Mit den Arizona Cardinals in die neue Woche

Es sagt einiges aus über die Qualität einer Mannschaft, wenn sie in der schwächsten Division spielt und am Saisonende trotzdem mit einer 5-11 Bilanz gut bedient ist. Willkommen bei den Arizona Cardinals, der schwächsten Mannschaft des abgelaufenen Herbstes, einer Mannschaft, die seit eineinhalb Jahren einen Massenexodus erlebte – seit QB Kurt Warner trotz allem Flehens seinen Rücktritt erklärt hat.

Erstaunlich, wie ruhig das Front Office die vielen Abgänge hinnahm und seelenruhig in die Saison 2010/11 ging, ohne überhaupt daran zu denken, den Neuaufbau-Modus einzuschalten. Den Knopf hat man anscheinend immer noch nicht gedrückt.

Das QB-Fragezeichen

Head Coach Ken Whisenhunt lässt in Arizona gnadenlos eine Spread Offense spielen, inklusive haufenweise Shotgun-Formationen und einem 2:1-Verhältnis Pass/Lauf. Nach dem Rücktritt von Raketenarm Warner fand ich die Entscheidung, Matt Leinart ziehen zu lassen, durchaus konsequent. Ein so schwacher Wurfarm hätte in diesem System nur bis zu einem gewissen Grad funktioniert, nicht hinter dieser Offense Line und nicht mit dem entscheidungsschwachen Leinart.

Dass Arizonas Quarterback abseits von Leinart unterirdische Leistungen zeigten (50.8% Completion Rate, 10 TD, 19 INT) – geschenkt und angesichts Leinarts Inkompatibilität mit Arizonas Offense auch kein verlorenes Jahr. Man wusste wenigstens, man würde reagieren müssen.

Dass Whisenhunt dann aber so scharf auf den Eagles-QB Kevin Kolb war, überrascht. Kolb macht einen sehr blässlichen Eindruck und ich bin mir nicht sicher, ob Kolb, dem man ebenso einen mäßigen Wurfarm nachsagt, Arizonas Angriff zu neuen Höhen wird führen können. Ich sehe eine Abkehr von der radikalen Shotgun-Spread Offense kommen.

Kollateralschaden des Kolb-Trades: Man hat das Defensive Backfield deutlich geschwächt.

Die Offense

Kolb wird hinter einer ganz schwachen Offensive Line arbeiten müssen, deren Left Tackle Levi Brown schier keinen Schutz für die Blindsite bietet – ein großes Manko und man wird gespannt verfolgen, wie Kolb mit diesem Unsicherheits-Faktor zurecht kommen wird.

Dass mit Todd Heap und dem Rookie Bob Housler zwei Tight Ends eingekauft wurden, die als sehr fangstark gelten: Angesichts der nicht gerade überquellenden Masse an Anspielstationen okay. Dass beiden allerdings arge Schwächen im Blockspiel nachgesagt werden, sollte die Sirenen schrillen lassen.

Wie abseits der Tight Ends die Aufstellungen ausschauen werden? Wir hätten zum einen WR Larry Fitzgerald, der trotz der angehenden Tristesse in der Wüste bewundernswert ruhig bleibt. Fitzgerald lieferte zuletzt eine sensationelle Saison mit 90 Catches, 1137yds und 6 Touchdowns (33% der Yards, 60% der Touchdowns im Passspiel).

Mit Steve Breaston fällt der beste Slot Receiver weg, dafür scheint man auf die jungen Sprinter Early Doucet/Andre Roberts und Rookie DeMarco Sampson zu setzen. Die Ansage: Pfeilschnelle Leute – aber dafür bedürfte es auch eines kurzentschlossenen, wurfgewaltigen Quarterbacks. Ich bin gespannt.

Das Laufspiel (#32 der NFL) liegt seit Jahren am Boden und die Einberufung von RB Ryan Williams in der zweiten Runde darf man als Eingeständnis werten, dass RB Beanie Wells nicht das erhoffte Arbeitstier ist. Dass man nun mit Williams/Wells zwei sehr ähnliche Backs hat – quick, wenig durchhaltevermögend, fangschwach – ließe man noch durchgehen. Dass man mit RB Tim Hightower aber den einzigen akzeptablen Back für 3rd downs nach Washington geschickt hat, sollte noch richtig weh tun und wird mir zu wenig beklagt.

Die Defense

Wir sprechen hier von einer Defense, die von 43 Sacks 2009 auf 33 Sacks 2010 abgestürzt ist. Die Probleme liegen auf der Hand: Es gibt keinen alle überragenden Pass Rusher, auch wenn die Defensive Liner Darnell Dockett und Calais Campbell immer wieder ihre Momente haben. Aus der zweiten Reihe – der Linebackerschaft – kommt jedoch trotz großer Namen wie Joey Porter oder Clark Haggans recht wenig. Resultat: Sehr oft werden die Schwächen in der Secondary offenbart.

Dort wird nach dem Abgang von Dominique Rodgers-Cromartie auf den gehypten Rookie Patrick Peterson als #1-Cornerback vertrauen müssen, ein pfeilschneller Athlet. Aber wenn Rookies in ein unerfahrenes Backfield geworfen werden, führt dies oft unweigerlich zu Problemen, zumal Arizonas Nickelback-Situation ungeklärt ist.

Arizonas Lauf-Defense fing sich zuletzt haufenweise Yards ein, was auch daran liegen mag, dass man oft schnell weit in Rückstand lag. Die Schwächen sollten aber auszumerzen sein. Der junge NT Dan Williams gilt als großes Versprechen und wird in dieser Saison eine größere Rolle spielen. DE Vonnie Holliday, der im Zuge der Hightower-Trades aus Washington kommt, gilt ebenso als Upgrade gegen den Lauf.

Immerhin hat mit ILB Daryl Washington im letzten Jahr ein Rookie sehr überzeugend gespielt und dürfte schon in dieser Saison der neue Anker der Defense sein. Dazu kommt MLB Stewart Bradley aus Philadelphia. Mit Quan Sturdivant haben die Cards einen Rookie geholt, dem ich durchaus eine dominante Rolle zutraue – allerdings soll Sturdivant sich zu leicht von allen möglichen Verlockungen im Nachtleben den Kopf verdrehen lassen. Und dann wäre noch O’Brian Schofield, ein OLB, über den man nur Gutes hört.

Was man von Arizonas Defense zuletzt immer wieder hörte: Sie vertraut stark darauf, dass SS Adrian Wilson als halber bzw. „fünfter“ Linebacker agiert, was gegen den Lauf dringend benötigt wird, wenn man sich ansieht, wie oft FS Kerry Rhodes neben seinen Schuhen steht.

Ausblick

Die Cardinals haben seit längerer Zeit in dieser Saison vorerst kein Primetime-Spiel. Eine Folge der furchtbaren 2010er-Saison. Der Schedule allerdings liest sich bis auf wenige Ausnahmen sehr machbar und ist gemessen an 2010/11 der einfachste der NFL – allein, ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ESPN America besonders viel Cardinals senden wird.

Wk #1 vs Panthers
Wk #2 @Redskins
Wk #3 @Seahawks
Wk #4 vs Giants
Wk #5 @Vikings
Wk #6 BYE
Wk #7 vs Steelers
Wk #8 @Ravens
Wk #9 vs Rams
Wk #10 @ Eagles
Wk #11 @49ers
Wk #12 @Rams
Wk #13 vs Cowboys
Wk #14 vs 49ers
Wk #15 vs Browns
Wk #16 @Bengals
Wk #17 vs Seahawks

Die NFC West halte ich für durchaus sehr offen und womöglich reichen acht oder neun Siege für einen Playoffeinzug. Da ich Kolb für ein massives Upgrade gegenüber den Quarterbacks von 2010 halte, wenn auch nicht für den optimalen Mann für diese Art von Offense, sehe ich nicht, warum Arizona meilenweit von einer Playoff-Teilnahme entfernt sein sollte. Gegen Saisonende spielt man häufig zuhause und hat in einem möglichen Regular-Season-Finale ein Heimspiel gegen Seattle.

Das Zeiteisen verrät: 959 Minuten verbleiben. WordCount nach zwei Teams: 2004.

11 Kommentare zu “Mit den Arizona Cardinals in die neue Woche

  1. @Dan Williams:

    — NT Dan Williams is not in shape, and that’s a huge disappointment to coaches. The Cardinals made him their first-round pick in 2010 because they thought they were getting a diligent worker who wouldn’t cause them to constantly worry about his physical condition. Instead, Williams missed a game last year because he was heavy. He didn’t report to this camp in shape. He’s a good guy so they are confident he’ll work hard. But he’s one of several players who would benefit from a full off-season of work under strength coach John Lott.
    Quelle: http://www.azcentral.com/members/Blog/KentSomers/136804

    man hört von 360+ lbs

  2. nur nebenbei die jets holen LB Matthias Berning.damit ist vollmer nicht mehr einziger deutscher in der NFL

  3. Ich bin immer noch der Meinung, dass Leinart ein guter NFL-QB werden konnte wenn er eine faire Chance bekommen hätte! Die hat er aber NIE bekommen! Bei einem Payton Manning war die erste Saison auch Scheisse, nur hielt man an ihm fest. Was ich mich aber frage, was wäre denn so schlimm gewesen einen Leinart letzte Saison spielen zu lassen? Also schlechter als das was in ARI als QB rumgefallen ist, hätte er sicher auch nicht gespielt. Von daher haben die Cards eigentlich ALLES falsch gemacht! Mein Fazit: Leinart hatte riesen Talent. Nur war er zur falschen Zeit am falschen Ort.

  4. @Daniel

    Nope. Leinart machte in den Jahren in Arizona mehr Party als Training – für normale NFL-Spieler schlecht, für Quarterbacks untragbar, für Franchise-QBs tödlich. Manning arbeitete rund um die Uhr. Leinart feierte dem Vernehmen nach die ganze Nacht.

    Bei Leinart kommt erschwerend hinzu: Leinarts Bälle hängen stundenlang in der Luft – das sah man nie besser als am Drafttag 2006, als nacheinaner Cutlers und Leinarts Würfe gezeigt wurden – Cutlers Bälle flogen wie ein Strich, Leinarts Bälle waren gelupft und konnten von Cornerbacks leicht eingeschätzt werden.

    Für eine Offense wie Haley und Whisenhunt funktioniert sowas nicht – zu Leinarts Entschuldigung muss man sagen: Die beiden waren nicht in Arizona, als Leinart gedraftet wurde. Von daher: Auch spieltechnisch ein unguter Ort für Leinart.

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ein Leinart mehr als mittelmäßig gut in der Big-Play-Offense von Houston funktionieren würde. Interessieren würde mich das.

  5. Matt Leinart ist wirklich ein sehr durchschnittlicher Quarterback, der keine seiner Chancen in Arizona nutzen konnte. Allerdings denke ich, dass die Cards gut daran getan hätten ihn die letzte Saison zu halten und sich nicht auf Derek Anderson und Max Skelton (den 3. in der Runde habe ich schon wieder vergessen…) zu verlassen. Besser als die drei hätte es Leinart sicher gemacht, aber das waren wohl auch mehr die von korsokoff angeführen persönlichen Umstände.

    Zu Kolb:
    Ich denke, er ist wirklich ein Quarterback mit sehr viel Talent. Er beweist Übersicht und weiß, wie man tiefe Pässe zu werfen hat, ohne dass es an der Genauigkeit für kurze und mittlere Pässe mangelt. Seine Auftritte in Philadelphia haben mir wirklich gut gefallen. Damit sollte die Offense der Cards wieder konkurrenzfähig werden.

  6. Ich mag vor allem Kolbs bescheidene und professionelle Art.
    Am Tag nachdem er unterschrieben hatte, war das erste, was er im Interview auf nfl.com sagte, dass es eine Ehre für ihn sei, mit Fitzgerald spielen zu dürfen. Viele QB legen ja eher eine „Es ist eine Ehre für alle WRs, meine Pässe fangen zu dürfen“ Attitüde an den Tag. Und was die professionelle Einstellung angeht, liest man am besten mal diesen Artikel: http://www.eaglesgab.com/2011/05/30/kevin-kolb-shows-class-character-and-work-ethic-despite-situation/

  7. Vertrag für Wahnsinnige: Larry Fitzgerald kassiert anscheinend 120 Millionen über 8 Jahre, 50 Mio. Garantie. Ich bin da etwas sprachlos, hatte nicht gedacht dass WR so viel Geld bekommen können. aber Fitzgerald ist es zu vergönnen, ein toller Spieler und ein Supertyp, schade dass er in Arizona spielt und vielleicht keine titelchance mehr bekommt & dass wir ihn nicht oft werden spielen sehen.

    Irgendwas sagt mir übrigens, dass ein Herr Johnson in Tennessee aufmerksam zugehört haben wird 😉

  8. Naja, nach aktuellem Stand bringt ESPN America in Woche 1 der Regular Season am Montag ein Tape von Arizona-Carolina. Wobei, irgendetwas sagt mir, dass dies nicht wegen Larry Fitzgerald sein wird…

    Eine andere nicht uninteressante Geschichte aus Arizona: RB Ryan Williams fällt mir gerissener Patellasehne für diese Saison aus. Bitter, weil Arizona nun auf Beanie Wells setzen muss, den sie eigentlich mit der Einberufung von Williams unter Druck setzen wollten. Weil nun Wells der einzige verlässlichere Back ist, könnten die Aktien eines Clinton Portis wieder steigen.

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