Washington Redskins in der Sezierstunde

Voran meine grandiose Saison-Prognose:

Ich traue Washington 2010 durchaus die Playoffs zu, selbst in der schwierigen NFC East. Wenn Snyder die Klappe hält und seine Coaches machen lässt, wenn die Defense so weiter spielt und die Offense unter Shanahan/McNabb den Erwartungen gerecht wird, sind die Redskins für mich sogar Favorit in dieser Division.

Ich werde mich an der Stelle nicht auf das Wörtchen „wenn“ hinausreden. Die Prognose steht neben meinen Schuhen – so geht es, wenn man aus blanker Not, nachher als Genie dazustehen – den Risikotipp rausposaunt.

Wobei: Im Prinzip war alles gegeben. Neuer Headcoach mit Sachverstand, ein eigenhändig mundtot gemachter Owner und ein hochkarätiger, neuer Quarterback. Sogar die NFC East erwies sich als erwarteter Rohrkrepierer.

Trotzdem war Washington am Ende mit 6-10 Tabellenletzter. Frage: Wie waren die Probleme gelagert?

Antwort: Vielschichtig.

Mike Shanahan

Mike Shanahan - ©Flickr

Mike Shanahan machte von Beginn an einen auf Disziplin-Nazi und vergraulte damit den faulen und überbezahlten DT Albert Haynesworth. Im Lauf der Saison verärgerte Shanahan dann auch noch QB Donovan McNabb, indem er ihn mehrfach öffentlich demontierte.

Sportlich war Washingtons Offense hilfloser als erwartet, weil das Laufspiel schnell kollabierte und McNabb nicht dauerhaft in der Lage war, das Problem zu übertünchen. Das 16-13 (OT) gegen die Packers Anfang Oktober ist mir dabei im Gedächtnis geblieben: Trotz Sieg eine extrem maue Vorstellung, weil das Laufspiel in all seinen Facetten abgewürgt war.

Weil es immer noch schlechter geht, bitteschön – die Defensiv-Statistiken: DVOA #25 overall, #18 Lauf, #27 Pass. In absoluten Zahlen: #31 overall, #26 Lauf, #31 Pass. Schande der Saison war natürlich die desaströse Heimschlappe gegen Vicks Eagles Mitte November (mit 59 kassierten Punkten noch gut bedient).

Was tun?

Zuerst: Eine Umstellung auf eine 3-4 Defense ist bekanntlich nicht einfach, und nachdem Haynesworth sich unfähig zeigte, den Nose Tackle zu spielen, war das System erstmal fürn Arsch. Für Shanahan muss die oberallererste Priorität lauten: Passende Spieler für die Systemumstellung einkaufen. Shanahan scheint auch über diesen Weg seine Defense in den Griff bekommen zu wollen, denn der Trainerstab blieb unangetastet.

Wichtigste Positionen dabei IMHO: Nose Tackle, Pass Rusher (Hey, alle wollen Pass Rusher!), Cornerbacks (aufgrund vieler auslaufender Verträge ist die Position arg dünn besetzt).

Gute Nose Tackles sind schwer zu finden, aber ich glaube kaum, dass der eigensinnige Shanahan nochmal mit Haynesworth probieren wird. Pass Rusher sollte dagegen weniger ein Problem darstellen – der Jahrgang gilt im Draft als reich bestückt. In der Secondary ist mit O.J. Atogwe schon ein guter Safety eingekauft worden, die Cornerbacks (Buchanon, Rogers) sollten nach Bedarf gehalten werden.

Problematischer ist die Offense: QB McNabb ist in Landover vermutlich verbrannt. Ob Shanahan wirklich mit REX GROSSMAN die Saison bestreiten wird? Und: Wo sind die Abnehmer für des Quarterbacks Pässe?

Es könnte auch einen Running Back brauchen – Clinton Portis ist raus. Shanahan war in der Vergangenheit dafür bekannt, No Names zu Top-Running Backs zu machen. Ryan Torain war über Phasen auch so einer. Aber eben nur über Phasen.

Draftpick #10

Die Redskins sind zur Zeit sowas wie das dark horse an der #10 im Draft – gesegnet damit, alle Optionen offen zu haben: Einer der fünftausenvierhundertsechsundsechzig Quarterbacks wird auf alle Fälle frei sein, vermutlich auch einer der beiden Top-WRs (Julio Jones, A.J. Green), die beide den Skins gut zu Gesicht stünden. Ein Trade nach unten sollte ebenso eine Option sein wie ein Trade hinauf.

Der Gedanke, einen QB zu draften, sollte nicht ganz abgewiesen werden. Locker, Gabbert und vor allem Newton – drei mobile Quarterbacks, die den Ball ein paar Dutzend Yards das Spielfeld hinunter jagen können. Wie war datt nochmal mit den Elways, Plummers und Cutlers dieser Welt?

Sollte Washington sein Auge auf einen speziellen der drei werfen, könnte ein Trade in eine bessere Draftposition von Nöten sein. Sollte kein CBA bis zum Draft unterzeichnet werden, kann man allerdings keinen McNabb als Handelsware einsetzen…

Ausblick

Ich bin einigermaßen schockiert über die gezeigten Leistungen der Redskins. Ich hatte die Mannschaft deutlich „runder“ erwartet – aber die Defensivumstellung war wohl ärger als erwartet und wenn dein Laufspiel so abschmiert, ist „6-10“ vorprogrammiert.

Da die Löcher eher breit gestreut sind und aktuell schwer vorhersehbar ist, in welche Richtung die größten Bemühungen angestrengt werden, ist eine Prognose schwierig. Schwer vorstellbar, dass Grossman der QB #1 sein wird oder dass McNabb noch einen Funzen Bock auf Shanahan hat, von daher ist QB in Runde 1 vielleicht wirklich am wahrscheinlichsten.

Cam Newton-Show in Landover?

Weitere „Sezierstunde“-Ausgaben gibt es hier.

5 Kommentare zu “Washington Redskins in der Sezierstunde

  1. Wenn man die Redskins als Divisionssieger erwartet, kann man nur „schockiert“ über diese Saison sein 😉

    Im Ernst, ich sehe die NFC East nicht so schlecht, zumindest nicht dass „Rohrkrepierer“ zur Beschreibung gerechfertigt ist!

    Zum Team, von außen ist es schwer nachzuvollziehen, warum man McNabb nicht mehr haben möchte. Muss also eine interne Geschichte sein, denn mit einem aufgebauten McNabb im Roster wäre es jetzt möglich, die anderen Schwachstellen anzugehen. Weil McNabb abgesägt ist, hat Shanahan unnötigerweise eine Baustelle aufgemacht.

    Und für McNabb und Albert wird nicht viel Trade Value zu kriegen sein…

    Für mich ist neben dem Nose Tackle und dem WR auch noch Offense Line eine solche Baustelle. Williams ist ein Guter, aber der Right tackle fehlt noch.

  2. Wann hatten den die Redskins zuletzt einen Franchise QB?? Ich glaube, das Publikum würde Cam Newton mit offenem Armen empfangen und Dan Snyder auf der Stelle einen Popularitätsschub erleben!

  3. @Innviertler

    Washingtons Publikum, das in den 90ern den teuren Heath Shuler aus vollem Leibe aus der Hauptstadt gebuht hat und dafür den den bodenständigen, aber blassen Gus Frerotte sehen wollte?

    Dieses Washingtoner Publikum soll Cam Newton sehen wollen? Den Mann, der nach EINER guten College-Football-Saison in einer Spread Offense meint, sich selbst als Ikone oder Entertainer ankündigen zu müssen, BEVOR überhaupt begonnen hat, sich in der NFL einzuleben?

    Jamarcus Russell, ick hör dir trappsen…

  4. Die Fans haben übrigends zwar den Footballspieler Heath Shuler aus Washington vertrieben. Aber trotzdem ist Heath Shuler nach Washington zurückgekehrt. Als gewählter Abgeordneter von North Carolina!

  5. Die Redskins Fans sind nicht mal so scharf auf einen Franchise QB. Sie haben ohne 3 Super Bowls geholt und und alle die als Franchise QB gedraftet wurden, sind gefloppt. Kann mir aber vorstellen, dass Mike Shanahan seinen Elway des dritten Jahrtausends suchen wird, denn REX ist nicht die Lösung, so viel steht fest. Rex ist auch schon beim Publikum unten durch, aber er hatte von Beginn an keinen Bonus.

    Cam Newton würde aber in D.C. keinen einfachen Stand haben!! Eher schon ein Gabbert, aber auch Gabbert hat was von Schönling. Das mögen die Skins Fans normalerweise nicht!!

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