Atlanta Falcons in der Sezierstunde

2010/11 in der NFL ist geschlagen. Kein Mensch (oder, „Good“ell?) weiß, ob und wann die NFL-Saison 2011/12 weitergehen wird. Die CBA-Verhandlungen werden uns im Lauf der Zeit aufklären. Fürs Erste ist nur mehr der NFL Draft abzuhalten. Trades und Free Agency wird es vorerst keine geben.

Zeit für mich, mal den Entwicklungshelfer für die NFL-Teams zu geben. Beginnend mit den Atlanta Falcons.

Atlanta Falcons, NFL Football

©Flickr

2010/11 hat eine Falcons-Truppe gesehen, die ich einigermaßen beeindruckend fand. Diese Scheißt-mich-nicht-was-ihr-uns-entgegenwerft-Einstellung der Falcons war über Wochen und Monate ein prägendes Element der Footballsaison. Wir durften das oft genug im TV bestaunen. Eine in der Offense erbarmungslos auf hartes Laufspiel, Fehlerminimierung und effizientes Kurzpassspiel setzende Truppe, der eines abging: Explosivität. In der Defense nicht mehr als solide. Es deutete sich schon seit Mitte Oktober an, aber erst die Packers haben das Problem so krass wie es ist zutage gebracht: Die Scheune „Secondary“ steht sperrangelweit offen. Dazu kommen IMHO unzuverlässige Special Teams.

Das Saisonergebnis kann sich trotzdem sehen lassen: 13-3. In den Playoffs flogen die Falken wie alle anderen NFL-Vögel dann schnell heim. Es passiert häufig bei Mannschaften mit einem eher jungen Nukleus und fehlender Explosivität, dass Unerfahrenheit in den Playoffs zu einem Problem wird. Dieses Problem zeigte sich insbesondere nach der überflüssigen Interception kurz vor der Pause. Den Falcons wurden danach sämtliche Federn ausgerissen und sie fielen in sich zusammen.

Trotzdem ist man in Atlanta offenbar zufrieden mit dem Job von Head Coach Mike Smith, der die Chaos-Franchise nach Vick und Petrino auf einen soliden Kurs gebracht hat. Sein Vertrag wurde finanziell ordentlich aufgestockt und verlängert. Smith ist einer meiner Favoriten: Kein Lautsprecher, sondern ein hemdsärmeliger Typ mit klarer Handschrift. Ein Typ, wie es jeder andere der vermutlich 1,7 Mio. anderen Mike Smiths in den Staaten sein könnte. Die Falcons sind spielerisch eines der markantesten Teams. Auch der Rest der Trainercrew bleibt zusammen. Philosophiewechsel wird es unter dem brillanten GM Thomas Dimitroff also erstmal keinen geben.

Vor dem Abflug

Eine ganze Reihe an Verträgen läuft nun allerdings in Atlanta aus. Angefangen beim TE Tony Gonzalez, der noch eine Saison dranhängen wird. Gonzalez ist ein integraler Bestandteil der Offense, ein Klammerhaken für QB Matt Ryan, genauso wie WR Roddy White. Ich glaube nicht, dass sie Gonzalez ziehen lassen werden.

Auf der RB-Position werden zwei Spieler Free Agents: Jason Snelling und Jerious Norwood. Sie werden nicht beide halten. Norwood ist der, der eine Change of Pace zu RB Michael Turner bringen kann, war aber schwer verletzt. Snelling ist mehr ein Turner für Arme, hat sich aber erstaunlich gut mit Turner ergänzt.

Dazu sind drei Offense Liner vertragslos: RT Tyson Clabo und die Guards Justin Blalock & Harvey Dahl. Alles Starter. 3/5 der Offense Line. Im Sinne der Kontinuität – und die Line war absolut okay – sehe ich Atlanta gezwungen, alle drei zu behalten. Denn die Probleme liegen in der Defense.

Der erfahrene, aber alte MLB Mike Petersen ist ein alter Weggefährte von Smith aus Jaguars-Tagen, könnte aber gehen müssen. Mit CB Brent Grimes ist ein junger Mann in der Secondary vertragslos.

Wo den Hebel ansetzen?

Keine Frage: Atlantas Offense wird nicht primär im Fokus liegen, auch wenn Turner und White schön langsam ihre Vorwahl wechseln werden. Die augenscheinlichsten Probleme liegen in zwei Bereichen: Pass Rush und Pass-Deckung.

Im Prinzip fehlt Atlanta in Defensive Line und Secondary ein Anker, ein Playmaker. Einer, auf den der Gegner aufpassen muss. Der Pass Rush ist wenig erbaulich, es sei denn, sie schicken Blitzes und entblößen sich noch mehr. Die Draftklasse 2011 ist voll von guten Defensive Linern. Im Übrigen hätten die Falcons noch einen hoch Gedrafteten im Kader: DT Jeria Perry, der in zwei Jahren ganze 1-2x gespielt hat und den Rest in der Reha verbrachte.

In der Secondary spielt mit CB Dunta Robinson ein extrem teurer Mann. Aber Robinson ist ein Unsicherheitsfaktor, mehr denn ein großer Anführer. Die Safeties der Falcons sind ein Schwachpunkt. Atlanta wird in der ersten Runde unter Garantie sein Augenmerk auf die Defenisve Backs legen. Auf jeden Fall eher, denn noch einmal einen 60 Mio.-Vertrag (Robinson) für einen Free Agent auszustellen.

Die Aussichten

Atlanta hat alle Ingredienzien, auf längere Sicht vorne dabei zu bleiben. Das Management ist so weitsichtig und ruhig wie die Spielweise der Offense. Das Team wird von der Erfahrung „Green Bay“ zehren, mehr als dass es daran zerbrechen wird. Aufstrebende Mannschaften müssen Rückschläge einstecken. Gut möglich, dass Mike Smith an einem kommenden Superbowl-Champ bastelt. Noch fehlen aber 2-3 größere Baustellen.

Es gibt auch andere Mannschaften in der Rubrik „Sezierstunde“ – hier zu finden. Oder unter dem Tag Sezierstunde.