01) in seiner Karriere angewandt hat. Dilfer war ein mittelmäßiger QB, ein Wandervogel, und Dilfer ist heute einer der unterirdischsten Experten, die im amerikanischen Fernsehen so durch die Gegend laufen. Einer, der den Finger in den Mund steckt, den Wind prüft und sich danach seine Meinung bildet.

Das sei nicht das Thema. Denn Dilfer hat diesmal sogar interessante Sachen zu erzählen. Eine tiefere Ebene als das bloße Merken von Spielzügen ist das Verstehen hinter der Philosophie, nach der die Spielzüge zusammengestellt sind. Dazu gehört die Sprache. Ein und der selbe Spielzug kann in Franchise X „Fett Sack kg 193“ heißen und in Franchise Y „Tussi BH 34D“. Viele Spieler scheitern daran, dass sie nach dem Wechsel von Y nach X weiterhin nur 34 D im Kopf haben. Oder so.

Dieser Wechsel von Offensivsystemen ist nach Dilfers Meinung auch der Grund, warum z.B. San Franciscos Alex Smith mittlerweile völlig chancenlos in der NFL ist. Smith musste in sechs Jahren unter sechs Offensive Coordinators spielen und folglich auch sechsmal neu ein Playbook erlernen. Wohlgemerkt: Playbook, das ist mehr als eine Aneinanderreihung von Spielzügen. Playbook ist als großes Ganzes ein Konzept, das es vor allem für Quarterbacks zu verstehen gilt.

Die Story macht auch anschaulich, warum viele junge Quarterbacks beim ersten Teamwechsel nach 1-2 Jahren verbrannt sind. Sie macht deutlich, wie schwer es für einen Wandervogel überhaupt in der NFL ist. Besonders für Wandervögel wie Trent Dilfer, die sich zusehr in Details verfangen („anal-retentive“ (O-Ton Dilfer), mit besten Grüßen an den lieben Freud), ohne auf das große Ganze zu achten („Ein Playbook ist mehr als die Zusammenstellung der einzelnen Plays“).

Teams beginnen immer mehr, ihre Spieler via eigens programmierter Software Playbooks am Computer erlernen zu lassen. Seit ein paar Jahren existieren Versuche, anhand von KI mit aufgepeppter Madden-Grafik möglichst realistische Simulationen für ihre Spieler zu schaffen, z.B. einen Spielzug und dahinter die Defense, die in zwei Dutzend Aufmachungen daherkommen kann.

My take

Bei lernintensiven Prüfungen sind Schüler schlau: Sie bereiten sich am exaktesten auf die Dinge vor, die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit kommen. Die eher unwichtigen Dinge werden außen vor gelassen. Wer erinnert sich?

Interessant an der Geschichte ist auch, dass die NFL überhaupt so komplex denkt. Ein Playbook für eine Sonntagspartie besteht aus schätzungsweise 80 Spielzügen. Nehmen wir an, 45-50 davon sind Basisspielzüge (einfache Slant-Routen, einfache Draws, einfache Counter-Läufe) – und jetzt spricht der Sofa-Footballer: Worin läge der besondere Nachteil, die verbleibenden 30 Plays speziell auf die Partie angepasst auf dem Platz einzutrainieren? Denn ich finde es ziemlich fassungslos und eine massive Zeit- und Energieverschwendung, wenn Derrick Ward erzählt, die Houston Texans hätten 300 Spielzüge im Playbook. 300 Plays. Eine Mannschaft hat in Offense und Defense im Schnitt rund 1100 Plays pro Saison. Man mache die Rechnung.

Zugegeben, etwas simplifiziert.

Danas take

Einen Ansatz zu dieser Idee lieferte vor nicht allzu langer Zeit das Offensiv-Genie Dana Holgorsen (West Virginia, einst Texas Tech und zuletzt bei den passgewaltigen Oklahoma State Cowboys). Holgorsen schmetterte damit, eine Offense in DREI TAGEN installieren zu können. Wir reden hier von keinem Theoretiker. Holgorsen hat in den letzten Jahren reihenweise Rekord-Offenses gebaut, an mehr als einer Handvoll verschiedenen Universitäten, und soll(te) nun Oliver Lucks Streben nach der College-Meisterschaft an der WVU befriedigen. [*]

Holgorsens Ansatz: Jeder Spieler im Roster hat GENAU eine Aufgabe. Ein Slot-WR wird nur im Slot aufgestellt. Ein WR, der einmal außerhalb der Hashmarks zum Einsatz kommt, wird immer und ausnahmslos dort zum Einsatz kommen. Dadurch erreicht Holgorsen einen hohen Grad an Spezialisierung, aber auch einen geringeren Grad an Komplexität für den einzelnen Spieler, der sich nur auf die Aufgaben einer einzelnen Position beschränken kann.

Holgorsen züchtet sich die anti-Harvins heran, sozusagen. Aber bitte selbst lesen, und zwar hier.

[*] Holgorsen erlebt, wie wir seit kurzem wissen, nicht immer die trockensten Zeiten und steht aktuell trotz seiner Genialität vor dem Abschuss, weil er sich im Rausch nicht beherrschen kann. Das geht soweit, dass sogar Oliver Luck (Andrews Vater), ein Schwergewicht im College Football und WVUs Sportdirektor, arg unter Beschuss gekommen ist. Das sei am Rande erwähnt.

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8 thoughts on “Huch, zwei Zentner? 34D iss mir doch lieber oder wie NFL-Profis ihre Playbooks lernen

  1. Ein und der selbe Spielzug kann in Franchise X „Fett Sack kg 193“ heißen und in Franchise Y „Tussi BH 34D“. Viele Spieler scheitern daran, dass sie nach dem Wechsel von Y nach X weiterhin nur 34 D im Kopf haben. Oder so.

    Anschaulich. ;-)

  2. Die übergroßen Playbooks und komplexen Plays mit Bandwurmbezeichnungen sind u.a. auch der Grund dafür, daß Jon Gruden keinen jungen QB gut entwickelt hat und jetzt nur noch Vorsitzender der FFCA ist. http://www.ffca.biz/index.html

    Über das Playbook von Rob Chudzinskis, neuer OC der Panthers und Cam Newton, erzählt man sich übrigens folgendes:

    New Panthers offensive coordinator Rob Chudzinski’s playbook is believed to be somewhere in the vicinity of 900 pages, which makes it one of the most voluminous in the league. Virtually every play has a shift and/or motion. It’s a difficult offense for an experienced quarterback. Newton is inexperienced even among incoming rookies, and he the offense he was exposed to at Auburn is nothing like this one. If Cam goes to the Panthers, Chud might have to do some serious dumbing down of the offense in 2010.

  3. Das Holgerson-System kann in der NFL schon deswegenfast nicht funktionieren, weil das zu durchschaubar ist. Die NFL Defenses sind viel schneller und gewitzter als im College. Und ich glaube, die Kader in der NFL sind auch bedeutend kleiner (45 zu 80 im College, wenn ich mich nicht irre).

    Trotzdem natürlich eine dolle Geschichte und hat Spaß gemacht, hier und bei aol zu lesen.

    Zu Cam Newton kann ich nur sagen dass Carolina sicher nicht so viele Plays aufnehmen wird denn sie wissen, dass Cam ein NFL Neuling ist. Ein Playbook mit 1000 Seiten ist aber natürlich auch ein Witz, besonders für Quarterbacks, die sich noch besser als alle anderen Spieler im System auskennen müssen. Für Cam wird aber wie gesagt mit Sicherheit erstmal ein simpleres Programm zusammengestellt.

  4. Die Holgorson-Debatte ist ja im Grunde nichts anderes, als die alte Frage: konzentrieren wir uns auf weniges und machen das dafür umso besser oder machen wir sehr viel um möglichst flexibel und unberechenbar zu sein, auch wenn ab und zu mal die Qualität (“execution”) darunter leidet.

    In der NFL entscheidet man sich meistens für die komplexe Variante, wobei ich das nicht ganz nachvollziehen kann. Das ist wahrscheinlich ein Ergebnis des Copy-Cat-Characters der Liga. Komischerweise ist aber die auffälligste Ausnahme eine der besten Offenses der letzten Jahrzehnte – die Colts. Indy spielt fast ausschließlich mit zwei Aufstellungen (3WR, 1TE, 1RB; 2WR, 2TE, 1RB) und Peyton läßt immer und immer wieder die gleichen Plays laufen.

    Ein anderes bekanntes und erfolgreiches Beispiel ist die No-Huddle-Offense der Bills mit Jim Kelly, die immerhin für vier Super-Bowl-Teilnahmen in Folge gereicht hat. Ein anderes Beispiel ist Norv Turners Offense, die nur eine leichte Weiterentwicklung seiner Offense der Cowboys Anfang der 90er Jahre ist. Oder auch was Belly/McDaniels 2008 von Matt “ich war seit der High School kein Starting-QB mehr” Cassel verlangt haben.

    Im glaube, daß man mit verringerter Komplexität und besserer Execution auch in der NFL erfolgreich sein kann. Auch wenn ganz so reduziert wie Holgerson oder Mike Leachs Offenses nicht ausreicht; aber zumindest weniger umfangreiche Playbooks als die von Chudzinski oder Jon Gruden. Für Newton kann man wirklich nur hoffen, daß er nicht von Anfang an mit dem ganzen Ding erschlagen wird, denn auch in Auburn unter Gus Malzahn war die Offense, was das Passing Game angeht, nicht gerade sonderlich kompliziert.

  5. Pingback: links for 2011-06-01 « Vier Viertel + Nachspielzeit

  6. #Komplexität

    Im Prinzip halte ich die NFL-Offenses zum größten Teil für deckungsgleich. Laufspielzüge? Ich meine, Madden hatte 5-6 zur Auswahl, u.a. power, counter, lead draw, Lauf durch die Mitte. Welche besonderen weiteren Runs bietet die “echte” NFL?

    Passspiel? Es gibt die schnellen Hitch-Pässe, die 4-5 Dropback-Standards auch in Play/Action-Form, Bootlegs und natürlich den Pass der Pässe, den Screenpass. Das alles verpackt in einige wenige verschiedene Formationen.

    Fassungslos ist die unfassbare Energie, die Coaches dahinein stecken, mismatches zu kreieren und stundenlang für einen (ganz ignorant ausgedrückt) simplen Block Videos studieren, sprich: die Plays und Formationen an den Gegner anpassen. Kernspielzüge weniger, andere mehr.

    Trotzdem bleibt für mich das Basis-Auswahlmaterial die o.g. Möglichkeiten, also 8-10 Standardspielzüge. Nehmen wir die verschiedenen Variantionen und Formationen, dann haben wir ein Basisrepertoire von im Artikel bereits erwähnten 45-50 Spielzügen, die im Prinzip jede Mannschaft drauf hat, in welchen Formationen auch immer.

    Dazu die angesprochenen ca. 25-30 Plays, die etwas spezieller auf den kommenden Gegner vorbereitet werden müssten, auf alle Fälle in größerem Ausmaß als die Basis-Spielzüge, die “nur noch” auf einzelnen Positionen (z.B. Blitz-Pickup, spezielle Blocks gegen spezielle Spieler usw.) angepasst werden müssen.

    Der Rest sind Ausführung – das Fachgebiet der Bradys und Mannings – und Playcalling.

    Daher entsteht vermutlich auch der Eindruck der „Copycat“-Liga. Jedes Team kann im Prinzip fast jeden Spielzug spielen. Dabei bleiben die Spielzüge im Kern arg limitiert. Die echte Faszination steckt im Detail, aber leider kann der gemeine Fan den Großteil davon nicht sehen, weil man fast nie beide Aufstellungen komplett sieht (Secondary z.B. oft beim Snap nicht sichtbar) und ESPN an keiner ernsthaften Spielzug-Analyse interessiert ist.

    Wozu brauche ich hunderte Spielzüge, wozu hunderte Seiten Skript? Teams wie New England kommen Woche für Woche raus, mit derselben Spielidee, mit denselben Formationen, aber optisch (*) immer an einigen Stellen an den Gegner angeschraubt.
    (*) “Optisch” deshalb, weil ich eben keine Möglichkeit sehe, bei den tiefen Kamerapositionen in der NFL eine Spielzugentwicklung zu erkennen und daher auch nur Annahmen über die Gedankengänge eines Coaches machen kann.

    Deswegen finde ich Dilfers Einwand, man müsse die Philosophie verstehen, interessant. Aber ich teile den Gedanken nur zum Teil. Weil die „Philosophie“ mittlerweile fast nur noch darauf beschränkt ist, welche Sub-Menge aus dem Pool an Spielzügen nun in einem Offensivsystem mehr und welche weniger Gewicht bekommt. In welchem Ausmaße, das mag am Coach liegen. Oder am Spielermaterial. Whatever.

    Echte „Philosophie“-Unterschiede siehst du fast nur noch am College.

    Das Problem dürfte also tatsächlich mehr am schieren Ausmaß einiger Playbooks sein, mit einem Standardrepertoire derart massiv, dass v.a. junge QBs daran zerbrechen. Deswegen mein Gedanke: Schlankes Grundprogramm, und das wöchentlich im Training auf dem Platz auf den Gegner anpassen muss doch besser sein, als fettes und extrem lernintensives Grundprogramm, das du zu 60% eh nie ausschöpfen wirst und dann noch nicht mal angepasst und trainiert hast. Was für eine Ressourcenverschwendung!

    Oder der gesamte Exkurs in sieben Wörter komprimiert: Die Komplexität liegt im Umfang des Playbooks.

    Bezüglich des „Philosophie-Gedankens“ noch ein OT:
    Das ist auch der Grund, warum ich College Football so faszinierend finde. Dort siehst du Woche für Woche von Grund auf andere Ideen.

    Und das ist auch der Grund, warum ich Cam Newton in der NFL auch interessant finde. Weil ein Coach gezwungen ist, zumindest ein Revolutiönchen in Sachen Offensive anzustiften. Natürlich dämpft dein verlinkter Artikel von NFP dann auch gleich die eh schon niedrigen Erwartungen noch ein wenig ab.

  7. Pingback: TGIF mit den Indianapolis Colts « Sideline Reporter

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