Mit den Baltimore Ravens in den Sonnenaufgang

Die Baltimore Ravens sind seit zwei Jahren Superbowl-Kandidat, seit GM Ozzie Newsome und sein Front Office den ursprünglich ungut aussehenden Move wagten, den Superbowl-Coach Brian Billick zu feuern und mit John Harbaugh einen neuen, unverbrauchten Kopf an die Spitze der Mannschaft zu stellen.

Harbaugh kam aus Philadelphia und brachte neben seinem Optimismus auch die lange vermisste Schleifer-Mentalität mit – und baute mithilfe großartiger Drafts blitzschnell einen Titelkandidaten auf, der sich zusammensetzt aus alternden Stars und einer neuen Generation.

Die grundsolide Offense

Jahrelang war Baltimores Offense der ganz große Schwachpunkt in dieser Mannschaft, mit Billicks Unfähigkeit, einen auch nur in Ansätzen brauchbaren Quarterback zu installieren. Harbaughs erster Pick von 2008 war dann der neue Franchise-QB: Joe Flacco von einer absurd kleinen Uni. Flacco ist ein grundsolider, unspektakulärer Mann und mit Abstand der beste Quarterback, auf den die Ravens in ihrer noch jungen Historie bauen konnten. Kein Mann, der dir in zwei Minuten zwei Touchdowns aufholen wird, aber auch nicht jemand, der deinem OffCoord die Schweißperlen übers Gesicht treibt.

Flacco muss in dieser Saison ohne seinen QB-Coach Jim Zorn auskommen, der überraschend gefeuert wurde, und vor allem auch ohne eine Reihe an bekannten Anspielstationen: Die alten Recken Houshmanzadeh, Mason, Heap oder Stallworth wurden allesamt entsorgt. Bleiben durfte einzig der Star der Gruppe: WR Anquan Boldin, ein eisenharter Mann, der zwar nicht zwei Kilometer das Spielfeld runter anspielbar ist, dafür aber überall dort seine Catches macht, wo es weh tut: Links draußen, rechts draußen, in der Mitte, an der Line of Scrimmage. Quarterbacks lieben solche Spieler, vor allem Flacco, als dessen größte Stärke die Out-Routen gelten.

Abseits von Flacco wird es um die Luftwaffe aber schnell jung. Rookie Tandon Doss gilt als Slot-Receiver, Rookie Torrey Smith als Experte für die tiefen Bälle, aber beide sind noch gänzlich unerfahren. Interessanter Mann könnte Tyrod Taylor werden, der an der nahen Virginia Tech University als Quarterback der große Scrambler vor dem Herrn war, aber für die NFL als potenzieller Wide Receiver gilt. Die restlichen Wide Receiver und Tight Ends im Kader haben 2010/11 ganze 12 Catches für 153yds gemacht.

Ein paar Catches mehr hat RB Ray Rice auf dem Buckel, 141 in den letzten beiden Saisons nämlich. Das und Rices schiere Wucht als Ballträger machen den Mann zu einem absoluten persönlichen Favoriten – ein Mann, dem man problemlos 330 Carries und 60 Catches über eine Saison anvertrauen kann und dessen Spiel nach der Verpflichtung des Fullbacks Vontae Leach aus Houston eine zusätzliche neue Erleichterung erfahren sollte. Leach gilt als wichtiger Faktor für das zuletzt bei den Texans explodierte Laufspiel und könnte ein unterschätzter Einkauf sein, nachdem die bisherigen Fullbacks McKie und McClain ziehen gelassen wurden. Als Backup soll die ehemalige Dreadlocke Ricky Williams fungieren.

Die Offensive Line gehört auch zu den besseren, mit den beiden jungen Tackles Michael Oher/Oniel Cousins und dem starken Guard Marshal Yanda sowie dem ewig jungen, aber immer bänderverletzungsanfälligeren Center Matt Birk – der (nun doch sicher scheinende) Abgang des talentierten, aber faulen Tackles Jared Gaither sollte insofern verschmerzbar sein. Junger, ungedrafteter Guard mit großem Kämpferherz, den ich im Auge behalten würde: Justin Boren von Ohio State. Junger Tackle aus dem Draft: Jah Reid.

Sehr ordentliche Offense mit sehr vertrauenswürdigem OffCoord Cam Cameron, allerdings habe ich nach den doch vielen Entlassungen ein bisschen Angst um die Tiefe des Kaders. Die meisten Backups sind doch sehr unerfahren und nach Bulgers Rücktritt fehlt ein halbwegs annehmbarer Ersatz-QB gänzlich.

Die blue’n’green-Defense

Baltimore Ravens, das bedeutet seit eineinhalb Jahrzehnten drei Dinge: In erster Linie Defense, in zweiter Linie Defense und in dritter Linie Defense. Hier wird nicht wild geblitzt oder anderweitig gewaltiger Druck auf die Quarterbacks ausgeübt, sondern mit Hits der knallharten Sorte Rabatz gemacht, dass sämtlichen Offenses Hören und Sehen vergeht.

Herz, Niere, Seele und Kopf der Unit ist immer noch MLB Ray Lewis, der Mann, der wie kein Zweiter in der NFL seit 15 Jahren seine Abwehr prägt und obwohl nicht mehr ganz so explosiv immer noch essenzieller Bestandteil ist, und sei es nur als Mentor für die jungen Spieler, die Lewis jede Aussage, jeden Tipp aufs Wort glauben. Es gibt Stimmen, die die seit Jahren konstant starken Ravens-Defenses mehr auf das Knowhow Lewis’ schieben, denn auf die ständig wechselnden Coordinators.

Die Defensive Line wird um NT Haloti Ngata gebaut, der sämtlichen Linebackers den Rücken freihält und meistens zwei Blocker auf sich zieht. Daneben gibt es mit DE Sergio Kindle und DT Terrance Cody zwei Youngsters, die bisher enttäuscht haben, aber auf die nach zahlreichen Abgängen in den letzten beiden Jahren fast zwangsläufig irgendwann gebaut werden muss.

Bester Outside Linebacker ist Terrell Suggs, ein erstaunlich vielseitiger Spieler, der häufig eine Art vierten Defensive End gibt, aber auch in der Deckung brilliert und ligaweit zu den absolut besten seines Fachs gehört. Der zweite OLB Jarret Johnson gilt als intelligent genug, die sich bietenden Freiräume neben Lewis/Suggs zu nutzen, hatte aber keine besonders gute Saison 2010/11.

Knackpunkt könnte die Secondary werden. Zwar spielt mit FS Ed Reed für mich der Abwehrspieler schlechthin dort (Reed genießt bei mir Heldenstatus), aber der Rest wurde arg ausgedünnt – S Landry, CBs Washington und Wilson verteidigen nun für die Konkurrenz, allein CB Chris Carr und Ladarius Webb als Gegengift gegen deep threats bleiben. Die beiden Rookies Jimmy Wilson und Chykie Brown gelten beide als höchst talentiert, aber riskante Optionen – verbrannt wurden die beiden am College vor allem von physischen Receivern recht regelmäßig.

Auf der SS-Position balgen sich der streitbare Neuzugang Bernard Pollard, der verletzungsanfällig Boxer Tom Zbikowski und Haruki Nakamura um den Platz neben Reed.

Ausblick

Die Baltimore Ravens haben immer noch einen sehr ausgewogenen Kader, einen guten OffCoord und viel Knowhow in der Defense, aber die Starter müssen möglichst alle gesund bleiben bzw. die bisher wenig zum Zug gekommenen jungen Draftpicks der letzten Jahre müssen einschlagen. Die Hypothek der verheerenden Playoffniederlage gegen Pittsburgh wird immer noch nachwirken und der Schedule wirkt nicht einfach (obwohl nur #31):

Wk #1 vs Steelers
Wk #2 @Titans
Wk #3 @Rams
Wk #4 vs Jets (SNF)
Wk #5 BYE
Wk #6 vs Texans
Wk #7 @Jaguars (MNF)
Wk #8 vs Cardinals
Wk #9 @Steelers (SNF)
Wk #10 @Seahawks
Wk #11 vs Bengals
Wk #12 vs 49ers (Thanksgiving)
Wk #13 @Browns
Wk #14 vs Colts
Wk #15 @Chargers (SNF)
Wk #16 vs Browns
Wk #17 @Bengals

Man halte mich für unverbesserlich, aber die Ravens bleiben mein AFC-North-Favorit Nummer 1. Das Superbowl-Rennen in der AFC ist fassungslos eng, aber durchaus nicht ausgeschlossen, dass die Ravens – die schließlich schon des Öfteren ihre Auswärtsstärke bewiesen haben – auch mit einem niedrigen Seed in die Superbowl durchmarschieren.

Das Zeiteisen verrät: 844 Minuten verbleiben. WordCount nach sechs Teams: 5859.