NFL Divisional Playoffs 2010/11: Blaue Flecken am Samstag

Der Playoff-Auftakt am Wochenende war sehr verheißungsvoll. Zwei sehr schöne Spiele und eine sehr große Überraschung. Dieses Wochenende geht es weiter mit den Divisional Playoffs – und es sind zumindest in der AFC Intradivisional Playoffs mit zwei divisionsinternen Spielen. Hat es das schon mal gegeben?

Pittsburgh Steelers – Baltimore Ravens

Sa., 22h30 live bei ESPN America und Sport 1+
Aufzeichnungen am So., 11h und am Mi., 15h bei ESPN America

Pittsburghs Bürgermeister heißt Luke Ravenstahl. Als vor zwei Jahren Pittsburgh Steelers und Baltimore Ravens den AFC-Titel untereinander ausgespielt haben, wollte sich der verrückte Mayor ganz offiziell in „Steelerstahl“ umbenennen. Mehr scherzeshalber, aber es zeigt trotzdem eines: Steelers und Ravens können sich nicht ausstehen.

Steelers/Ravens ist seit Jahren das heißeste AFC-North-Duell, ein adrenalingeschwängertes Duell zweier traditionell defensivorientierter Mannschaften. „Traditionell“ ist eigentlich ein unpassendes Wort für eine 14 Jahre alte Franchise. Die Ravens existieren schließlich erst seit 1996, als Cleveland-Browns-Besitzer Art Modell seine Mannschaft unerwartet nach Baltimore übersiedelte und die Ravens geboren wurden. Nach drei durchwachsenen Jahren übernahm Brian Billick den Head-Coach Posten in Baltimore – zeitgleich mit dem NFL-Wiedereinstieg der zuvor von Modell eingestampften Browns.

Billick war zuvor OffCoord der punktbesten NFL-Offense in Minnesota gewesen. Unter Billicks Ägide avancierten die Ravens schnell zum Superbowl-Sieger, mit der Reputation, eine der berüchtigtsten Defenses der NFL zu besitzen.

Etwas, das den Pittsburgh Steelers nicht passen konnte. Schließlich gilt „Steelers“ seit den 70ern als Synonym für „Defense“ – Stichwort „Steel Curtain„. Nun also mit den Ravens eine weitere meisterhafte Verteidigung in der NFL – und das auch noch als Divisionsrivale. Beste Voraussetzungen für eine intensive Rivalität zwischen beiden Mannschaften. Nicht nur zufällig waren zuletzt 2008 die Steelers #1-Defense der Liga, die Ravens #2. Gemeinsam in den Top 10 sind sie sowieso fast jährlich beide.

Dabei spielen Steelers und Ravens ganz unterschiedliche Arten von Verteidigung: Die Steelers üben massiven Druck auf den Quarterback aus, mit zig Blitz-Variationen pro Spiel, für eine Offense schwer zu durchschauen. Die Ravens sind dagegen mehr die harten Hitter. Bei jedem Spielzug quillt das Testosteron nur so aus den Poren von Ray Lewis, Terrell Suggs und Kumpanen. Jedes Yard Raumgewinn wird mit blauen Flecken bestraft.

Heuer waren wieder mal beide Defenses in den Top-10. Pittsburgh als #2, Baltimore als #10. Stärke beider Mannschaften: Das Laufspiel des Gegners zu bremsen (PIT #1, BAL #5 der Liga).

In der Regular Season hat es zwischen den beiden Mannschaften zwei Duelle gegeben – beide Male mit drei Punkten entschieden. Im September in Pittsburgh dominierten optisch die Ravens, gewannen aber gegen die Big-Ben-losen Steelers erst in der Schlussphase dank eines tollen TD-Passes auf WR T.J. Houshmanzadeh. Das Rückspiel Anfang Dezember gewannen dann die Steelers – in Baltimore, 13-10. Ein so ausgeglichenes Spiel, da konntest du überhaupt keine Unterschiede zwischen beiden Teams erkennen.

Oder um Peter King von Sports Illustrated heranzuziehen:

Baltimore and Pittsburgh have played four times in the past two years.
Baltimore 2 wins, Pittsburgh 2.
Baltimore 67 points, Pittsburgh 67.
Baltimore 7 touchdowns and 6 field goals, Pittsburgh 7 touchdowns and 6 field goals.

Damit ist alles gesagt.

Die Pittsburgh Steelers werden angeführt vom QB-Brocken Big Ben Roethlisberger, der abseits des Footballfeldes gern junge Mädchen begrabscht, aber als Quarterback zu den besten gehört: Ein Hüne von einem Mann, schwer zu tackeln und mit phasenweise großartigen Improvisationskünsten, broken plays zu retten. Die Offensive Line der Steelers gehört nicht zu den dichtesten – was Roethlisbergers massiven Körperbau noch mal wichtiger macht.

Big Bens Gegenstück nennt sich Joe Flacco, ein Jungspund in seinem dritten Jahr und zum dritten Mal in den Playoffs. Flacco hat eine starke Post Season Bilanz: 4-2, und alle Spiele auswärts bestritten, unter anderem auch jenes vor zwei Jahren gegen Pittsburgh mit Bürgermeister „Steelerstahl“. Damals war Flacco noch zu grün und brachte per Passspiel nichts vorwärts. Aber auch ein Flacco macht Fortschritte und auch wenn ich den Mann für phasenweise phlegmatisch halte: Unter Druck ist der Mann ein recht souveräner Zeitgenosse und sehr sicher im Lesen von Deckungen. Ausgestattet mit einer Receiver-Armada bestehend aus Anquan Boldin, Todd Heap, Houshmanzadeh und Derrick Mason ist das Passspiel der Ravens nicht zu unterschätzen, vor allem nicht gegen eine Verteidigung, die generell die Receiver nicht in Manndeckung nimmt – damit hatten die Ravens letzte Woche Probleme in Kansas City.

Gegen die Chiefs waren die Ravens am erfolgreichsten, wenn sie schnelle Offense spielten. Hurry-up, und dann sofort den TE Todd Heap anspielen. Ob Pittsburghs Defense sich so einfach lumpen lässt und die Middle Linebackers auf Heap abstellt, darf man bezweifeln. Trotzdem ist Hurry-up bei einem Tight End mit sicheren Fanghänden nie eine schlechte Methode.

Das Laufspiel. RB Mendenhall für Pittsburgh ist ein Mann, der lieber über den Gegner drüber läuft, als drumherum, sprich: Mendenhall ist einer für die Mitte. Für Baltimores giftige Linebackers ein gefundenes Fressen. Baltimore Laufspiel um die RBs McGahee und Rice war heuer gut, aber nicht überragend. Über die Mitte sollte es auch hier schwer werden.

Ich tue mir sehr schwer, das Spiel zu tippen. Baltimore hat am Samstag kein rühmliches Bild abgegeben und eine teilweise furchtbare Offensiv-Vorstellung gegeben, sich vor allem außen um die Offensive Line herum ein paar Mal schlimm überlaufen lassen. Aber die Ravens haben Abgewichstheit gezeigt. Pittsburghs Defense ist vielleicht um Spurenelemente giftiger mit dem Sensations-Safety Troy Polamalu und dem hart an der Grenze zur Unfairness agierenden LB James Harrison. Baltimore hat auch harte Hitter und mit DT Haloti Ngata einen Fels in der Mitte der Defensive Line, der nicht zu unterschätzen sein wird. Dazu kommt Safety Ed Reed, der im Gegensatz zu Polamalu weniger gegen den Lauf verteidigt, aber ähnlich freigeistig daher kommt und viele, sehr viele Interceptions macht. Bei Reed muss man aber noch abwarten, ob er spielen wird: Sein nicht koscherer Bruder ist diese Woche auf der Flucht vor der Staatsgewalt in den Mississippi gesprungen und hat bisher keine Spuren hinterlassen.

Es wird auf alle Fälle ein enges Spiel mit womöglich längeren punktelosen Phasen. Auf alle Fälle ein klassisches Defensivspiel mit womöglich angebrachtem Wetter. Kalt wird es sein (einige Minusgrade), aber die Tendenz zeigt in Richtung Wochenende immer mehr Sonnenschein.

Münzwurf. Heads für Pittsburgh. Tails für Baltimore.

The call is tails.

Atlanta Falcons – Green Bay Packers

Sa./So. 02h live bei ESPN America und Sport 1+
Wiederholunngen am So.,13h30 und am Do., 15h bei ESPN America

Die Atlanta Falcons sind eine positive Erscheinung in dieser Saison. Eine unaufgeregte, unspektakuläre Mannschaft mit einem sehr positiven Head Coach Mike Smith, einem lockeren QB Matt Ryan und dem physischen RB Michael Turner als einzige Gesichter der ansonsten in der grauen Masse untergehenden Charaktere. 13-3 Siege in der Regular Season und vor allem im heimischen Georgia Dome ist die Mannschaft schwer zu schlagen.

Green Bay ist auch so eine positive Erscheinung. Vor der Saison als Superbowl-Pick trendy, aber dann Woche für Woche wichtige Starter in Offense und Defense verloren, manche für die ganze Saison, manche für ein paar Wochen, aber QB Aaron Rodgers war es wurscht, er trieb seine Offense trotzdem stets das Feld runter und liefert seit Wochen spektakuläre Leistungen ab. Umso spektakulärer, wenn man bedenkt, dass mit RB Ryan Grant die größte Gefahr im Laufspiel und mit TE Jermichael Finley die größte Gefahr im Passspiel seit Saisonbeginn weggebrochen ist.

Es gibt für Green Bay aber Hoffnung. Die Secondary der Falcons ist nicht unüberwindbar, gibt optisch selbst mäßigen Quarterbacks hinreichend Zeit und Räume. Mitschuldig daran ist auch der maue Pass Rush. An dieser Stelle wendet sich das Blatt: Green Bays Offensive Line riecht auch leicht nach Schweizer Käse.

In der Regular Season gab es ein ganz enges Duell im Georgia Dome mit Sieg Falcons, aber was haben die Packers damals für Chancen ausgelassen. FG verkickt, Fumble an der Goal Line… Es spricht auch diesmal einiges für eine enge Partie.

X-Faktor in der Partie: Die Special Teams der Falcons, die ich wenig überzeugend finde. Kein Spiel, in dem nicht mindestens ein großer Return gegen Atlanta gelingt oder dem Punter einmal der Ball über den Schlapfen rutscht.

Interessanter Hintergrund: Im NFC-Parallelspiel vom Sonntag wird sich Chicago gegen Seattle durchsetzen. Wenn Green Bay gewinnen sollte, könnte es dann den ultimativen NFL-Klassiker als NFC-Finale geben: Chicago – Green Bay, die älteste Rivalität der NFL und erst zum zweiten Mal in den Playoffs.

Ich gebe Green Bay eine gute Chance in diesem Spiel. Aber ich tippe auf Atlanta. Mehr Laufspiel, mehr Variation in der Offense und hinreichend Defensivqualität, um Green Bay wenigstens streckenweise zu neutralisieren.

8 Kommentare zu “NFL Divisional Playoffs 2010/11: Blaue Flecken am Samstag

  1. Wieder eine rundum tolle Vorschau und auch tiefergehend, was die Mannschaftsteile betrifft. Dass die Ravens auswärts playoffstark sind, haben die Pats ja ganz böse zu spüren bekommen, leider…
    Ich glaube an PIT. Big Ben ist wieder da und wenn die OLine anständig schützt, werden die Ravens nicht durchkommen und Ben die Lücken finden. In der Reg. Season hat er bei der Niederlage ja nicht mal gespielt und im Rückspiel den entscheidenden TD geworfen. Wird ein enges Spiel mit wenigen Punkten. Aber auf jeden Fall alles, was das Football Herz haben will: Dreckswetter, harte Hits, Rivalität 😉
    13-10 Steelers.

  2. Steelers? Ravens? Pfff.. Können nicht beide fliegen?

    Was uns die AFC heuer beschert, finde ich ganz ehrlich großen Mist. In der NFC können’s auch nur mehr Atlanta und Green Bay retten und die beiden müssen natürlich gegeneinander spielen. Bessere Chancen haben die Falcons. Also: Go Falcons! Ich hab mein Matt-Ryan Shirt schon im Auge. Gibt’s sogar in meiner Größe. 😉

  3. Hallo erstmal,

    ganz, ganz starke Seite. Beim AFC Game bin ich voll bei dir! Hab das SNG vor ein paar Wochen gesehen und ich kann mich nicht erinnern, davor jemals so ein ausgeglichenes Spiel gesehen zu haben. Beide Defences haben sich voll die Waage gehalten. Deswegen: Gute Wahl, per Münzwurf den Ausgang zu tippen 😉

    Beim NFC Game bin ich net einverstanden. GB kommt in Topform daher und Rogders schnackelt ein big play nachm andern heraus. GB wird gewinnen und zum Klassiker nach Windy Chicago fahren – darauf freu ich mich schon jetzt!

    Noch was anderes. Weißt du, was Puls 4 überträgt? Listest du des net auf oder bringen die die Sonntags-Games. Und wenn ja, wer kommentiert. Ich kann den Reiterer nicht hören. Danke.

  4. Hallo Innviertler,
    Puls 4 bringt diesen Sonntag das AFC-Spiel New England – N.Y. Jets, laut Homepage ab 22h. Hoffe, da kann man drauf vertrauen, nachdem diese Ankündigungen heuer schon 1-2x daneben waren.

    Kommentieren werden lt. Homepage Walter Reiterer (gegen den ich nichts Schlimmes sagen könnte) und der altbekannte Michael Eschlböck. Also in meinen Augen keine schlechte Crew, auch wenn die Combo C.D. Ryan/Eschlböck im deutschen Sprachraum auf lange Sicht unschlagbar bleiben wird.

    Zum Spiel selbst gibt es morgen die Preview auf diesem Blog. Mit Programmhinweis auf Puls 4.

  5. Mein Coin-Toss bei Steelers-Ravens geht anders aus: Ich sehe Pitt ein bisschen stärker. Ich glaube, die Defenses werden sich neutralisieren. Ray Lewis und Ed Reed & Co. vs. James Harrison und Troy Polamalu & Co. – Wahnsinn!

    Ich denke, den Ausschlag werden die Quarterbacks geben. Und da sehe ich Big Ben stärker.

  6. Pingback: AFC Divisional Playoffs 2010/11: Pittsburgh Steelers – Baltimore Ravens « Sideline Reporter

  7. Pingback: NFC Divisional Playoffs 2010/11: Atlanta Falcons – Green Bay Packers « Sideline Reporter

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