CFL 2011 Overview

Mit wenig Getöse startet heute die Canadian Football League (CFL) in ihre 58. Saison (offiziell ist es Saison #54). Die Canadian Football League ist die kanadische Version der NFL, geschrumpft um ein paar Dimensionen und vor allem: Viel ruhiger und anonymer.

Die Saison zieht sich wie die NFL über fünf Monate, vom Wochenende um den Canada Day (1.7.) bis zum letzten Wochenende im November, wo im Grey Cup der CFL-Champion ausgespielt wird. Grey Cup ist die kanadische Version der Superbowl – und man addiere ein paar Jahrzehnte Tradition: Heuer wird die Trophäe zum 99. Mal ausgespielt.

Canadian Football

Obwohl sich haufenweise ehemalige Studenten aus US-Colleges in der CFL tummeln, sprechen wir bei „CFL“ nicht von American, sondern von Canadian Football. Das heißt: Anstelle von vier Downs nur drei Downs, dafür 12 statt nur 11 Spieler auf dem Platz. Drei Downs heißt: Laufspiel wird im Vergleich zur NFL entwertet, dafür sieht man teilweise richtige Pass-Orgien und viel mehr Risiko, was im Umkehrschluss zu einer Aufwertung von Special Teams führt, die bei den meist kurzen Drives viel häufiger zum Einsatz kommen. Für zusätzliche Action sorgt die Bewegungsfreiheit der Spieler vor dem Snap, weshalb Spielzüge schwer antizipierbar sind und sich an der Anspiellinie oft geselliger Knuddelmuddel abspielt.

12 Spieler statt 11, dafür aber auch ein größeres Spielfeld: 110yds lang plus jeweils 20yds in jeder Endzone, macht eine Gesamtlänge von 150yds. Die Torpfosten stehen wie früher in der NFL in der Endzone, nahe der Goal Line.

Canadian_football_field CFL

Gepunktet wird wie in der NFL mit dem Zusatz eines Singles (offiziell bitteschön: rogue), eine Situation, die einem Safety ähnelt mit dem Unterschied, dass beim Safety die Offence snappt, beim Single hingegen die ballführende Mannschaft den Ball von einem Kick/Punt annimmt. Ein Single ist – völlig überraschend – einen Punkt für die verteidigende (bzw. kickende) Mannschaft wert. Die Two-Point-Conversion nach dem Touchdown findet außerhalb der 5yds-Line statt.

Zeitmanagement in der CFL ist ein wichtiger Faktor, da jede Mannschaft nur ein Timeout besitzt und nur 20 Sekunden zwischen den Snaps bekommt, was für einigen optischen Thrill sorgt.

Und dann wäre noch die unterschiedliche Schreibweise: Offence und Defence.

CFL im TV

Für NFL-Network-Abonnenten: NFLN zeigt pro Woche zwei Spiele live. Einen Sendeplan der ersten Wochen gibt es an dieser Stelle. Ansonsten wird auf ESPN America leider schon seit Jahren nichts mehr gezeigt, dafür kann man auf der Homepage des kanadischen Sportsenders TSN die Spiele in sehr guter Qualität und in voller Länge on demand anschauen – gratis. Meistens stehen die Spiele schon kurz nach Ende online.

CFL – Status neo

Die 4 Regeländerungen auf dem Spielfeld sind auf den ersten Blick recht marginal und beschränken sich auf die seit Jahren praktizierte inkrementelle Erweiterung des Video-Reviews, auf den jedes Jahr ein ganz klein bisschen verbesserten gesundheitlichen Schutz der Spieler und out-of-bounds Punten.

CFL – Status quo

Die Liga verharrt weiterhin in ihrem gemütlichen Dasein, was angesichts der Fast-Pleite nach einer konzeptlosen US-Erweiterung in den 90ern nicht die allerschlechteste Strategie ist. Allerdings schwebt das Damokles-Schwert „NFL in Toronto“ immer noch (und vermutlich noch eine Weile lang) über der CFL. Sollten die Buffalo Bills (oder irgendeine andere NFL-Franchise) in den Kernmarkt der CFL – Toronto – eindringen, wird es für die deutlich weniger strahlkräftige CFL bitter.

Wie klein die CFL finanziell im Vergleich zur NFL ist? Das Salary Cap beläuft sich auf 4,3 Millionen Dollar (Vergleich NFL: ca. 135 Mio. sind im Gespräch). Mindestsalär in der CFL: 44.000 Dollar.

Trotz allem genießt die CFL einen guten Ruf in Kanada, und besonders der Grey Cup genießt sowas wie den Status eines kleinen Nationalfeiertags inklusive Familienausflügen und Voradvents/Pregame-Shoppingtouren.

Man muss wissen, dass die CFL aus nur acht Franchises besteht, die sich auf eine West und eine East Division aufteilen.

Im Osten spielen die traditionsreichen Toronto Argonauts, die Hamilton Tiger-Cats, Winnipeg Blue Bombers und Montreal Alouettes, und ab 2013 wohl endlich auch wieder eine Franchise aus Ottawa.

Die West-Division setzt sich zusammen aus den B.C. Lions (Vancouver), Edmonton Eskimos, Calgary Stampeders und Saskatchewan Roughriders. In 18 Wochen Regular Season werden sechs (!) Playoffteilnehmer ausgespielt – nur logisch, dass dabei immer wieder Teams mit negativer Bilanz in den Playoffs spielen, worüber außerhalb von Seattle in der NFL niemand lachen könnte.

CFL 2011 – Der Osten

Die Montreal Alouettes haben in den letzten beiden Jahren jeweils den Grey Cup gewonnen und dürften auch in dieser Saison mit ihrer explosiven Offense Meisterschaftsanwärter sein. Mit Woche 1 beginnt der Countdown für den CFL-Passrekord nach Yards, den #13 QB Anthony Calvillo seit Jahren jagt. Zirka in Woche 14 oder 15 dürfte die ewige Bestmarke fallen. Montreals Heimspiele finden übrigens in einem sehr netten Ambiente statt, nicht im Betonklotz des Olympiastadions, sondern im schnuckeligen Memorial Stadium bei meist prächtiger Stimmung.

Die Toronto Argonauts kämpfen seit Jahren darum, endlich an Montreal vorbeizuziehen und manche erwarten, dass es heuer passieren wird. Beim jüngsten Roster Cut sorgten die Argonauts mal wieder für Erregung, als sie den hoffnungsvollen kanadischen QB Danny Brannagan aus dem Kader strichen. Ausgerechnet die CFL-Quarterbacks sind keine kanadische Domäne, was seit Jahren für Diskussionen sorgt.

Die Hamilton Tiger-Cats sind der Lokalrivale der Argonauts, aber die Offence um QB Quinton Porter gilt als wenig überzeugend, trotz des Preseason-Erfolgs über Toronto. Winnipeg schließlich wird die rote Laterne im Osten abholen, alles andere käme Sensation gleich. Für die Blue Bombers könnte die neue stadtinterne Konkurrenz der Jets (NHL) zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen und auch in der Preseason wurde bereits munter verloren, was es zu verlieren gab (zwei Spiele, um genau zu sein).

CFL 2011 – Der Westen

Als haushoher Favorit im Westen gelten die Calgary Stampeders, die schon im vergangenen Sommer dominierten, aber das Playoffspiel gegen Saskatchewan fassungslos in den Sand setzten. Allerdings haben die Stampeders nicht grad überzeugende Offence in der Preseason gespielt, weswegen manche glauben, dass die B.C. Lions Chancen auf den Titel im Westen haben. BC genösse heuer Heimvorteil im Grey Cup, der nach Vancouver vergeben wurde und im rundum erneuerten BC Place stattfinden wird.

Mein persönliches Lieblingsteam sind die Saskatchewan Roughriders, so was wie Canada’s Team, eine Franchise, zu der sich auch Granden bis hinauf in die höchsten politischen Ämter bekennen. Die Roughriders haben in ihrer langen Geschichte nur drei Titel geholt (zuletzt 2007) und in den letzten beiden Saisons jeweils den Grey Cup verloren. QB ist der schwarze Darian Durant, der mittlerweile ein erstaunliches Standing genießt und von Saison zu Saison souveräner wirkt, aber Durant muss 2011 auf seine besten Wide Receivers verzichten. Durants Platz als QB ist zementiert: Jüngst haben die Roughriders den ehemaligen Gators-QB Chris Leak (BCS-Champ 2006/07) gefeuert.

Vor ein paar Wochen hat in den Kommentaren im Kontext mit Charity Bowl XIII in Wien ein gewisser Chris Griffing aufgeschlagen. Nach längerem Email-Wechsel durfte ich u.a. erfahren, dass die Familie Griffing lange Football-Tradition besitzt und Chris Griffings Vater, Dean Griffing sr., ein ehemaliger Center und Head Coach der Roughriders war – und sogar in der kanadischen Football Hall of Fame steht! (Ganz nebenbei war der Mann auch noch Chefscout für Papa Bear George Halas und erster General Manager der Denver Broncos.)

Die Edmonton Eskimos schließlich gelten als krasser Außenseiter im Westen. Edmonton hat vor ein paar Wochen den legendären QB der Boise State University, Jared Zabransky, entlassen, womit Zabranskys CFL-Ambitionen wohl auch beendet sind. Die anderen QBs scheinen aber auch nicht höheren Ansprüchen zu genügen.

Als Abschluss: Hier gibt es den CFL-Schedule von 2011, wo Woche für Woche auch die Spiel-Highlights verlinkt werden.

Salary Cap Floor und die Probleme, die er mit sich bringt

Vorgestern hat Seminole in ihrem Kommentar das Problem des „Salary Cap Floor“ angesprochen. Es handelt sich hierbei um eine Klausel im NFL-Tarifvertrag, der den Teams zuschreibt, eine gewisse Mindestkapazität des Gehaltsbudgets ausnutzen zu müssen. Damit werden zwei primäre Ziele verfolgt:

a) Die Spieler sollen einen möglichst großen Teil vom Umsatz-Kuchen abbekommen.
b) Die Teams aus den kleinen Märkten (z.B. Cincinnati, Buffalo, Jacksonville) sollen gezwungen werden, das Geld zu reinvestieren, anstelle es möglicherweise zu behalten, um die im Verhältnis zu Dallas/Washington kleineren Umsatzpotenziale auszugleichen.

Dabei handelt es sich um keine neue Idee.

Für das sich aktuell in Ausarbeitung befindliche Collective Bargaining Agreement zwischen NFL und NFLPA sind seit Wochen folgende Zahlen im Gespräch: Die Gehaltsobergrenze („Salary Cap“) wird 48% betragen und die Mindestauslastung der Gehaltsobergrenze („Salary Cap Floor“) davon „mindestens“ 90%, aber die jüngste Entwicklung scheint eher in Richtung von 95-96% zu gehen. Sprich: Die Teams wären gezwungen, mindestens ca. 46,5% ihrer Umsätze an die Spieler auszuschütten. Zum Vergleich: Bis 2009 waren es rund 87% des Salary Caps.

Kurz nachgerechnet: 2011/12 sollen runde 9 Milliarden US-Dollar eingenommen werden. Macht eine Gehaltsobergrenze von (ca. 9 Mrd. * 0,48)/32 von runden $135 Mio., was ein leichtes Upgrade gegenüber den 128 Mio. von 2009/10 wäre. Kompliziert wird es, wenn die Mindestauslastung tatsächlich um die 95% liegen würde. Wir hätten in dem Fall (9 Mrd. *0,465)/32 = ca. $130 Mio., die jedes Team für Spielergehälter ausgeben müsste. Ein sagenhafter Spielraum von 5 Mio. Dollar.

Also gilt: Salary Cap Floor ———-> Salary Cap.

Die Quellenlage

Schauen wir uns die Gehalts-Strukturen von 2010/11 an (2010/11 gab es keine Gehaltsobergrenze, da die Owner aus dem alten CBA ausgestiegen waren). Ich habe leider keine andere Quelle für die Daten von 2010/11 gefunden, lt. Google-Suche verlinkt praktisch alles auf Pro Football Talk und deren Liste aus dem vergangenen September). Ich nehme die Zahlen jetzt mal als korrekt an. Der Mittelwert liegt bei 122,5 Mio. Dollar, also deutlich unter dem von mir errechneten Salary Cap und Salary Cap Floor – wobei andere Quellen (z.B. ESPN) von ca. 120 Mio. Dollar Gehaltsobergrenze für die kommende Saison sprechen.

Bezüglich des aktuellen Payroll (also Stand Juni 2011) schenke ich einfach mal John Clayton von ESPN.com Glauben: Im Schnitt liegt die Salary-Cap-Zahl bei 92 Mio./Team (logisch, weil haufenweise Spieler Free Agents sind) – jedoch finde ich, dass die Payroll der abgelaufenen Saison ein guter Maßstab für einen Quervergleich ist.

Ich gehe mal von den 135 Millionen Salary Cap aus.

Rauf, nicht runter

Laut der Liste von Pro Football Talk befindet sich nur ein Drittel ÜBER der angedachten neuen Gehaltsobergrenze von den von mir angenommenen $135 Mio., dafür rund zwei Drittel der Franchises DARUNTER, einige sogar massiv (die Buccs zahlten z.B. ganze $80 Mio., was 50 Mio. zu wenig sein würde). Sprich: Diese Teams müssen einen Weg finden, ihre Personalkosten im Spielerbereich massiv AUFZUBLÄHEN. Ein bizarrer Gedanke, und nicht ohne Probleme.

Es gibt mehrere Varianten für ein Team wie die Buccs oder Bills, um dieses Ziel kurzfristig zu erreichen. Sie könnten zum Beispiel einen Run in Richtung Top-Free Agents der Güteklasse Asomugha anstreben. Ob allerdings ein Asomugha noch einmal fünf Jahre in der Provinz versauern möchte? Bliebe auf dem freien Markt nur noch die Option, mittelmäßige Spieler hoffnungslos überzubezahlen – keine gute Alternative.

In dem Fall würde sich eine andere Taktik anbieten: Eigene Spieler, Hoffnungsträger, Stars, whatever, ganz einfach mit massiven Verträgen auszustatten. Würde sich im Falle Buccs mit seinem jungen Angriffstrio sicherlich anbieten, auch des Blogbetreibes Hausherrn Bewunderung für Josh Freeman dürfte bekannt sein. Bei anderen Teams sieht es aber auch diesbezüglich wenig rosig aus. Ich nehme mal die Bills als Beispiel: Haben die Bills überhaupt genügend Spieler, die solch künstlich aufgeblähte Verträge wert sind?

Etwas weiter gedacht

Die Schwierigkeit, für 2010/11 die Payroll an die Minimalgrenze der Gehaltsobergrenze anzugleichen, ist also definitiv gegeben und sollte auf der Hand liegen. Ich frage mich aber, was der aggressive Push des Salary Cap Floor gen Salary Cap für die mittelfristige Zukunft bedeutet.

Weitsichtiges Management in der Kaderplanung wird massiv an Bedeutung gewinnen. Der enge Handlungsspielraum sollte einen Trend von Win now! zu Build to win sometimes einleiten, da ich nicht sehe, wie eine Franchise es sich noch leisten kann, einen hochbezahlten Spieler nach einem schlechten Jahr zu schnell aufzugeben.

Gleichzeitig müssen die Franchises kurzfristig immer wieder ihre Payroll in den engen Spielraum zwischen Minimalgrenze und Obergrenze einpferchen, was sich mit nicht perfekten Strategen am Pult sehr negativ auf eine langfristige Entwicklung auswirken dürfte.

Noch weiter gedacht

Ich beginne, am Salary Cap und dem Salary Cap Floor zu zweifeln, so sehr ich das Interesse der Spieler daran verstehe. Aber sollte es dazu kommen, dass „Salary Cap Floor“ praktisch identisch wird mit „Salary Cap“, sehe ich einen Trend in Richtung „Spitzenbezahlung für Spitzenkräfte“. Und mit „Spitzenkräfte“ können wir durchaus nur über Franchise-Quarterbacks, Left Tackles und Defensive Ends reden, die über eine längere Überlebenszeit in der NFL verfügen.

Oder drastisch gesagt: Es läuft für eine Franchise darauf hinaus, einen Haufen billiger Spieler einkaufen zu müssen, um dann die Spitze mit zwei oder drei extrem hochbezahlten Spielern auszugleichen. Ich bin nicht überzeugt, ob das das Ziel sein soll. Aber ich bin überzeugt, dass es über kurz oder lang der Weg zum Ziel sein wird.

Eine völlig andere Sichtweise hat der Colts-Blogger von Stampede Blue:

Ultimately, I think the salary floor will be a net positive for all teams, regardless of market size or revenue stream. With the increased spending on salaries, the league should be extremely competitive. I’m of the belief that ‚you have to spend money to make money‘, which several teams just don’t do. I believe the best way to make money outside of Dallas,Washington, and New England, is to win games. If the Bills would win 10-11 games, they’d see that revenue go up, thanks to increased ticket sales, merchandise, food/beer, etc.

Winning cures everything, and the fact that teams will now be forced to spend money on players, rather than playing cap games to make it look like they are spending more than they really are, will make the league better, especially for the fans. And that’s what we care about, right?

Wenn doch immer nur alles so einfach wäre.

Noch eine Anmerkung: Ich war gestern ziemlich überrascht, als Herrmann in den Kommentaren einen Artikel vom Blog „Live Ball Sports“ verlinkte, der sich fast identisch liest, sogar mit sehr ähnlicher Schlussfolgerung. Ich möchte mich von einer Zuguttenbergisierung aber freisprechen – dieser Eintrag ist bereits gestern Morgen entstanden.

Upcoming: US-WM-Auftakt 2011

In zwei Stunden startet die US-Frauenfußballmannschaft in das WM-Turnier 2011. Ich habe mich in den letzten Wochen ein bisschen mit der Elf von Pia Sundhage befasst und eine vorläufige Erklärung gefunden, warum diese Mannschaft im vergangenen Herbst solche Probleme hatte, sich zu qualifizieren (als #3 der CONCACAF in die Relegation, wo Italien recht wenig überzeugend ausgeschaltet wurde):

Die US-Mannschaft hat in den beiden Testspielen gegen Japan im Mai und im Freundschaftsspiel gegen Mexiko arge Probleme im Spielaufbau offenbart und ich bin mir nicht sicher, ob die Zentrale mit #7 Boxx und #10 Lloyd optimal besetzt ist. Einen Blick auf den Kader habe ich vor ein paar Tagen geworfen.

Wenn die USA ins Turnier starten, ist auch der Tag, an dem Hope Solo ins Turnier startet. Ich nehme mir die Frechheit, auf einen selbstgefertigten Artikel über den Impact der Hope Solo zu verweisen, den ich bei Spox reingestellt habe. Wenn die Frau nach einer längeren Verletzungspause in den letzten Wochen genügend Trainingsrückstand aufgeholt hat, traue ich den USA auch mit ihren limitierten spielerischen Qualitäten durchaus Geheimfavoriten-Status zu.

Jacksonville Jaguars in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

#10 QB Blaine Gabbert (Missouri)
#76 OG Will Rackley (Lehigh)
#114 WR Cecil Shorts (Mount Union)
#121 S Chris Prosinski (Wyoming)
#147 CB Rod Issac (Middle Tennessee)

Die Jacksonville Jaguars kommen aus einem so schnuckelig kleinen NFL-Markt, da schweift man seinen Draft-Fokus schonmal von den großen Unis weg. Jacksonville wäre Kulturschock für die Newtons und Leinarts dieser Welt. Entsprechend liest sich die Bilanz: Spieler von Lehigh, Mount Union, Wyoming oder Middle Tennessee – nie gehört? Für einmal gilt: Sie sind kein Ignorant.

Der Mann von der bekanntesten Uni ist Mizzous QB Blaine Gabbert, an #10 gepickt und über Monate aus dem quasi-Nichts zum Top-QB gehypt. Gabbert passt wie die Faust aufs Auge nach Jacksonville: Blasser QB, blasse Franchise. Jack del Rio war e-u-p-h-o-r-i-s-i-e-r-t, als er über Gabberts Stärken referierte, man hätte fast geglaubt, er würde Gabbert noch morgen in die Startaufstellung schmeißen. Dabei ist das Szenario eigentlich optimal: Recht solide Offense Line, recht solider Noch-Starter in David Garrard. Gabbert könnte 1-2 Jahre Einlernzeit kriegen, wenn denn Owner, Coach und Fans genügend Geduld haben.

Die Macht des kleinen, unscheinbaren Bindewörtchens „wenn“ ist dabei bitte nicht zu unterschätzen.

Alles nach Gabbert ist völlig unbekannt, angefangen mit WR Cecil Shorts, der vom Division-III Serienchamp Mount Union kommt. Die Uni hat übrigens vor nicht allzu langer Zeit den Colts-Receiver Pierre Garcon hervorgebracht, der letzten Februar in der Super Bowl einen Touchdown gemacht hat.

Guard und zweimal Secondary – who cares? Es ist Gabberts Draft. Nur ein Sternchen: S Prosinski war am College Teamkollege eines Deutschen: LBs Oliver Schober, dessen Bruder übrigens nicht weit entfernt in Innsbruck bei den Tyrolean Raiders angeheuert hat (wobei ich mir nicht mehr sicher bin, ob Daniel Schober überhaupt noch in Innsbruck spielt; meine da mal was gelesen zu haben).

Summa summarum

Wenn Gabbert einschlägt, ist der Draft gut. Und zwar nur dann. Die Strategie der Jaguars: Finde den zukünftigen Franchise-QB, wenn du ihn noch ein paar Jahre aufbauen kannst, bevor du ihn ins kalte Wasser schmeißen musst. Jetzt muss die gute Idee nur noch umgesetzt werden – wir werden in drei Jahren noch einmal drüber reden.

Chicago Bears in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

 

#29 OT Gabe Carimi (Wisconsin)
#53 DT Stephen Paea (Oregon State)
#93 S Chris Conte (Cal)
#160 QB Nate Enderle (Idaho)
#195 LB J.T. Thomas (West Virginia)

Logischer erster Pick der Bears: Ein Offensive Tackle. Gabe Carimi von Wisconsin dürfte die rauhe Mentalität und den Stallgeruch von 2,6 Tonnen Tradition bereits gewohnt sein. Ob der Laufblocker Carimi den großartigen Beschützer der blind side von QB Jay Cutler geben kann, wird sich noch zeigen müssen.

Folgerichtig ist auch der zweite Bears-Pick: DT Stephen Paea. Nach dem Abgang des teuren und geliebten Tommie Harris wird Paea wohl schnell ins kalte Wasser bzw. den gefrorenen Boden von Soldier Field geschmissen werden, um den Ankermann neben DE Julius Peppers zu geben. Auf Paea wird schnell schwere Last liegen, da Chicago nebenan keine gescheiten Tackles zu bieten hat. Auf Paea lag auch während der Combine schwere Last: Über 100kg, um genau zu sein. Paea hat diese dann rekordverdächtig einfach und oft gestemmt.

Der dritte Pick, S Chris Conte, ist IMHO überraschend. Ich hätte Vertrauen zu Chris Harris/Danieal Manning gehabt. Zudem hatten die Bears mit Major Wright einen 2010er-Rookie bereits im Kader. Komischer Pick – ob sich Manning verabschieden wird?

Was zum Nachdenken ist auch QB Nate Enderle (5. Runde): Cutler wird trotz des angekratzten Images weiterhin starten und Backup Caleb Hanie zeigte starke Ansätze im NFC-Finale. Enderle wird wohl den fortgejagten Todd Collins beerben und #3 im Roster werden.

Summa summarum

Klare need-Strategie der Bears in den ersten Runden. Die zwei wichtigsten Löcher wurden gestopft, wobei mir die Offensive Line mit nur einem Pick – wenn auch dem ersten – immer noch zu sehr ignoriert wurde. Die Line spielte gegen Saisonende nicht mehr so absurd schlecht, aber wenn dann immer wieder ein Spiel mit 10 Sacks gegen deinen QB eingestreut wird, dann musst du als Coach einfach reagieren. Solider Draft, aber Lobeshymnen wird quer durch die Lande niemand anstimmen.

Viel eher verbale Prügel. Man erinnere sich an den gefloppten Trade mit den Ravens.

Zurück in die Zukunft

Sie waren eigentlich schon eine Weile optisch bekannt, weil EA Sports bei einer Madden-Präsentation gespoilert hatte: Gestern haben die Buffalo Bills offiziell ihre neuen NFL-Uniformen vorgestellt. Die Heim-Trikots versprühen eher Retro-Look mit einem helleren Blau, die Auswärtstrikots sind an die weißen Shirts der 70er Jahre angelehnt. Quer durch die Blogosphäre wird der Move gepriesen – die bisherigen Trikots (2002 eingeführt) hatten offenbar ein weit schlechteren Ruf als ich es angenommen hatte.

Via Shutdown Corner/NFL Yahoo:

Die bisherigen Heim-Trikots im Bild.
Die bisherigen Auswärtstrikots im Bild.

Die neuen Trikots im Bild.

Auffällig sind die neuen weißen Helme. Die Geschichte hinter Buffalos roten Helmen liest sich bizarr: In den 80ern hatten drei von Divisionskonkurrenten (Patriots, Dolphins, Colts) wie die Bills weiße Helme. Buffalos Quarterbacj Joe Ferguson warf zu dieser Zeit haufenweise Interceptions. Er war farbenblind.

Daher der Move hin zu den roten Helmen, um wenigstens die Farbabstufung erkennen zu können.

Übrigens schrieb heute ESPNs AFC-East-Blogger Tim Graham über die Vermarkuntgsstrategie der Bills, die sich mittelfristig nun also doch in der Region Buffalo mit Blickrichtung Norden entwickeln soll. Buffalos Owner Ralph Wilson ist 92 und wird die Franchise nach seinem Tod meistbietend versteigern, da die Erbschaftssteuern zu hoch sind. Man rechnet aber weiterhin damit, dass die neue Besitzerschaft die Franchise aus Buffalo abziehen könnte.

Back to topic

Die Trikot-Neuerung der Bills ist aber auch unter einem anderen Gesichtspunkt interessant: Nike wird ab 2012 Reebok als offiziellen Trikotausstatter der NFL ablösen (die NFL-Trikots werden zentralvermarktet), und Nike hat schon angekündigt, einige Änderungen am Layout der Trikots vornehmen zu werden.

Nike und Trikotänderungen? Am College zuletzt mehrfach passiert, most notably an der University of Oregon, wo Nike-Gründer Phil Knight einst Student war. Von ALT zu NEU – die ständigen Anpassungen und Neukreationen für große Spiele wie das jüngste BCS-Finale mal ausgeklammert. Kann man geteilter Meinung drüber sein.

Bleacher Report hat im vergangenen November mal die kursierenden möglichen neuen NFL-Trikots von Nike vorgestellt, schön durchsortiert nach Teams. Nike hat diese Änderungen allerdings bereits verneint, nicht aber, dass sie einige Änderungen vornehmen werden und ihre „neuesten Technologien“ einbringen werden. Könnte Bleacher Report also tatsächlich zumindest so was wie eine Richtung angedeutet haben, was vor allem bei den Trikotvorschlägen von Redskins (!), Vikings (!), Patriots (!!) und Steelers (!!!) wie eine blanke Drohung klingt.

NFL-Franchises im Kurzporträt, #8: Pittsburgh Steelers

Wenn es um Corporate Identity geht, haben die Steelers seit den 70ern perfekte Arbeit geleistet. Jeder, wirklich jeder, assoziiert mit „Pittsburgh Steelers“ knallharte, blitzfreudige Defense. Und so nebenbei sind sie damit auch nicht unerfolgreich…

Fast vierzig Jahre unsichtbar

Die Steelers sind die fünftälteste noch bestehende Franchise der NFL – gegründet 1933 von Art Rooney als „Pittsburgh Pirates“, nach dem Baseball-Team (siehe auch: Baseball/Football Giants in New York). Noch 1939 folgte die Umbenennung in „Steelers“, als Ehrerweisung an die Stadt Pittsburgh, die für Stahlindustrie stand. Die Franchise war nicht nur unerfolgreich, sie musste anfangs lange, lange Jahre ums Überleben kämpfen. Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs konnte man nur dank Symbiosen mit den Eagles („Steagles“) und den Cardinals („Card-Pitt“) überleben. Card-Pitt ist deshalb sehr geil, weil sich die beiden ein paar Jahrhunderte später in der Super Bowl gegenüber standen.

Erfolge? Um es kurz zu sagen: Nonexistent. Man könnte sagen, sie haben es den MLB-Pirates von heute vorgemacht. In den ersten 39 Jahren Existnz spielte die Mannschaft genau einmal (!) in den Playoffs und wechselten Heimstadien wie andere ihre Unterwäsche. Ziemlich genau Ende der 60er dann der Turning Point der Franchise: Erst installierten die Rooneys Head Coach Chuck Noll, 1970 folgte der permanente Einzug ins Three Rivers Stadium und der Wechsel in die AFC.

Chuck Noll

Noll sollte 23 Jahre lang Head Coach bleiben – und die Footballwelt sollte sich arg verändern. Nolls Philosophie war: Junge Spieler draften und aufbauen, anstelle von alte Stars einkaufen. Nolls Draft-Bilanz liest sich eindrucksvoll und war die Basis für eine sehr dominante Dekade – 1974 draftete er gleich VIER Spieler auf einen Streich, deren Köpfe heute in der Hall of Fame stehen.

Die Mannschaft selbst war voller Charakterköpfe: QB Terry Bradshaw, RB Franco Harris und WR Lynn Swann kennt jeder Footballinteressierte noch heute, und in der Defense spielten „Perlen“ wie der bösartige DE Joe Greene oder Jack Lambert.

Diese Mannschaft fetzte sich jahrelang mit dem großen Rivalen Oakland um die AFC-Vorherrschaft, die in diesen Jahren gleichbedeutend mit „NFL-Vorherrschaft“ war. Pittsburgh gegen Oakland – ein Klassiker, geworden dank unzähliger, teilweise brutal geführter Schlachten. Oakland siegte meistens in der Regular Season, Pittsburgh in den Playoffs.

Die berühmteste Szene schimpft sich Immaculate Reception – ein Playoffspiel 1972/73, als Franco Harris ein langer Ball direkt von einem Verteidiger in die Arme fiel und er zum Touchdown durchlaufen konnte. Bis heute gilt diese Szene als Initialzündung für den beispiellosen Erfolgslauf: Die Saisons 1974, 1975, 1978 und 1979 weisen den Superbowl-Champ Pittsburgh Steelers auf. Zweimal wurde Dallas in Thrillerspielen geschlagen, einmal Minnesota, einmal die L.A. Rams.

Die Steelers sind heute eine der landesweit beliebtesten Mannschaften. Man darf dies einer eher traurigen Epoche zuschreiben – oder besser gesagt, sowas wie einer glücklichen Fügung: Grad in der Hochzeit der Steelers-Erfolge, so um Ende der 70er, kriselte es gewaltig in der Stahlstadt Pittsburgh, deren Industrie Anfang der 80er komplett crashte und einen Massenexodus verursachte. Die gepeinigten Arbeiter zerstreuten sich quer über die Staaten – und nahmen wenigstens ihren Stolz auf die grad so erfolgreichen Steelers mit in die Welt hinaus. Heute ist die Fanbasis der Steelers, genannt „Steeler Nation“, die womöglich größte und am meisten verbreitete in den USA.

Die 80er waren dann nach den Rücktritten der alten Heldenriege eher wenig erfolgreich, und 1992 trat Noll dann auch folgerichtig, vielleicht etwas zu spät, zurück.

Bill Cowher

Auf die Ära Chuck Noll folgte die Ära Bill Cowher. Als einer der leidenschaftlichsten Head Coaches blieben die Steelers unter dem Sympathen Cowher eine Macht, verloren aber immer wieder die wichtigen Spiele (mehrere AFC-Finals und die Superbowl XXX). Cowhers Problem war weniger die Defense oder der charmismatische RB Jerome „The Bus“ Bettis, sondern vielmehr das Fehlen eines Quarterbacks.

Der kam 2004 in persona Big Ben Roethlisberger. Im ersten Jahr zahlte der Sensationsmann Ben im Finale der AFC noch Lehrgeld, aber in der zweiten Saison wurstelte man sich nach einigen wahrhaftigen Krimis (ich sage nur: @Colts) in die Super Bowl.

Super Bowl XL in Detroit war kein schönes Spiel – Pittsburgh gewann 21-10 im letzten Spiel von Jerome Bettis in dessen Heimatstadt. In Erinnerung bleiben auch die Schiedsrichter, die mitentscheidenden Anteil hatten am Sieg über die Seahawks.

Mike Tomlin

Seit 2007 coacht der junge, schwarze Mike Tomlin mit High Five und Sonnenbrille im Haar die Steelers. Eine coole Socke wie Tomlin setzt auf knallharte Defense und holt schon im zweiten Jahr die Super Bowl. Nach Schlachten gegen Baltimore und Arizona gewann man in einem herausragenden Footballspiel Super Bowl XLIII – und ist seitdem das Team mit den meisten Ringen, nämlich genau sechs.

In der abgelaufenen Saison hätte es ein siebter werden können, aber eine Niederlage in der Super Bowl XLV gegen Green Bay verhinderte das. Die Steelers sind für die Zukunft aber weiterhin sehr gut aufgestellt.

Ketchup

Heinz_Field

Heinz Field (67.000 Plätze) ist seit fast einem Jahrzehnt die Heimat der Steelers. Direkt hinter der Süd-Endzone mutieren der Alleheny und der Monongahela zum Ohio River – daher hieß das alte Stadion gleich nebenan auch Three Rivers Stadium. Heinz Field ist gesponsort von der gleichnamigen Ketchup-Kette (deren Besitzerin mit den Rooneys verheiratet ist) und gilt als besonders gefürchtet bei Kickern.

Rivalen

Aufgrund ihrer langen Erfolgsgeschichte haben die Pittsburgh Steelers zwar landesweit ihre Fans, aber auch landesweit ihre Rivalen. Die regelmäßigsten Auseinandersetzungen sind divisionsintern in der AFC North. Es gibt keine andere Division, in der sich alle vier Mannschaften so wenig grün sind wie die AFC North. Der klassische Rivale ist Cleveland – die Browns sind gemeinsam mit Pittsburgh von der NFL in die AFC gewechselt. Sportlich ist Browns-Steelers aber seit Jahren ein mismatch.

Dann die Cincinnati Bengals. Who dey gegen Terrible Towels – seit Äonen ein heißes Duell. Die aktuell intensivste Feindschaft besteht mit den Baltimore Ravens – zwei Vollblut-Defenses im stetigen Kampf miteinander. Jedes Spiel Ravens-Steelers ist seit einigen Jahren intensiv wie kein anderes. Nach keinem anderen Spiel gibt es so viele blaue Flecken. Black’n’blue-Football auf die eher brutalere Weise.

Sportlich-historische Rivalen sind die Oakland Raiders. Ein Duell, das noch aus den 70ern gründet, als sich die beiden regelmäßig im AFC-Finale trafen. Madden gegen Noll. Davis gegen Rooney. Hinterhältig geführte Klassiker – meist mit Oakland als Sieger in der Regular Season und Pittsburgh als Sieger in den Playoffs. Superbowls haben dann aber beide gewonnen.

Gegen die Philadelphia Eagles gibt es die Battle of Pennsylvania, gegen die New England Patriots seit Jahren ein Fernduell um die Vorherrschaft in der AFC (mit den Colts als drittem Player im Bunde).

Gesichter der Franchise

  • Chuck Noll – Head Coach und Architekt hinter der großen Steelers-Ära in den 70ern. Nolls Erbe ist darüber hinaus, dass er die Denke der Menschen öffnete und Afroamerikaner förderte, so gut es ging (ex. ließ als einer der ersten Coaches schwarze QBs ran). Auch schwarze Coaches wurden von Noll gefördert, so auch der großartige Tony Dungy, dem Noll den Start seiner Karriere ermöglichte.
  • Terry Bradshaw – QB, vierfacher Superbowl-Champ in den 70ern in einer der berühmtesten Mannschaften der NFL-Geschichte. Heute als nervtötender Schreihals bei Fox unterwegs.
  • Bill Cowher – QB, einer der emotionalsten und leidenschaftlichsten Coaches, ein Sympathieträger, dessen fehlendes Glück in den ganz wichtigen Spielen berühmt war. 2005/06 mit dem Titel belohnt, auch wenn es ein zweifelhafter Titel war.
  • Dick LeBeau – Defensive Coordinator, Hall-of-Famer als Defensive Back für die Lions, in Pittsburgh aber hauptsächlich bekannt für die langjährige Arbeit als Defensive Coordinator in den letzten Jahren. LeBeau könnte durchaus auch als Erfinder des Zone Blitzes in die Hall of Fame gewählt werden.
  • Ben Roethlisberger – QB, ein Brocken von einem Mann und mit seiner rustikalen Erscheinung wie die Faust aufs Auge auf Pittsburgh passend. Zweifacher Superbowl-Champ und Improvisationsgenie.

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2005/06 gegen die Colts – Pittsburgh hat in den letzten Jahren einiges an Krimis geliefert, aber dieser war der bizarrste von allen. Als großer Underdog erst die Colts outcoached, um nach irren fünfeinhalb Schlussminuten fast noch zu verlieren. So viele Wendungen habe ich kaum in einem anderen Spiel gesehen. Und dann kam der große Christopher D. Ryan.

H-ö-r-e-n-s-w-e-r-t.

Hier das entsprechende Video zu diesem Sensations-Spiel, die von Ryan/Eschlböck so bildhaft beschriebene Szene ab 2:24:

Eckdaten

Gegründet: 1933 als Pittsburgh Pirates
Besitzer: Rooney-Familie
Division: AFC North
Erfolge: Superbowl-Sieger 1974, 1975, 1978, 1979, 2005, 2008, Superbowl-Verlierer 1995, 2010, 27x Playoffs (33-21) – Stand 2012

St Louis Rams in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

#14 DE Robert Quinn (North Carolina)
#47 TE Lance Kendricks (Wisconsin)
#78 WR Austin Pettis (Boise State)
#112 WR Greg Salas (Hawaii)
#158 S Jermale Hines (Ohio State)
#216 CB Mikail Baker (Baylor)
#228 LB Jabara Williams (Stephen Austin)
#229 CB Jonathan Nelson (Oklahoma)

Ein Philosophie-Draft der Rams: Defensiv-Philosophie ist, die Line zu bauen und Tiefe für die Secondary zu bekommen. Offensiv-Philosophie ist die Philosophie des Josh McDaniels.

Mit Pick #14 hätten die Rams gewiss WR Julio Jones genommen, wäre er frei gewesen. So ist es DE Robert Quinn von UNC geworden, ein Pass Rusher. Die D-Line war noch eine der am besten besetzten Positionen in St. Louis, aber schon aus Giants-Zeiten sind wir gewohnt, dass Steve Spagnuolo die Rotation in der Line liebt und entsprechend heiß auf Defensive Liner ist. Ich sage mal, Quinn ist so ein Fall.

Die Rest-Defense wurde erst sehr spät angegangen, mit zwei Cornerbacks, einem Safety und einem Linebacker. Dieser Linebacker heißt Jabara Williams und kommt von einem aberwitzig kleinen College-Programm, Stephen Austin, der Uni, die einst den Eagles-LB Jeremiah Trotter hervorgebracht hat. Trotter? Spagnuolo? Eagles? Rüschtisch, dort wo Spagnuolo einst Trotter gecoacht hatte. Safety Hines von Ohio State dürfte langfristig als Ersatzmann für den aus Gehaltsgründen gefeuerten O.J. Atogwe gedacht sein.

Die interessantesten Picks sind jene in der Mitte des Drafts, wo die Offense angegangen wurde: TE Lance Kendricks zum Beispiel. Ein ausgewogener TE zwischen Fangen und Blocken und damit wie gemacht für die Offensiv-Schemen von OffCoord McDaniels. Jede Wette, dass hinter diesem Pick McDaniels steht.

Danach ZWEI Wide Receivers, und beide sind eine Überraschung: WR Austin Pettis von Boise State, ein halber Tight End, der possession receiver für die RedZone, den so viele Mannschaften haben wollen, aber so wenige besitzen. Und dann Greg Salas, mehr der Typ burner. St Louis hat plötzlich haufenweise Receivers. Ob die Qualität stimmt, darüber ist ein Urteil zu früh.

Summa summarum

Eine Kombination aus needs und Philosophie. Man erkennt eine Handschrift: Die Defensivarbeit soll um eine starke Defensive Line herum gebaut werden, was bei einem Head Coach Steve Spagnuolo nichts Nennenswertes darstellt. Die Offense trägt „Josh McDaniels“ auf dem Stempelpapier, bevor McDaniels überhaupt zum ersten Training gebeten hat. Ich mag Teams, bei denen ein Konzept zu erkennen ist. Die St Louis Rams sind so eines.

Respekt.

“I don’t want to be like these guys having neck surgery, then you got to go have another surgery just to continue to play this game,” Reed told ESPN’s Ed Werder. “I love this game but I love myself more.”

Asked specifically whether he’d do the same thing that Manning has done, having neck surgeries in each of the last two offseasons, Reed was emphatic that he wouldn’t, saying “no” five times.

“No, no,” Reed said. “I mean, no. No. No, not my neck.”

Quelle: Pro Football Talk

Austrian Bowl 2011

Heute Nachmittag um 17h findet die Austrian Bowl 2011 statt. Kontrahenten: Die Tyrolean Raiders und die Vienna Vikings. Ein Duell der Gegensätze: West vs. Ost. Aktueller Dominator vs. Dominator der Vergangenheit.

Aus blanker Zeitnot aber keine Vorschau (und sicher auch kein Liveblogging), dafür zwei Verweise: Walter Reiterer hat im Standard über die Evolution des American Football in Österreich geschrieben. Und bei Football-Austria wird über Stärken und Schwächen der beiden Teams diskutiert.

Persönlich halte ich die Raiders für die im Prinzip bessere Mannschaft, nicht nur wegen Tony Hunts Ausfall. Das Fragezeichen steht hinter der mentalen Verfassung: Nur fünf Tage nach der mit Standgas eingefahrenen Eurobowl: Kann sich Tirol noch einmal voll zusammenreißen? Wien sollte ein deutlich besserer Gegner als Berlin sein.

ORF Sport Plus ab 16h45.

NFL-Lockout 2011: Die größte Hürde scheint genommen

(Aus Gründen der Seriösität habe ich den Titel nun von „ist“ auf „scheint“ geändert.)

Die NFL-Ownerkonferenz in Chicago hat sich gestern mehr oder weniger darüber geeinigt, in absehbarer Zeit (sprich: ab nächster Woche) mit der Spielergewerkschaft über das neue Collective Bargaining Agreement zu verhandeln. Offenbar gibt es kein offizielles Abstimmungsergebnis – die Entscheidung wird bloß von den grinsenden Gesichtern allerorts abgeleitet. Heute wird noch einen Tag lang diskutiert. Die Verlängerung der Konferenz wird allgemeinhin als sehr gutes Zeichen gewertet.

Der Weg für eine komplett stattfindende Saison 2011 inklusive Preseason und Hall of Fame Game dürfte damit frei sein. Als Stichtag kursiert „spätestens der 15. Juli“.

Heute werden die Owner noch über eine Reihe an Punkten diskutieren. Ein Punkt bleibt unverändert und wie seit Tagen spekuliert: Die Spieler erhalten 48%, die Owner 52%. Ausgeglichen wird der relative Umsatzverlust der Spieler durch die Zusage, dass jedes Team mindestens 90% des Salary Caps pro Saison ausschöpfen muss. Macht in absoluten Zahlen mindestens 46,5% des Umsatzes pro Saison.

Ein neues Detail: Ab 2012 will man offenbar in jeder Woche (außer vmtl. Woche 17) ein Donnerstagsspiel einführen. Das gilt vorerst als Zwischenlösung auf dem Weg zum 18-Spiele-Schedule oder den von Herrmann auf diesem Blog vorgestellten Varianten.

UPDATE 7h04: Seminole verlinkt in den Kommentaren den Beitrag von NFL Network/Total Access, in dem auch der in den letzten Tagen allgegenwärtige Albert Breer Optimismus versprüht. Ebenso dabei: Das Statement von Commissioner Roger Goodell.

Tampa Bay Buccaneers in der Frischzellenkur

Wenn ich mir die Sezierstunde durchlese, dann haben die Buccs auf der Abwehrseite viel Erwartetes gemacht: Defensive Line, Linebackers, Safety. Ganz viel need-Picks. Ich schrieb übrigens:

Wenn ich mir die Ends im heurigen Draft anschaue, dürften die Buccs schon den Taxi-Schläger Adrian Clayborn im Hinterkopf haben.

ÜBERBLICK

#20 DE Adrian Clayborn (Iowa)
#51 DE Da’quan Bowers (Clemson)
#84 LB Mason Foster (Washington)
#104 TE Luke Stocker (Tennessee)
#151 S Ahmad Black (Florida)
#187 RB Allen Bradford (USC)
#222 CB Anthony Gaitor (FIU)
#238 TE Daniel Hardy (Idaho)

Gesagt, getan. Clayborn war der Buccs-Pick an #20, obwohl noch klangvolle Konkurrenz im Pool war. Clayborn hat Probleme mit einer Lähmung im Arm, die ihn zwar nicht am Schlägern hindert, dafür aber womöglich eindimensional macht – er wird vielleicht nur auf einer Seite in der Line volle Leistung bringen können.

Der großartige Pick ist jener von DE Da’quan Bowers, der noch im Jänner als #1-Pick galt und dann wegen Arthritis-Risiko an #51 durchgereicht wurde. Bowers ist explosiv und sollte massive Verbesserung im Pass Rush bringen – allerdings womöglich für nicht allzu viele Jahre, denn die Verletzung ist chronisch. Trotzdem: Rein von der Idee ein starker Pick. Defensive Lines bauen halte ich für eine immergute Strategie. Und Tampa ist gut darin: Die ersten beiden Picks 2010 waren Defensive Tackles. Die ersten beiden Picks 2011 waren Defensive Ends.

In Runde #3 kam mit Mason Foster ein Linebacker. Gute Wahl, denn die Buccs haben keine Mikes mehr im Kader.

Die Secondary wurde spät angegangen. Mit Safety Ahmad Black von Florida kommt ein Lokalhero, allerdings einer, den man besser nicht auf die kräftigeren Tight Ends abstellt, denn 83kg sind NFL-Fliegengewichtsklasse. CB Gaitor sagt mir nichts, aber die Defensive Backs können jede Hilfe gebrauchen.

Die Offense wurde mit zwei Tight Ends und einem Running Back angegangen. Kein Offensive Liner? Riskante Taktik, aber immerhin gilt TE Luke Stocker als sehr guter Blocker.

Summa summarum

Es ist überhaupt ein Wunder, dass Tampa mit diesen Lücken im Kader eine solche Saison hingelegt hat. Der Draft 2011 hat ganz klar an einigen Schwachstellen angesetzt und vor allem in der Defensive Line „logische“ Picks gebracht.

Klar ist auch: Linebackers, Secondary und vor allem Offensive Line werden weiterhin Problemzonen bleiben, sollte nicht via Free Agency Bewegung kommen. Die Defensive Line hat vorerst ausgesorgt, zumindest wenn alle einschlagen wie gedacht. Aber Tampa kann es sich nach zig Flops nicht leisten, dass Clayborn und Bowers fehlschlagen.

Schlussfazit: Solide Draft-Strategie, denn alle Lücken konnten per definitionem nicht gestopft werden.

Green Bay Packers in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

#32 OT Derek Sherrod (Mississippi State)
#64 WR Randall Cobb (Kentucky)
#96 RB Alex Green (Hawaii)
#131 CB Davon House (New Mexico State)
#141 TE D.J. Williams (Arkansas)
#179 G Caleb Schlauderaff (Utah)
#186 OLB D.J. Smith (Appalachian State)
#197 DE Ricky Elmore (Arizona)
#218 TE Ryan Taylor (North Carolina)
#233 DT Lawrence Guy (DT Arizona State)

Ohne einen der zwei Hand voll Rookies genauer zu kennen, kann man trotzdem einiges aus dem Draft der Green Bay Packers ableiten. Die größte Baustelle in der Mannschaft – die Offensive Line – wurde gleich mit dem ersten Pick angegangen: An #32 kam OT Derek Sherrod. Wie im Vorjahr also ein Tackle (damals Bryan Bulaga). Der LT Chad Clifton wird immer älter und es gilt als hausgemacht, dass spätestens in einem Jahr entweder Bulaga oder Sherrod den Job übernehmen werden.

An #64 ging Randall Cobb, ein explosiver Mann. Ich bin mir nicht sicher, was ein WR in Green Bay soll – James Jones ist FA und Donald Driver uralt. Wird Jones gehen müssen? Was an Cobb interessant ist: Er soll ein starker Return-Spieler sein.

Green Bay hat zudem nach dem Picken von zwei Tight Ends einen ganzen Haufen davon, und alle von ihnen sind blutjunge Spieler. Smells like Konkurrenzkampf.

Der Drittrundenpick ist ein Running Back: Alex Green aus Hawaii. Green gilt als Allround-Waffe, stark im Fangen von Bällen. IMHO direkt abzuleiten, dass Brandon Jackson ausziehen wird müssen. Fangstarke Backs werden bei 3rd downs gebraucht.

Vierte Runde, Green Bay mit einem Cornerback: Davon House, NMS. Kann als hausgemacht gelten, dass House die #4 hinter Williams, Woodson und Shields werden wird.

Summa summarum

Green Bay war deutlich erkennbar darauf ausgerichtet, Lücken im Draft zu füllen, beziehungsweise Positionen zu verjüngen, besonders auf den Tackle-Positionen in der Offensive Line. Ob der Cobb-Pick nun das Ende von Driver und/oder Jones bedeutet, wird sich zeigen, aber auch hier die versuchte Frischzellenkur. In den späten Runden wurden Picks für quantitativ bereits stark besetzte Positionen gemacht. Man will offenbar Konkurrenzkampf schüren. Reibungspunkte setzen nach dem Titelgewinn.

Die Presse sieht in Green Bay bereits wieder den Titelfavoriten. Ich bin nach wie vor nicht ganz davon überzeugt.

NFL-Franchises im Kurzporträt, #7: Washington Redskins

Rückständig, stolz, gesichtslos, profitabel: Die Redskins waren und sind ein Team der Widersprüche und die Widersprüchlichkeit hat noch kein Ende genommen. Aber lesen Sie selbst.

Bis 1945: Erfolge und Debakel

1932 als Boston Braves gegründet, zogen die Braves (ab Jahr zwei bitteschön: Redskins) 1937 in die Hauptstadt um und waren fortan die Washington Redskins, die sich in den ersten Jahren unter QB/P/Verteidiger Sammy Baugh einen Namen als alljährlicher Titelkandidat machten: Zwei Titelgewinne, aber auch die verheerendste Finalniederlage ever: 0-73 gegen die Chicago Bears 1940. Bis heute „unerreicht“.

Die Rassisten – oder?

Die Redskins waren danach unter dem eigenwilligen Owner George Preston Marshall eine außerordentlich stolze, ambitionierte Mannschaft, die um jeden Preis Erfolge haben wollte. Marshall lachte sich eine Reihe höchst bekannter Coaches an (u.a. Lambeau und Lombardi) – alle floppten. Kann jemand eine Parallele zu Dan Snyder erkennen?

Marshall war aber noch schlimmer: Zwar ließ er die Umbenennung des neuen Stadions in D.C. nach dem Demokraten Robert F. Kennedy zu, aber Marshall war Rassist durch und durch und weigerte sich fast bis zum Ende seine Regentschaft Ende der 60er, einen schwarzen Spieler einzukaufen.

Es folgten 70er mit einer Superbowl-Teilnahme, aber ansonsten eher Graues. Bis der Mehrheitseigentümer Jack Kent Cooke endlich beschloss, auch operativ tätig zu werden. Cooke installierte recht schnell den OffCoord der Chargers: Joe Gibbs.

Die Dekade des Erfolgs

Gibbs, der Mann mit der hellen Stimme, machte sich schnell einen Namen damit, gesichtslose Mannschaften ohne Franchise-Quarterbacks zu Topmannschaften zu coachen. Aufbauend auf dominanten Offensive Lines („The Hogs“) waren die Redskins eine Macht, der schwer beizukommen war, selbst in einer Division mit dem großartigsten aller Pass Rusher, OLB Lawrence Taylor (Giants).

Gibbs holte sich (neben einer Endspielniederlage 1983) drei Superbowls (1982, 1987, 1991) mit drei verschiedenen Quarterbacks: Joe Theisman, Doug Williams und dem Kanadier Mark Rypien.

Bizarr: Williams war der erste schwarze QB, der die Super Bowl holte – für die Franchise, die einst als letzte schwarze Spieler akzeptiert hatte. Rypien war der erste ausländische QB mit Ring am Finger – in der Hauptstadt der ultrapatriotischen US-Nation. Stars der Mannschaft über die Jahre waren aber nicht die QBs, sondern WR Art Monk und CB Darrell Green.

Nach dem Abschied Gibbs‘ in Richtung NASCAR ging es abwärts und die Redskins waren abseits des Spielfelds in den Schlagzeilen. Man buhte den jungen QB Heath Shuler gnadenlos zurück nach Carolina.

Skandal! Beleidigung! Richter!

Noch wüster: Die amerikanische Unsitte, aus alles und jedem eine Klage konstruieren zu müssen, um aus nichts Profit schlagen zu können, sorgte für lange Prozesse der amerikanischen Ureinwohner („Indianer“) gegen Name, Logo und Farben der Redskins („Rothäute“). Nichts gegen Minderheitenschutz (ich bin selbst Teil einer Minderheit), aber sowas ist, nun ja, etwas sehr peinlich.

Auch, weil a) die „Indianer“ fast 60 Jahre warteten mit der Klage und fast 25 Jahre nach der offiziellen Patentierung, was schalen Beigeschmack hinterlässt und b) die Mehrheit der Minderheit gar nicht hinter dem Aufsehen stand: 91% der Indianer finden „Redskins“ abkeptabel. Richtiger Entscheid: Abweisung der Klage. Zu lange mit der Profitgier gewartet.

Die unsägliche Ära Dan Snyder

Seit Dan Snyder Ende der 90er Owner der Redskins ist, hat sich der Unternehmenswert der Redskins verixfacht. Allein: Sportlich ist davon wenig zu merken. Man kriecht seit gefühlten Ewigkeiten im unteren NFL-Drittel, nicht zuletzt auch, weil Snyder viel zu ungeduldig ist und sich häufig in die personellen Entscheidungen einmischte. Snyder kaufte gerne teure und lernresistente Stars ein, die ihre Verträge mit nach Hause nahmen und den eigenen Rookies den Platz wegnahmen.

Selbst der reaktivierte Joe Gibbs konnte die Redskins nicht entscheidend nach vorne entwickeln und mittlerweile ist man beim alten Broncos-Superbowlsieger Mike Shanahan angelangt, dessen erste Monate auch nicht das allergrößte Versprechen waren.

Was mich hoffnungsfroh stimmen würde: Snyder kümmert sich nun weniger um das Tagesgeschäft.

Das Stadion

Redskins Stadium

FedEx Field (90.000 Plätze) ist das größte Stadion der NFL. Und eines der seelenlosesten. Gelegen ist es draußen in Landover/Maryland, nicht mal in D.C. Zum Stadion hin führt eine U-Bahn und wer mit dem Auto anreist, riskiert, drei Stunden im Stau stecken zu bleiben. Vor dem Stadion angelangt, sollte man sich vorsehen, um nicht wahlweise niedergeschossen oder -geknüppelt zu werden: FedEx Field liegt in einer sehr unguten Umgebung.

Putzig: Die Farbkombination zwischen den rot-gelben Rängen und dem hellgrün-lila von Sponsor FedEx. Alles in allem ein eher verunglücktes Stadion an einem unglücklichen Ort, würde ich sagen.

Rivalitäten

Die Rivalität zwischen Redskins und Dallas Cowboys ist so alt und so intensiv, auch in sportlich nicht allzu wichtigen Spielen, dass im Zuge der Neusortierung der Divisionen 2002 hinsichtlich der Geographie eine Ausnahme gemacht wurde: Dallas, das auf der Landkarte mehr West denn Ost ist, blieb in der AFC East, um weiterhin 2x/Jahr gegen die Redskins spielen zu können. Ursprung der Rivalität: Skins-Owner Harrison wollte einst um jeden Preis die Gründung der Cowboys verhindern, da er mit seinen stolzen Rothäuptern allein den „Süden der NFL“ repräsentieren wollte. Kleinkarierte Denke mit dem Resultat: Gründung Cowboys, hitzige Feindschaft.

Ansonsten sind es natürlich die anderen beiden NFC-East-Gegner Philadelphia und NY Giants, gegen die man in Washington immer ganz besonders gerne spielt. Lokalrivale wäre Baltimore, aber gegen die Ravens spielt man nur einmal alle vier Jahre.

Gesichter der Franchise

  • Joe Gibbs – Head Coach und dreifacher Superbowl-Champion. Machte aus gesichtslosen Mannschaften ohne große Stars schier unschlagbare Mannschaften und gilt deswegen als einer der besten Coaches überhaupt.
  • Sammy Baugh – Punter, Quarterback, Abwehrspieler in Personalunion und bis heute der einzige Spieler, der in einer Saison die meisten Yards im Passspiel und Punten hatte, sowie auch noch die meisten Interceptions.
  • Darrell Green – CB, von 1983 bis 2000 17 Jahre lang auf hohem Niveau unterwegs und zweimal Superbowl-Champ.

korsakoffs Highlight

Ist es möglich, dass diese Rubrik leer bleibt? Bis auf ein 7-52 gegen New England vor ein paar Jahren haben die Redskins noch nicht Denkwürdiges produziert. Und mit „7-52“ möchte man ja nicht wirklich in Erinnerung bleiben.

Eckdaten

Gegründet: 1932 als Boston Braves
Besitzer: Dan Snyder (Finanzhai)
Division: NFC East
Erfolge: Superbowl-Champ 1982, 1987, 1991, Superbowl-Niederlage 1972, 1983, dazu NFL-Champ 1937, 1942, 23x Playoffs (23-18) – Stand 2013

Frauen-WM 2011, US-Lucky 21

Disclaimer: Dieser Text ist vor ein paar Tagen bereits bei Spox.com erschienen. Für Sideline Reporter gibt es die Extended Version, ergänzt um ein paar klitzekleine Details.

Die Frauen-Fußballweltmeisterschaft ist nicht mehr allzu weit entfernt (Eröffnungsspiel 26. Juni 2011), deswegen mal ein schaler Blick auf ein paar der höher eingeschätzten Nationalmannschaften. Als erste dran: Die US-Mannschaft, im Slang fürchterlich mit „USWNT“ (United States Women’s National Team) bezeichnet, die eine verdammt knifflige Vorrunde zugelost bekommen haben (Schweden, Nordkorea).

Es ist ein recht frischer Kader, den die schwedische US-Trainerin Pia Sundhage gebastelt hat. Zwölf der 21 sind WM-Neulinge, aber betrachtend, dass die durchschnittliche Spielerin 73 Länderspiele (!) auf dem Buckel hat, keine unerfahrene Mannschaft. Trotzdem steckt die USWNT gefühlt noch im Umbruch und der Vorwahl einiger Leistungsträgerinnen ist auch schon länger nicht mehr die „2“.

Torfrauen

Die #1 im Kasten wird Hope Solo sein, eine charakterlich nicht unumstrittene Frau. Zwischen „Zicke“ und „Siegertyp“ gehen bei Solo die Meinungen weit auseinander. Fakt ist: Solo wird dir deine Meinung sagen, auch wenn du sie nicht fragst. So geschehen bei der WM 2007, als der US-Coach die Stammkeeperin Solo vor dem Halbfinale plötzlich absgesägt hatte. Die Ersatzfrau Scurry hielt grottenschlecht, die USA verloren 0:4 und Solo beförderte sich mit anschließender beißender Kritik vorerst ins Abseits. Sportlich für mich die zuverlässigste Torfrau und ihre rechtzeitige Genesung sollte für diese Mannschaft essenziell sein.

Verteidigung

Ich habe ehrlich noch keine Ahnung, wie die Viererkette aussehen wird. Zu wenige Spielerinnen mit einer klaren Stammposition, zu überraschend die Aufstellung im Testspiel Mitte Mai gegen Japan. Chefin wird wohl #3 Christie Rampone sein. Rampone wird bei WM-Start 36 sein und war schon vor 12 Jahren beim Heim-WM-Titel in Pasadena mit dabei. „Soccer Mum“ (wurde 2010 wieder Mutter) Rampone definiert sich wohl am besten über den Terminus „Erfahrung“. Fraglich, wo sie denn aufgestellt werden soll?

Für die RV-Position dürfte nur #11 Ali Krieger in Frage kommen, die deutsche Fans von ihrem Frankfurt-Aufenthalt kennen sollten, die aber in den USA einen erstaunlich schweren Stand hat, sprich: Ihre Aufstellung gilt als keineswegs gesichert. Vielleicht wird gerade RV Christie Rampones Platz sein.

Bisschen wenig Reputation genießen auch die drei potenziellen Innenverteidigerinnen #19 Rachel Buehler, #4 Becky Sauerbrunn und #6 Amy LePeilbet. LePeilbet gilt als eine der besten Abwehrspielerinnen der US-Profiliga WPS, ist im Nationalteam aber erst seit zwei Jahren eine feste Größe. Gegen Japan spielte LePeilbet unerwartet als Linksverteidigerin – wie Sundhages Pläne diesbezüglich wohl aussehen?

Sauerbrunn war eigentlich schon draußen, hat sich mit starker Vereinssaison wieder in den Fokus gespielt. Dito #2 Heather Mitts, WM-Debütantin mit 33 und nach zahlreichen Verletzungen vor allem sowas wie eine sentimentale Favoritin.

Links verteidigen kann #14 Stephanie Cox, die aber nach der horrenden Vorstellung gegen Japan erstmal außen vor sein könnte.

Mittelfeld

Angesichts der Spielernamen hätte ich den US-Girls eine hohe Note im Mittelfeld gegeben. Allein: Die Testspielserie gegen Japan und das freundschaftliche Länderspiel gegen Mexiko haben mich doch etwas ernüchtert.

#7 Shannon Boxx und #10 Carli Lloyd haben im zentralen Mittelfeld erstaunlich schlecht harmoniert. Boxx ist sowas wie der Ballack für diese Mannschaft, defensivstark und eine Art Spielmacherin vor der Abwehr. Lloyd gibt den etwas offensiveren Part, nur scheint es in der Abstimmung mit Boxx noch heftig zu hapern. Eine Alternative wäre #16 Lori Lindsey, die technisch höheren Ansprüchen genügt, aber doch sehr zierlich für eine Abräumerin gebaut ist.

Dabei wäre eine gut geölte Mittelfeldzentrale wichtig, um der wuseligen #9 Heather O’Reilly den Rücken frei zu halten. O’Reilly gibt sowas wie den Freigeist und taucht so ziemlich überall in der gegnerischen Platzhälfte auf. Die Wichtigkeit O’Reillys drückt sich auch in ihrer Rückennummer 9 aus, seit Mia Hamms Zeiten sowas wie die meistvergötterte Frauenfußball-Trikotnummer in Amerika und mit einem Stellenwert wie der 10 in Brasilien und Argentinien ausgestattet.

Dazu #15 Megan Rapinoe, die sehr gute Flanken schlägt, aber defensiv Arbeitsverweigerung betreibt.

Höchst interessante junge Spielerin: #17 Tobin Heath, die die exzellente Fußballschule der University of North Carolina durchlaufen hat und eine sehr dynamische Antreiberin ist, aber noch sehr unerfahren.

Noch ein paar Tage jünger: #5 Kelly O’Hara, Nachrückerin für die mit Kreuzbandverletzung ausgeschiedene Lindsay Tarpley. Es gab Gerüchte, die Kellnerin Sinead Farrelly würde dank Tarpleys Ausfall einen sensationellen Aufstieg innerhalb von drei Monaten machen. Vom Barmädchen zur WM-Teilnahme oder so.

Den Kaderplatz hat O’Hara bekommen – und O’Hara schätzt ihre Rolle dann auch sehr realistisch ein:

Wobei „being supportive“ im US-Team seit einiger Zeit durchaus kontrovers diskutiert wird. Dazu in einem eigenen Hope-Solo-Beitrag in einigen Tagen mehr.

Angriff

Sturmführerin wird die ewig junge #20 Abby Wambach (117 Tore in 154 Länderspielen) sein, in ihrem x-ten großen Turnier. Wambach ist nicht die wuseligste, aber ihre Qualitäten im Abschluss sind unbestritten und vor allem händeringend benötigt.

#8 Amy Rodriguez spielt meist hängende Spitze und ich bin grad überrascht, dass A-Rod ihre erste WM spielen soll. Ist gefühlt seit Ewigkeiten dabei. Im Gedächtnis bei mir auch deshalb geblieben, weil Prädikat „Chancentod“.

Dritte im Bunde: #12 Lauren Cheney, wie Rodriguez keine prototypische Mittelstürmerin. „Nicht prototypisch“, aber eine rechte Klebe vor dem Herrn:

Sehr gespannt darf man auf die blutjunge #13 Alex Morgan sein, meine Lieblingsstürmerin im Frauenfußball: Wendig, trickreich, technisch stark, aber mit 21 noch sehr unerfahren und vor dem Tor noch reichlich flattrig, aber Morgan wird in absehbarer Zeit eine der besten Stürmerinnen sein – garantiert. Vielleicht schon bei der WM, wenn sie denn ihre Einsatzchancen bekommt.

Morgan hat sich in den letzten beiden Jahren an der gehypten US-Kanadierin Sydney Leroux vorbeigespielt. Leroux (ex-UCLA) ist nicht im WM-Kader, was mich vor einem Jahr noch schwer überrascht hätte, aber die Kritiken waren zuletzt eher durchwachsen, und Lerouxs Konkurrenz in der „zweiten Liga“ in Vancouver ist, nun, nicht WM-Niveau. Ebenso nicht dabei: Die mit Tattoos übersäte Hawaiianerin Natasha Kai.

Ausblick

Im Prinzip halte ich die US-Auswahl trotz der schwachen Qualifikation (erst in letzter Minute in der Relegation gegen Italien das Ticket gelöst) für durchaus titelfähig. Das Japan-Spiel hat allerdings arge Probleme offenbart, wenn es darum geht, den Ball aus der Abwehr nach vorne zu treiben, sprich: an der Zentrale mit Boxx/Lloyd werden noch etliche Stellschrauben gedreht werden müssen. Viel Zeit zum Testen bleibt allerdings nicht mehr und die Vorrunde hat es in sich: Schweden und Norkorea als Gegnerschaft, was ich für durchaus happig halte. Ein Vorrundenaus ist angesichts der erwarteten Uneingespieltheit durchaus nicht ganz ausgeschlossen.

Wie allerdings auch nicht ein Titel-Run, wenn auch der Weg ab dem Viertelfinale der Weg um nichts einfacher werden würde.

Die US-Frauen: Zweifellos das dark horse dieses Turniers.