NFL-Franchises im Kurzporträt, #5: Indianapolis Colts

Nein, die NFL-Teamserie ist nicht vom Tisch. Nach Falken, Raben, Delfinen und Raubmöven heute die Fohlentruppe aus Indianapolis. Die Geschichte der Colts ist eine lange, mit Wurzeln fast 100 Jahre zurück. Die offizielle Geschichte der heute bekannten Colts begann 1953 – in Baltimore.

Die Baltimore Colts

Nach einer früheren Franchise wurde die 1953 für die NFL gegründete neue Footballmannschaft in Baltimore „Colts“ benannt. Die Colts waren schnell damit, Geschichten und Mythen zu schreiben und vieles geht auf die „Kappe“ von QB Johnny Unitas. Wenn heute nach dem besten Quarterback ever gefragt wird, fällt neben den allgegenwärtigen Namen Joe Montana, Peyton Manning oder Tom Brady gerne auch der Name „Johnny Unitas“ – sozusagen von denjenigen, die ihre Allgemeinbildung in Sachen NFL unter Beweis stellen wollen. Unitas live spielen sehen hat indes kaum einer.

Unitas war mehrfacher MVP und führte die Colts 1958 zu ihrem ersten Titel in einem Spiel, das der NFL einen sagenhaften Popularitätsschub brachte: Das „Greatest Game Ever Played“, ein 23-17 in der Verlängerung über die New York Giants. Unter Unitas gelang ein Jahr später der erneute Titelgewinn und wieder gegen die Giants.

Die Colts waren 1968 ein drittes Mal NFL-Champ. Daran erinnert sich heute kein Mensch mehr. Denn die Colts verloren kurz darauf die Super Bowl III. NFL und AFL waren noch nicht vereint und „NFL-Champ“ war nicht gleich „Super Bowl Sieger“. Super Bowl III gilt heute als eines der wichtigsten Spiele der Footballgeschichte. Die hoch favorisierten Colts scheiterten daran, die Ehre der NFL zu verteidigen und verloren sensationell gegen die New York Jets. Es war der letzte Anstoß, NFL und AFL zu vereinen.

Seit 1970 sind NFL und AFL vereint und in NFC und AFC (als historischen Tribut) aufgeteilt. Die Colts wurden trotz ihrer NFL-Geschichte in den AFL-„Nachfolger“ AFC eingeteilt um die zahlenmäßige Balance zwischen den Conferences zu halten.

Gleich in der ersten Saison der „neuen“ NFL holten sich die Colts die Krone zurück. Super Bowl V gilt als eines der schlechtesten Endspiele aller Zeiten. So schlecht, dass beim 16-13 über die Dallas Cowboys ein Spieler der Verlierer zum MVP gewählt wurde. Ein Unikum.

1973 wurde der Halbgott Unitas nach San Diego abgegeben, was die glorreichen Tage der Baltimore Colts beendete. Viel Geschichte, die in Baltimore geschrieben wurde. Viel Liebe, die der Mannschaft entgegen gekommen war. Aber nicht genug Liebe.

Mayflower Transit

Die Colts-Besitzerschaft wollte auf Teufel komm raus ein neues Stadion – und bekam es nicht. So geschah, dass in einer Nacht- und Nebelaktion am Morgen des 28. März 1984 eine Footballmannschaft aus Baltimore auszog. Und „ausziehen“ ist durchaus wörtlich zu nehmen. In den Trucks des Transportunternehmens „Mayflower Transit“ bewegte Owner Robert Irsay die komplette Footballmannschaft kurzerhand gen Indianapolis. Die berühmten Colts – ab in eine Motorsportstadt!

Während Baltimore danach über ein Jahrzehnt auf eine neue NFL-Franchise warten musste, wurden die Colts in Indianapolis sportlich nicht glücklich. Trotz eines Superstar-RB Eric Dickerson (Hall of Famer, gekommen von den Rams) gelang eine einzige Playoffteilnahme in 11 Jahren.

Einen Namen machten sich die Colts vor allem mit ihrer katastrophalen Draft-Politik. Mehrere #1-Picks erwiesen sich als Flops. 1992 durften die Colts gleich die ersten beiden Spieler im Draft auswählen. Beide waren Voll-Flops.

Die Colts von heute

Der 22. Dezember 1997 darf ruhig als Wendepunkt der Franchise angesehen werden. Es war der Tag, als die Colts Bill Polian zum General Manager machten. Polian war der Stratege hinter den Erfolgen der Bills und Panthers und verfolgte eine klare Philosophie: Auf den Skill Positions Superstars einkaufen und den Rest der Mannschaft einem klaren Coach-Konzept überlassen.

Erster Move: Mit dem #1-Pick 1998 QB Peyton Manning einkaufen. Manning ging blitzschnell mit dem jungen WR Marvin Harrison eine Symbiose ein und mit dem 1999 geholten RB Edgerrin James hatten die Colts das gewünschte Offensiv-Triumvirat.

Allein… Die jungen Colts spielten zwar begeisternd, aber in den Playoffs war meist schnell Schluss. 2002 wurde Defensivspezialist Tony Dungy Head Coach und die Colts jahrein-, jahraus Superbowl-Kandidat. Nach mehreren verheerenden Playoffschlappen schafften die Colts es 2006/07 endlich – und zwar mit untypischem, hässlichem Footballspiel.

Playoffs 2006/07

Für mich sind es die bisher krassesten Playoffs und die mit dem meisten Potenzial für Geschichtsstunden. Im Viertelfinale wurde ausgerechnet in BALTIMORE gewonnen, gegen die Ravens, und zwar mit Ravens-Football: Schmutzig, laufintensiv und defensivstark. Im Halbfinale schafften es die chronisch lethargischen Colts gegen Erzfeind New England zu einem Sensations-Comeback und gewannen ein fantastisches Spiel 38-34. Für mich eines der absolut spannendsten Sportereignisse überhaupt.

Superbowl XLI war hässlich und langweilig. Am Ende triumphierten die Colts gegen die Bears in der ersten Superbowl bei Regen. Und Dungy wurde zum ersten schwarzen Head Coach mit Superbowl-Ring. Und Manning war seinen Ruf als ewiger Looser los.

Seitdem…

…sind die Colts immer wieder knapp gescheitert. Mittlerweile ist der keimfreie Jim Caldwell Head Coach. 2009/10 hätten die Colts um ein Haar eine perfect season hingeknallt. Am Ende setzte es eine Niederlage in der Super Bowl XLIV.

Das Stadion

LucasOil Indianapolis Colts Stadium

Indy mag Retro-Look – ©Wikipedia

Nach langen Jahrem im RCA Dome sind die Colts vor ein paar Saisonen in das brandneue Lucas Oil Stadium (63.000 Plätze) umgezogen. Technisch zweifellos ein herausragendes Werk und auch optisch ein Hingucker. Aber eben auch eines dieser seelenlosen Schicki-Micki-Stadien mit verschließbarem Dach und außen im eleganten Retro-Stil auftretend. Clou sind die Fenster/Tore hinter den Endzonen, die sich öffnen lassen. Im Lucas Oil Stadium findet auch die alljährliche NFL Combine statt.

Rivalitäten

Größte Rivalität der Colts ist der Motorsport. Seit Peyton Mannings Ankunft ist Indianapolis aber schrittweise zur Football-Stadt geworden, was in der Stadt der Indy 500 als bemerkenswert gelten darf.

Historische, sportliche Rivalen sind die Giants (remember: 1958, 1959!) und der langjährige Divisionsrivale Miami. Heute haben sich neben den Ravens, die vor allem dank der Komponente „Baltimore“ zum Rivalen (aber hauptsächlich aus Sicht des Publikums in Baltimore) geworden sind, vor allem die New England Patriots als größter Konkurrent herauskristallisiert.

Obwohl ich eigentlich kein Faible für solche Dinge besitze: Patriots vs. Colts hat sich zu einem jährlichen Höhepunkt der Regular Season (und manchmal Playoffs) entwickelt. Die beiden besten Quarterbacks der Liga, zu Zeiten Dungys zwei der größten Coaches und zwei Mannschaften im permanenten Duell um die Titelkrone. Hier nachzulesen eine Chronik der besten Duelle in den letzten Jahren.

Gesichter der Franchise

Johnny Unitas – QB und Hall of Famer. Führte die Colts über ein Jahrzehnt an und gewann sogar einmal die Super Bowl, trotz allerdings grottiger Leistung.

Peyton Manning – QB. Man muss nicht allzu viel sagen. Gehört zu den besten QBs, die in der NFL herumlaufen. Seit Jahren – und bestimmt noch einige Jahre lang.

Edgerrin James – RB und lange Jahr integraler Bestandteil einer reibungslosen Angriffsmaschine. Den Titel holten die Colts allerdings genau ein Jahr nach James’ Abgang. Wie sehr man seine Dienste schätzte? Sie haben ihm trotzdem einen Ring anfertigen lassen – für die jahrelange konstante Leistung.

Tony Dungy – Head Coach, Sympath und der erste schwarze Cheftrainer mit Ring am Finger. Galt auch mit den Colts lange als zu träge, um zum Titel durchzumarschieren. Mittlerweile zurückgetreten und nur noch so was wie die moralische Instanz im Hintergrund des NFL-Geschehens.

korsakoffs Highlight

Regular Season 2009 gegen die Patriots – es war das beste Spiel der Saison 2009/10, als erst die Patriots die Colts nach Strich und Faden dominierten und dann die Colts ein wahnsinniges Comeback hinlegten. Am Ende bewies Patriots-Coach Bill Belichick, dass er Eier in der Hose hat und spielte bei Sechspunkteführung mit knapp über 2min auf der Uhr ein 4th down in der eigenen Hälfte aus – und scheiterte. Indianapolis konterte und siegte Sekunden vor Schluss 35-34 in einem fantastischen Footballspiel.

Eckdaten

Gegründet: 1953 als Baltimore Colts
Besitzer: Jim Irsay (Hauptberuf: Erbe)
Division: AFC South
Erfolge: NFL-Champ 1958, 1959, 1968, Superbowl-Champ 1970, 2006, Superbowl-Verlierer 1968, 2009, 23x Playoffs (19-19 Siege) – Stand 2013

3 Kommentare zu “NFL-Franchises im Kurzporträt, #5: Indianapolis Colts

  1. Ja, es klingt schon merkwürdig wenn die 40 jährigen Journalisten allen Ernstes einen Johnnny Unitas so behandeln als hätten sie ihn seine ganze Karriere über verfolgt. Den besten Quarterback aller Zeiten zu finden ist ein überflüssiges Unterfangen, ähnlich der Suche nach dem besten Fußballer. Wer will Pelé, Diego und Zizou ernsthaft miteinander vergleichen? Gleiches bei Unitas, Montana und Manning oder bei Jim Brown, Barry Sanders und LD Tomlinson…

  2. Pingback: Das NFL-Archiv wird erweitert « Sideline Reporter

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