Cleveland Browns in der Sezierstunde

Teil 2 der Gastautoren-Woche. Diesmal dran: Der uns schon von den Miami Dolphins bekannte Herrmann von Vier Viertel plus Nachspielzeit, der das daß vehement gegen das dass verteidigt. Viel Vergnügen.

mike holmgren browns

Dauergriesgram Mike Holmgren - ©HDEX

Und am Ende stand für die Browns dann doch ein großer Umbruch. Mal wieder. Nach nur zwei Jahren hat das Regime Eric Mangini sein Ende gefunden.  Das „Mangenius“  ergeht sich nun erstmal in einem Sabbatical während für seinen Defensive Coordinator Rob Ryan (in gleicher Position bei den Dallas Cowboys) und seinen Offensive Coordinator Brian Daboll (in gleicher Position bei den Miami Dolphins; warum auch immer) neue Aufgaben warten. Es ist nicht so, daß Mangini mit seinem Staff furchtbar schlechte Arbeit abgeliefert hätte, aber unterm Strich waren es in zwei Spielzeiten nur 10 Siege und jetzt will anscheinend der 2010 angeheuerte Team President Mike Holmgren, der Manginis Gruppe übernommen hatte, alle wichtige Position mit seinen Leuten besetzen.

Umbau

Aus St. Louis hat Holmgren sich den Offensive Coordinator Pat Shurmur geangelt und ihm den Cheftrainerposten übertragen. Der Plan hinter dieser Verpflichtung scheint klar zu sein: Holmgren will das System,  in dem er seine ganze Karriere verbracht hat, auch in Cleveland installieren – die West Coast Offense.  Shurmur scheint dafür die Idealbesetzung zu sein. Von 1999 bis 2008 war er Quarterbacks Coach bei den Philadelphia Eagles, wo er die West Coast Offense unter Head Coach Andy Reid von der Pike auf lernte. Nicht ganz zufällig hat Reid selber das System bei den Green Bay Packers aufgesogen – unter dem HC Mike Holmgren. Der Fokus liegt also auf der Offense.

Secondary

Die Defense war auch nicht das Riesenproblem. Prunkstück war die Secondary mit den beiden soliden Cornerbacks Sheldon Brown und Eric Wright. Letzterer hat im November seinen Platz in der Startelf an 1st-round pick Joe Haden verloren – der eine Offenbarung war.  Den junge Mann von der University von Florida hat sich mit Wide Receivern wie Mike Sims-Walker, Brandon Marshall, Steve Smith (Carolina) , T.O.cho und Mike Wallace auf Augenhöhe gemessen. 

Was in der Pass-D schmerzlich vermißt wurde, war ein aggressiver Pass Rusher. In Teilen konnte das durch die komplexen Systeme und Blitzes von Rob „ich bin auch ein Verteidigungsgenie wie Rex“ Ryan wettgemacht werden. Im Laufe der Saison gaben die Browns nur drei Mal mehr als 300 Yards durch die Luft ab: bei den beiden Siegen gegen die Bengals (Woche 4) und gegen die Saints (Woche 7) sowie im letzten, völlig lustlosen Auftritt im Dawg Pound gegen die Steelers.  Vor allem dieser Part der Defense hat Ryan seinen neuen lukrativen Posten bei den Cowboys beschert.

Lauf-D

Sehr mäßig dagegen war die Arbeit gegen den Lauf.  Anstelle einer Festung hatte man dort nur eine Sandburg.  Lediglich dreimal hielt man den Gegner unter 100 Yards, darunter waren auch die beiden Siege gegen Cincinnati und New England. Ansonsten konnten die Gegner die gute Secondary getrost ignorieren, weil man problemlos ein 1st Down nach dem andern erlief.  Der riesige – und mittlerweile alte – Shaun Rogers schickte an seiner statt immer nur eine schwächliche Kopie des alten Rogers aufs Feld, der talentierte DT Ahtyba Rubin muß unbedingt DT in einer 4-3-D spielen und nicht Nose Tackle in einer 34 und auch die beiden DEs Schaefering und Coleman sind in einer 3-man-front Fehlbesetzungen. Die LBs Eric Barton, Chris Gocong und Matt Roth sind gut, aber in einer Division mit Pittsburgh und Baltimore reichen nur „gute“ LBs nicht aus.

In der Front Seven herrscht dringender Verbesserungsbedarf. Immerhin wird unter dem neuen DC Dick Jauron, der schon seit gefühlt 1000 Jahren in der NFL coacht, wieder auf die 4-Mann-Linie umgestellt, in welche die meisten Spieler wahrscheinlich besser passen werden.

Offense

Wenn man aber Spiele verliert, in denen die Defense sechs Ballverluste verursacht ( in Jacksonville), die gegnerische Mannschaft nur 17 Punkte macht (in Tampa Bay), 16 (gegen Kansas City),  19 (in Cincinnati) oder gar nur 13 (in Buffalo), dann merkt man sehr schnell, daß die Offense die große Problemzone ist.  Gelitten hat der Angriff unter chronischer Eindimensionalität, Kreativlosigkeit, Ballverlusten, den vielen Wechseln auf der Quarterback-Position und Verletzungspech.

Quarterbacks

Weil der Fisch ja bekanntlich immer vom Kopfe her stinkt, zuerst zur Spielmacherposition. Aus nicht erfindlichen Gründen haben die Browns vor der Saison Jake „Turnover“ Delhomme für $7 Millionen verpflichtet; zusammen mit den $12,7 Millionen, welche die Panthers ihm noch schuldeten, aber gerne berappten, um ihn loszuwerden, summierte sich Delhommes Einkommen für die Saison 2010 auf fast $20 Millionen.  Am Ende hat er nur die Erwartungen in Sachen Interceptions erfüllt – sieben in fünf Spielen .

Colt McCoy

Noch etwas grün, aber mutig: Ex-Longhorn Colt McCoy - ©Wikipedia

Weil er sich aber gleich im ersten Spiel verletzt hatte,  durfte sich zwischendurch  Seneca Wallace, vor der Saison von Holmgrens ehemaligem Brötchengeber Seattle Seahawks gekommen, für vier Spiele als Starting-QB  versuchen.  Ab Woche 6, nach Verletzung von Wallace, durfte dann auch mal Rookie Colt McCoy als Starter ran. McCoys ersten vier NFL-Starts waren gegen die Kaliber Pittsburgh, New Orleans, New England und die NY Jets. Nach vier Niederlagen in den ersten fünf Spielen war es dann doch überraschend, daß Cleveland von diesen vier Spielen zwei, gegen die Saints und Patriots, gewinnen konnten und es gegen die Jets dann immerhin in die Overtime schafften.

Anschließend hat sich dann aber auch McCoy am Knöchel verletzt, wie vorher schon die anderen beiden QBs. So hat Delhomme nochmal für sein Geld gearbeitet, bevor McCoy in den letzten drei Spielen der Saison wieder das Zepter in die Hand bekommen hat. McCoy war nicht überragend, aber er hat immerhin oft genug so gut ausgesehen, daß die Browns mit ihm als Starter in die nächste Saison ziehen sollten.

Zurück in Holmgrens Zukunft?

peyton hillis

Neuer Browns-Star: Peyton Hillis, ex-Broncos - ©Flickr

Durch die Instabilität und durch das ikarusgleiche Aufsteigen von Running Back Peyton Hillis hat man die Offensivstrategie um das Laufspiel herum aufgebaut. Hillis kam vor der Saison im Tausch für ein Paar Schuhe und einen Satz Turnhosen aus Denver, wo man meinte, auf seine Talente verzichten zu können.  Der ehemalige Fullback mit seinem bulligen Körper hat für alle Beteiligten und Beobachter völlig überraschend gespielt wie Brandon Jacobs in den Träumen aller Giants-Fans. Er rennt Verteidiger einfach über den Haufen, trampelt über sie hinweg und schubst seine Gegner aus dem Weg als wäre er der Linebacker, und nicht der arme Typ, der versucht, ihn zu tacklen.

Daß so eine Leistung auch in Cleveland niemand erwartet hätte, verdeutlicht die Verpflichtung Montario Hardestys, der letztes Jahr in der zweiten Runde gedraftet wurde, um den Feature-Back zu geben. Nur hat dieser sich leider verletzt und konnte nicht einen Snap spielen.

Jetzt ganz plötzlich sieht es aus, als hätte der Weltgeist (oder Holmgren) ein Bild gemalt – und die Vorlage waren die San Francisco 49ers der 80er Jahre. Im Backfield  hat man zwei Brecher, die sowhohl laufen, überlaufen und fangen können (Hillis hatte neben seinen 1177 Rushing Yards auch 61 Receptions für 477 Yards) mit Hillis und Hardesty (Roger Craig und Tom Rathman), der Quarterback ist ein wenig zu klein geratener 3rd-round Pick, der für die West Coast Offense geschaffen wurde mit Colt MCCoy (Joe Montana) und eine O-Line die zumindest auf der linken Seite junge hervorragende Leute hat mit Left Tackle Joe Thomas,  LG Eric Steinbach und C Alex Mack.

Dazu kommt der neue HC Pat Shurmur aus der West-Coast-Schule Andy Reids, der sein Handwerk bei Mike Holmgren gelernt hat, der, genau, seine Ausbildung in den 80ern bei den 49ers genossen hat. So schließt sich der Kreis. Was fehlt ist Stabilität auf der rechten Seite der Linie und mindestens ein großartiger Wide Receiver, es muß nicht gleich ein Jerry Rice sein, ein Dwight Clark würde für den Anfang reichen.

Achterbahn

Wir sind, bis auf kurze Einschübe, gar nicht auf die Spiele an sich eingegangen.  Man kann die Saison 2010 der Browns dreiteilen.  In den ersten sechs Wochen gewann Manginis Truppe nur ein Spiel; die Offense produzierte mehr Turnovers (12) als Touchdowns (10).  Nach diesem 1-5-Start war die Saison im Grunde schon wieder zu Ende. Cleveland aber rappelte sich auf und gewann nacheinander in New Orleans und gegen New England.  In der darauffolgenden Woche kämpfte man die Jets bin die Verlängerung,  die leider in die Hose ging bevor man einen Sonntag später gegen Jacksonville ein unerklärliches Spiel verschenkte:  die Defense sorgte für sechs Turnovers plus einen Fumble-Return-TD, aber die Offense wußte damit nichts anzufangen und die Jags siegten 24-20.

Mittlerweile sahen die Braunen aus Ohio wie ein richtiges Team aus, eines mit schwächlicher Offense zwar, aber man konnte gegen alle Kontrahenten mithalten und nach Erfolgen gegen Carolina und Miami hatte man vier der letzten sechs Spiele gewonnen.  Den dritten Teil der Saison bildeten dann aber vier Schlappen in Folge, zuerst ein peinliches 6-13 in Buffalo, danach gegen die drei Divisionsrivalen Bengals, Ravens und Steelers. In diesen vier Matches schafften es nur 42 Punkte auf die Anzeigetafel.

Aussichten

Der Entwicklungsprozeß von Colt McCoy, der seiner jungen Receiver Brian Robiskie, Mohamed Massaquoi und des 2,01m großen TE Evan Moore sowie das Einsteigen des letztjährigen 2nd-round pick RB Montario Hardesty, sollte unter der neuen Offensivphilosophie von Cheftrainer Pat Shurmur deutlich besser werden. Wenn dann auch noch Allzweckwaffe Joshua Cribbs besser eingebunden wird, ist Clevelands Angriff auf einem gutenWeg. Das einzig große Manko ist der fehlende Deep Threat und No.1-WR.

Zuallererst braucht man aber Beef für die D-Line, die unter dem neuen Defensive Coordinator Dick Jauron wieder zu viert auftreten wird, nachdem man unter Rob Ryan vorne mit der 34 stand. So verlockend es auch ist, mit dem sechsten Pick der Draft die Talente A.J. Green oder  Julio Joners zu draften, sollte man einen 4-3-DE wie Robert Quinn draften oder Marcell Dareus beziehungsweise Nick Fairley picken, so sie denn noch verfügbar sind.  Später, ab Runde zwei, muß man sich dann um einen WR, einen LB  und Verstärkung für die rechte Seite der O-Line kümmern.  Die Browns können nächstes Jahr dann durchaus bis November oder Dezember um die Playoff-Plätze mitspielen, nur für den großen Erfolg reicht das Spielermaterial noch nicht aus. Aber das Fundament ist gelegt.

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