Mit den San Diego Chargers in den Sonnenaufgang

Die Chargers sind eine der konstantesten Franchises der letzten Jahre, gewinnen fast immer die AFC West und blamieren sich irgendwann in der ersten oder zweiten Playoffrunde. Im vergangenen Herbst war dem nicht so. Da blamierten sie sich mit ihren katastrophalen Special Teams schon in der Regular Season und brachten es zustande, mit der besten Offense und der besten Defense (nach Yards) nur eine 9-7 Bilanz hinzuknallen und die Playoffs zu verpassen.

Trotzdem blieb es ruhig, wie eigentlich immer, wenn die Chargers zu früh scheitern. GM A.J. Smith hält seinen Konsorten die Nibelungentreue. An Head Coach Norv Turner gab es auch nach der wiederholten Enttäuschung kein Rütteln. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie es in anderen Städten zugeht, wenn der hochbezahlte Titelanwärter die Playoffs verpasst.

Die Luftwaffe

Zeit, Philip Rivers zu würdigen. Der Quarterback mit dem ungewöhnlichen Wurfstil – es wirkt fast wie ein Abstoßen des Balles – ist schlicht und ergreifend ein Faszinosum, stellt sich Woche für Woche hinter eine als durch und durch mittelmäßig geltende Offensive Line und feuert Woche für Woche, Spielzug für Spielzug, mit zusammenklappender Pocket tiefe Bomben auf Receiver, deren Namen selbst die großen Experten kaum kennen (außer Mike Mayock).

Rivers schenkte 2010/11 mal eben 4710yds und 30 Touchdowns ein, und der leading receiver machte ganze 782yds: TE Antonio Gates, unbestritten ein herausragender Mann, der von kaum einem Linebacker oder Safety über ein komplettes Spiel in Schach gehalten werden kann. Gates stellt sich IMHO des Öfteren als Wide Receiver auf und mischt von dort die Spielfeldmitte mächtig auf.

Abseits von Gates kann vielleicht noch ein WR Vincent Jackson Star-Status beantragen, der Rest der Ballfänger-Armada bleibt recht anonym. Und trotzdem machten acht verschiedene Angreifer mindestens einen Catch mit mehr als 48yds Raumgewinn. Die häufigen Big Plays werden zum Großteil auch Turners Fähigkeit, Mismatches zu kreieren, zugesprochen.

Die Bodenwaffe

Nimmt man die Urteile von Pro Football Focus als Grundlage – und es dürfte bekannt sein, dass ich darauf sehr viel gebe – gründet San Diegos Offense auf einer Line, die hauptsächlich für Laufspiel zusammengesetzt ist. C Nick Hardwick gilt als Anker der Line, während die beiden Tackles Marcus McNeill und Jerome Clary Jahr für Jahr schlechter in der Pass Protection werden. Das ist insofern verwunderlich, weil Laufspiel im Gameplan von Norv Turner eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Dabei wurde im Vorjahr mit RB Ryan Mathews ein Back mit vielen Vorschusslorbeeren als Tomlinson-Nachfolger gedraftet. Mathews gilt als sehr explosiv, hat aber im Vorjahr mit argen Verletzungssorgen zu kämpfen gehabt und bereitet auch mit nicht vorhandenem Pass-Blocking Kopfzerbrechen. Persönlich bin ich ein Fan von FB Mike Tolbert, ein recht geschmeidiger, fangstarker Mann, der nach dem Abgang von Allzweckwaffe Darren Sproles oft bei 3rd downs angespielt werden dürfte. Tolbert ist allerdings auch so einer derjenigen Backs, die nicht lange die Gegend auskundschaften und straight über die Mitte laufen und dementsprechend viele Hits einstecken – wie lange er wohl halten wird?

Eine Defense wie Mehltau

Ich gebe zu, dass ich sehr überrascht darüber bin, dass San Diego im Vorjahr die #1-Defense aufweisen konnte. Es handelt sich hier IMHO um eine eigenartige Unit, die nach Abgängen ihrer großen Einzelkönner plötzlich nicht Rabatz mit harten Hits und haufenweise Turnovers macht, sondern sich ganz mehltauartig über den Gegner legt.

Die Defensive Line hat keinen dominanten Nose Tackle, dafür die variabel einsetzbaren Antonio Garay, Jacques Cesaire und Luis Castillo, und die neuen Travis LaBoy/Rookie Corey Liuget. Die Linebackers erhalten mit ILB Takeo Spikes einen uralten, bärenstarken Tackler dazu, der den Abgang von Kevin Burnett abfedern soll. Die OLBs werden von Antwan Barnes, Shaun Phillips und Larry English gegeben, wobei Phillips seit Jahren eine bekannte Konstante ist, English nach einer enttäuschenden Rookie-Saison einen leichten Aufwärtstrend erkennen ließ und Barnes ein verkanntes Genie sein soll.

Prunkstück war trotz allem die Secondary, wo man zwischen den Zeilen vieler Analysten eine tiefe Bewunderung für die CBs Quentin Jammer und Antoine Cason sowie Safety Eric Weddle herauslesen durfte. Weddle wurde nun mit einem teuren Fünfjahresvertrag über 40 Millionen Dollar gebunden und erhält in dieser Saison einen potenziellen Superstar als Partner: SS Bob Sanders, bei dem man aber ernsthaft über dessen physischen Zustand reden sollte. Sanders hat bisher in nur zwei Saisons mehr als die Hälfte der Spiele bestritten, dabei allerdings brilliert.

Ein Punkt, der spannend sein wird: Wie verkraftet diese Defense den Abgang von DefCoord Ron Rivera, der neuer Head Coach in Carolina wird?

Wo es hakte

Die Special Teams. Field Goals über 50yds Entfernung gingen fast alle daneben, aber die wirkliche Schwäche waren die Coverages. Wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Punt Return gegen San Diego sagenhafte 18.9yds einbrachte und via Kick/Punt-Returns vier Touchdowns und 2309yds erzielt wurden, braucht man nicht viel Fantasie, um den Schwachpunkt einer Mannschaft abzuleiten. Fassungslos ist allemal, dass diese eine unbedeutend scheinende Schwachstelle eine Mannschaft so derart auseinandernehmen kann, dass sie mit der besten Offense UND der besten Defense nichtmal die Playoffs erreichte.

Ausblick

In gewisser Hinsicht bin ich Fan von dem, was die Chargers unter permanentem Verlust (und Verschwendung) von Star-Potenzial dort drunten jahrein, jahraus veranstalten. Da ich undiszipliniertes Spiel (Fumbles, Strafen) für durchaus ausmerzbar halte und San Diego fast alle Ingredienzien beisammen hat, ist San Diego für mich klarer Favorit in der AFC West. Der Schedule ist recht schwierig, aber ich kann mir sogar vorstellen, dass die Chargers den #1 oder #2-Seed der AFC holen.

Wk #1 vs Vikings
Wk #2 @Patriots
Wk #3 vs Chiefs
Wk #4 vs Dolphins
Wk #5 @Broncos
Wk #6 BYE
Wk #7 @Jets
Wk #8 @Chiefs (MNF)
Wk #9 vs Packers
Wk #10 vs Raiders (Donnerstagspiel)
Wk #11 @Bears
Wk #12 vs Broncos
Wk #13 @Jaguars (MNF)
Wk #14 vs Bills
Wk #15 vs Ravens (SNF)
Wk #16 @Lions
Wk #17 @Raiders

Solange nur Rivers fit bleibt, wird die Offense punkten und dass die Defense nicht um eine oder zwei herausragende Figuren gebaut ist, sondern tatsächlich als Unit aufgeigen kann, kann nur ein gutes Zeichen sein. San Diego = heißer Superbowl-Favorit.

Das Zeiteisen verrät: 903 Minuten verbleiben. WordCount nach vier Teams: 3815.

6 Kommentare zu “Mit den San Diego Chargers in den Sonnenaufgang

  1. Ich sehe das ähnlich mit den Chargers, diesmal könnte sogar der Start in die Saison besser ausfallen als gewohnt bei dem Schedule. 😉

    Die Offense ist echt spektakulär anzuschauen mit Rivers und seinen vielen tiefen Pässen, das ist eine Speziaität von Norv Turner. Mathews wird wenn er fit ist, auch zeigen, was er kann und Gates ist bisher endlich fit.

    Ich mag auch das Backfield in der Defense, hffentlich bleibt Sanders endlich mal fit. Vielleicht sollten sie den bis zu den Playoffs schonen, wenn sie ihn dann fit brauchen.

    Fazit: Rivers und Turner müssen mich noch in den ganz großen Spielen überzeugen (ja ich weiß, das ist ein irrationales Argument), aber ich glaube nicht dass die Bolts den Super Bowl holen können. Divisional Playoffs wie immer.

  2. Pingback: links for 2011-08-10 « Vier Viertel + Nachspielzeit

  3. Super vorschau, echt gelungen!
    Ich hoffe einfach, dass sie sich ausnamsweise zum Saisonstart nicht mehr so doof anstellen. Die AFC West ist immer noch dermasen schwach, dass du die im Normalfall gewinnen must. Die Front 7 ist mit Spiks und Travis LaBoy besser geworden und für ST hat man hoffentlich im Draft besseres Personal geholt. Ich bedauere, dass sie RB Sproles abgegeben haben.
    Die Offense steht und Rivers bekommt hier den Credit den er verdient.
    Ich glaube dass, das Team dieses Jahr mindestens ein Playoff Spiel gewinnt.

  4. Ich vergönne Ron rivera den lange schon verdienten HC-Posten. Dieser komische Wechsel von Defensive Coach in chicago zum LB-Coach in San Diego, da wäre der HC-Posten schon fällig gewesen. Man munkelt ja, dass die Minderheitenpolitik der NFL daran Schuld war.

    Greg Manusky hat in San Francisco gute Defenses gebastelt, daher glaube ich nicht, dass die Unit auseinanderfallen wird.

  5. Zu den Special Teams ein Gedanke: Die Verlegung des Kickoffs von 30 auf 35 muss für San Diego ein Segen sein. Die Coverage werden’s wohl ein bisschen verbessert haben und mit der größeren Chance auf Touchbacks wird noch weiter geholfen. Logisch waren viele missglückte Plays immer noch geblockte Punts und Kicks, aber die Regeländerung hilft garantiert.

  6. @Innviertler

    Sehr guter Einwand. Heute Nacht fiel bereits auf, dass es deutlich mehr Touchbacks gibt. Das sollte in der Tat helfen. (San Diego kassierte letzte Saison immerhin 84 Returns, je weniger, desto mehr reduziert sich die Schwäche).

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