College-Football: Das Thanksgiving-Wochenende (2)

Die kurze Einführung zum sportlich wichtigsten Duell an diesem Wochenende habe ich schon gestern gegeben. Heute folgen zwei Auseinandersetzungen, die sportlich diesmal eher von durchschnittlichem Wert sind.

Backyard Brawl

Zwei Universitäten, die knappe 100km voneinander entfernt liegen, sich also quasi im Hinterhof prügeln können, und seit Urzeiten gegeneinander spielen? Gestatten: Pittsburgh Panthers und West Virginia Mountaineers. 1895 gabs das erste Duell, am Freitag um 18h europäischer Zeit das mittlerweile 103te. Beides sind sehr traditionsgeladene Football-Programme, die sich aufgrund der geographischen Nähe auch beim Recruiting gerne mal fetzen. Die Panthers waren in der Zwischenkriegszeit eine dominante Mannschaft und mehrfach National Champion. Die Mountaineers waren nie Meister, aber gelegentlich in den Top-10 und zuletzt erfolgreicher als die Panthers.

Ich finde das Bild von 1908 ja sehr geil. Schnauzbärte in Lederkappen, Schlapphosen und Stiefeln – die Urzeit des Football. In der Anfangszeit waren es meistens Defensivschlachten, dominiert von den Panthers. Erst seit ca. 30 Jahren haben die Mountaineers die Oberhand gewonnen. Das folgenschwerste Duell fand vor drei Jahren statt, pünktlich zur 100. Ausgabe des Backyard Brawl, als West Virginia mit dem aktuellen Wolverines-Coach Rich Rodriguez und QB Pat White (ja, der Wildcat-White) eine Bombensaison spielte, an #2 gerankt ins letzte Spiel ging. Die Panthers spielten eine schwache Saison (4-7). West Virginia ging als 28,5-Punkte-Favorit ins Spiel, verlor aber sensationell 9-13, u.a. aufgrund zweier verschossener Field Goals und eines White in suboptimaler Form. Kein BCS-Finale für West Virginia.

Die beiden Teams spielen in der Big East Conference, und kommen sich daher auch immer wieder im Kampf um die Einladungen in die großen Bowls in die Quere. So auch diesmal. Pittsburgh (4-1) auf Platz eins, West Virginia (3-2) in Lauerstellung. Die Mountaineers besitzen eine gute Defense und dürften als Favorit in das Spiel gehen. Trotzdem hat West Virginia nur geringe Chancen auf den Gewinn der Big East, da Connecticut (3-2) das Zünglein an der Waage gibt und WVM schon geputzt hat. Sportlich ist es eh eine Farce, dass irgendeine Big-East-Mannschaft in die attraktiven BCS-Bowls einziehen wird: Keine Uni ist in den Top 25 gerankt. Am Freitag werden Pitt und WVM im Retro-Look auftreten. Pittsburgh, um seine Verbundenheit zur Stahl-Stadt zu demonstrieren. West Virginia, um die Opfer des Grubenunglücks vom April zu ehren.

Sunshine Showdown

Tallahassee ist am Samstagabend, 21h30 Schauplatz des florida-internen Showdowns Florida State Seminoles – Florida Gators (als Tape bei ESPN America am Sonntag um 13h). Es ist nicht das traditionellste Derby, nicht mal das Haupt-Derby beider Unis. Aber UF-FSU war dank großer Coaches und großer Mannschaften in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten ein stets sehr gehyptes Spiel. In den 90ern coachten Bobby Bowden an der FSU und Steve „Fun’n’Gun“ Spurrier an der UF alljährliche Titelaspiranten. Nicht selten war das Derby zum Saisonabschluss ausschlaggebend für Titel oder nicht Titel.

Heißes auf den Rängen

American Football FSU Cowgirls
© Taylor McKnight

Ebenfalls ein Faktor: Die beiden Stadien. Sowohl das „Doak“ an der FSU, als auch das „Swamp“ in Gainesville gelten mit ihren mehr als 80.000 Plätzen als furchteinflößende Plätze – und die Fans laufen gerade zu dem Spiel zur Hochform auf. Ich finde die FSU Cowgirls – nicht nur in Dallas gibt es Cowgirls 😉 – ja schon sehr nett… BTW war auch Favre-Freundin Jenn Sterger einst ein FSU-Cowgirl.

Heißes auf dem Spielfeld

1993 putzte die #2 FSU #7 Florida im Swamp 33-21, zog in die Orange Bowl ein und wurde erstmals National Champion.

1994 drehten die Seminoles im Schlussviertel ein 3-31 um, erzielten zu einer Zeit, als Unentschieden noch erlaubt waren, noch den Ausgleich. Das Spiel ist bekannt geworden als „Choke @ The Doak“. Ein paar Wochen später trafen sich die beiden in der Sugar Bowl wieder. Die FSU siegte.

1996 in Tallahassee. #1 Florida @ #2 FSU. Die Noles prügelten Gators-QB Danny Wuerffel aus dem Stadion und siegten 24-21. Ein paar Wochen danach das Re-Match in der Sugar Bowl. #1 FSU vs. #3 Florida. Gators-Coach Spurrier stellte seine Offense um, die Noles konnten Wuerffel nicht mehr niederschlagen und verloren den Titel ausgerechnet an die Gators.

1997 war die FSU erneut an #1 gerankt, verlor aber ein hoch dramatisches Spiel u.a. aufgrund RB Fred Taylors großartiger Leistung mit 29-32 in Gainesville.

1998 in Tallahassee. Schon beim Aufwärmen versammelten sich Gators und Seminoles zu einer Massenschlägerei und Gators-QB Doug Johnson versuchte, Noles-Coach Bowden auszuknocken! Viel böses Blut auch während der Defensivschlacht, mit 23-12-Sieg FSU.

Späte Genugtuung für die Gators 2004. An diesem Abend wurde das FSU-Stadion zu Ehren Bobby Bowdens in Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium umbenannt. Die Gators kamen mit Spurrier-Nachfolger Ron Zook zum Spiel. Zook war gerade im Begriff, das komplette Gators-Footballprogramm in Grund und Boden zu coachen. Ein süßer Abend also für die FSU? Nope. 20-13-Sensationssieg der Alligatoren. Die Gators-Fan riefen in Anlehnung an die Stadion-Umbenennung „Ron Zook Field!“

In den letzten Jahren hat Florida wieder die Nase vorn, v.a. dank QB Tim Tebow. 2009 wurde Tebow nach vier sensationellen Jahren im Swamp verabschiedet. Es triefte nur so vor Schmalz, als Tebow in der Dämmerung seine letzten Downs spielte und die Kameras über die Tribünen fuhren, wo sich weinende Mädchen in den Armen lagen, wissend um das Ende von Tebows College-Karriere.

Seminoles – Gators 2010

Heuer sind die Seminoles favorisiert. Erstmals seit langer Zeit. Sie sind an #22 gerankt, Florida spielt in der Post-Tebow-Ära unkonstant und ist in der SEC schon lange ohne Titelchance. Die Seminoles werden bei diesem Spiel QB Christian Ponder verabschieden, der in die NFL wechseln wird und als einer der Top-QBs im Draft gilt. Ponder, der Schnösel, der sich von Bodyguards bewachen lässt. Von dem ich persönlich noch nie ein großes Spiel gesehen habe. Ein weiterer FSU-Topmann für den Draft: Offense Liner Rod Hudson, der als dominantester Laufblocker gilt.

Sportlich ist es ziemlich wurscht, was passiert. Die ACC-Finalchancen der Seminoles hängen am Spielausgang von Maryland-NC State. Aber nach sechs Jahren mal wieder gegen Florida zu gewinnen, dürfte Motivation genug sein.

4 Kommentare zu “College-Football: Das Thanksgiving-Wochenende (2)

  1. Seminoles und Gators waren geniale Teams in den 90ern. War damals Student in Arkansas, aber da wurde schon neidisch nach Florida runterschielt. So wie FSU und die Gators die Division 1-A dominiert haben, wundert es immer noch wie wenige Spieler danach in der NFL Superstars geworden sind. Wenn ich nur dran denke, wie Weinke und Wuerffel gescheitert sind… Spurrier hat in DC auch nix zusammengebracht. Mit Bowden ist der letzte Hero aus der Zeit verschwunden. Leider.

    Ich hoffe, ESPN zeigt das Spiel!

  2. Jawoll, denn die Noles haben diesmal die große Chance, die Niederlagenserie zu beenden. Vor zwei Jahren war ich im Stadion. Die Noles haben 15-45 verloren, aber die Stimmung trotzdem grandios gewesen. Chris Ponder und Rod Hudson gehen nach den Bowls in die NFL. Ich hoffe, die beiden Jungs werden hoch gedraftet!

    Noch wichtiger für die Noles, dass das Wolfpack gegen die Terps verliert. Auch wenn es schwer wird, die Hokies im ACC Finale zu schlagen…

  3. Pingback: Vor dem Sunshine Showdown 2012 | Sideline Reporter

  4. Ich war 1993 live im Swamp mit dabei als „wir“ (ich habe damals an der FSU studiert) die Gators geschlagen haben. Das war ein unglaubliches Jahr für die Noles und das verlorene Spiel bei Notre Dame hatte es dann noch ganz, ganz spannend gemacht. Aber Charlie Ward hatte eine großartige Saison 🙂

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