NFL Wild Card Playoffs 2010/11: Jetzt der Sonntagabend

Wieder einmal eine klare Favoritenkonstellation und einmal eine Partie, die zum Tippen ins Blaue hinein verlädt.

Kansas City Chiefs – Baltimore Ravens

So., 9.1. um 19h live bei ESPN America

Arrowhead Stadium

Arrowhead Stadium - ©Flickr

Der Star ist das Stadion. Arrowhead in der Playoff-Aufmachung! Die Chiefs sind eine der ganz großen Überraschungen der NFL-Saison 2010. Niemals hätte ich geglaubt, dass sie es bis in die Playoffs schaffen würden (und sie hätten es auch nicht, wenn sich die Chargers nicht phasenweise selbst zerstört hätten).

Ich will KC aber nicht kleinreden. Dass sie es geschafft haben, ihr Puzzle so schnell zusammenzubauen, ist bemerkenswert. Da war einiges Neues dabei, u.a. beide Coordinators. In der Offense Charlie Weis. Weis war aus Patriots-Zeiten eigentlich als sehr passlastig in Erinnerung und dass ihm das Playcalling übertragen wurde, hat Böses vermuten lassen. Das vorhandene Spielermaterial war doch stark auf Laufspiel ausgerichtet mit RB Jameel Charles und RB Thomas Jones. Weis baute dann aber sehr stark auf die Läufe, mehr als ich vermutet und befürchtet hatte.

Folge: QB Matt Cassel musste nicht mehr die ganze Last auf seinen Schultern tragen, sondern hauptsächlich das Spiel managen. Und Cassel machte seine Sache verdammt gut: Wenig Completion Rate (58%), aber ansehnliche TD-INT Bilanz von 27-7. Als Cassel gegen Saisonende in San Diego mit geschwollenem Blinddarm fehlte, ging bei den Chiefs gar nix. Nada. Null Punkte. Mit Cassel lief das sehr rund, u.a. mit dem RB Charles, der über die Saison sensationelle 6,4yds/Lauf machte.

Jetzt funktionierte das alles blendend, da kamen Ende letzter Woche massive Gerüchte auf, Weis würde die Chiefs schon wieder verlassen. Innerhalb von zwei Tagen war alles in trockenen Tüchern und Weis wird nach den Playoffs gen University of Florida abwandern. Ein potenzieller Unruheherd. Als Nachfolger soll angeblich Josh McDaniels im Gespräch sein – einer, der praktisch nur Passspiel ansagt, aber Cassel einst zum Star in New England machte. Und auch ein Ex-New Englander.

Es-Patriot ist auch DefCoord Romeo Crennel. Die Chiefs haben sich zuletzt haufenweise hohe Draftpicks geholt: DE Hali, DE Jackson, DT Dorsey, S Eric Berry. Ein bisschen noch die Defensive Line verstärken, und das ist eine bombige Defense. Mittlerweile sind die Chiefs in allen Kategorien irgendwo im Mittelfeld der NFL angelangt. Das ist ein Fortschritt.

Darüber können die Baltimore Ravens nur müde lächeln. Diese Franchise definiert sich seit gefühlten Jahrzehnten als knallharte Defense-Truppe und hat einen gefürchteten Ruf ligaweit. Umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, wie jung diese Franchise eigentlich noch immer ist. Aufregend wird vor allem der Vergleich zwischen den Running Backs der Chiefs (#1) und der Laufdefense der Ravens (#5). DT Haloti Ngata spielt eine Bombensaison, macht in der Mitte im Alleingang alles zu und ermöglicht somit den Linebackers Lewis und Suggs haufenweise mörderische Tacklings. Und dann gibt es in der Secondary noch Safety Ed Reed. Reed ist bekannt für seine INTs, und trotzdem ist seine Bilanz erstaunlich: 10 Spiele, 8 INTs, davon in den letzten Wochen häufig 2/Spiel.

Die Offense sorgt für keine D’oh!-Momente. Ich habe die Ravens heuer häufig gesehen. Eine solide Offense, keine großartige. QB Joe Flacco taugt nicht für große Aufholjagden, aber solange ein Spiel nur eng genug ist, wird er dir die Partie nicht versauen, sondern eher gewinnen. Die Anspielstationen sind ebenso zahlreich wie namhaft: Boldin, Heap, Houshmanzadeh, Mason laufen schon seit Jahren in der NFL herum und fangen alles, was sich in der Luft bewegt. Kleines Problem: Flacco steht oft schneller unter Druck, als ihm lieb sein kann. Auch das Laufspiel ist nicht überragend, aber solide. Gute Offense, aber ich bin nicht sicher, ob sie ein Highscoring-Game mitgehen könnte.

Das wird in Kansas City nicht notwendig sein. Die Chiefs machen selten viele Punkte. Und ich halte sie auch für zu grün. AFC West war gut und schön, aber die Ravens haben den Hauptpreis gezogen. Souveräner Erfolg für Baltimore.

Philadelphia Eagles – Green Bay Packers

So., 9.1. um 22h30 live bei ESPN America

Ein Klassiker. Bei diesem Matchup kann ich nicht anders, ich muss immer an diesen Spielzug aus dem Jänner 2004 denken, als die Philadelphia Eagles gegen Spielende in Rückstand lagen und einen vierten Versuch ausspielen mussten…

Zurück in das Hier und Jetzt – fast. Wenn man über dieses Spiel schreibt, muss man ganz zurück in den September gehen. Erstes Saisonspiel, die hoch gehandelten Green Bay Packers im Lincoln Financial Field gegen die Eagles, im ersten Spiel der Post-McNabb-Ära mit Jungstar Kevin Kolb antraten. Kolb hatte so seine Schwierigkeiten. Dafür geigte ein anderer junger Mann mächtig auf: DE/OLB Clay Mathews jr.

Resultat: Kolb musste schon in seinem ersten Spiel verletzungsbedingt runter und Platz machen für seinen Backup: Michael Vick. Und was für ein Michael Vick. Wenn ich an „Michael Vick“ dachte, hatte ich eigentlich nur das aufgescheuchte Huhn aus Falcons-Zeiten im Kopf. Aber Vick zerpflückte die Packers läuferisch und „werferisch“ und hätte am Ende das Spiel fast noch gedreht.

Das Spiel war der Knackpunkt für die Eagles. Ich traue mich zu sagen, dass es für Philly unter Kolb nicht für die Playoffs gereicht hätte. Vick hingegen zauberte eine Glanzvorstellung nach der anderen auf das Footballfeld. Noch unfassbarer: Das Publikum in Philadelphia schien irgendwie keinen Grund zu finden, Vick auszupfeifen.

Jetzt aber sind Playoffs und nirgendwo buhen die NFL-Fans schneller als in Philadelphia. Vick ist nicht ganz fit. Kein Wunder, wird er doch im Schnitt 3x gesackt und gefühlt dreihunderzweiunndvierzig Mal niedergeschlagen – pro Spiel. In den letzten Wochen war Vick wieder abhängiger von seinen Lauf-Qualitäten, vor allem unter Druck waren da einige ganz furchtbare Pässe drunter.

Das ging sogar soweit, dass Gerüchte aufkamen, die Eagles wollten in dieses Spiel mit Kolb gehen, da Vick zu schwach im Spiel gegen Blitzes sei. Ich wäre fassungslos, wenn Andy Reid auch nur ein einziges Mal daran gedacht hätte. Philadelphia ist aber im Gegensatz zu früher heuer auch recht gut auf der RB-Position besetzt: McCoy ist immer für ein oder zwei ganz lange Läufe zu haben. Das schafft Platz für Big Plays auch im Passspiel: Vick mit seinem zweifellos starken Arm auf WR DeSean Jackson, das war einer der Hits der Saison. TE Brent Celek ist auf der kurzen Route erste Anspielstation.

Die Green Bay Packers hatten ähnlich wie Philly mit Verletzungen zu kämpfen. Wobei das eher eine Untertreibung wäre. Allein die frühen Ausfälle von RB Ryan Grant und TE Jermichael Finley wären für jede Offense tödlich: Die einzige Option für ein Laufspiel und der Super-TE… Richtigen Ersatz hat Green Bay bis heute nicht gefunden, von daher ist es umso bemerkenswerter, was QB Aaron Rodgers für Spiele hinlegt, zumal auch Rodgers nicht von Gehirnerschütterungen verschont geblieben ist.

Die Defense kommt ohne den Anker MLB Nick Barnett aus – ebenfalls seit irgendwann Anfang Oktober. Trotzdem ist dieser Mannschaftsteil der noch beeindruckendere, zumal auch hier ständige Verletzungsprobleme eine Plage waren. Der montröse B.J. Raji, OLB Mathews und CB Charles Woodson in seinem zigsten Frühling sind die herausragenden Gestalten.

Ganz schwierig zu tippendes Spiel. Beide haben die QBs und die Waffen, aber auch die Defenses, um den Gegner zu dominieren oder abzuwürgen. Ich sehe einen leichten, ganz leichten, Vorteil auf Seiten der Eagles.