Das Ärgernis mit den Schützengräben

Vor drei Jahren wagten es die Detroit Lions mit einer mehr als suspekten Offensive Line nach ihrer sieglosen Saison ihren Neuaufbau mit einem Quarterback zu beginnen und drafteten den erstmal horrend teuren Matthew Stafford an erster Stelle. Obwohl ich bis hinter beide Ohren verknallt war und bin in diese wunderschönen Flugobjekte, die Stafford abfeuert, fühlte sich Staffords Einberufung für lange Zeit eher mulmig an. Jahrelang war ich der Meinung, man schafft immer die Rahmenbedingungen, dann kommt die Kür. Die „Rahmenbedingungen“ hierbei sollte die Offensive Line sein. Die Kür: Der Quarterback.

Obwohl Stafford wie befürchtet hinter der Lions-Line abgeschossen wurde, bin ich mir a) nicht mehr so sicher, ob eine dominante Offensive Line so wichtig für eine Mannschaft ist und b) auch nicht sicher, ob Staffords Schulterverletzungen wirklich auf die Line zu schieben waren – man schaue sich mal die Situationen an, in denen es zu den Verletzungen kam: Allerweltsdinger, die auch hinter starken Lines vorkommen.

Intuitiv würde man behaupten, in Zeiten, in denen jede Mannschaft ihren Super-Passrusher sucht, um Super-Quarterbacks einzubremsen, wird eine Offensive Line immer wichtiger. Green Bays Rodgers war dagegen schon vor Jahren der Meinung, die beste Protection sei eine Spread Offense.

In seiner Trendanalyse stellte Fifth Downs Andy Benoit die sich erstmal steil anhörende These auf, teure Offensive Lines seien nicht bloß schädlich fürs Geschäft, sondern sogar für die sportliche Aussicht einer Franchise.

[…] Offensive lines: nothing compared to a quarterback

We knew this heading into the season but it’s been drastically reaffirmed: you don’t need a potent offensive line if you have a marquee quarterback. The Saints have survived another year with subpar pass-blocking tackles. The Packers have been riddled by injuries up front and are managing to score 34 points per game. Even the Lions with Matthew Stafford – a good, strong-armed quarterback but not yet elite– rank fourth in scoring despite their lower-tier front five. They’ve done so by operating almost exclusively out of the shotgun. The Chargers’ fifth-ranked scoring offense has caught fire down the stretch, not long after losing two Pro Bowlers on the left side of their line (tackle Marcus McNeill and guard Kris Dielman). Philip Rivers’s pocket poise is the reason for that.

The Blindside craze from a few years ago made us all believe that left tackles are vital. In reality, the significance of the left tackle – and the other four linemen – is almost inversely proportional to the quality of your quarterback.

Umgekehrte Proportionalität  mag – überlesen wir Benoits sinnfreie Begründung mal – eine übertriebene Behauptung sein, wie man bei Advanced NFL Stats nachlesen kann.

Diese Woche hat sich eine weitere sehr geschätzte Footballseite in die Diskussion eingeklinkt. Pro Football Focus diskutiert die Frage nach dem Wert einer starken Offensive Line, die nach den Erfolgen der Steelers, 49ers oder Giants in den letzten Jahren durchaus auch ihre Berechtigung haben mag, auch wenn die Schlussfolgerung von PFF dann doch etwas unoriginell daherkommt. [Als Zusatz: Der Eintrag über das Laufspiel der Broncos ist hier.]

Als eine der Hauptbelastungen empfinde ich in der Debatte um den Wert der Offense Lines die fehlenden Stats. Wie viele Pfannkuchen („Pan Cake“) ein Left Guard backen kann, mag interessant für die Videodatenbank sein, taugt aber nicht wirklich als Diskussionsgrundlage. Burkes Modell WPA für Individualstatistiken krankt an (zu?) starker Abhängigkeit der einzelnen Spieler untereinander. Auf der anderen Seite lässt sich möglicherweise subjektives Scouting wie bei PFF kaum vom menschlichen Faktor „Feeling“ lösen. Und dann kann ein Brees immer noch einen schlechten Block mit seiner quicken tiefen Bombe negieren.

Scouting halte ich auch für nicht ganz frei von Gefuzzel, weil eine Offensive Line wie kaum ein anderer Mannschaftsteil im Football als Team auftritt. Die Aufgaben eines jeden einzelnen sind komplex und dürften vor allem bei starker Blitz-Einschlaggefahr stark auf gegenseitiges Vertrauen aufbauen (siehe hierzu überdurchschnittlich hohen IQ von Offensive Tackles).

Weil schon eine Bewertung schwerfällt, lässt sich eine Diskussion um den Belang von Offensive Lines in etwa so schwer steuern wie eine Diskussion mit einer Astrologin über Sinn und Unsinn von Horoskopen. Man kann mit Argumenten Meinungshaufen als wären sie von Rainer Holzschuh jede Auseinandersetzung unwiderlegbar für sich entscheiden.

In den nächsten Wochen werden die Pundits wieder Tackles wie Kalil oder Martin hypen und bis auf die Zehennagelgröße auseinandernehmen; möglicherweise werden zwei oder drei Tackles in den Top-10 gedraftet werden. Die Pundits werden Teams wie Minnesota dafür loben, wie schlau es denn sei, den Neuaufbau um den Bau der Offensive Line zu beginnen. Und sie haben möglicherweise Recht.

Möglicherweise auch nicht. Möglicherweise wäre Ponder glücklicher, könnte er ohne Schutz jedes Mal auf Blackmon und Green werfen und so weniger Prügel kassieren. Möglicherweise rüttelte eine bessere Offense Line nicht an Detroits Antipathie fürs Laufspiel.

Das Ärgernis wird allerdings weiterhin bleiben, dass wir für die möglicherweise wichtigste oder zweitwichtigste (oder drittwichtigste, oder unwichtigste) Position im American Football keine adäquate Grundlage haben, auf Basis derer sich eine fundierte Auseinandersetzung über die Wertigkeit der einzelnen Positionen in der Offense führen ließe.

Wenn ein Benoit die trenches auch übertrieben abkanzelt, so zeigt die Diskussion doch zumindest, dass die Grundvorstellung, eine Line sei die Basis schlechthin, in der heutigen NFL nicht mehr widerspruchslos hingenommen werden sollte. Vielmehr riecht es danach, dass unterschiedliche Typen von Offensiv-Systemen – man könnte fast soweit gehen und behaupten: Quarterbacks – unterschiedliche Anforderungen verlangen. Brees ist nicht gleich Brady ist nicht gleich Roethlisberger. Und das spiegelt sich in der Draft- und Einkaufspolitik in Sachen „Ballfänger vs. Offensive Line“ stärker nieder, als man wahrhaben möchte. Die wenig originelle Schlussfolgerung von Pro Football Focus scheint in Abwesenheit objektiverer Methoden die brauchbarste zu sein.

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2 thoughts on “Das Ärgernis mit den Schützengräben

  1. Auch wenns hier thematisch nicht hingehört: Oscar für beste Dokumentation, geht an eine Footballdoku: “Undefeated”
    Herzlichen Glückwunsch

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