BREAKING: Konformist in anderem Sinne

Nächster Stein aus der Mauer gebrochen – aus der Mauer der NCAA, der Hüterin der Moral im College Football: Jim Tressel ist für zwei Spiele suspendiert worden – von seiner eigenen Universität. Tressel ist nicht irgendwer. Tressel ist der Head Coach der Ohio State Buckeyes, eines der größten und erfolgreichsten Programme der letzten Jahre und neben Michigan das Flagschiff der Big Ten Conference.

Tressel Ohio State University

Jim Tressel - ©Flickr

Tressel ist der Inbegriff des Konformisten, die personifizierte Strickjacke, der Traum aller republikanischen Schwiegermütter. So abgrundtief konservativ wie Tressel sich gibt, sendete Tressel damit ein Signal an die Öffentlichkeit: Seht her, für mich gelten noch Regeln der Gesellschaft!

As it turns out, ist Tressel tatsächlich Konformist – Konformist im Sinne vieler Collegefootball-Coaches: Für den Sieg wird alles in Kauf genommen und bei Regelwidrigkeiten werden schon mal beide Augen zugedrückt.

Im Jänner hatte die NCAA fünf Buckeyes gesperrt, weil sie Geld angenommen hatten und ihre Championship-Ringe verhökert hatten. Tressel wusste davon,  unternahm aber dagegen nichts. Das ist gegen die Regeln der NCAA. Tressel gegen die Regeln!

Die Ohio State University hat Tressel nun eigenhändig gesperrt – für die ersten zwei Saisonspiele 2011/12 – Spiele gegen Akron und Toldeo, die locker gewonnen werden sollten. Die Sperre kann so interpretiert werden, dass OSU schlimmeren Bestrafungen durch die NCAA entgehen wollte. Die NCAA kann trotzdem noch zusätzliche, härtere Strafen verhängen.

Siehe auch Mark Schlabachs Kommentar dazu.

Kansas City Chiefs in der Sezierstunde

Arrowhead Stadium Kansas City Chiefs NFL Sideline Reporter

Arrowhead Stadium in Kansas City - ©Flickr

Die Chiefs gelten gemeinhin als positive Überraschung. Nach Jahren des Niedergangs aus dem Nichts eine 10-6 Saison samt Divisionssieg gezaubert. Ich tue mich recht schwer, die Mannschaft einzuordnen. Zum einen natürlich der Aufwärtstrend.

Aber Grund zum Hypen sehe ich dennoch wenig – ein ganz schwacher Spielplan (nicht ein einziger der 10 Siege gegen Teams, die zum Zeitpunkt eine positive Bilanz hatten), kollabierende Divisionsgegner (Chargers, I’m looking @you!) und fast schon absurde Abhängigkeit vom Laufspiel. Positiv auf der anderen Seite: Der Kern der Mannschaft ist blutjung und versehen mit viel Talent, dank reichlich hohen Draftpicks in den letzten Jahren.

In den Playoffs gegen die abgewichsten Ravens offenbarten die Chiefs die Schwächen einer unerfahrenen Mannschaft, die keinen Plan B heranziehen kann, wenn das Laufspiel nach 1-2 langen Runs ausgeschaltet wird. Die Verunsicherung griff um sich und führte zu haufenweise Turnovers. Alles, was in der Regular Season halbwegs lief, flog den Chiefs um die Ohren und es zeigte sich, dass QB Matt Cassell eben nur bei gegebenen Umständen (funktionierendes Laufspiel) fehlerlose Leistung bringen kann.

Gebt mir einen WR!

Die Grundvoraussetzungen in Kansas City sind um Cassell herum gegeben: Funktionierendes Laufspiel mit One-Two-Punch, intakte Offensive Line (falls C Wiegmann nicht doch noch zurücktreten sollte), junger Tight Ende Moeaki, mit WR Dwayne Bowe ein Mann für 1000+ Yards und 15 Touchdowns.

Diese Offense braucht allerdings händeringend noch einen zweiten Wide Receiver. Nach Bowe (1162yds, 15TD) und Moeaki (556yds, 3TD) kommt noch RB Charles und dann laaaaaange nichts. Gebt Cassell einen zweiten NFL-würdigen Wide Receiver und es wird auch das Laufspiel entlasten.

Kansas City pickt an #21. In der ersten Runde werden die beiden Top-WRs Jones/Green weg sein, aber aus dem Pulk Baldwin/Young könnte noch einer zu haben sein. Baldwin wäre ein groß gewachsener Rohdiamant, der bisher aber mehr von seinen athletischen Voraussetzungen denn seinen Leistungen gehypt wird, Young ein Winzling, aber ein pfeilschneller und fangsicherer. Tendieren würde ich zu Young.

Problematisch an der Offense: Coordinator Charlie Weis ist gen University of Florida abgewandert. Nachfolger Bill Muir hat schon in den 70ern gecoacht und war zuletzt hauptsächlich für die Offense Line zuständig. Ebenso neu ist QB-Coach Jim Zorn, der als Head Coach auf Jahre hinaus verbrannt sein dürfte, aber einen exzellenten Ruf als Quarterback-Coach genießt. Nicht zu unterschätzen auch: Head Coach Todd Haley ist ehemaliger OffCoord und sollte weiterhin massiven Einfluss nehmen können.

Denn die Defense ist in guten Händen – bei Romeo Crennell.

Gib mir Pass Rush!

Um mal Abwechslung reinzubringen – eine Mannschaft, die Pass Rush braucht! Pass Rush! Haben Sie gehört??

Eric Berry The Fifth Dimension Kansas City Chiefs NFL Sideline Reporter

The Fifth Dimension - ©Wikipedia

Für mich persönlich ist die Defense der Chiefs eine der Geschichten der Saison – was dort an jungem Spielerpotenzial herumstolziert, kann in absehbarer Zeit ganz groß werden: In der Secondary u.a. der großartigen Safety Eric Berry („The Fifth Dimension“), der noch besser werden soll, und der Cornerback Brandon Flowers. Die Linebackers können mit Derrick Johnson und dem liberanisch/amerikanischen Passrush-Spezialist Tamba Hali (bekam erstmal die Franchise Tag übergestülpt).

Kopfzerbrechen bereitet einzig die Defensive Line: Die teuren Draftpicks Tyson Jackson und Glenn Dorsey sind zwar gut, aber nicht so dominant wie erwartet. Dorsey hat sich zudem als unfähig gezeigt, den in der 3-4 so wichtige Nose Tackle zu geben. Eben dieser Nose Tackle dürfte in Kansas City händeringend gesucht werden. Der US-Running Back an meiner Würstelbude hat mir einmal gesagt:

Nose Tackle for a 3-4 defense is as important as the catcher in baseball.

Problem: Dominante Nose Tackles sind schwer zu finden. Wir suchen hier fette Säcke (150kg aufwärts), die so athletisch sind, dass sie es mit 2-3 Blockern aufnehmen können und dem Pass Rush dadurch Raum und Zeit geben.

„Pass Rush“ wird eben auch noch gesucht – Hali hat schon die Franchise Tag über und könnte spätestens in einem Jahr zu teuer werden, aber auch schon für 2011/12 ist jede Verstärkung bzw. Verbreiterung des Kaders hoch willkommen. Muss ich wiederholen, dass auch in den späteren Runden noch Qualität auf dieser Position vorhanden ist, zumal vermehrt 3-4 OLB/DEs aus den Colleges strömen.

Ausblick

Matt Cassell

Matt Cassell - ©Wikipedia

Trotz Defense, trotz Laufspiel, trotz gutem Coaching: Das Spiel der Chiefs steht und fällt mit QB Matt Cassell. Thomas Jones kann daran anschließen, was er seit gefühlt drei Jahrzehnten macht, Jameel Charles kann die 5,6yds/Lauf halten, es nützt nichts, wenn Cassell nicht zulegt.

Cassell ist kein Schlechter – aber um von einem mittelmäßigen Team zu einem Top-Team zu mutieren, brauchst du in der NFL entweder eine sensationelle Defense, oder einen Top-Quarterback. Beides haben die Chiefs noch nicht und ich werde das Gefühl auch noch nicht los, dass wir es hier mit einer talentierten Mannschaft zu tun haben, die noch 1-2 Jahre braucht, weil noch zu grün. Mal schauen, wie Cassell mit neuen Wide Receivers spielt – schon allein deshalb ist es vital, den „richtigen“ Wide Receiver in der Draftlotterie zu ziehen.

Das Grundgerüst steht. Die Chiefs brauchen jedes Spiel und würden unter einem Lockout leiden junge Hunde mit Maulkorb. Entwicklung ist das Stichwort – für 2011/12 erwarte ich von Kansas City zu diesem Zeitpunkt einen leichten Rückschritt.

Ein Schritt zurück, um den Durchbruch zu schaffen – so sieht es das Script vor.

Weitere „Sezierstunde“-Folgen gibt es hier zu finden.