Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

Es war Thanksgiving und ich machte zwei Nächte lang mit wildesten Zahnschmerzen kaum ein Auge zu. Vorteil der Qual: Viel Football sorgte für die Ablenkung. Das Nachtspiel des Tripleheaders am amerikanischen Erntedank-Donnerstag hieß NY Jets – Cincinnati Bengals. Ich habe einigermaßen fassungslos am TV-Schirm gesessen. So fassungslos, dass ich diesen Beitrag noch in der Nacht geschrieben habe.

Es ist Zeit, alles in Grund und Boden zu stampfen. Die Cincinnati Bengals brauchen einen Neuanfang.

Nun bin ich eigentlich kein Freund von Aktionismus (und das kann man ruhig auch auf die Fußball-Bundesliga übertragen). Aber: Meine Fresse, ich hätte mir spätestens nach diesem Spiel NIEMALS erträumen lassen, dass Marv Lewis heute noch Coach der Bengals ist, OBWOHL sein Vertrag Anfang Jänner ausgelaufen ist UND Lewis die „Frechheit“ besaß, als dead man walking für eine Verlängerung zusätzliche Kompetenzen einzufordern.

So kann man sich täuschen. Lewis hat einen Zweijahresvertrag bekommen, inklusive mehr Involvierung in der Zusammenstellung seines Trainerstabs. Ich hielt Lewis stets für einen Top-Coach, bis Lewis in den Playoffs 2009/10 mit einem inspirationslosen Coaching gegen die Jets (harhar, wieder die Jets) die Saison vergurkte. Und, natürlich, bis Cincinnati mit dem Coach Marv Lewis im letzten Vertragsjahr 2010/11 voll gegen die Wand gefahren ist. Ich hätte keinen Cent mehr darauf gewettet, dass Lewis auch nur einen Funken Chance auf eine Vertragsverlängerung erhalten würde.

Die Probleme

Cincinnati 2010/11 war ein unglaublich schlampiges Team. Strafen zu den dümmsten Zeitpunkten, ein Kollaps des Laufspiels, Zicken² nach Owens-Einkauf, ein unkonstanter Quarterback… Während einer Niederlagenserie von 10 Spielen sorgte in jeder Partie ein anderer Mannschaftsteil (oder Coaching-Fehler oder Individualfehler) für das „L“ im Schedule.

Dabei wäre das Spielermaterial recht brauchbar. Es hakt an der charakterlichen Zusammensetzung. Für Cincinnati ist ein Knastaufenthalt in der Vita ein dickes, fettes Plus.

Carson Palmer QB Bengals, NFL Football

©Wikipedia

Als wäre die ganze Situation nicht schon verfahren genug, kündigte QB Carson Palmer (einst #1-Pick) vor ein paar Wochen an, vor einer Entscheidung zu stehen: Entweder sein Abgang aus Cincinnati. Oder das Karriereende. Palmer hat es satt, als alleiniger Sündenbock für die katastrophale 4-12 Saison hinhalten zu müssen. Jüngst stellte Palmer sogar sein Haus auf den Immobilienmarkt.

Damit der Tiger wieder brüllt…

… müssen massivste Fragezeichen geklärt werden: Ist es Palmer tatsächlich so ernst? Auf der anderen Seite kann ich mir schwer vorstellen, dass Sturkopf Mike Brown Palmer seine Wünsche erfüllen wird – solange Cincinnati nicht ordentlich Entschädigung kriegt. Ich bleibe dabei: Palmer ist ein solider QB. Nicht mehr so überragend wie vor 5-6 Jahren, aber gut genug für die Bengals im Moment. Denn die gravierenderen Probleme sind an anderen Stellen zu verorten.

Sollte Palmer wirklich gehen, kann ich mir kaum vorstellen, dass Cincinnati einen QB draftet. Lewis muss siegen und kann sich keine neuerliche Heranzucht eines QBs leisten. Positiv: Cincinnati 2011/12 wird in der Offense von Jay Gruden gecoacht, einem ehemaligen Arena-League-Trainer, der als QB-freundlich gelten sollte.

Zweite Offense-Baustelle: Das Laufspiel. RB Cedric Benson ist das alleinige Arbeitstier, aber Benson leidet an Fumbleitis und noch mehr unter dem fehlenden Komplementär-Back, der für Rhythmuswechsel sorgen könnte. 3,5yds/Lauf sind keine guten Statistikwerte. Bensons Vertrag läuft aus.

Dritte Baustelle in der Offense: Die Wide Receivers. Selbst das dickste Fell ist irgendwann nicht mehr dick genug und was sich Chad Ochocinco Johnson und Terrell Owens (zusammen 50% der Touchdowns gefangen und fast 50% der Pass-Yards geholt) geleistet haben, schreit nach Rausschmiss. Wenn Lewis einen letzten Rest Selbstachtung besitzt, entsorgt er die beiden Eierköpfe und hätte im Draft an #4 womöglich WR A.J. Green von der University of Georgia auf dem Präsentierteller. Ein Top-Mann.

In der Defense verorte ich vor allem das Fehlen einer soliden Basis für die Lauf-Verteidigung. Auffällig, wie häufig Cincinnati gegen laufstarke Teams verliert. Von daher würde ich eine Verbesserung der Defensive Line (v.a. Tackles) als essenziell ansehen.

Was die Pass-Defense angeht: Cincinnati steht statistisch nicht schlecht da und besitzt mit CB Leon Hall einen Deckungsspieler, der ligaweit als einer der besten seines Fachs eingeschätzt wird. Was mau ist: Der Pass Rush (nur 27 Sacks). Weil der beste Passrusher, DE Antwan Odom, ein verletzungsanfälliger Mann ist, darf man für die #4 auch spekulieren, ob Cincinnati nicht am besten einen Defensive End nehmen sollte.

Ausblick

Cincinnatis wichtigste Personal-Fragen sollten sein:

a) Können wir Palmer zum Bleiben bewegen? Wenn nein, welcher erfahrene QB ist der beste zu akzeptablem Preis?
b) Wiegt der sportliche Verlust CJ/Tos schwerer als die gewonnene Team-Chemie?
c) Frage b) wird auch den Draft beeinflussen, und zwar massiv: Welche Baustelle ist uns wichtiger: Wide Receiver oder Defensive Line?
d) Was machen wir mit RB Cedric Benson?

Schwierig, Cincinnati einzuschätzen. Zu viele Baustellen, zu viele Ungewissheiten. Die Einstellung von OffCoord Jay Gruden deutet auf passlastigeres Spiel hin.

Für Marv Lewis wird es in erster Linie darum gehen, ob er das Team nach der wiederholten verkorksten Saison und dem nicht bedingungslosen Rückhalt durch Owner Mike Brown hinter sich einen kann. Die ersten Schritte sollten die Säuberung des Kaders sein. Lewis dürfte IMHO an der Sideline ruhig etwas aktiver auf das Spiel einwirken. Vor allem sein Instant-Replay-Management hinterlässt mich regelmäßig ratlos.

Dazu kommt die schwere Division mit zwei Titelanwärtern und den Browns, die möglicherweise auf dem aufsteigenden Ast sind.

Das Archiv der „Sezierstunde“ ist hier zu finden – oder per Klick auf den entsprechenden Tag „Sezierstunde“.

Ein Kommentar zu “Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

  1. Ein Artikel vom ansonsten nicht so geschätzten James Walker zu Carson Palmer, der meine Gedanken ziemlich genau trifft: http://espn.go.com/blog/nflnation/post/_/id/38063/carson-palmer-feels-bengals-are-hopeless

    Die Strukturen in Cincinnati sind einfach fürn Arsch. Solange sich bloß Clowns wie Ochocinco darüber lustig gemacht haben, hat das niemand ernst genommen. Dass Palmer nun in die Vollen geht und lieber zurücktritt, als Hits für die Bengals einzustecken, sagt das einiges aus, zumal Palmer wie Walker richtig betont, sich bisher nie aufgeregt hat über die Unzulänglichkeiten in Cincy und immer als eher zurückhaltender Spieler gegolten hat.

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