NFL Draft 2011 Countdown T-minus 8 – Die Quarterbacks

Quarterbacks stehen in Amerika im Fokus wie keine andere Position. Und das sportartübergreifend. Quarterbacks sind Halbgötter oder Versager, Sieggaranten oder Schuldige am Scheitern. Sie sind diejenigen, die einer Mannschaft ein Gesicht geben.

Das Gesicht des NFL Drafts 2011 ist schon vor Monaten verschwunden. Ausgerechnet im Jahr des Quarterbacks (kein Witz) hat sich QB Andrew Luck von der Stanford University frühzeitig gegen die NFL und für ein weiteres Jahr College entschieden. Lucks Rückzieher hat die Tore für eine ganze Horde unterschiedlichster QB-Typen geöffnet.

Die im Rampenlicht

Die Katze – Statt des meistgehypten QB-Anwärters seit Jahren gilt nun QB Cam Newton von der Auburn University als aufregendster Mann. Über Cam Newton ist vieles gesagt und geschrieben worden. Großgewachsen wie ein Wide Receiver, athletisch wie ein verkappter Running Back, geschmeidig wie eine Katze. Ein Wurfarm, der in manchen Polizeirevieren unter die Waffenscheinpflicht fallen würde. Aber auch ein Senkrechtstarter, gekommen aus dem Nichts und völlig unerfahren in NFL-ähnlichen Spielsystemen.

Ich wurde auf Newton aufmerksam in einer Samstagnacht im letzten Oktober. Augen nach durchzechter Nacht inklusive Samstags-Seminar nur noch dank Zahnstocher auf Halbmast. Und dann, irgendwann im ersten oder zweiten Viertel gegen die LSU Tigers zündete irgendwo auf dem Spielfeld ein Turbo – der Co-Kommentator spritzt sich fast einen ab mit seiner acceleration, obwohl… oh my gosh trifft es schon recht genau.

In der Combine glänzte Newton durch eine Serie an Fehlwürfen und sorgte später für aufjaulende Alarmsirenen, als er seine Vision vom Helden und Werbesuperstar preisgab. Wer solches von sich gab, ist meist schnell von der Bühne „NFL“ verschwunden – sagt die Erfahrung.

Ein wenig euphorisches Bild von Newton zeichnet Nolan Nawrocki (Pro Football Weekly):

Very disingenuous — has a fake smile; comes off as very scripted and has a selfish, me-first makeup; Always knows where the cameras are and plays to them.  Has an enormous ego with a sense of entitlement that continually invites trouble and makes him believe he is above the law; Lacks accountability, focus and trustworthiness; Not dependable.

Starker Tobak. Aber der Beobachter dieser Macken hat einst ein überraschend präzises „Gutachten“ zu Jabustus Russell geschrieben.

Der Profiteur – Ebenso scheinbar aus dem Nichts ist Mizzous Blaine Gabbert geschossen. Gabbert ist ein Hüne von einem Mann. Entscheidungsfreudig, aber profillos und mit seinen traurig dreinblickenden Augen stets im Halbschlaf wirkend. Aus Gabberts College-Zeit bleibt das Eli-Fieber übrig (Stichwort aufgescheuchtes Huhn unter Druck). Und Bälle, die zwei Meter links oder einskommasieben Meter rechts am Receiver vorbeisegelten. Gabbert ist IMHO ein Produkt des Medienhypes, der auflagenbedingt nach Lucks Rückzieher einen „Nachfolger“ als #1-QB aufbauen musste.

Positiv: Es wird nicht lange über Blaine Gabberts Arbeitmoral debattiert. Gabbert – gefühlt der Typus QB, der Ende der 1. Runde gedraftet wird, die letzten 2-3 Spiele im ersten Jahr startet und dann leise, ganz leise, die Offense übernimmt. Aber als #1-Pick?

Ick weiß nicht. Ich würde die Finger von Newton und/oder Gabbert lassen.

Gabbert/Newton gelten als die beiden Top-QBs im Draft. Nicht ausgeschlossen, dass Carolina einen an #1 draftet. Aber auch nicht unmöglich, dass nur einer oder gar keiner von beiden in den Top 10 weggeht – obwohl, es draften immer noch Amerikaner.

Die Garde eins b bis zwei

Das dunkle Pferd – Der Hinter dem Spitzen-Duo hat sich als #3 Washingtons Jake Locker positioniert. Locker galt vor einem Jahr als Top-Pick, entschied sich aber für ein weiteres Jahr am College. Keine gute Entscheidung. Locker hat seit einer faden Vorstellung gegen Nebraska Ende September immer schwächere Leistungen gezeigt und ist in sämtlichen Big Boards abgestürzt. Großartige Athletik zeichnen Locker im positiven Sinne aus. Aber Locker hat die Tendenz, in schöner unregelmäßiger Regelmäßigkeit sehr ungenaue Würfe einzustreuen. Gilt als zu entwickelnder Risiko-Pick für die erste oder frühe zweite Runde, vielleicht Seattle, die einen Nachfolger für Matt Hasselbeck brauchen. Damit könnte Locker auch gleich in der Stadt bleiben.

Hm. System- und Coachingfragen mal zur Seite geschoben. Ich bin bei allen dreien sehr skeptisch. Als Einschub: Auch bei Herrmann/Vier Viertel ist die QB-Frage schon thematisiert worden. Subjektiv und analytisch:

Subjektiv (in den Kommentaren)
Analytisch

Hinter den Top 3 folgen eine Reihe QBs, die es unter Umständen in die erste Runde schaffen könnten. Auffallend ist die breite Vielfalt.

Der Kokser – Da wäre zum ersten QB Ryan Mallett, der ehemalige QB der Arkansas Razorbacks und Michigan Wolverines. Mallett ist gesegnet mit einem Wurfarm, der Freunde des „vertikalen Spiels“ die Höschen nässt, aber auch umrankt von zwiespältigen Gerüchten. Mallett ist ein Produkt einer Bobby-Petrino-Offense und fast alle Bobby-Petrino-Quarterbacks gelten als NFL-Flops. Da wird man schnell mal in Sippenhaft genommen. Schlimmer noch: Mallett gilt als eigensinniger und lernresistenter junger Mann und ist umweht von Koks-Geschichten. Nichts Genaues erfährt man nicht, aber auch wenn niemand konkret wird, so soll Mallett einen verheerenden Ruf unter dem Großteil der Scouts genießen. Für Mallett zeigt der Pfeil nach unten.

Scout: Mallett ist so beweglich wie eine Scheibe Schüttelbrot.
Malletts Reaktion: Ich bin eben kein Vick.

Eigentlich keine schlimme Reaktion. „Eigentlich“, aber wenn du mal in der Schublade steckst…

Der Ruhige – Auf dem aufsteigenden Ast ist dagegen QB Christian Ponder von der Florida State University. Ich habe Ponder dank einer befreundeten FSU-Studentin seit Jahren etwas genauer verfolgt und muss sagen: Ich verstand nie, was man (bzw. frau) an Ponder so großartig fand. Statur und Anlagen passen, Ponder soll ein Leadertyp par excellence sein und ein helles Köpfchen, aber im Spiel selbst war Ponder nie der dominante Mann. Fand ich. Nun stand Ponder bei mir dank der Bodyguard-Geschichte auch im Ruf des Schnösels, aber mittlerweile finde ich ihn immer mehr angenehm bescheiden und bin immer mehr Fan geworden. Kandidat für die zweite Runde, der mit ein, zwei Jahren Aufbauarbeit vielleicht wirklich irgendwann mal das Franchise-Gesicht in einer quicken Kurzpass-Offense geben kann. Größtes Fragezeichen sind seine anhaltenden Schulterprobleme (Matt Stafford, anyone?).

Der Schotte – Seit der begeisternden Rose Bowl ist auch Andy Dalton bei mir hoch im Kurs. Dalton hat dank Sommersprossen und roten Stoppelhaaren ein eher „britisches“ Äußeres und erinnert eher an einen schottischen Säufer denn einen Franchise-QB, aber man sollte den TCU-Abgänger Andy Dalton ernst nehmen. Obwohl nicht der größte QB, hat Dalton keinen Schiss vor schneller Entscheidungsfindung und ich unterstelle ihm jetzt einfach mal eine satte Portion Arbeitsmoral.

Die lange Nase – Glaubt man einigen wenigen Fachmedien, so könnten auch noch Colin Kaepernicks Aktien im letzten Moment steigen. Der lange Schlacks mit dem Kanonenarm hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Geboren als Mischlingskind in Wisconsin, aufgewachsen und gehänselt von seinen Klassenkameraden als adoptierter Trabant in Kalifornien. Auf der Suche nach einem geeigneten College wurde Kaepernick von Boise State abgewiesen. Auf dem Rückweg nach Hause machte Kaepernick kurzentschlossen einen schnellen Zwischenstopp in Reno, Nevada. Resultat: Kaepernick ist heute einer der besten Wolfpack-Spieler ever. Im vergangenen Herbst putzte Kaepernick in einem denkwürdigen Spiel Boise State 34-31 in der Verlängerung. Über dieses und jenes und einen coolen Zwischenfall in einem Sportladen hat die New York Times im vergangenen Sommer geschrieben.

Best of the Rest

Wir kommen zum Rest. Zu den Spielern, wo Scouts Jahr für Jahr den „nächsten Tom Brady“ suchen.

Greg McElroywelcome back. Ich mag McElroy, obwohl ich in ihm keinen Mann für die ganz große Verantwortung sehe. Wenn es eng wurde, tendierte mir McElroy stets zu eher unüberlegten Leistungen. Aber McElroy ist ein hoch intelligenter Knabe (Wonderlic: 48 ist nicht überraschend), sehr gebildet und bescheiden. Der nette Typ von nebenan. Ein Backup, der keinen Stunk macht und den du für zwei Viertel für deinen verletzten Starter einwechseln kannst.

Pat Devlin galt vor drei Monaten als potenzieller Überraschungs-QB, aber aus nicht ganz klaren Gründen hat die Delaware/Joeflacco-Magie nicht bis zum Draft durchgehalten und Devlin wird allenfalls eine Chance für die Runden 5-7 eingeräumt.

Iowas Ricky Stanzi ist zu ungeschliffen für einen hohen Pick. VTs Tyrod Taylor ist zwar der vermutlich beweglichste aller Quarterbacks, steht aber neben den Schuhen, wenn es um tiefe Bälle geht. Vielleicht wird er umgeschult. North Carolinas T.J. Yates gilt als recht beschränkt, aber als potenzieller ruhiger Backup-QB, als Teamplayer. Ob es überhaupt reicht, um gepickt zu werden?

Von einem absurd kleinen College kommt QB Joshua Portis, der auf diesem Blog schon gelobt wurde. Portis hat in der Division II gespielt, an der California University of Pennsylvania. Wer das College nun in Kalifornien sucht, wird rund 2000 Meilen daneben liegen. Das College liegt in California, PA, nicht in Kalifornien. Portis selbst war einst Backup von Tim Tebow (wie übrigens auch Cam Newton) an der University of Florida und hat später mit Ladendiebstählen für Action gesorgt.

Völlig unbekannt ist QB Mike Coughlin, ein ehemaliger Boise State Bronco. Coughlin stand in Boise im Schatten von Kellen Moore, und soll einer der meistunterschätzten Leute des Drafts sein.

Um es am Ende mal geschrieben zu haben: Ich wäre als GM tatsächlich nur an Ponder und Dalton interessiert. Newton nur dann, wenn ich einen intelligent/kreativen Coach in einer beschaulichen Umgebung mit geduldigen Fans habe – bloß, wo in der NFL-Welt kriege ich sowas?

8 Kommentare zu “NFL Draft 2011 Countdown T-minus 8 – Die Quarterbacks

  1. Erstmal, tolle zusammenfassung.
    Zweitens. Ich habe was die QB´s dieses Jahr betrifft überhautpt keine Ahnung. Ich kann nur sagen geefält mir weil, oder gefällt mir nicht weil.
    Bei Dalton gefällt mir alleine die Tatsache, dass er aus einem Underdog, ein Team gemacht hat das viele, viele Spiele gewonnen hat. Deswegen mag ich Dalton. Bei Kaepernick geht es in die selbe Richtung, wobei ich finde, dass er noch ein Stück mobiler ist.
    Bei Mc Elroy, gefällt mir sein Arm, die Brain Dead Entscheidungen wie bsp die späten INT gegen Nebraska? und Auburn, denke ich ist weg zu coachen.
    Stanzi hab ich nur einmal in voller länge gesehen (gegen Northwestern) Da fand ich ihn gut.
    Von Newton weiß ich nicht was ich halten soll. Bin mir aber sicher, dass er in den Top 5 gepickt wird.

  2. wenn ich mich nicht irre, hat er in diesem spiel vs LSU dreimal mit dem selben Spielzug nen TD erlaufen… im College war er absolut elektrisieren und es hat spaß gemacht ihm zuzusehen…trotzdem wäre ich überrascht wenn er NICHT floppt!

    bin gespannt ob die Colts in der 2nd/3rd Runde einen QB draften …

  3. Wow, viel Lesestoff und wenn das so weiter geht, dürften bis zum Donnerstag ja keine Fragen mehr offen bleiben 🙂

    Ich glaube immer noch dass Carolina einen QB braucht und ich glaube immer noch dass Blaine Gabbert die beste Option ist. Obwohl… die Experten sehen ja mittlerweile fast unisono Cam Newton vorne, von dem ich bisher zwar nur Highlights gesehen habe und keine richtigen Spiele, aber das sah schon mal klasse aus. Kann mir bei seiner Wurfbewegung durchaus vorstellen dass Newton in der NFL sich durchsetzt, da war bsp. Tebow weit davon entfernt.

    Für mich ist Locker ein toller Typ und ich glaube, der wird sich in der NFL durchsetzen! Ich hoffe, man gibt ihm eine Saison zum Einlernen und dann erst die Spiele. Ditto Ponder.

    Die anderen hatte ich eher wenig auf dem Radar, vor allem Keapernick, der ja ein sehr bescheidener Typ zu sein scheint und einer mit Humor 😉

    Also: Gabbert nach Carolina, Newton nach Cincinnati, Locker nach Seattle, Ponder nach Indy und Mallett nach Oakland und die Sache ist geritzt.

  4. Um ein paar Gedanken zu Chris Ponder zu ergänzen…

    Chris Ponder hat an der FSU den Ruf, ein sehr wechselhafter Spieler gewesen zu sein. In etwa so: Eine Woche bester Quarterback der Nation, in der nächsten Woche kurz vor der Auswechslung – okay, leicht übertrieben, aber Chris Ponder lief ein Ruf voraus (physisch irre talentiert), dem seine Leistungen nicht gerecht wurden. Wenigstens nicht durchgängig.

    Chris Ponder wird in die FSU-Historie eingehen als der antizyklische Quarterback. Spielte er gut, waren die Noles schlecht. Und umgekehrt. Seine beste Saison 2009 war die schlechteste der Noles. Ich war in seiner ersten Saison 2008 ein paar Mal im Stadion und Chris Ponder wurden seine Fehler verziehen. Er spielte nicht gut, aber die Noles waren richtig gut und gehörten zu den besseren Teams.

    Jetzt, wo Chris Ponder gehen muss und möglicherweise eine gute Zukunft in der NFL vor sich hat, sind die Noles plötzlich Titelmitfavorit.

    Trotz aller Unbeständigkeit war Chris Ponder an der FSU höchst angesehen. Die Medien liebten ihn und auch die Studenten. Ponder war selbst ein exzellenter Student und hat sein Studium in Windeseile mit Bestnoten abgeschlossen. Vom Abschreibe-Skandal war er nicht betroffen.

    Deswegen hat man in Tallahassee an der FSU auch das Gefühl, dass zwar nicht sportlich, aber doch menschlich sowas wie eine Ikone abhanden gekommen ist.

    Ich hoffe, er kriegt an einem aussichtsreichen Ort eine Chance und nicht in einer Chaos-Truppe wie zum Beispiel Oakland oder Washington. Traum wäre natürlich Jacksonville, was auch nicht für ausgeschlossen gehalten wird. Good luck Christian Ponder.

  5. Ich habe gelesen, die Pats seien an Ryan Mallet interessiert. Eigentlich passt der bei dem Vorstellungsprofil überhaupt nicht zu Belichik und den Pats…

    McElroy fand ich klasse, auch Dalton hat im Rose Bowl sehr gut gespielt, aber Dalton ist sicher ein paar Zentimeter zu klein.

  6. Für mich gibt es mittlerweile keinen Zweifel mehr, dass Carolina Cam Newton draften wird. Er hat mehr Upside als Blaine Gabbert und ich traue Rivera zu, dass Cam Newton es in der NfL schaffen wird. Auch Gabbert wird in den top 10 gehen, nach Cincinnati oder nach Arizona.

    Als Vikes hoffe ich, dass die Vikings keinen QB draften, sondern versuchen werden, Kolb oder Mcnabb zu holen, was leider erst nach der Draft möglich ist.

  7. Locker soll mehr ein mentales Problem haben. Sozusagen Trainingsweltmeister, aber nicht in der Lage, unter Druck gleichwertig zu performen. Da wird es einen geduldigen Coaching Staff brauchen und volles Vertrauen in den Teampsychologen, dass er Locker hinkriegen wird. Ich persönlich würde es ihm wünschen, ich mag diese wendigen Quarterbacks und wenn sie charakterlich auch so bescheiden sind wie Locker, um so besser…

  8. Pingback: Vorher / nachher | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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