NFL Combine – Wenn Hundertstel über Millionen entscheiden

Die NFL Combine ist, wie wir mittlerweile wissen, ein Präsentierteller: 300 der besten College-Spieler, die in verschiedenen Prüfungen um die Verbesserung ihres Draft-Statuses kämpfen. Heute: Die Tests zur Athletik.

Tom Brady, QB PatriotsLinks im Bild:

QB Tom Brady, ein zierlicher Average Joe und No-Name von der University of Michigan. Das war 2000. Bradys Geschichte ist bekannt. Und bezeichnend. Denn niemand traute ihm überhaupt eine mittelmäßige NFL-Karriere zu.

Diesem Teil der Combine fehlt nur das Knastkärtchen, das die Spieler hinhalten müssen: Sie werden der Öffentlichkeit in Schwimmhosen präsentiert, grimmig dreinblickend, um Größe und Gewicht bestimmen zu können. Nicht jeder ist so zierlich wie Brady. Weil auch Defensive Tackles halbnackt auf die Waage müssen, machte sich vor einem Jahr Terrance Cody zum Gespött der Nation. Wegen solcher Bilder.

Die Messungen sind wichtiger als angenommen, selbst wenn man die Messwerte von der Uni bereits kennt. Kommt ein Spieler zum Beispiel mit Übergewicht daher, wird ihm unter Garantie „lack of work ethic“, also fehlende Grundeinstellung zum Spiel vorgeworfen.

40 Yards Dash

Die Königsdisziplin – und IMHO die meist überschätzte Sichtungskomponente überhaupt – quer durch alle Sportarten: Der Sprint über die 40 Yards. Rennt der Spieler nun 4,46 oder 4,49?

Dabei wissen NFL-Scouts ungefähr, was sie von einem Athleten erwarten können. Und zu 90% bringt der Sprint über die 40yds (also 36,6m) bei der Combine dann auch keine Überraschungen. ABER: Sollte mal ein Spieler einen Ausreißer nach unten oder oben haben (und ich rede von einer Zeitdiskrepanz von maximal +/- 15 Hundertstel), darf als sicher angenommen werden, dass der Spieler in einer anderen Runde als ursprünglich angenommen gedraftet werden wird.

Beispiel: Running Back X, der als Top-15 Spieler gilt und von dem 4,40 Sekunden erwartet werden, schafft nur eine 4,54. Das Theater ist jedes Jahr aufs Neue köstlich, X wird „lack of elite speed“ nachgesagt und X wird womöglich 10-20 Plätze im Draft nach hinten fallen. So sind die Mechanismen im NFL Draft.

Zusätzlich zur Endzeit werden zwei weitere Zeiten abgenommen – nach 10yds und nach 20yds. Beide Zeitnehmungen sollen Aufschluss über die Antrittsschnelligkeit eines Spielers geben. Was an der Zeitnehmung wichtig ist: Der Athlet kann starten, wann er will. Er muss nicht auf den Startschuss warten, also ist bsp. in 4,62s keine Reaktionszeit impliziert.

Der 40yds Dash ist besonders für vier Positionen wichtig: RB, WR, CB und Kick-Coverage. Davon sind die 40 Yards auch ursprünglich abgeleitet: Ein Punt ist im Schnitt 40yds in der Luft, was 4,5 Sekunden im Schnitt dauert. Mittlerweile ist die Zeit zum Großteil nur mehr da, damit sich Medien das Maul fusselig reden können und der eine oder andere Athlet mit künstlich antrainierter 40 Time die eine oder andere Bonus-Million einsacken kann.

Es soll in diesem Jahr einen Linebacker (!) von den Nevada Wolfpack – Dontay Moch – geben, der am College angeblich 4,19s gelaufen ist. Ein Linebacker!! Sollte der Mann in der Combine auch nur irgendwo in diesen Zeitregionen unterwegs sein, hat er ein paar Hunderttausender in weniger als viereinhalb Sekunden verdient: Denn den bisherigen Rekord hält mit 4,24s RB Chris Johnson. Der galt übrigens als zu klein für die NFL – und die 40yds-Zeit hat ihn überhaupt in Runde #1 katapultiert. Also doch noch positives Beispiel für die Wertigkeit der 40 Time.

Cone Drill/Shuttle Run

Zwei Tests, um die Explosivität und Agilität eines Spielers zu testen – etwas, mit dem Barry Sanders seine hellste Freude gehabt haben dürfte. Es handelt sich um nichts anderes als um Tests, bei denen Spielers um Hütchen („Cones“) herum oder zwischen zwei Punkten hin und her laufen (Shuttle Run).

Broad Jump

Der Weitsprung aus dem Stand. Hat im Prinzip nichts mit Football zu tun, ist aber für die Scouts eine Möglichkeit, die Power in den Oberschenkeln zu messen. Denn am Ende muss der Athlet stehen bleiben. Die allerbesten NFL-Spieler kommen heute gefährlich nahe an den Weltrekord (3,71m) heran (Combine-Rekord: 3,37m).

Vertical Jump

Der Hochsprung aus dem Stand – und eine interessante Disziplin. Wenn man bedenkt, dass Basketballprofis, für die es essenziell wäre, Stichwort Dunking, im Schnitt 70-75cm schaffen, und der Combine-Rekord bei sensationellen 1,16m (46inches) liegt, könnte man den einen oder anderen Footballprofi in die NBA transferieren. Football-technisch vor allem für Wide Receivers und Cornerbacks interessant.

Bench press reps

Die Bankdrücker. Nope, es geht nicht um Nachsitzen.

Hier werden 225-Pfund-Gewichte gestemmt – was 102kg entspricht. Offense und Defense Liner sind im Zentrum des Interesses, aber auch Tight Ends und Linebackers. Nur ganz wenige schaffen 35 und mehr Reps (Wiederholungen), und der Rekord liegt bei sensationellen 51reps! 51x 102kg gestemmt – das hat Justin Ernest vor 12 Jahren gepackt. Und wird so schnell nicht übertrumpft werden.

Position-Drills

Dazu gibt es allerhand Übungen für die einzelnen Positionen, z.B. für Quarterbacks, die zeigen müssen, dass sie präzise allerhand verschiedene Routen werfen können (z.B. Slants, Outs, tiefe Bälle). Zusätzlich wird auch ganz gerne mal die Arm strenght gemessen, also wie weit ein Quarterback den Ball das Spielfeld runterfeuern kann.

Es war zwar nicht in der Combine, aber vor ein paar Jahren fiel der Quarterback der Louisiana State University auf die Knie und pfefferte so den Ball 60 Yards durch die Luft. 60 Yards. Kniend. Scouts spielten verrückt. Medienvertreter mussten schon ganz tief in der Kiste mit den Superlativen kramen, um sich gegenseitig noch übertrumpfen zu können. Ein Superstar war geboren. Sein Name: Jamarcus Russell…

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3 Kommentare zu “NFL Combine – Wenn Hundertstel über Millionen entscheiden

  1. Pingback: NFL Combine – Bitte nicht zuviel Grips « Sideline Reporter

  2. Pingback: Vor der NFL-Combine 2016 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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