[Update] Stell dir vor,

es ist Drafttag. Die Carolina Panthers haben gerade ihren ersten Pick gemacht. NFL-Commissioner Roger Gotohell marschiert zum Podium und verkündet:

With the number one overall draft choice the Carolina Panthers have selected Auburn quarterback Cameron Newton.

Getöse in der Radio City Music Hall, NFL Network und ESPN fahren ihre schwersten Geschütze auf und analysieren den sensationellen Pick minutenlang bis in die Pupette hinein – und kein Bild, keine Trikotübergabe, kein Statement, kein Nichts von Cameron Newton zu sehen.

Kein Blaine Gabbert, der immer verzweifelter dreinschaut, weil ihn wider Erwarten bis an #25 (Seattle Seahawks) kein Team draften will, trotz all des Hypes in den letzten Tagen vor dem Draft.

Denn Newton und Gabbert sitzen irgendwo zweitausend Meilen entfernt und geben für einen kleinen Sender ihre Meinung zum Besten. Irgendwo, nur nicht für die Großen.

 

Langweilig, nicht?

Aber genau das, was die formell nicht mehr existente NFLPA die Rookies angewiesen hat und wohl auch so passieren wird. Der Arbeitskampf zieht merkwürdige Blüten.

UPDATE, 15.3.2011/9h32

Die Ankündigung der NFLPA, die Spieler vom NFL Draft fernzuhalten, ergibt Sinn, da die Spieler in der kartellrechtlichen Klage gegen die NFL auch Free Agency und Draft anfechten werden. (Gefunden bei ProFootballWeekly via Vier Viertel)

„Brady gegen die NFL“: Aktuell fechten die Spieler die Aussperrung („Lockout“) an. Sie wollen eine Einstweilige Verfügung erzwingen. Der Fall trägt den Namen „Brady vs. NFL“ und wird am 6. April in Minneapolis verhandelt, aber NICHT vom von den Spielern geliebten Richter David Doty, sondern einer Richterin namens Susan Nelson. Diese Klage hat erstmal noch nichts mit der geplanten Klage gegen den Draft zu tun. Also erstmal drei Wochen abwarten in Sachen Lockout.

Kleine Korrektur zu oben: Die NFLPA existiert zwar nicht mehr als zertifizierte Gewerkschaft, ist aber immer noch eine Organisation, die die Rechte der Spieler vertritt. Ob die Dezertifizierung „Augenwischerei“ (sham) ist und damit unkorrekt, oder nicht, wird demnächst im NRLB (National Relations Labor Board – eine unabhängige Plattform) entschieden.

Die Quarterbacks an der #1

Untertitel: Carolina Panthers in der Sezierstunde – Die Einleitung

Ich habe mich als unfähig erwiesen, die Sezierstunde zu den Panthers kurz und knackig zu halten. Also ein gepflegter Dreiteiler für die Mannschaft, die den Top-Draftpick innehat. Heute: Eine kleine Geschichtsstunde, die als Einleitung empfunden werden darf.

Quarterback gilt als die „wichtigste“ Position im Footballsport. Vor allem im Profi-Footballsport. Quarterbacks sind die wichtigsten Entscheidungsträger, die verlängerten Arme der Coaches und die höchstbezahlten Spieler. Die letzten Jahre haben in der NFL – auch durch Regeländerungen bedingt – gezeigt, dass es fast unmöglich wird, ohne Top-Quarterback einen Angriff auf den Titel zu starten.

Von daher suchen Teams im Draft häufig an der #1-Position einen Quarterback aus. Es gab schon früher manchmal QBs an der #1 (Elway, Testaverde, Aikman, George, Bledsoe), aber der richtige Hype setzte 1998 ein – mit Peyton Manning. Seit 1998 wurden 13 Drafts abgehalten – 10x wurde ein QB an der #1 ausgewählt. Ein Überblick, gepaart mit dem Zustand der Offensive Line im Draftjahr.

Überblick

Peyton Manning Colts

Peyton Manning - ©Flickr

1998 Peyton Manning/Colts: Via learning by doing wurde Manning schnell ins kalte Wasser geworfen – und er lernte schnell. Hatte lange Zeit den Ruf, nur Top-Statistiken zu produzieren und enge Spiele zu verlieren. Dann aber Superbowl-Champ 2006/07. Gilt als einer der besten Quarterbacks aller Zeiten.
Offensive Line: LT Tarik Glenn/1st round, 1997. Der Rest galt als solide.

1999 Tim Couch/Browns: War der allererste NFL-Draftpick der „neuen“ Browns. Also in einem System ohne brauchbare Offensive Line. Jedes Jahr wechselnde Coordinators und Offense-Systeme. Ich habe Couch in seiner Spätzeit in Cleveland gesehen. „Völlig verunsichert“ ist keine Übertreibung.
Offensive Line: Sträflich vernachlässigt.

2001 Michael Vick/Falcons: Sportlich kein Superstar, weil der Trainerstab eiskalt an seinen Vorzügen vorbeicoachte. Aber ein kleiner Revoluzzer auf der QB-Position und Werbe-Superstar. Bis zu seiner Einknastung einer der meist gehypten Spieler.
Offensive Line:  Mittelmäßig.

2002 David Carr/Texans: War der allererste NFL-Draftpick der Texans. Jahrelang hinter einer nicht existenten Offensive Line abgeschossen (u.a. 76 Sacks als Rookie). Wer will ihm verdenken, dass er bei solcher Personalpolitik floppte?
Offensive Line: Über Jahre schlicht ignoriert.

2003 Carson Palmer/Bengals: Ideal von Coach Marvin Lewis aufgebaut – ein Jahr auf der Bank gesessen, ein Jahr gelernt und im dritten Jahr zum Superstar aufgestiegen – nur, um im ersten Playoffspiel eine katastrophale Verletzung zu erleiden. Seitdem immer wieder verletzt und nicht mehr so gut. Dank Verletzungen entschuldigt.
Offensive Line: LT Levi Jones/1st round, 2002.

2004 Eli Manning/Giants*: Nur der drittbeste QB, aber dank eines einmaligen Playoff-Runs 2007/08 Superbowl-Champ. Ansonsten höchstens Durchschnitt. *Eigentlich haben die Chargers Manning gedraftet, aber einzig mit dem Ziel, Manning zu traden. Daher Manning/Giants.
Offensive Line: Geht so. RT David Diehl/4th round, 2003 Diehl war schon als Rookie überraschend Starter geworden. Der Rest war akzeptabel.

2005 Alex Smith/49ers: Unter neuem Regime an #1 gepickt. Im ersten Jahr verheerend und danach unter ständige wechselnden Offensivsystemen leidend. Ähnlich gelagerter Fall wie Couch – sagenhafe schlechte Personalpolitik hat zumindest eine solide Karriere verhindert.
Offensive Line: Schweizer käselnd.

JaMarcus Russell

JaMarcus Russell - ©Wikipedia

2007 Jamarcus Russell/Raiders: Erwies sich als beratungs- und lernresistent und gilt als einer der größten Flops ever. Aber ein Zuschauermagnet: Die Raiders-Fans liebten es, Russell auszubuhen. Und sie machten es aus vollem Herzen.
Offensive Line: Eher schwach. Der teure Tackle Robert Gallery galt bereits als Flop, die restliche Line als durchwachsen.

2009 Matt Stafford/Lions: Gedraftet in einer Mannschaft ohne Offensive Line. Resultat: Bisher 19 von 32 Spiele verletzungsbedingt ausgefallen. Hat eine kaputte Schulter und könnte nach jeder weiteren OP endgültig erledigt sein.
Offensive Line: Sehr schwach, weil über Jahre konsequent übergangen.

2010 Sam Bradford/Rams: Bradford war 2010 Rookie des Jahres, als erst vierter QB aller Zeiten. Noch zu früh, um Bradford zu bewerten.
Offensive Line: RT Jason Smith/1st round, 2009 entwickelte sich zwar nicht so wie gewohnt, daher holten die Rams 2010 in Runde 2 Rodger Saffold, der sofort zum Left Tackle wurde.

Tendenz bezüglich Offensive Line erkennbar?

Morgen: Was ich wohl von der Idee eines QB-Picks für die Carolina Panthers halte?