Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

Tampa Bay Buccaneers

©Flickr

Es ist ein paar Jahre her, als ich im Zuge eines Sprachsommers die Florentiner Nächte unsicher gemacht habe. Immer mit dabei: Richard, ein Mathe-Student aus Tampa, Florida.

[Übrigens kaum zu glauben, wie viele AmerikanerInnen Italienisch lernen wollen – war aber vor Amanda Knox, Bunga/Bunga & folglich auch bevor der Lustmolch Obama zum Amtsantritt beleidigt hatte.]

Richard war Zimmerkamerad – und riesiger Buccs-Fan. Rich war natürlich hoch erfreut, dass es selbst im fernen Italien einen NFL-Fan gab. Es war grad die Zeit nach dem Niedergang der Buccs. Die Preseason war dabei, keine Verbesserung zu versprechen, aber mit Cadillac Williams hatten sie immerhin kurz zuvor einen jungen Hoffnungsträger gedraftet. Am Ende stand Tampa in den Playoffs.

Dank Richie habe ich die Buccs über die Jahre ein bisschen genauer verfolgt als andere Teams. Ich war zwar nie Buccs-Fan, aber wenn du ein bisschen Bezug zu einer Mannschaft hast, lässt es sich interessierter verfolgen. Seit jenem Herbst ist nicht mehr viel gelaufen und die Buccs hatten nach Sapp&Brooks keine Identität mehr. Bis zu dieser Saison. Ende Oktober, nach einem Comeback-Sieg der Buccs gegen die Rams, kommentierte Dauerkarten-Inhaber Richard im Messanger:

Enthusiasm. We’ve got a winner! Terrific stuff.

Und verlinkte dieses Video.

Die Sensation des Jahres

Die Buccs sind mit 10-6 meine Story der Saison – obwohl dank der NFC West im Spielplan ein paar Siege quasi „geschenkt“ waren und gegen die meisten „Großen“ verloren wurde.

Denn: Ein selten cooles HC/QB-Duo gepaart mit der Mentalität, auch 1:30 vor Schluss noch in die ganz dicken Eier herumzuschleifen – das finde ich klasse. Ich gratuliere den Buccaneers, vor allem, weil ich weder an Raheem Morris, der auch als MLB-Coach eine gute Figur macht, noch an Babyface-QB Josh Freeman geglaubt hatte. Manchmal wird man aber überrascht.

Josh Freeman QB Tampa Bay Buccaneers

Harmloses Gesicht - bärenstarker QB: Josh Freeman, ©Wikipedia

Morris, Freeman und RB Legarrette Blount – das neue Trio infernale der NFL. Und hätten da nicht die Lions Mitte Dezember etwas dagegen gehabt – Tampa Bay wäre glatt anstelle des späteren Superbowl-Champs Green Bay mit Pauken und Trompeten in die Playoffs eingezogen. So kann man am Ende konstatieren: Mit wehenden Fahnen untergegangen.

Was sagt uns der Blick in die Stats?

Ich habe Tampa nur 4x über vier Viertel gesehen (2x gegen Atlanta, 1x Saints und Seahawks (Tape)), plus die wilde Schlussphase gegen Arizona. Von daher mal eine Herangehensweise via Excel:

DVOA (Rating in Relevanz zum Gegner)
Offense: #8 overall, #10 Pass, #12 Lauf
Defense: #23 overall, #13 Pass, #32 Lauf
Special Teams: #18

Absolute Zahlen
Offense: #17 Pass, #8 Lauf
Defense: #7 Pass, #28 Lauf

Vor allem für die Defense ist die Sprache eine klare: Es braucht Leute, die den Lauf verteidigen können! Im Draft 2010 haben die Buccs mit DT Gerald McCoy (#3 overall) und DT Brian Price (2. Runde, #35 overall) gleich ihre ersten beiden Picks für Defensive Tackles ausgegeben, und damit die Basis für die Laufdefense geschaffen. Beide waren teilweise verletzt – ich sehe aber nicht, warum Tampa heuer weitere DTs holen sollte. McCoy soll Ansätze von Dominanz gezeigt haben (McCoy war leider gegen Saisonende schon verletzt, als die Buccs bei uns im TV gezeigt wurden).

Die Defense

Es spricht also einiges dafür, dass die Buccs ihren Fokus auf die Defensive Ends richten werden. Gesucht werden dürften aber keine reinen Pass Rusher (na, hallo!), sondern DEs mit Qualitäten gegen das Laufspiel. Wenn ich mir die Ends im heurigen Draft anschaue, dürften die Buccs schon den Taxi-Schläger Adrian Clayborn im Hinterkopf haben.

Zweiter Knackpunkt sind die Linebackers. Wenn der Blick ins aktuelle Roster nicht täuscht, hat Tampa derzeit keinen ILB im Kader, weil Barrett Ruud Free Agent wird. Die restlichen Linebackers wirkten auf mich eher hüftsteif – womöglich wird via Draft auch an dieser Stelle Hand angelegt.

In der Secondary gibt es zwei Fragezeichen: CB Ronde Barber wird mit bald 36 nicht jünger und dürfte erstmal damit beschäftigt sein, den Zwillingsbruder Tiki vom NFL-Comeback abzuraten. Und FS Tanard Jackson wird in den ersten Wochen wegen wiederholter positiver Dopingprobe fehlen – und auch danach nicht sicher von der NFL begnadigt werden. Ein schwerer Schlag, denn Jackson gilt als einer der besseren Safetys in der Liga, solange er sich nur an die erlaubten Limits herandopt, und nicht darüber hinaus.

Die Offense

Die Offense Line war im Saisonverlauf durch Verletzungen (Center) und Rotationen (v.a. auf der rechten Seite) Subjekt einiger Mutationen. G Joseph ist vertragslos – im Prinzip gäbe es Handlungsbedarf , aber die Defense sollte vorgehen.

Ein schwieriger Fall ist RB Cadillac Williams. Williams ist nicht (mehr) mehr als ein fangstarker Back für 3rd downs. Zu sehr haben fassungslos viele schwere Verletzungen an ihm genagt. Glaube ich aber Richard, so ist der Cadillac eine der populärsten Figuren in Tampa, ein sentimental hero, einer, mit dem sich die Fans voll identifizieren und den sie lieben. Der Typ Scholl in den letzten Jahren. Ich gehe davon aus, dass Williams für relativ lau in Tampa bleiben wird, da er auch an anderem Ort und Stelle keinen Rentenvertrag mehr kassieren wird.

Der Returner

Micheal „Ich heiße nicht Michael“ Spurlock war Returner während der Saison und ist nun RFA. Wenn ich an den genialen Return gegen die Falcons zurückdenke, sollte Tampa Spurlock einen Vertrag anbieten. Damals war Spurlock mitverantwortlich, dass Tampa trotz gefühlter haushoher Unterlegenheit in den letzten Sekunden um ein Haar ein Comeback mehr gefeiert hätte.

Ausblick

Junge Mannschaft, junger Coach, markante Typen – wäre nicht die hässliche Fratze „Malcolm Glazer“ allgegenwärtig, ich wäre schon verknallt in diese Buccaneers.

Auf alle Fälle gilt es an zwei Dingen anzusetzen: Defense stärken und Ticketpreise senken – denn Tampa hatte trotz des begeisternden Spiels Probleme, das wunderschöne Raymond James Stadium zu füllen.

Alles in allem bin ich sehr gespannt, inwiefern die Buccs nach der deutlichen Weiterentwicklung der Mannschaft im Verlauf dieser abgelaufenen Saison in den kommenden Jahren in der starken NFC South ein Wörtchen mitreden können. Ganz vom Tisch dürfte auch das „One Year Wonder“ noch nicht sein.

Für weitere „Sezierstunden“ bitte hier entlang.