Indianapolis Colts in der Sezierstunde

2010/11 war ein ungewöhnlich zähes Jahr für die Colts. Dafür gibt es eine ganze Latte an Gründen: Die Verletzungen. Die unkonstante Defense. Die unbalancierte Offense.

Die Verletzungsserie, die Indianapolis heuer heimgesucht hat, ist schon heftig: In der Offense verletzten sich WR Antonio Gonzalez, WR Austin Collie, WR Pierre Garcon, RB Joseph Addai und TE Dallas Clark alle für Teile der Saison oder mehr. Reggie Wayne war wochenlang nicht richtig fit. Dass eine Offense angesichts der Umstände nicht in Gang kommen kann, muss klar sein.

Noch schlimmer sind die Verletzungen in der Defense, denn dort gibt es keinen Peyton Manning, der die Kohlen aus dem Feuer holt: Die Strong Safetys fehlten die komplette Saison, die Cornerbacks um Hayden waren ab November auch regelmäßig außer Gefecht, die Front Seven durch schwach getimte Verletzungspausen ebenso kaum gleichzeitig am Feld. Problem dabei: Die Colts hatten kaum Möglichkeiten, sich einzuspielen.

Peyton Manning QB Colts

Peyton Manning - ©Flickr

Indianapolis‘ Offense ist weiterhin: Peyton Manning. Die #18 ist ein staubtrockener Vertreter seiner Zunft, aber für mich ist Manning weiterhin die #1 unter den Quarterbacks. Die Offense Line gilt seit Jahren als Schwachpunkt, aber Manning kassiert prozentual die wenigsten Sacks, wenn ihm zwei Pass Rusher in der Fresse herumfummeln. Manning hatte Ende November eine ganz fürchterliche Phase mit 11 INTs in 3 Spielen. Als es gegen Saisonende um die Wurst (sprich: Playoffs) ging, war der Mann wieder voll da und sattelte Indy grade so gut, dass es in einer durchwachsenen AFC South reichte.

Wer könnte gehen?

Peyton Manning. Okay, keine Scherze, aber Manning ist aktuell vertragslos. Entweder die Colts geben ihm einen Vertrag über 4-5 Jahre mit Zahlen wie jener von Tom Brady. Oder sie hängen ihm die Franchise Tag, das Preisschild, um (ca. 23M Dollar). Es gibt keine andere Alternative. Ansonsten ist man offensiv relativ gut aufgestellt: RB Addai ist kein Unverzichtbarer, könnte also für halbwegs billiges Geld weiterverpflichtet werden. OT Charlie Johnson würde kaum vermisst werden.

In der Defense sind drei Defensive Backs (Bullitt, Francisco, Hamlin) vertragslos – und dann ist da noch der Kicker: Adam Vinatieri.

Heikel wird die Diskussion bei SS Bob Sanders. Sanders gehört zu denjenigen Spielern, bei denen du sofort merkst, ob sie auf dem Feld stehen oder nicht. Beim Superbowl-Sieg vor ein paar Jahren galt Sanders’ Genesung zu den Playoffs als Hauptgrund für den Titelgewinn der Colts, ein Jahr später war Sanders Verteidigungsspieler der Saison. Sanders ist nun 7 Jahre in der NFL. Seine Anzahl der Regular-Season-Spiele pro Saison: 6-14-4-15-6-4-1. 50 von 112 Spielen. Allerdings: Jedes Mal, wenn Sanders über 6 Spiele bestritt, war er All-Pro und Pro Bowler. Sanders hat noch Vertrag, aber womöglich wird er wegen Verletzungsanfälligkeit trotzdem entlassen.

Wo hakt’s?

Beginnen möchte ich mit einem Fakt, den ich vor einigen Wochen glaube, irgendwo gelesen oder gehört zu haben: Die Colts-Offense ist mit den Jahren immer ineffektiver geworden. Schnell via der unerschöpflichen Sidelinereporter-Excel-Datenbank nachgeprüft: Das DVOA-Rating von Footballoutsiders, das die absoluten Offense-Werte in Relation zur Stärke der jeweiligen Defenses setzt:

2004 33,2% (#1)
2005 23,6% (#3)
2006 29,0% (#1)
2007 24,3% (#2)
2008 17,2% (#6)
2009 20,3% (#6)
2010 16,6% (#6)

Bildlich sieht das so aus:

DVOA Indianapolis Colts NFL 2010/11

©Sideline Reporter

Ich sehe nach 2007 einen signifikanten Absturz. Eine Anmerkung: Marvin Harrison. Harrison war ein absoluter Ausnahme-WR der Colts. Bis 2006 mit herausragenden Zahlen. Danach alternd und verletzungsanfällig. Auch Reggie Wayne wird nicht jünger…

Die große Frage: Ist es in Indianapolis schnurz, ob sie Laufspiel haben? Braucht die Offense trotz ihrer jetzt schon krassen Pass-Lastigkeit einen weiteren großartigen WIDE RECEIVER? Zum Vergleich: Der letzte Franchise-RB der Colts war Edgerrin James. Nach dessen Abgang (2005) gibt es keinen Effizienzverlust zu verorten.

Der Ruf der Zahlen nach einem Top-WR deckt sich auch mit dem Gesehenen: Indys Receiver sind gutes Mittelmaß. Aber im entscheidenden Moment werden häufig die schweren Catches nicht gemacht. Die Catches, die du nicht machen musst, aber solltest, wenn du wie die Colts auf Offensive angewiesen bist.

Denn in der Defense hakt es. Die Secondary und der Pass Rush sind trotz Verletzungsproblemen nicht so sehr das Problem. Vielmehr ist Indy seit Äonen eine Mannschaft, über die Gegner einfach drüberlaufen. Verantwortlich dafür: Ein fehlender dominanter Defensive Tackle. Eine uneingespielte und untersetzte Linebacker-Crew. Ein dauerverletzter Sanders.

Ich habe mir jüngst Superbowl XXXVII angeschaut. Die flinke Buccs-Defense (kreiert von Tony Dungy), die trotz untersetzter Männer den Lauf abwürgte. Die aktuelle Colts-Defense ist immer noch Tony-Dungy-Werk. Die Buccs hatten damals vorne drinnen mit DT Warren Sapp den ultimativen Brocken. Vielleicht könnte ein DT Shaun Rogers trotz all seiner Flauseln neben dem Spielfeld in Indy Abhilfe schaffen.

Wohin galoppieren sie?

Zusammenfassend komme ich zum Schluss, dass die drei Top-Prioritäten lauten müssten:

a) Wide Receiver
b) Defensive Tackle
c) Offensive Tackle

Blick auf das Zeiteisen: Die Colts werden nicht jünger. Peyton Manning wird nicht jünger. Womöglich schließt sich das Fenster für die Colts in absehbarer Zeit, sprich: 3-4 Jahren. Ich bin zwar skeptisch, ob Bill Polian jetzt plötzlich von seiner Strategie abgehen würde und das Team mit ein paar Star-Free Agents aufladen wird. Aber angesichts der vermutlich noch nur wenigen Chancen auf einen Titel ist das vielleicht kein ganz depperter Gedanke.

Indianapolis hatte 2009 keine überragende Mannschaft und ist trotzdem 14-0 gestartet, weil sie enge Spiele am Fließband holten. 2010 ist das nicht mehr gelungen und schwupps war man nur noch dank schwacher Divisionskonkurrenz in der Post Season.

Ich glaube zwar, dass man mit Manning immer Divisionsfavorit bleiben wird. Aber die Colts wollen mehr. Sie brauchen Titel.

Unter der Lupe waren auch andere Mannschaften – Zum „Sezierstunde“-Archiv geht es hier entlang.

3 Kommentare zu “Indianapolis Colts in der Sezierstunde

  1. Sensationelle Analyse. Dabei klingt WR als erste Priorität für Indy erstmal wie eine Provokation. Anhand des Zahlenmaterials ist die Argumentation pro WR aber schon verständlich. Danke dafür!

    Vor allem in den Playoffs ist aber aufgefallen, dass Indy schlimme Probleme gegen das Laufspiel hatte. Sie konnten Tomlinson und Green nicht stoppen und sind meiner Meinung nach deswegen ausgeschieden. Auch die Secondary ist nicht gut ohne Sanders. Ich mag die Colts nicht, aber als Pats-Fan sind die Spiele gegen Manning und Co. immer richtige Highlights und sollen es auch weiterhin bleiben!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.