San Francisco 49ers in der Sezierstunde, die erschte

Was tun, wenn du stundenlang im Auto sitzen musst, wenn es in deiner Region keine annehmbare Hitradiostation (oder überhaupt einen auf deine Geschmacksnerven treffenden Radiosender) gibt, wenn deine AC/DC-Kollektion dir bereits zum Hals heraushängt?

Existenzielle Fragen im vergangenen Herbst. Und glücklicherweise eine brauchbare Antwort. Sie nannte sich „49ers Fanzone Webradio“. Drei Jungs, alle 49ers-Fans, und ihr zirka (Standardabweichung eher hoch) eineinhalb Stunden langer, wöchentlicher Podcast zur 49ers-Saison.

Zeitsprung: Frühjahr 2011. Auf der Suche nach Gastbeiträgen für meine „Sezierstunden“ kehrte die Erinnerung an das 49ers-Webradio zurück. Und siehe da: Die Webradio-Macher Martin, Reiner und Chris von der 49ers Fanzone haben sich dankenswerterweise bereit erklärt, eine etwas andere Art Sezierstunden über die San Francisco 49ers zu gestalten und sich meinem Fragen-Nonett (?)  gestellt.

Das Ergebnis in Salamiform, beginnend mit dem ersten Doppelpack:

#1 Zwischen all den furchtbaren Vorstellungen haben die 49ers 2010/11 immer wieder Anzeichen von Brillanz durchschimmern lassen. Wie kann es sein, dass eine Mannschaft so wechselhaft auftritt? Oder anders gefragt: Hat Schleifer Mike Singletary dem Spielsystem der 49ers die Fesseln so eng angelegt, dass jeglicher Spielwitz analog zum FC Bayern verloren gehen musste?

* Chris:

Mike Singletary wollte ein System spielen lassen, das funktionieren kann. Mit dem Kader der 49ers war es nicht einmal eine so abwegige Idee, dass der Lauf die Stärke der Offense sein würde. Ein guter Running Back, eine grosse und kräftige Linie, Tight Ends, die blocken können und eine unsichere Situation auf der „nicht so wichtigsten“ Position im Football. Der Plan war also nicht so abwegig. Das Problem war, wie in den Jahren zuvor, die Umsetzung. Die klappte sicherlich immer wieder mal ganz gut, was zu den „Flashes of Brillance“ führte, doch fehlte über weite Strecken die Innovation und Anpassungen im Spiel, was darin endete, dass man eben keine Konstanz ins Spiel brachte. Neben dem teilweise sehr schwachen Gameplanning kamen des Öfteren auch noch individuelle Fehler hinzu.

Die Defense profitierte in der vorletzten Saison klar von Singletary. Die Umstellung auf ein klares 3-4 Schema verhalf dem Team zu einer ansprechenden Defensivleistung. Doch zeigt sich in den Sackzahlen wiederum das Fehlen von Innovation. Mit dem praktisch gleichen Personal verschlechterte sich der Pass Rush um ganze 10 Positionen im Ligavergleich.

Das Problem ist vielschichtiger, als dass man es auf ein zu eng angelegtes Korsett der Systeme zurückführen könnte. Doch die „Flashes of Brilliance“ – die es ja auch in der Karriere von Alex Smith immer wieder gab – zeigen, dass es eigentlich gehen könnte, wenn man denn flexibler, innovativer und professioneller im Gameplanning gearbeitet hätte.

* Reiner:

Keine Ahnung, was der FC Bayern so treibt, aber bei den 49ers war Singletary und seine altbackene Ansicht von Offense sicher ein Hemmschuh. Wer auch immer letztlich der Grund war für mangelndes Game Planning und für die nur selten zu spürenden Anpassungen im Spiel: es ist Mike Singletary, der als HC letztlich die Verantwortung trägt. Wenn die Niners, besonders nach dem Wechsel auf der Position des Offensive Coordinators, mal das Playbook geöffnet haben konnte man immer mal wieder sehen, dass durchaus Potenzial vorhanden war. Doch mir scheint, dass Singletary darüber immer wieder erschrocken ist und wohl gedacht hat, dass das unmöglich weiterhin so funktionieren kann. Daher hat er dann weiteren Bemühungen, die Offense „moderner“ auszurichten, wohl einen Riegel vorgeschoben. In der Defense hat er es wenigstens hinbekommen, dass die zweifelhafte „Hybrid-Defense“ unter Mike Nolan abgeschafft und konsequent auf eine 3-4-Defense gesetzt wurde. Das war der richtige Schritt, aber die Defense wirkte oft, als wären ihnen Fesseln angelegt worden. Viel zu wenig wurden die Möglichkeiten der 3-4 genutzt, was Blitzes angeht. Auch ein Grund, warum die Defense bei weitem nicht das gezeigt hat, was man sich von ihr erhofft hatte.

* Martin:

Ich verstehe nicht viel von Fußball, daher fällt es mir schwer, hier eine Analogie herzustellen. Allerdings kann ich eins sagen, der FC Bayern weiß, was er für Spieler hat, wie er mit diesen umgehen und vor allem diese einsetzen muss.

Er wollte Gewinner, hat sie aber nicht in die Lage versetzt, zu gewinnen. Mit Football aus den 80ers gewinnt man heute nicht mehr viel. Auch das ständige Wechseln des QBs war sicher nicht hilfreich. Man hat hier gesehen, dass er keine Ahnung davon hat, wie man mit bestimmten Positionen / Spielern umgehen muss. Man gewinnt das Spiel nicht mit 2/3 vorhersehbaren Runs, sondern ist auf den QB angewiesen. Um es einem nun gefällt oder nicht, aber langfristiger Erfolg hängt im Football zu einem großen Maße von dieser Position ab. Motivationsfähigkeit und das Erreichen physischer Stärke ist notwendig, können aber massive taktische Defizite nicht ausgleichen. Der Spielwitz ist den Spielern sicher nicht verloren gegangen – er fehlte den Coaches. Auf beiden Seiten des Balles. Auch in der Defense war man oft zu konservativ / durchsichtig. Auch hier ist Wille und ein Teil des Erfolgs.

Ich muss hier Chris widersprechen, das System konnte nicht funktionieren, weil es für Football im 21. Jahrhundert nicht mehr geeignet ist. Es war zu einseitig und damit viel zu durchsichtig. Besonders gut war dies im Spiel gegen die Chiefs zu sehen. Ich habe noch nie ein Spiel der 49ers gesehen, in dem man dermaßen „out-coached“ wurde.

#2 Mit Strahlemann Jim Harbaugh ist nicht nur der optisch krasse Gegensatz zu Mike Singletary verpflichtet worden, sondern auch so etwas wie der Wunschcoach. Wird sich Harbaugh im Haifischbecken NFL durchsetzen können, wenn er es 30 Meilen weiter südlich kuschelig & schnuckelig gehabt hätte?

* Chris:

Jim Harbaugh

Jim Harbaugh - Foto: Wikipedia

Wenn ich jetzt sagen könnte, ob sich Jim Harbaugh durchsetzen kann,  wäre ich vermutlich sehr reich, denn Jed York müsste diese  Information Millionen wert sein. Spass beiseite. Es war der richtige  Schritt, nach der Nolan-Singletary-Ära einen Schlussstrich zu ziehen und über die Bücher zu gehen. Die San Francisco 49ers hatten einmal  eine Identität. Spricht man von den guten alten Zeiten, so spricht  man über attraktiven Offensivfootball. In den letzten neun Jahren  ging diese Identität leider verloren. Mit Jim Harbaugh soll nun diese Identität zurückkehren. Die NFL ist sehr kompetitiv, doch das  ist Jim Harbaugh auch. Die 49ers haben es leider miterleben müssen,  wie zwei Rookie Head Coaches gescheitert sind. Die Vorzeichen bei  Harbaugh sehen aber anders aus. Harbaugh hat schon als Head Coach  gearbeitet. Dabei konnte er sich im College aber nicht auf ein  Überteam – à la Alabama, usw. – verlassen, sondern war mit  beschränktem Spielerpotential und gutem Coaching  erfolgreich. Harbaugh ist sehr ehrgeizig, wie man hört. An  Herausforderungen wächst man und nur die Zeit wird zeigen, wie  erfolgreich Harbaugh diese Herausforderung meistert.

* Reiner:

Harbaugh ist zwar kein Hall of Famer, aber er ist ehemaliger Quarterback. Und als solcher weiß er viel eher, wie die Offense tickt als Singletary. Außerdem ist er in seiner Spielauffassung wesentlich moderner als Singletary, auch wenn bei Harbaugh der Run sicher ebenfalls eine wichtige Rolle spielen wird. Ich denke, dass Harbaugh sich nicht zuletzt wegen der moderneren Spielauffassung und wegen des besseren Verständnisses der Offense durchsetzen wird. Ganz nebenbei hoffe ich es natürlich auch, sonst stehen den 49ers noch sehr viele schwere Jahre bevor. Ob sich Harbaugh durchsetzen kann hängt meines Erachtens auch nicht davon ab, ob er es anderswo kuschelig gehabt hätte, sondern von seinen Entscheidungen als HC in der NFL. So, wie er sich bisher in Interviews gezeigt hat, macht Harbaugh auf mich nicht den Eindruck, als ob er sich nach Geborgenheit in Stanford sehnt. Er nimmt die Herausforderung NFL an und geht mit allem Elan daran, das Optimale zu erreichen, und er bringt aus seiner Karriere hinreichend Erfahrungen mit, um in der NFL zu bestehen, auch wenn er hier bisher noch nicht als OC oder HC gearbeitet hat.

* Martin:

Also ich halte den Begriff „Strahlemann“ für völlig verfehlt! Er hat Spaß an dem was er tut – und das sieht man. Man sieht aber auch, wie ernst er seinen Job nimmt.

Die NFL ist für ihn sicher kein Haifischbecken. Viel mehr NFL-Erfahrung kann man von einem Headcoach kaum erwarten. Und er wollte zu einem Top-Team, bevorzugt in der NFL. Standford war nur ein Sprungbrett und realistisch gesehen hat er dort schon den größt-möglichen Erfolg gehabt.

Jim Harbaugh war aus verschiedenen Gründen der Wunsch-Coach des Teams: Offense-minded, Erfahrung in der Entwicklung von QBs, modern, organisiert und strukturiert und wenn man den Gerüchten glauben darf sehr gut in der Bewertung von College QBs. Er wird – hoffentlich – die West Coast Offense wieder zurück in ihre Heimat bringen. Dies bedeutet mehr Balance in der Offense. Aufgrund der CBA Situation aber vor allem der QB Situation in San Francisco kann man im Jahr 2011 keine Wunder erwarten, zumal auch die Defense, trotz Beibehaltung der 3-4, ein neues System bekommen wird. Er wird viel arbeiten und das Maximum aus dem Team holen – etwas was weder Erickson noch Nolan noch Singletary vermochten. Im Prinzip korrigiert man den Fehler, Mooch entlassen zu haben – nur halt mit Harbaugh, der an einem ähnlichen Punkt steht, wie Mariucci vor seinem Wechsel von Cal zu den 49ers.

Morgen geht es an dieser Stelle weiter.

Weitere Sezierstunden: Hier entlang.