Die Superbowl, die es so nie geben kann

Bevor das ganz große rivalry weekend im College Football kommt, präsentiert uns dieser Sonntag zwei der heißesten Ansetzungen der NFL. Minnesota Vikings – Green Bay Packers gibt es jedes Jahr zweimal, sind schließlich Divisionsrivalen in der NFC North. New England Patriots – Indianapolis Colts gibt es auch gerne zweimal pro Jahr. Nur: Die beiden sind keine Divisionsrivalen mehr. Das Re-Match geschieht dann halt in den Playoffs. Willkommen zur sportlich aktuell hochwertigsten NFL-Rivalität der Gegenwart.

Auch wenn Patriots und Colts lange Jahre in der AFC East gegeneinander gespielt haben, ist das kein „klassisches“ Duell. Zu erfolglos waren beide Mannschaften, als dass die Paarung besondere Aufmerksamkeit außerhalb der beiden Städte erregt hätte. Das änderte sich mit einem gewaltigen Tackle im Spätherbst 2003…

Der Goal Line Stand

Die Intensität dieser Rivalität wurde am 30. November aufgemotzt. Die Patriots mit Siegesserie und 21-Punkte-Vorsprung im Rücken im RCA Dome, wurden ab Mitte des dritten Viertels dank eines fehlerhaften Tom Brady von Peyton Manning und seiner WR-Armada aufgemischt. In den letzten Sekunden die Colts bei 34-38-Rückstand mit einer 4th-and-1 Situation an der Goal Line der Pats. RB Edgerrin James wurde über die Mitte geschickt, doch Ted Washington und vor allem Willie McGinest sorgten mit einem legendär gewordenen Goal Line Stand dafür, dass die Pats einen großen Sieg aus Indiana mitnehmen konnten.

Manning Law

Ende Jänner die Wiederauflage des Duells, diesmal im AFC Finale, in Foxboro – eben aufgrund dieses Goal Line Stands. Die als playoffschwach geltenden Colts hatten in den ersten Ausscheidungsspielen ihre Ansprüche gestellt, die wahre Luftwaffe der United States zu sein. Doch sie hatten nicht mit den physischen Bodentruppen der Patriots gerechnet – und Manning nicht mit Ty Law. Manning warf im Schneegestöber von Foxboro Interception um Interception, dreimal allein zu Ty Law, und die Patriots schlüpften trotz einer grottigen Redzone-Offense mit 24-14 in die Superbowl.

Miss Vanderjagt

Wiederauflage des schnell zum NFL-Hit gewordenen Duells am ersten Spieltag der neuen Saison 2004. Die Pats als frisch gebackener zweifacher Superbowl-Champ am Freitagmorgen (europäische Zeit) lieferten sich mit den Colts einen sehenswerten Schlagabtausch. Die Colts verbrannten die Pats am Boden und in der Luft, doch die Big Plays machten die Pats. So zum Beispiel ein Fumble an der Goal Line, provoziert von Vince Wilfork in seinem ersten NFL-Spiel. Vorletzter Spielzug bei 27-24 New England: Ein Sack McGinests gegen Manning, und einhergehend ein langer Fieldgoalversuch in persona Mike Vanderjagt. Der idiot kicker mit dem verschossenen Kick aus 48 yds, New England mit dem Startschuss zu einem weiteren Superbowl-Gewinn.

Das perfekte Spiel

AFC Divisionals im Jänner 2005. Die Pats hatten eine 14-2-Saison gespielt, galten aber komischerweise fast als Außenseiter gegen die Colts. Grund: Peyton Manning hatte in der Regular Season alle Rekorde gesprengt und eine Woche zuvor die Denver Broncos nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen. Und: Die Patriots-Secondary spielte mit ihrer zweiten bis dritten Garnitur, u.a. mit ein paar ungedrafteten Rookies (!) und WR (!!!) Troy Brown! Ergebnis im frostigen Foxboro: 20-3 New England. Für mich ist das immer noch die beste jemals gezeigte Leistung einer Mannschaft: Mit der Ersatz-Defense die Rekord-Offense der Colts auf drei Punkte zu halten.

Die Wende

Im Grunde hatte die NFL den Grundstein für die Wende in diesem Duell schon im Frühjahr 2004 gelegt, indem sie das physische Angehen der Defensive Backs gegen Wide Receivers im Zuge des oben angeführten 2003er AFC Finals mit Strafen unterbinden ließ. Im Herbst 2005 und 2006 wurden die Auswirkungen ersichtlich. Die Colts jeweils mit klaren Siegen. 2005 gegen eine schwache Pats-Mannschaft, 2006 dank vier Brady-INTs.

Das Spiel der Spiele

Für mich immer noch die beste NFL-Nacht war jene vom 21. auf den 22. Jänner 2007. AFC Finale, Patriots @ Colts. New England führte bereits 21-3, ehe die drei Meter unter der Erde liegenden Colts in Halbzeit zwei ein Comeback hinlegten, das nur mehr von Lazarus in den Schatten gestellt wird. Die letzen 20 Minuten sind der bis heute spektakulärste NFL-Football, den ich gesehen habe. Ein Hin-und-Zurück allererster Güte. Die Refs ließen sämtliche Prügel der Defensive Backs ungestraft und die Pass-Interference-Flaggen selbst bei wüstesten Vergehen im Hosensack. Die Touchdowns erzielten O-Liner und D-Liner. Die Drops von Pats-WR Reche Caldwell verfolgen mich bis heute. Hätte ich das Drinking Game auf fallengelassene Pässe ausgelegt, ich hätte noch drei Tage später als Bon Scotts Imitat durchgehen können. Am Ende siegte Indy 38-34, weil Tom Brady 16 Sekunden vor Spielende den Nimbus des Supermans verlor und die Interception warf.

Armageddon hält Einzug in Indianapolis

©Sports Illustrated. „Armageddon“ im Herbst 2007 nannte sich auch „Passangriff der Patriots“. Die Pats hatten nach den unsäglichen Drops von Caldwell umgedacht und mit WR Welker und vor allem WR Randy Moss tödliche Waffen eingekauft und die NFL-Defenses vor unlösbare Aufgaben gestellt. Woche 9 und wir NFL-Fans im Genuss von „Superbowl 41,5“. Die Colts führten im letzten Viertel trotz aller Unkenrufe 20-10, ehe die Patriots die ganz dicken Hosen anzogen und in Person von Tom Brady und Randy Moss ein fantastisches Spiel noch drehten. 24-20, und New England weiterhin auf dem Weg Richtung Perfect Season.

Ein Jahr später fehlte dann ein Teils des Thrills. Brady war verletzt, das RCA Dome vom neuen Lucas Oil Stadion abgelöst, die Colts mit einer suboptimalen Saison. Am Ende siegte Indy 18-15 in einem der weniger denkwürdigen Spiele. Bitter für New England, dass a) ausgerechnet der eigene Hero Adam Vinatieri die entscheidenden Punkte machte und b) dieser Sieg am Ende zum Playoff-Einzug fehlte.

4th and 2

Um den Schnitt in Sachen „Denkwürdigkeit“ wieder zu heben, boten die beiden im vergangenen November wieder Spektakel allererster Güte. New England mal wieder mit einer verschenkten haushohen Führung. 128 Sekunden vor Schluss Bill Belichick mit den geilst-möglichen Call: 4th and 2 an der EIGENEN 28-yds Linie ausspielen lassen. RB Faulk machte für mich den Catch über der roten Linie, die Refs gaben jedoch kein neues First Down, die Colts drehten per Touchdown von Reggie Wayne das Spiel, gewannen 35-34 und ich bin immer noch überzeugt, dass Belichicks Call richtungweisend für zukünftige Spiele war (Superbowl 44) und sein wird.

Und diesmal?

Irgendetwas Denkwürdiges passiert immer, wenn die beiden aufeinander treffen. Es ist einfach zu viel Klasse auf dem Feld: Tom Brady gegen Peyton Manning. Bill Belichick gegen erst Tony Dungy, jetzt Jim Caldwell. Nervenstärkste und abgewichsteste Mannschaft gegen bestes Regular-Season-Team. Adam Vinatieri gegen das Team, das er dreimal zum NFL-Championat kickte. Die Philosophie der Kurzpass-Orgie gegen die Philosophie der tiefen Bälle. Trafen sich die beiden Teams in den Playoffs, so holte der Sieger danach immer den Titel.

Es ist angerichtet. Sonntag um viertel nach zehn.