New England Patriots in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

#17 OT Nate Solder (Colorado)
#33 CB Ras-I Dowling (Virginia)
#56 RB Shane Vereen (Cal)
#73 RB Stevan Ridley (LSU)
#74 QB Ryan Mallett (Arkansas)
#138 OT Marcus Cannon (TCU)
#159 TE Lee Smith (Marshall)
#194 DE Markell Carter (Central Arkansas)
#219 CB Malcolm Williams (TCU)

Die Patriots-Strategie ist seit Jahren ident, und sie lautet: Trade so viele Picks wie nur möglich, um möglichst im nächsten Jahr wieder einen First Rounder mehr zu haben, den man dann für das übernächste Jahr eintauschen kann. Same procedure as every year also, auch wenn Belichick es IMHO diesmal übertrieben hat. Am Ende wurde gar ein blanker #193-Pick gegen einen blanken #194-Pick getauscht. Einfach so. Ohne Gegenwert. Nur um getauscht zu haben.

Der Top-Pick ist diesmal OT Nate Solder, ein Rohdiamant, den es zu schleifen gilt. New Englands Offensive Liner waren in den letzten Jahren stets eher spätere Picks, die dann im Laufe der Jahre vom knallharten Dante Scarnecchia zu einer starken Einheit gecoacht wurden. Solder gilt als helles Köpfchen und als ehemaliger Tight End als sehr athletisch, auch wenn seine Block-Technik noch einiges an Arbeit verlangt.

Interessant ist der zweite Pick, die #33, CB Ras-I Dowling von Virginia. Auch charakterlich ein Spieler, der in Belichicks System passt und groß genug, um auch gegen die Johnsons und Fitzgeralds der Liga zu verteidigen. New England könnte plötzlich eine recht solide Secondary beisammen haben.

Danach aber zwei komische Picks mit den beiden RBs Shaun Vereen und Stevan Ridley. Jeder für sich schaut ordentlich aus, aber ZWEI Backs, wenn du händeringend Pass Rush brauchst? Vereen ist ein kleingewachsener und hart zu Fall zu bringender Back, der nicht beim ersten Kontakt eingeht und zudem sehr fangsicher sein soll.

Ridley soll ein Brecher-Typ sein: Geradeaus durch die Mitte, Kopf tief halten und ab durch die Wand. Dafür Butterfinger bei Pässen haben und völlig ohne Schimmer, wie sich zu verhalten, wenn er um die Offensive Line herumgeschickt wird. Auf einen counter wird man Ridley also nicht schicken.

Der Pick der Picks ist für mich so klar wie frisches Kaltgetränk: QB Ryan Mallett. Kein Jota hätte ich darauf gewettet, dass sich Belichick für Mallett interessiert. Nicht charakterlich, nicht spielerisch. Ein bockiger, beratungsresistenter Mann mit einem Arm für das vertikale Spiel? Riecht irgendwie faul – ähnlich einst Randy Moss (ein bockiger, lernunwilliger Mann mit allen Anlagen für das vertikale Spiel). Ich bin trotzdem irgendwie… perplex.

Gedanke 1: Der Pick passt nicht zu Bill Belichick.

Gedanke 2: Aber er zeigt andererseits auch den anderen Bill Belichick: In der Lage, unkonventionell zu denken und für das Durchpeitschen seiner Ideen im Notfall sogar bereit, eine seiner Freundinnen zu verhökern. Es gibt nichts, was Bill Belichick ohne einen Hintergedanken macht.

Die späteren Picks haben alle durchaus ihren erkennbaren Sinn: OL Marcus Cannon hat zwar eine krebsartige Lymph-Erkrankung und wird länger ausfallen, aber die Körpermaße, Baby: 1,96m, 162 (!) kg. Wieder ein Fall für Scarnecchia – superathletischer Blocker, den es zu schleifen gilt.

Noch nicht genug Blocker? Bitteschön, TE Lee Smith, bereits zweifacher Familienvater und glücklich verheiratet und ein Blocker vor dem Herrn, der kurz- bis mittelfristig Alge Crumpler ersetzen soll. Smith ist allerdings hüftsteifer als eine Scheibe Wurstbrot.

Wir wollten Pass Rusher? Gestatten, DE Markell Carter, der als reiner Pass Rusher gilt. Muss ein System-Spieler sein, wenn Belichick seinen einzigen Pass Rusher in Runde #6 nimmt. Womöglich ist dies der 3-4 OLB, den alle so vehement gefordert haben.

Summa summarum

Schwer zu analysierende Draftklasse der Patriots (Überraschung, Überraschung). Der zweite RB-Pick und der Mallett-Pick sorgen für leichte Verwirrung und ich kann mir das konsequente Ignorieren der größten Baustelle (Pass Rush) nur damit erklären, dass Belichick entweder volles Vertrauen in die Entwicklung der aktuellen Linebacker hat oder etwas sehr Spezielles in ichheißenichtMarcell Carter  sieht.

Die Running-Back-Situation ist auch recht verworren: Woodhead ist einer der aufregendsten Spieler überhaupt, Green-Ellis ist als System-Spieler höchst produktiv, Morris/Taylor hatten alle ihre Momente. Nun stoßen noch gleich zwei relativ hoch einberufene Spieler dazu, für die man andere Baustellen geopfert hat.

Und man darf jetzt schon spekulieren, wie Belichick den zusätzlichen Erstrundenpick von 2012 weitertauschen wird.

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6 Kommentare zu “New England Patriots in der Frischzellenkur

  1. Den Mallett-Pick ist für mich auch sehr überraschend gekommen, aber man hatte davon vor dem Draft schon die Gerüchte gehört. Bin gespannt, wie Belichcick Mallett kuren wird/nicht wird. Die Idee, langsam einen NBachfolger für Brady aufzubauen, ist ja an sich nicht die schlechteste, aber ich frage mich auch ob Mallett mit seinen körperlichen Fähigkeiten der Richtige ist.

    Ansonsten ist die Draft der Pats schon in Ordnung. Ein OT als Light-Nachfolger, ein CB, allenfalls der Pass rusher fehlt. Wichtig ist imo dass Belichick sich nicht vom Hype um die Defensive Backs hat anstecken lassen und diese (hoffentlich) verstärkt hat. Auch wenn man von Dowling noch nie etwas gehört hat.

    Ob es zwei RBs sein musste sei mal dahin gestellt, aber auch hier die Idee, möglichst variabel zu bleiben. Belichicks Offensive Konzept ist seit Jahren die Tarnung und es wird auch dabei bleiben.

    Grade: B weil kein PR dabei war.

  2. Die Erklärung zum #193 – #194 Trade mit den Eagles: Reid & Belichick hatten seit 2000 in jedem Draft einen Trade und wollten die Tradition weiterführen. The things you do for love oder so. 😉

  3. @Coates
    „Belichicks Offensive Konzept ist seit Jahren die Tarnung und es wird auch dabei bleiben“

    ich dachte schon Belichecks Konzept ist die „Enttarnung“ der gegnerischen Defense 😉

    schönes we 🙂

  4. @SunnyB
    Tarnung, Enttarnung, whatever. Kann man als Verschleiern und Antäuschen des Offensivaktionen sehen, aber auch als Entarnen der Defensivschemen.

  5. Die überwiegend positiven Reaktionen haben mich auch ein bisschen stutzig gemacht. Die beiden Runningbacks sind schon verwunderlich aber auch die Trades. Was nützen 12 Draftpicks, wenn sie immer erst im nächsten Jahr kommen?

  6. Pingback: NFL Free Agency 2011 – Die Stunde null « Sideline Reporter

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