AFC Conference Championship Game 2010/11 Preview

Sonntag/Montag um 00h30 live bei ESPN America, Puls 4 und Sport 1+

Das NFC-Finale 2011 sorgt für feuchte Höschen. Das AFC-Championship sollte vor allem für blaue Flecken sorgen. Gestatten: Pittsburgh Steelers vs. New York Jets. Bad Boys und knochenharte Defense. Keine Angelegenheit für Offensiv-Feinschmecker und Laien.

Dafür das Duell des Superbowl-Rekordchamps Pittsburgh gegen die netten, aber unglücklichen Jungs von nebenan, die Jets, die in der Metropole New York City trotz Broadway Joe und der Superbowl-Sensation von 1969 über Jahrzehnte eine blasse Franchise blieben.

Das Duell der bösen Jungs aus Pittsburgh, die Woche für Woche erst mal mit Leeren des Briefkastens und Sortieren der Zahlungsaufforderungen von Mr. Goodell beschäftigt sind, gegen die lauten Jungs aus New York, deren Worte zwar in keiner seriösen Zeitung abgedruckt werden, die nach dem vergangenen Sonntag aber wenigstens Anerkennung gefunden haben.

Doug Brotzmanien

Ich kann mich noch verdammt genau an eine frühe Samstagnacht im Jänner 2005 erinnern. Die gesichtslose Gang Green aus New York zu Gast im Ketschupstadion bei der Sensation der NFL: Rookie-QB Big Ben Roethlisberger und seinen beinharten Steelers. Eine Nacht, in der Roethlisberger später als jeder andere Rookie-QB gegen die Mauer, den Rookie Wall, rannte und Interception um Interception warf. Die Jets bekamen ihrerseits keinen Fuß aufs Spielfeld und brachten offensiv nix zusammen. Es ist eines meiner höher gerankten NFL-Playoffspiele. Aber see here selbst…

Weiteres enges Spiel: Dezember vor ein paar Wochen, als die Jets die Steelers knapp 22-17 putzten und man sich nach dem Spiel getrost fragen durfte: Wie zum Teufel haben die Jets das gewonnen? Nach und nach wurden langsam die Steelers abgewürgt und am Ende ein knappes, aber sehr wichtiges „W“ mitgenommen.

Oldies auf der letzten Jagd

Wichtiges „W“s in fremden Stadien haben die Jets auch und vor allem in diesen Playoffs mitgenommen. Nacheinander die QB-Koryphäen Peyton Manning und Tom Brady IN deren Stadien abgewürgt zu haben – das zeugt von spielerischer Klasse. In New England hatte man am Fernseher nicht mal mehr den dringenden Verdacht, die Jets wären mehr Schmarotzer, Nutznießer eines suboptimalen Tages beim Gegner. Das war Football mit hoher Intensität, vor allem von der Front Seven, und eine Coverage-Arbeit, die du ganz selten siehst. Wie eng CB Darrelle Revis seinen Gegenspieler zudeckt, das hat schon was. Dazu eine Menge Druck auf die Offensive Line ausgeübt. Die Offense ist immer dann gefährlich, wenn das Laufspiel in die Gänge kommt und QB Mark Sanchez mit Play-Action arbeiten kann. So weit, so gut.

Rex Ryan

Für die New York könnten die Probleme eher im psychologischen Bereich liegen. Das Spiel gegen die Patriots war das Spiel der Spiele. Die Jets haben im Verlauf dieser Saison mächtig viel gequatscht, aber die vergangene Woche waren sie drauf und dran, die eigene Zunge noch zu verschlucken. Auch wenn das erklärte Ziel seit Sommer der Titelgewinn ist: Es fühlt sich momentan so an, als hätten die Jets das Wichtigste schon hinter sich und seien nun auf Bonus-Trip.

Dabei dürfte die Mannschaft trotzdem hungrig sein. Was da an Spielern rumläuft, die an anderem Ort und Stelle Pro Bowler, aber keine Super Bowler waren, ist faszinierend: RB LaDainian Tomlinson, CB Antonio Cromartie, DE Jason Taylor oder WR Braylon Edwards seien genannt. Stars, die schon Rost ansetzen und vielleicht auf dem Weg zu ihrer einzigen verbliebenen Titelchance sind.

Eher nicht die letzte Titelchance dürfte es für Head Coach Rex Ryan sein, der seit zwei Jahren die NFL mit seiner vorlauten Art aufmischt. Ryan dürfte wie für die Patriots auch für Pittsburgh wenig Empathie empfinden. Als jahrelanger Ravens-Defensive Coordinator dürften auch die Steelers als Nemesis gelten. Zumindest Ryan wird noch brennen, wenn auch das Feuer ein klein wenig aus der Mannschaft raus sein könnte.

Innerlich brennen dürfte aber auch WR/PR Santonio Holmes. Holmes war vor zwei Jahren ein integrales Bestandteil der Playoff-Steelers, als er mit Punt-Return-TD erst die San Diego Chargers erlegte und dann mit einem fassungslosen Catch die Superbowl entschied. In der Offseason vergriff sich Holmes erst an einer jungen Dame und griff danach zu tief in die Betäubungsmittelkiste. Ergebnis: Pittsburgh, wo auf gute Manieren abseits des Feldes Acht gegeben wird, schickte den jungen Mann für lächerliche Kompensation nach New York.

Der unscheinbare Oldie

In Pittsburgh kann sich nur ein Mann Fummeleien ohne Rausschmiss leisten: QB Big Ben Roethlisberger, der stämmige Mann mit den schweizerischen Wurzeln. Roethlisberger ist ein Brocken von einem Mann, ein rustikaler QB, auf dem Platz ein Siegertyp, aber abseits ein Rowdy: Vor ein paar Jahren schwer auf einem illegalen Motorradtrip verunglückt und monatelang mit Kopfverletzungen ausgefallen und in der Folge immer wieder durch Sauftouren und Weibergeschichten auffällig geworden. Verzwickt war die Lage wie auch bei Holmes im Frühjahr, aber Roethlisberger konnte nach grottig geführten Ermittlungen nichts nachgewiesen. Ober-Moralhüter Roger „Goodell“ schmiss Roethlisberger trotzdem für ein paar Wochen aus dem NFL-Verkehr.

Dick LeBeau - ©Flickr

Pittsburgh konnte auch mit Backup-QBs Dennis Dixon und Charlie Batch gewinnen, und Grund dafür ist die Defense: Blitzfreudig, zuweilen hart an der Grenze zur Illegalität (OLB James Harrison) und gesegnet mit einem Superstar in jeder Unit: NT Casey Hampton, der seit gefühlt drei Jahrzehnten die Löcher stopft, Harrison und Freigeist-Safety Troy Polamalu. Polamalu ist selbst für Laien sofort auffällig: Wehendes Haar und bei jedem Spielzug am Geschehen dran. Bei so viel Spektakel in der Defense darf ein Mann nicht vergessen werden: Defensive Coordinator DickLeBeau, einst chaotischer Head Coach in Cincinnati, aber ein genialer Defensivcoach und Erfinder des „Zone Blitzes“. Ein unscheinbares Männlein in den Mitt-70ern. Und immer noch fündig beim Lückenfüllen.

Die Defense ist spektakulär. Die Offense ist effizient, aber mehr nicht. Die Offensive Line war jahrelang eine Problemzone, aber u.a. dank des Einkaufs von Sensations-Rookie C Maurice Pouncey läuft es besser. Und „laufen“ ist wörtlich zu nehmen: Pittsburgh hat mit RB Rashard Mendenhall einen Mann, der gerne durch die Mitte läuft, über den Gegner drüber als drumherum. Ansonsten hängt natürlich viel an Roethlisberger und seiner jungen WR-Crew und TE Heath Miller.

Dem Coach sein Loblied

Mike Tomlin - ©Flickr

Es ist aber auch an der Zeit Pauken und Trompeten auszupacken und Head Coach Mike Tomlin ein Loblied zu singen. Tomlin wird immer etwas übersehen, hat er doch einst von Bill Cowher ein fast fertiges Team übernommen und nur an einen Stellen geschraubt – zudem machen die Assistenztrainer in Pittsburgh überproportional viel. Tomlin scheint hauptsächlich für die gute Stimmung im Team verantwortlich zu sein. Ein Job, den der Mann sicher top erledigt – wie man in NFL Films sieht: Tomlin ist ein cooler Hund samt High-Five und Sonnenbrille von Welt.

Das ist nicht der Punkt. Knuddeln könnte man Tomlin für seinen mutigen Play-Call am Samstag gegen die Ravens, als er gegen Spielende bei 3rd down einen tiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiefen 58yds-Pass aus der Trickkiste holte und im Endeffekt dadurch das Spiel eintüten konnte. Solche Play-Calls sind mitschuldig dran, dass ich mir diesen Sport überhaupt reinziehe. Dankesworte bitte nach Pittsburgh schicken.

korsakoff…

…macht das, was er nicht sollte: Er tippt wieder gegen die Jets. Pittsburgh gewinnt, aber es ist eine Bauchentscheidung. Das Spiel hat alles: Furchtlose Head Coaches, Top-Defenses und hungrige Spieler – hungrig auf Tackles und Ringe. Die Wir-gegen-Alle-Mentalität in beiden Lagern sollte das Quäntchen Extramotivation bieten. Grund genug, um trotz eines strengen Montags die Nacht um ein paar Stunden zu verlängern.

Damit sollten auch die letzten verbliebenen Luftvögel aus dem Titelrennen fliegen.

Was man aber nicht außer Acht lassen sollte: Man stelle sich eine Superbowl Green Bay Packers vs. New York Jets vor – und Brett Favre grad in den Ruhestand getreten 😉

4 Kommentare zu “AFC Conference Championship Game 2010/11 Preview

  1. Ich finde es bemerkenswert, dass es von jedem Playoffspiel anscheinend schonmal ein ansatzweise legendäres Vorspiel gegeben hat – intressante Geschichten und ein Genuss beim Lesen!

    Der Brett-Favre-Bowl wär ja mal was Geiles. Deswegen natürlich pro Jets.

  2. Favre Bowl wird nicht passieren. Die Steelers sind die bessere Mannschaft und machen das.

    Sehe ich im übrigen nicht so, dass die Jets ihre letzte Chance haben. Auch LT, Cromartie und Edwards haben noch ein paar Jährchen vor sich. Viele von den Topstars sind noch jung: Sanchez, Greene, Holmes, Revis… Solange sich Rex nicht die Zunge verbrennt oder die dicke Lippe abholt, sehe ich die Jets als AFC-East Favorit für die nächsten Jahre.

    Nebenbei: Sanchez kann schon den 5. PO-Auswärtssieg schaffen. Das hat kein Quarterback jemals geschafft und Sanchez ist erst im 2. Jahr. Dawson, Staubach und Flacco sind die einzigen anderen, die überhaupt 4 geschafft haben. Auch das gehört gewürdigt!!

  3. Ich mag beide nicht richtig, aber als Pats-Fan müssten meine Präferenzen klar sein! Wenn die Jets dann im Super Bowl von Rodgers zerstört werden, ist mir das auch Recht 😉 Schönes Championship Weekend an alle!!

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