San Diego Chargers in der Sezierstunde

Es ist mittlerweile 15 Wochen her, aber wie schrieb ich damals in der Blütezeit des Törggelens, mitten in der „Blütezeit“ des Herbstes?

Die San Diego Chargers 2010 sind kein schlechtes Football-Team. Sie sind „nur“ ein außergewöhnlich schlampiges. So schlampig, dass man fassungslos zurückbleibt.

San Diego hatte gerade ein Heimspiel gegen die New England Patriots auf unsägliche Weise verloren. Die Chronik der Schande gibt liest sich immer noch fassungslos. So fassungslos, dass ich bei „San Diego 2010“ daran zuerst denke, und nicht an diese Statistiken:

Offense: #1 overall, #2 Passspiel, #15 Laufspiel
Defense: #1 overall, #1 Passspiel, #4 Laufspiel

#1 in Offense UND Defense, Baby. Saisonbilanz der Chargers: 9-7, Zweiter in der AFC West, nach Jahren der Dominanz. Was ist also passiert?

Philip Rivers QB San Diego Chargers, NFL

©Wikipedia

Bei den Atlanta Falcons mag der optische Eindruck noch getäuscht haben. Spätestens bei den Chargers aber bestätigen die DVOA-Statistikwälzer das Gesehene: Die Chargers sind #32 der NFL, wenn es um Special Teams geht. Zweiunddreißig. Spiele gegen Patriots, Rams und Raiders sind alleinig von den Special Teams verloren worden. Drei Spiele? San Diego fehlte ein Sieg zu den Playoffs. Da nutzt dir auch kein QB Philip Rivers mehr, der sensationelle 4710yds und 30 Touchdowns (13 INTs) via Luftweg fabrizierte und gefühlsmäßig im kritischen Moment stets ohne Laufspiel auskommen musste.

2010/11 im Schnelldurchlauf

Das Patriots-Spiel drückte San Diegos Bilanz damals auf 2-5. Grund, nervös zu werden? Im Prinzip nicht, denn erstens spielen die Chargers in der mauen AFC West und zweitens ist ihre Tendenz zum Saison-Fehlstart seit Jahren berüchtigt. Es sah auch diesmal danach aus, als einen Monat lang jeder Gegner (u.a. Indianapolis) in Grund und Boden gespielt wurde. Nur, um dann im eigenen Stadion von den Raiders überlaufen zu werden wie einst nur die Bucs von den Panthers. Eigenes Laufspiel in dieser Partie? Nope. Nada. 21yds, 5 davon via Rivers himself.

Endgültig für die Grütze war das Jahr für San Diego nach einer Auswärtsniederlage in Cincinnati (!) in einem Spiel, das gewonnen werden musste. Diese Spiele hat San Diego heuer nicht eingesackt.

Abgangsgelüster

Während die massivste Änderung für 2011/12 von der Seitenlinie und den Köpfen der Spieler ausgehen gehen muss (Stichwort: Die Laxheit muss verschwinden. Wir sind zwar im sonnigen Kalifornien, aber auf dem Feld darf ruhig nur an Football gedacht werden.), sind einige Stützen des Vereins auf dem Absprung.

WR Vince Jackson z.B., dessen Zicken heuer um ein Haar dazu geführt hätten, dass der Mann die gesamte Saison verpasst hätte. Jackson kam rechtzeitig zu den nahenden Playoffs zurück – und dann vergeigten es die Chargers sich noch. Jackson wird kaum noch mal in San Diego unterschreiben. San Diego wird versuchen, ihm das Preisschildchen „Franchise Tag“ aufzuhängen. Aber ob das mit Jackson und den Chargers noch was wird? Mit WR Kelley Washington und WR Malcolm Floyd (mit 717yds und 6 TDs teaminterne #2) sind zwei weitere Receiver vertragslos.

Ein Vierter im Bunde: WR Legedu Naanee. Über einen ehemaligen Boise State Bronco nichts Schlechtes, aber diese Aktion hat sich verdammt tief in mein Hirn eingebrannt. Drittes Viertel, du scorst bei 7-21 den Anschluss-Touchdown und trottest so arrogant in die Endzone, dass ein jeder Coach, ein jeder Coach außer Norv Turner, dir in den Arsch treten würde? Obwohl du noch NICHTS erreicht hast und ein Jungspund im vierten Jahr bist? Dass Turner das damals in Woche #1 duldete, kann man getrost als Zeichen werten – dafür, dass die Chargers ein so undisziplinierter Haufen auf dem Feld waren.

Jetzt fallen aber nicht nur haufenweise Receivers weg. Auch Backup-QB Billy Volek, ein guter Mann, und zwei Backup-RBs mit Darren Sproles und Mike Tolbert, sind Free Agents. Sproles ist kein Back für 30 Carries/Spiel, aber ein fangsicherer Mann mit Allround-Qualitäten. Trotzdem gilt er als quasi entlassen. Tolbert war mit 735yds der beste Rusher in dieser Saison und eine gute Ergänzung zum jungen Ryan Mathews.

Die Offense (1 Starter, RT Clary) und Defense Line bleiben von allzu schweren Verlusten wohl verschont. Aber bei den Linebackers ist nach Shawne Merrimans Nieder- und Abgang Not am Mann (3 Free Agents), wie bei den Safetys (SS Oliver, FS Weddle). Mit Ron Rivera ist zudem das Mastermind hinter der Defense weg (HC in Carolina).

Watt nun?

Das Fenster für den Erfolg schließt sich langsam in San Diego. Parallel mit der Angst vor dem Abgang der Chargers in Richtung Los Angeles werden gar einige Spieler die Franchise verlassen. Und nicht alle werden gleichwertig ersetzt werden können. Es schaut danach aus, als ob auch weiterhin alles um Rivers gebaut sein wird. Rivers hat bewiesen, dass er einiges aushält. Aber die Mannschaft um ihn herum wird nicht jünger.

Ich glaube zwar, San Diego wird 2011/12 wieder haushoher Favorit auf den Divisionssieg sein. Aber: Es braucht Verstärkungen. Der beste Passempfänger ist mit Antonio Gates ein Tight End, ein sehr guter, aber auch verletzungsanfälliger Mann. RB Mathews ist noch jung, aber für mich nicht einer der beeindruckenderen RBs.

Im Prinzip müffelt schon die Endzeitstimmung aus San Diego herüber. Norv Turner dürfte schon auf dem Schleudersitz Platz genommen haben. Ich denke, Turner wird seinen Fokus auf die Positionen Wide Receiver und Linebacker legen müssen. Beides keine schwachen Positionen im heurigen Draft. Für teure Free-Agents-Einkäufe sind A.J. Smith und die Chargers nicht bekannt.

Solange ein gesunder Rivers am Werk ist und die AFC West weiterhin vor sich hin vegetiert, wird San Diego aber noch ein paar Jahre Playoffchancen haben.

Nicht nur die Chargers werden auseinandergenommen. In der „Sezierstunde“ sind auch andere Mannschaften – hier.

2 Kommentare zu “San Diego Chargers in der Sezierstunde

  1. Sehr gut geschrieben. Die Enttäuschung über die Saison „meiner“ Chargers ist im Prinzip immer noch da. Es könnte das Ende einer Ära gewesen sein. Man hat aus dem Team einfach viel zu wenig gemacht. Heuer ist man für die Schlampigkeit völlig zurecht bestraft worden. Die Zahlen mit #1 in Defense und #1 in Offense sind allerdings sicher auch der Gegner geschuldet. Über die defensiven Qualitäten von Oakland, Denver und Kansas brauchen wir nicht zu reden. Meiner Einschätzung nach währe das Team in einer starken Division bestenfalls durschnitt. Trotz Elite Spielern wie Rivers und Gates. Soweit ich das Überblicke hat San Diego 2 2nd round & 2 3rd round Picks. Ich hoffe da wird in den Pass Rush investiert und je nach Situation auch noch einen guten Receiver.
    Was die ST angeht ist das für mich in erster Linie besseres Coaching angesagt. Sollte sich das verbessern und die Mannschaft nicht komplett auseinander brechen sind sie für mich wieder Favorit in der AFC West.

  2. Aber auch in einer starken Division wären die Zahlen noch überragend gewesen! Aber 9-7 ist natürlich viel zu wenig und wenn man 2x gegen die Raiders verliert, kann man sich auch keine POs erwarten….

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