Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Die testosterongeschwängerten Ravens sollten IMHO enttäuscht sein mit ihrer Saison. Potenziell hat John Harbaugh da einen Superbowl-Champ beisammen, der seit drei Jahren stets anklopft, aber nie reingelassen wird. So auch heuer. 14-Punkte-Führung IN Pittsburgh, nur um am Ende völlig uncharakteristisch einzugehen und das Spiel noch abzuschenken.

Joe Cool

Baltimore Ravens Joe Flacco

Joe Flacco - ©Flickr

Alle Ingredienzien für einen Durchmarsch in die Super Bowl sind gegeben: Bomben-Defense, ausbalancierte Offense, ein Quarterback, der hohen Ansprüchen genügt, ein geduldiges Umfeld und loyale Fans und ein junger, brillanter Head Coach.

Schlüsselstelle für die, die genau lesen: Das Attribut für den Quarterback wird nur im Positiv benutzt. Joe Flacco. Ich bin noch nicht restlos von Flacco überzeugt. Ich meine, Flacco ist ein vortrefflicher QB, macht fast keine Fehler und gehört schon nach dem dritten Jahr (!!) zu den erfolgreichsten Quarterbacks in der Playoffgeschichte, wenn es um Auswärtsspiele geht.

Aber das allerletzte Quäntchen Überzeugungskraft fehlt bei Flacco – noch. Flacco ist noch ausgesprochen jung und hat noch Zeit zum Reifen. Allerdings könnte es bis dahin zu spät sein, da die Defense altert und die Mannschaft zu den teureren der Liga gehören sollte.

Für Unruhe sorgte auch der Fakt, dass die Ravens QB-Coach Jim Zorn rausgeschmissen haben. Flacco selbst kritisierte öffentlich den überraschenden Move des Managements. Zorn mag ein verheerender Head Coach gewesen sein. Als Positionstrainer genießt der Mann prinzipiell einen exzellenten Ruf – Matt Cassell und die Chiefs wird es freuen.

Die Offense

Flacco hatte in den Playoffs aber auch wenig Hilfe von seinen Wide Receivers – zumindest im Pittsburgh-Spiel. Dabei hatte man extra Anquan Boldin und T.J. Houshmanzadeh eingekauft, um Flacco noch mehr Waffen zu geben. Nach dem Steelers-Spiel meinte ein Analyst, Baltimore könnte dringend einen blitzschnellen Receiver gebrauchen, um eine Defense im Notfall auseinanderziehen zu können. Macht Sinn. Houshmanzadeh und der alte Stallworth sind Free Agents.

Baltimores Offenses ist vieles, aber sie ist nicht explosiv. Irgendwo ein Sprinter für die tiefen Routen zu finden? Sidney Rice, anyone?

Die Offensive Line könnte auf der rechten Seite Abgänge verzeichnen: Wenn ich das recht überblicke, sind RG Chris Chester und RT Marshal Yanda Free Agents. Yanda war mehrfach Objekt von Kritik.

Die Defense

Eine potenzielle Sollbruchstelle tut sich in der Secondary auf. Die CBs Chris Carr, Fabian Washington und Josh Wilson haben auslaufende Verträge. Jeder für sich ist kein schlimmer Verlust, aber die drei Top-CBs (neben Ladarius Webb) auf einmal womöglich zu verlieren, könnte heftig sein. Wenig hilfreich ist auch, dass Superstar-Safety Ed Reed seit Jahren verletzungsanfälliger wird und schon mehrfach mit Rücktritt kokettiert hat.

Der Rest der Defense gehört zum Feinsten (bzw. Heftigsten), was die NFL aufzubieten hat – wäre da nicht das Alter. MLB Ray Lewis wird heuer 36 und schön langsam sollte man daran denken, einen Nachfolger für die scheinbar zeitlose Legende Lewis aufzubauen. Irgendwann wird aber auch Lewis das Alter merken. Für Baltimore ein doppelter Verlust: Top-Spieler und über alles erhabener Leadertyp.

In der Defensive Line hat NT Haloti Ngata die Franchise Tag bekommen. Die Ends sind während der Übertragungen immer mal wieder kritisiert worden. Ich hätte dazu nicht viel Grund gesehen. Notfalls kann man den dicklichen NT Terrance Cody in die Mitte stellen und Ngata zum End mutieren lassen.

Was tun?

Offense und Defense bereiten in Baltimore eine bärenstarke Basis. Am Ende hängt es an Joe Flacco, die Mannschaft von „bärenstark“ zu „Champion“ zu machen. Baltimore gehört für mich auf alle Fälle zu den 2-3 engsten Titelfavoriten. Schon jetzt. Bevor mit Ozzie Newsome einer der anerkannt besten Draft-Strategen Hand anlegt beim Verbessern des Kaders.

Baltimore Ravens – early favourite to win (at least) the division, würden die Amerikaner sagen.

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