NFL Lockout und was es damit auf sich hat

Disclaimer: Im Folgenden handelt sich um ein arg rechtliches Thema. Ich bin kein Jurist und ich mag juristische Spitzfindigkeiten, zu denen auch stets höchst-korrekte Nominierung von Begriffen gehört, nicht. Ich habe mich vor eineinhalb Monaten mit einem ehemaligen Studenten in den Staaten in Verbindung gesetzt und mir dadurch ein Bild über die Verhandlungen verschafft. Ich hoffe, keine juristischen Böcke [„De-Zertifizierung“ usw.] abgeschossen zu haben.

Freitag, 4.3. um 6h00 MEZ, läuft der Tarifvertrag (CBA) zwischen NFL und Spielergewerkschaft (NFLPA) aus und die NFL würde tatsächlich den viel zitierten Lockout riskieren.

Heute hat ein Gericht in Minnesota ein vielleicht bahnbrechendes Urteil in der Revision gefällt: Die TV-Verträge zwischen NFL und den Networks sind rechtlich nicht sattelfest. Bedeutet: Die Owner werden von den 4 Milliarden Dollar (!!), die sie 2011 geglaubt hatten, auch ohne stattfindende Saison zu kassieren, keinen Dollar sehen. Für die Spieler (NFLPA) bedeutet das: Die Verhandlungsposition im Kampf um einen neuen Tarifvertrag hat sich deutlich verbessert.

Lockout? NFLPA? WTF?

Um die Fronten zwischen den Verhandelnden zu klären: Die großen amerikanischen Profi-Footballligen gelten in den USA als verbotene Kartelle. Ausgenommen davon ist seit 1922 die Major League Baseball, aber NFL, NBA, NHL usw. sind kartellrechtlich nicht in Ordnung, da sie gegenüber ihren Angestellten eine überlegene Macht besitzen.

Das US-Arbeitsrecht sieht aber vor, dass bei Vorhandensein einer Spielergewerkschaft (muss zertifiziert sein) die Liga (also im Prinzip der Arbeitgeber) das abgekartete Spiel betreiben darf – sie muss in ihren Verträgen aber auch die Belange der Spieler vertreten. Dies wird im Tarifvertrag, dem CBA (Collective Bargaining Argreement), abgestimmt.

Dieses CBA läuft am 4.3.2011 um Mitternacht US-Ostküstenzeit aus. In diesem Moment hätten wir einen Lockout (Aussperrung der Spieler) bis zum Moment, in dem ein neues CBA unterzeichnet wird. Das kann aber dauern, im schlimmsten Falle bis Herbst, was einen verspäteten Saisonstart oder gar einen Ausfall der Saison bedeuten könnte. 2004/05 ist z.B. in der NHL die komplette Hockey-Saison ausgefallen, weil sich Liga und Gewerkschaft nicht einigen konnte.

Die Spielergewerkschaft der NFL ist die NFLPA (National Football League Player Association). Präsident ist der ehemalige Top-Center Kevin Mawae, der glaubt, dass ihm seine Tätigkeit für die NFLPA eine Weiterbeschäftigung in der NFL gekostet hat. Geschäftsführer und Chef-Verhandler der NFLPA ist nach dem Tod von Gene Upshaw nun der berüchtigte schwarze Anwalt DeMaurice Smith, der sich in einer Art Titanenkampf mit der NFL sieht und der des Öfteren den Eindruck erweckte, dass ihm die zögerlichen Verhandlungen nur in den Kram passten. Dazu gleich mehr.

Worum geht es?

Vier zentrale Punkte sind im Mittelpunkt der Verhandlungen – die NFLPA ist überzeugt, dass die NFL die Verträge zu Ungunsten der Spieler modifiziert hat, während die Liga argumentiert, dass die Gehälter unverhältnismäßig im Vergleich zu den Umsätzen gestiegen seien.

  1. Die Verteilung von $9 Mrd. – Wie viel Prozent der Umsätze werden an die Spieler verteilt?
  2. Die Ausweitung der Saison – Die NFL möchte die Regular Season um zwei Spiele auf 18 ausweiten. Die NFLPA befürchtet mehr Verletzungen und will wenigstens ansprechend entschädigt werden, noch lieber die 16-Spiele-Saison beibehalten.
  3. Begrenzung der Rookie-Gehälter – Die Einstiegsgehälter von hoch gedrafteten Rookies sind in den letzten Jahren explodiert. Zuletzt hat Sam Bradford (#1 Pick 2010) 50 Mio. Dollar kassiert, bevor er überhaupt einen einzigen Pass geworfen hat. Und das sind nur die fixen 50 Mio., zu denen noch Gehalt und Boni kommen.
  4. Rentenversicherung – Viele ehemalige Profis sind schwer gesundheitsgeschädigt. Die NFL kümmert sich nur begrenzt darum. Auf diesem Terrain soll es Versicherungen für die Spieler in der arg gesundheitsbeeinträchtigenden Sportart „American Football“ geben.

Die Verhandelnden – Phlegmatiker oder eiskaltes Kalkül?

Von Seiten der NFL kommt immer wieder der Vorwurf, die NFLPA würde die Verhandlungen verschleppen und gezielt auf einen Lockout hinarbeiten. Geschäftsführer DeMaurice Smith machte wie angedeutet oft den Eindruck, die Verhandlungen auf persönlicher Ebene zu sehen und gezielt den Lockout anzusteuern. Was steckt dahinter?

Es ist erneut das Kartellrecht („Anti-Trust“): Die NFLPA kann sich nach Ablauf des CBA am Freitag auflösen [„decertification“ – die Spieler können der NFLPA die Zertifizierung als Unions, die ihre Interessen vertritt, entziehen] – eine gewollte Auflösung – und die NFL wäre auf einen Schlag kartellrechtlich belangbar. Spieler könnten eine Sammelklage starten und gegen einschränkende Maßnahmen wie Draft (entzieht dem Spieler das Recht auf freie Arbeitsplatzwahl), Salary Cap (bzw. auch Gehaltsgrenzen nach unten) oder Rookiegehaltseindämmung vorgehen.

Also im Prinzip eine nachvollziehbare Taktik (um das Maximum in der CBA-Verhandlung herauszuholen) durch Mr. Smith und eine ernsthafte Drohung in Richtung NFL.

Problem an der Sache: Die NFL-Profis haben sich schon vor etwas mehr als 20 Jahren (1989) an diesem Schritt versucht und dabei lange und viele Prozesse gebraucht, um sich durchzusetzen. Erst nach einer Individualklage von Reggie White gegen die NFL kam damals Anfang der 90er Schwung in die Sache, was letztendlich zur Einführung der heute bekannten Free Agency (Freier Spielermarkt) führte. Die Free Agency ist aber immer noch nicht ganz „free“ (Stichwort: RFA – restricted free agent, Franchise Tag und andere Tags usw.).

Was sonst noch?

Die Owner glaubten bisher (und nach Richterspruch in erster Instanz), dass sie die Kohle aus den abgeschlossenen TV-Verträgen kassieren würden, selbst bei Ausfall der NFL-Saison 2011. Dem ist nach Richterspruch in zweiter Instanz nicht so (s. Link oben im zweiten Absatz) – für die Spieler also ein wichtiges Urteil, da es die Owner arg unter Druck setzt.

Links

Forbes – Blick auf das Zahlenmaterial und warum die Argumentation der NFL Bullshit-Detektoren in der Forbes-Redaktion anspringen ließ.

Win-Football – Chronologie der Auseinandersetzung in den letzten Monaten.

FORTSETZUNG: In einem ESPN-Artikel wird erklärt, warum die Spieler gute Chancen haben, für sich eine sehr gute Lösung herauszuschlagen. Hier entlang zur Zusammenfassung.

UPDATE: Die NFLPA hat sich aufgelöst. Hier entlang.

NFL Combine: Notizzettel zum Abschluss

Die NFL Combine ist zu Ende. Ein paar Notizen zum Abschluss. [Notizen vom Wochenende]

Quarterbacks

Ich werde den Eindruck nicht los, dass Cam Newton medial ganz langsam zum Top-QB gehypt wird. Meine Kinnlade ist bei Newtons Workouts nicht grad in Mitleidenschaft gezogen worden und Newton hat diverse ungute Kommentare (Iwanttobeanentertainerslashicon) abgelassen… und trotzdem ist die Betrachtung rundum positiv? Nicht mehr ausgeschlossen, dass die Buffalo Bills an #3 Cam Newton einkaufen. Die Bills gelten zwar als unberechenbar im Draft, aber der greise Owner Ralph Wilson hat jüngst mehrfach seinen Wunsch nach einem Top-QB geäußert.

Der in den Kommentaren gelobte Joshua Portis ist ein QB von einem aberwitzig kleinen College: Der California University of Pennsylvania. Nicht etwa in Kalifornien gelegen, sondern in California, Pennsylvania. Ein Team der Division II, also nicht mal FCS-Niveau. Portis ist kein prototypischer QB, hat einst an der University of Florida als Tebow-Backup begonnen – und sich wenigstens neben dem Spielfeld einiges NICHT von Tebow abgeschaut.

Ryan Mallett ist auch auf diesem Blog diskutiert worden. Zu all den Spekulationen um Malletts Drogensucht und seinem merkwürdigen Umgang mit den Medien in der Combine kommt ein weiterer Faktor: Malletts College-Coach war Bobby Petrino, dessen QBs nicht gerade im Ruf stehen, in der NFL brilliert zu haben (Ragone, Redman, jüngst Brian Brohm).

Einer meiner Lieblings-QBs im Draft 2011 ist Greg McElroy. Ein ruhiger Mann, ein interessanter QB, dem ich aber an der University of Alabama Unsouveränität in kritischen Momenten vorgeworfen habe. Und: McElroy ist ein intelligenter Bursche: 48 im Wonderlic Test. Achtundvierzig. Ich kann mir vorstellen, dass ein Team wie San Francisco mit einem Coach wie Jim Harbaugh und der Idee einer West Coast Offense sich in Richtung McElroy bewegen könnte. Viel Glück, Mr. McElroy!

Julio Jones

McElroys Top-Receiver an der Uni war Julio Jones, ein physischer, groß gewachsener Mann, über den ich im Jänner geschrieben hatte:

Am Ende des Tages in der Highlight-Show, aber auch drei Drops und fünfmal die Route falsch gelaufen. Schlüsselwort für Scouts: Fokus. Was ihm helfen wird: Jones ist als harter Knochen bekannt, der auch lieber drei Pillen zu viel schluckt und die ganze Woche schlecht schläft, als mal ein Spiel wegen Wehwehchen zu verpassen.

Jones hat die Scouts ob seiner Combine staunend hinterlassen. Fassungslos gemacht hat nun aber der Umstand, dass Jones auch noch mit einer Fraktur im Fuß (!) angetreten ist und absolute Top-Werte erreicht hat. Die Verletzung ist nicht gravierend, aber in NFL-Kreisen dürfte Jones ab sofort als Synonym für toughness eingesetzt werden. Ob das WR-Rennen doch noch einmal eröffnet wird, obwohl ich A.J. Green weiterhin für den explosiveren Mann an der Anspiellinie halte?

Defensive Line

Die Defensive Line gilt nach wie vor als stärkste Position im Draft 2011. Obwohl mit DT Nick Fairley der meist gehypte Mann nicht nur kleiner und leichter als erwartet war, sondern auch noch ziemlich „graue“ Workouts hinlegte, haben laut Mike Mayock satte neun Defensive Ends Erstrundenpotenzial (im Schnitt über die Jahre werden 3 bis 4 Des gezogen). Und der vermeintlich beste Line-Spieler hat noch nicht mitgemacht: Da’quan Bowers.

Wer #1-Defensive Tackle wird, könnte interessant werden: Fairley hatte die beeindruckendere Saison, ist aber aus genannten Gründen vielleicht leicht in Ungnade gefallen. Marcel Dareus ist athletischer gebaut und hatte die bessere Combine, war aber am College etwas weniger dominant und konstant. Auburn (Fairley) gegen Alabama (Dareus) – Iron Bowl im Mini-Format.

Linebackers

Dontay Moch von der University of Nevada (Reno) hat die erwartet überragende 40 Time hingeknallt: 4.44. Moch war angereist mit einer angeblichen 4.19, was für Running Backs sensationell wäre, für einen Defensive End (im College) schlicht exorbitant. Dazu gesellen sich ein paar andere starke athletische Tests. Oakland Raiders, ick hör dir trapsen…

Sicher kein Raider werden wird OLB Von Miller. Über Miller habe ich im Lauf der College-Saison zwar Zweifel an seiner NFL-Kompatibilität gehört. Aber der Mann hat eindrucksvolle Statur und seine Athletik ist beeindruckend. Ich gehe davon aus, dass ein Team ganz oben drin sich an Miller vergreifen wird. Zu einer Zeit, zu der Oakland noch lange keinen Draftpick gesehen hat.

Mark Herzlich, der Mann, der den Krebs besiegte, war weniger Thema als ich gedacht habe. Herzlich hat ordentliche Workouts gemacht, aber nichts Überragendes. Bei ihm bleibt die Aussicht auf einen Leadertypen und die Erwartung, sich weiterhin kontinuierlich an seine körperliche Bestverfassung zurück zu arbeiten. Herzlich gilt als Kandidat für die späteren Runden.

Defensive Backs

Der Mann mit dem klingendsten Namen, Prince Amukamara (Nebraska), hat Top-Sprintzeiten hingeknallt und in den Augen der Scouts seine Voraussetzungen für die langen Routen bewiesen. Amukamara gilt nun als sicherer Top-10 Pick, der spätestens von Dallas (#9) gezogen wird, wenn nicht noch lila Kühe auf dem Campus der Cornhuskers aufkreuzen.

Kleine Brüder

Zwei Spieler sind in der Verlosung 2011, deren Brüder schon am Ziel sind, bzw. fast. Casey Matthews (University of Oregon) läuft ebenso wie Bruder Clay (Superbowl-Champ mit den Packers) mit wehendem Haar durch die Gegend – und spielt ebenso Linebacker. Mike Pouncey ist der kleine Bruder von Steelers-Center Maurkice – und wie dieser Offense Liner. Nicht ausgeschlossen, dass die beiden Brüder im Draft von den jüngsten Erfolgen der großen Brüder profitieren und höher als erwartet genommen werden. Beide gelten aber als nicht so gut wie diese – aber die waren einst auch nicht so hoch angesehen gewesen.

Spiel GM

NFL@Spox veranstaltet einen „Mock Draft“ von Fans für Fans. Die Idee: Jeder kann sich ein verfügbares Team aussuchen und in wie im NFL Draft dafür seinen Favoriten für seine Mannschaft draften, sofern der noch verfügbar ist. Da ich mich für besser als Matt Millen – ich weiß: Kein Qualitätsnachweis – habe ich mich für die Detroit Lions beworben. Es sind noch Mannschaften frei. Wer will, ist herzlich eingeladen, für einen Tag General Manager und Draft-Stratege zu spielen: Hier entlang.