Superbowl-Countdown T-minus 4: Die Pittsburgh Steelers

Genug des Vorgeplänkels, kommen wir zur Vorstellung der beiden Superbowl-Mannschaften 2011, angefangen mit den Pittsburgh Steelers, Traditionsmannschaft und Superbowl-Rekordsieger.

Was die Steelers ausmacht – geschichtlich

Wir wissen seit Sonntag, dass die Pittsburgh Steelers eine der beliebtesten und ältesten Mannschaften der NFL sind. Und das vor allem seit den 70er Jahren, als a) die Mannschaft dank 4 Titeln und „Steel Curtain“ höchst erfolgreich und identitätsstiftend war und b) die Arbeiter- und Stahlstadt Pittsburgh eine schwere Krisenzeit durchlebte, woraufhin sich die Einwohner und damit auch die Fans quer über die Lande verstreuten.

Nach den grandiosen 70ern unter Head Coach Chuck Noll, QB Terry Bradshaw und DT Mean Joe Greene erlebte die Franchise in den 80ern zwar einen leichten „Niedergang“ („nur“ vier Playoffteilnahmen), aber Noll war trotzdem unantastbar, so was wie der Guy Roux unter den NFL-Coaches. Grund dafür: Die Familie Rooney, seit der Gründung 1933 in Besitz der Steelers (als Pirates gegründet), hat den Ruf, außergewöhnlich loyal zu seinen Angestellten zu sein und sie nicht nach ein-zwei erfolglosen Jahren zu feuern.

Die Rooneys stellten nach Nolls freiwilligem Abgang 1992 mit Bill Cowher wieder einen jungen, feurigen Coach ein. Cowher war ein Einheimischer, ein Junge aus Pittsburgh und erwarb sich schnell den Ruf, ein Kumpeltyp zu sein, einer der emotionalsten Head Coaches der NFL. Und natürlich einer, der von der Defensivseite her kam. Cowher installierte eine sehr blitzfreudige Defense mit dem auffälligen, weil sehr „mannhaftigem“ Linebacker Kevin Greene, als zentralem Kopf. Und Cowher trieb seine Steelers fast jedes Jahr in die Playoffs. Nur, um immer wieder zu scheitern, 1995 gar erst in der Superbowl.

Trotz des Loser-Images in kritischen Situationen blieben die Rooneys Cowher stets treu, bis zum großen Erfolg im Februar 2006: Sieg in Superbowl XL. Ein glücklicher Sieg. Aber ein typischer: Sehr auf die Defense vertrauend, mit viel Laufspiel und mit einer ganzen Latte an Eigenbauspielern. Pittsburgh ist dafür bekannt, sich seine Stars selber via Draft zu holen und nur begrenzt auf dem Transfermarkt (Free Agency, Trades) aktiv zu sein.

Das ist auch heute noch so: Spieler wie QB Ben Roethlisberger, RB Rashard Mendenhall, WR Hines Ward, SS Troy Polamalu oder NT Casey Hampton sind alle von Pittsburgh gedraftet worden und spielen seit z.T. langen Jahren dort.

Mike Tomlin - ©Flickr

Cowher ist indes nicht mehr da. Dafür haben die Rooneys nach dessen erschöpftem Abgang wieder so einen jungen Coach eingestellt. Noch dazu einen Schwarzen: Mike Tomlin, ein weiterer Kumpeltyp – und, erraten, ein ehemaliger Defensivcoach. Tomlin ist eine coole Socke, ein Typ „High Five an der Seitenlinie“, stets vollstes Vertrauen in seine Defense ausstrahlend.

Vor zwei Jahren marschierten die Steelers in Tomlins zweitem Jahr zum Titel. Im Finale war letztlich die Offense entscheidend, aber auf dem Weg dorthin hatte Pittsburgh Spiele praktisch ohne Angriff bestritten – und gewonnen. Tomlin überlässt die Arbeit mit seiner Defense hauptsächlich dem greisen, aber g-e-n-i-a-l-e-n Dick LeBeau, einem unscheinbaren Männchen, Blitz-Fanatiker und Erfinder des Zone Blitzes.

Was die Steelers ausmacht – spielerisch

Auch die Ausgabe „Steelers 2010/11“ duftet nach delikater Defense in Kombination mit rustikaler Offense. Wie schon die ganzen letzten Jahre. Für mich kriegt Tomlin erstaunlich wenig Anerkennung im Bezug auf die Ergebnisse. Ist es, weil Tomlin eine fast fertige Mannschaft übernommen hat? Ist es, weil die Trainerarbeit stark von den Assistenten LeBeau und Bruce Arians (OffCoord) übernommen wird?

Fakt ist: Tomlin fährt eine gerade Linie. Das Konzept ist klar erkennbar: Trainer und Spieler an einer längeren Leine halten, für gute Stimmung sorgen, harte Defense spielen lassen und junge Spieler draften, je nachdem, für welche Position man Nöte hat.

2010/11 sind die Steelers trotz 12-4 Record und zwei Playoff-Heimsiegen keine überragende Mannschaft. Die Offense ist bestenfalls mittelmäßig, basiert auf Laufspiel um RB Mendenhall (1273yds, 13 TDs in der Regular Season), nur, um seit den Playoffs das Spiel vermehrt in die Hände von QB Roethlisberger zu legen.

Eine Schwäche in den letzten Jahren war die Offensive Line. Durch den kometenhaften Einschlag von Rookie-Center Maurkice Pouncey (kam von den Florida Gators und schon im ersten Jahr All-Pro) schien ein Großteil des Problems behoben. Jetzt verletzte sich aber ausgerechnet Pouncey im AFC-Finale und ist mehr als fraglich für die Super Bowl. Ob da eine neue Baustelle entstanden ist?

Die Defense ist absolut dominant und nicht für den zu überwinden, der über Laufspiel erfolgreich sein will. Die Steelers sind in der Hinsicht #1 der Liga und werden jegliche Versuche auch gegen die mäßige Lauf-Offense der Packers abwürgen. Gegen den Pass wird viel, aber zuletzt immer dosierter geblitzt. Die Linebackers Harrison und Woodley besitzen immensen Zug zum QB, können aber auch hart, härter, am härtesten hitten. In der Coverage besitzen die Steelers seit Jahren bis auf SS Polamalu kein überragendes Personal. Weil aber dank Blitzes viel Druck auf die QBs ausgeübt wird, ist auch die Pass-Verteidigung überdurchschnittlich.

Was die Steelers ausmacht – Die Schlüsselspieler

Ben Roethlisberger - QB Steelers

Big Ben - ©Flickr

Auch wenn die Steelers in den Playoffs gegen Erzfeind Baltimore und gegen die New York Jets zweimal mächtig gewackelt haben: Sie finden einen Weg, das Spiel zu gewinnen. Es ist nicht schön, aber wenn es darauf ankommt, vergisst QB Big Ben Roethlisberger seine nur begrenzt erbaulichen Statistiken. Roethlisberger ist ein Typ „Just win!“. Egal wie. Wenn es knifflig wird, wenn sich der Wind zu drehen scheint, wenn das Pendel in die andere Richtunng auszuschlagen droht, findet Roethlisberger einen Weg aus der Gefahrenzone. Wie gegen Baltimore (59yds-Pass gegen Spielende bei 3rd-and-19), wie gegen die Jets (mitten in der Jets-Aufholjagd per Passspiel die Uhr gekillt). Die Verbindung zu TE Heath Miller & WR Hines Ward ist bei jedem 3rd down zu beachten. Wenn gar nichts geht und die Pocket kollabiert, ist Roethlisberger immer noch in seinem Element: Mit unorthodox aussehenden Scrambles findet der hünenhafte QB halt seine eigenen 3-4yds zum 1st down.

Roethlisberger stand vor einem Jahr schwer unter Beschuss, nach wiederholtem Vergewaltigungsvorwurf und Kritik am unsteten Lebenswandel. Nur eine skandalös schlampige Ermittlungsarbeit der Kripo verhinderte den Weg in den Bau. Von der NFL wurde er vier Wochen gesperrt. Das Bad-Boy-Image passt irgendwie nicht zu Roethlisberger. Spox.com hat den Mann für uns portraitiert.

Troy Polamalu - Pittsburgh Steelers

Troy Polamalu - ©Flickr

Größter Sympathieträger in Pittsburgh ist SS Troy Polamalu, ein polynesischer Brausekopf mit seinen wedelnden Haaren und seinem spektakulären Spiel  sofort für jedermann erkennbar. Die #43 der Steelers gehört zu den beliebtesten und wichtigsten Spielern der Liga. In dieser Saison wurde Polamalu endlich zum Verteidigungsspieler des Jahres gewählt. Polamalu muss sich nur bedingt an das LeBeau’sche Konzept halten. Sein Riecher für den Ball, seine Spielinstinkte sind so ausgeprägt, dass Polamalu für einen NFL-Spieler ungewöhnlich viele Freiheiten bekommt. Polamalu ist so was wie ein Freigeist in der Defense – und ein sehr bescheidener Charakter.

Ruhig daher kommt auch Linebacker James Harrison – neben dem Spielfeld. Kaum betritt der Mann aber den Rasen, wird die #92 der Steelers zum Hulk. Ein groß gewachsener, extrem kräftiger Mann, mit dem Hang zur Bösartigkeit. Harrisons Ruf ist legendär schlecht und sorgte im Lauf der Saison dafür, dass die Zebras mit gelben Flaggen um sich warfen als stünde jeder von Harrison berührte Spieler unmittelbar vor dem Transport ins nächstgelegene Krankenhaus. NFL Network hat Harrison interviewt.

 Ein hörenswertes Interview, das ein leichtes Umdenken bewirkt.

Nächster Hulk auf dem Spielfeld: WR Hines Ward, ein ehemaliger College-QB, aber in Pittsburgh seit Äonen Anspielstation #1. Kein Receiver mit Yards-Zahlen, die in den Himmel wachsen, aber ein unverzichtbarer Mann, vor allem bei 3rd downs. Ward ist kein Sprinter, kein Ästhet, aber einer der besten Blocker auf seiner Position – und dank nicht immer astreinem Spiel ein verhasster Mann beim Gegner.

Einer geht noch. Ich lasse mal den ruhigen, aber unersetzlichen NT Casey Hampton außen vor. Denn mit DE Brett Keisel ist in den letzten Tagen ein anderer Mann ins Licht der Medienwelt getreten. Keisel könnte glatt als uriger Tiroler auf einem verscheiten Hochplateau mit Speckbrett vor der Almhütte daherkommen. So dicht ist der Bart dieses Mannes mittlerweile gewachsen. Zottelbär Keisel war es auch, der vor zwei Jahren in der Superbowl den Fumble Warners in den letzten Sekunden erobert und damit Titel #6 eingetütet hat.

Warum ich die Steelers siegen möchte

Die Pokalübergabe in der NFL gehört zu den merkwürdigeren weltweit. Nicht der Quarterback, nicht der Mannschaftskapitän kriegt den Pokal. Sondern der Owner. Und statt zu feiern, werden erst große Reden geschwungen, die jegliche Emotionalität gerne den Bach runtergehen lassen. Die Pokalübergabe findet seit Jahren auf immer monströseren Podesten statt. Man werfe die Faktoren „Cowboys“ und „Jerry Jones“ ein und stelle sich das Podest 2011 vor. Der zierliche, fast 80 Jahre alte Steelers-Owner Dan Rooney auf den futuristischen Gebilden – bizarres Kontrastprogramm at his best.

Morgen folgen die Green Bay Packers. Eine Matchup-Vorschau gibt es erst am Sonntag Abend.