Mit den New York Giants in den Samstagnachmittag

Die Saison 2010/11 wird für die Giants ewig mit dem schier epischen Kollaps im eigenen Stadion gegen die Philadelphia Eagles in Verbindung bleiben – katastrophal, weil man gegen den Erzfeind in der brandneuen Arena die sichere Playoffteilnahme verspielte – eben an jenen Erzfeind. Es war nicht der erste schwere Rückschlag für die Giants in den letzten Jahren. Trotzdem ist man ruhig geblieben.

Der Vertrauensnichtbeweis

Die Besitzerfamilie Mara ist bekannt dafür, sich nicht allzu sehr in das Tagesgeschäft einzumischen und GM Jerry Reese einfach mal machen zu lassen. Reese gehört im medialen Hexenstadel „New York City und Umgebung“ zu den besonneneren Gestalten und hält Head Coach Tom Coughlin weiterhin die Stange. Anstelle von Rauswurf nach der verheerenden Schlappe gegen die Eagles wurde Coughlin mit einer Vertragsverlängerung ausgestattet – allerdings nur um ein einziges Jährchen bis Jänner 2013. Nicht gerade der Vertrauensbeweis. Einjahresverlängerungen wie diese sind meist nur dazu da, eine lame duck-Situation wie jüngst in Carolina zu verhindern.

Der Hexenstadel konzentriert sich aber vorerst eh auf Reese und seine Personalpolitik der letzten Wochen.

Die Offense

OffCoord Kevin Gilbride hat eine recht ausgeglichene Offense beisammen, die nur unwesentlich mehr wirft als läuft. Das Playcalling kann auch deswegen ausgeglichen ausfallen, weil es personell keine wirklichen Ausreißer nach oben und unten gibt.

Das beginnt mit der Offensive Line, die zwar unter ersten Alterserscheinungen krächzt und immer mal wieder ein oder zwei Mitglieder für die Krankenstation abstellen muss, aber besser spielt als ihr Ruf. Die rechte Seite mit RG Chris Snee und RT Kareem McKenzie gilt als geradezu dominant, während die linke Seite eine potenzielle Sollbruchstelle aufweist: LT Dave Diehl gilt als besserer Guard und sein zeitweiliger Ersatzmann, der junge William Beatty, nach einigen horrenden Vorstellungen als verunsichert. Immerhin gibt es einen neuen Center, Dave Baas aus San Francisco.

Die Line brillierte vor allem für das Laufspiel, das weiterhin vom fumble-anfälligen, aber ansonsten sehr explosiven und vor allem auch fangstarken RB Ahmad Bradshaw getragen wird. Bradshaws Komplementär-Back ist der streitbare Brandon Jacobs, der gebaut ist wie ein Vorblocker und in motiviertem Zustand ganze Horden an Verteidigern yardsweise mitschleppen kann. Jacobs ist an schlechten Tagen allerdings niemand, an dem sich eine Mannschaft hochziehen kann.

Ein Problem, das auch für QB Eli Manning gilt (jo, ich höre den Aufschrei). Manning wirkt immer noch ein bisschen wie das schüchterne Bübchen von nebenan, das vom Schatten seines großen Bruders gehemmt wird. Mannings Verteidiger werfen ein „aber die Hälfte seiner INTs sind den Receivers geschuldet!“ ein. Dass sich aber mal eine Mannschaft erkennbar an einem Eli Manning aufrichtet – bisher noch ungesehen.

Die Wide Receivers sind zugegeben auch nicht die vertrauenswürdigsten. WR Hakeem Nicks ist bei Zeiten ein aufregender Mann mit dem Standing des #1-Mannes, aber ihm werden immer wieder Schlampigkeit im Rennen von Routen nachgesagt. WR Mario Manningham gilt als Mannings Buddy, aber danach wird es im Roster eng. Die verletzungsanfällige Sicherheitsoption Steve Smith ist gegangen, bereits stünde eventuell der Rookie Jernel Jerrigan.

Die Tight Ends sind nach Kevin Boss’ Abgang und Ben Patricks Rücktritt recht unbekannt. Gefühlt spielte Gilbride recht häufig mit seinen Tight Ends, der einzige verbliebene mir bekannte Name ist Bear Pascoe.

Die Defense

Ich halte sehr viel von DefCoord Perry Fewell, seiner Zonenverteidigung und habe eine hohe Meinung vom vorhandenen Personal in der Defensive Line. Allerdings steht die Defense bei mir als Ganzes auch im Ruf des schlampigen Genies. Sprich: Mal zertrümmert sie sämtliche Offenses, aber dann passieren immer wieder schwere Deckungsfehler oder drei verfehlte Tackles in einem Spielzug und die ganze Arbeit war umsonst.

Mit DT Barry Cofield ist ein Anker der Defensive Line weg, aber wer will schon lärmen, wenn wir die verbliebenen Optionen mal gedanklich durchgehen? Die Mitte wird von Leuten wie dem monströsen Chris Canty oder dem grundsoliden Rocky Bernard zugemacht, dazu kommen Leute wie Gabe Watson aus Arizona oder der durchgeknallte Rookie-DT Marvin Austin von UNC. Und kennt noch jemand Jay Alford? Der Pass Rush wird angeführt vom Alleskönner DE/DT Justin Tuck, zu dem sich die Spezialisten Mathias Kiwanuka, Osi Umenyiora und Jason Pierre-Paul gesellen… wenn Umenyiora denn noch einmal Lust auf die Giants kriegt.

Zu Umenyiora und dem seit Jahren anhaltenden Vertragsstreit mit den Giants gab es jüngst bei Andy Benoit/N.Y. Times einige verdammt kluge Zeilen zu lesen:

The Giants are now in an ugly catch-22. Trade Umenyiora and, in their minds, they set a precedent for rewarding disruptive players who break contract. (They also lose an upper echelon edge-rusher from a defense that has long been built on pressuring the quarterback up front.) Keep Umenyiora and, well, they have a disruptive locker room presence. A super disruptive locker room presence.

That’s what makes this whole ordeal interesting. Umenyiora is not staging his protest peacefully. Throughout all this he’s publicly blasted Reese and questioned the organization’s integrity. What makes it dicey for owner John Mara, head coach Tom Coughlin, Reese and the rest of the powers that be is that Umenyiora’s complaints seem founded. He’s become the screaming kid in the supermarket whose parents are looking around nervously, thinking onlookers might be siding with him.

In an August 1st letter to the Associated Press, Umenyiora wrote, „What really annoys me is the hypocrisy of people clamoring for my head for asking for a new deal or to be traded. Saying I have 2 years left on my deal. These contracts only mean something to us? Where is (Shaun) O’Hara? Where is (Rich) Seubert? True, inspirational football players, they were cut after being injured. They have years left on their deal.“

You think other Giants players aren’t thinking, „Hmmmm.Osi may have a point“? This is the type of drama that can fracture a franchise.

Die Linebacker-Crew ist recht anonym, genießt in Fewells Cover-2 aber eine niedrigere Priorität. Leader ist MLB Michael Boley und ein Auge würde ich auf Rookie Greg Jones (Michigan State) werfen, von dem ich ein absoluter Fan bin. „Fan sein“, das gilt auch für den ungedrafteten Mark Herzlich, ein Outside Linebacker mit bewegter Geschichte: Als Toptalent durch eine als kaum heilbar geltende Krebserkrankung zurückgeworfen, nie aufgegeben und sich nun tatsächlich bis in einen NFL-Kader durchgebissen.

Die Secondary muss erstmal auf Star-Rookie CB Prince Amukamara und sein gebrochenes Bein verzichten. Die Safetys haben es in sich: FS Antrel Rolle steht bei mir aufgrund verheerender Tacklings nicht hoch im Kurs, während SS Kenny Phillips nach einer fürchterlichen Verletzung nun wieder mit harten Hits gegen das Laufspiel arbeitet.

Punter

Matt Dodge, anyone? Die Giants haben offenbar Steve Weatherford eingekauft, aber Dodge scheint noch im Kader zu stehen.

Ausblick

Irgendwie riecht das ganze nach einer leichten Verschlechterung gegenüber dem „Status quo“. Die NFC East ist aber nicht die Division, in der man a priori drei divisionsinterne Niederlagen einplanen muss und daher halte ich einen Playoff-Einzug der Giants nicht für ausgeschlossen – der Spielplan ist dank NFC West auch nicht der ultraschwierigste, dafür mit AFC East und der #2-Schedule aber ein höchst attraktiver: Superbowl-Revanche gegen New England, weihnachtliches Stadtderby gegen die Jets, New Orleans, Green Bay. Und zum Saisonauftakt Pathos pur beim 09/11-Spiel in Washington.

Wk #1 @Redskins
Wk #2 vs Rams (MNF)
Wk #3 @Eagles
Wk #4 @Cardinals
Wk #5 vs Seahawks
Wk #6 vs Bills
Wk #7 BYE
Wk #8 vs Dolphins
Wk #9 @Patriots
Wk #10 @49ers
Wk #11 vs Eagles (SNF)
Wk #12 @Saints (MNF)
Wk #13 vs Packers
Wk #14 @Cowboys (SNF)
Wk #15 vs Redskins
Wk #16 @Jets
Wk #17 vs Cowboys

Die NFC ist als Conference ausgeglichen genug, dass man sich mit sechs, sieben Niederlagen womöglich für die Playoffs qualifizieren kann. Die Giants müffeln danach, als ob sie in etwa in diesen Sphären verharren würden.

Das Zeiteisen verrät: 810 Minuten verbleiben. WordCount nach sieben Teams: 6884 (Nein, Benoits Worte bleiben Fremdarbeit).

7 Kommentare zu “Mit den New York Giants in den Samstagnachmittag

  1. Sieht alles nicht so gut aus für Big Blue. Störfeuer überall und ich gehe d’accord, dass Coughlin nicht das bedigungslose Vertrauen genießt, nicht beim Owner und schon gar nicht den Fans. Das spüren die Spieler und die Coordinators.

    Es ist bezeichnend, dass sich Presse und Anhänger nun am Abgang von STEVE SMITH aufhängen, ein Mann, der in New York bisher so hart kritisiert wurde wie fast kaum ein anderer. Und nun dient er als Prellbock für eine inszenierte Posse gegen Reese und Coughlin.

    Davon ab finde ich geht der Artikel zu hart mit Eli Manning um. Sicher ist Eli nicht so gut wie sein Bruder, aber es sind eben diese ständigen Vergleiche, die Eli kleiner machen als er dann tatsächlich ist. An ihm liegt es nicht und wenn er ca. gleich gut spielt, wird es nach Regressions-Denken in diesem Herbst nur 10-14 Interceptions geben. Das wird der Offense helfen.

    In der Defense wird es für die Giants wichtig, Umenyiora zu halten. Sportlich und nach dem Verlinkten sicher auch „politisch“. Die Giants brauchen eine Top-Defense um Siege zu holen und letztlich sind nur schnelle Siege ein Mittel, um die Situation zu beruhigen.

    Vielleicht hilft der leichte Auftakt, ABER wenn sie gegen die Eagles auf die Mütze kriegen…

  2. Der Artikel kritisiert ja nicht Eli an sich, sondern genau den Punkt, der mich auch immer an ihm stört: Der Typ hat das Charisma eines ostdeutschen Plattenbaus. Und als sehr guter QB brauchst du einfach auch die Fähigkeit, ein richtiger Leader auf und neben dem Platz zu sein.
    Er ist ohne Zweifel ähnlich talentiert wie sein Bruder, aber ein Anführer wird er in diesem Leben nicht mehr – nicht mal im Oreo DSRL Team.

  3. Da werd‘ ich doch auch mal meinen Eli-Senf hinzugeben: Er ist meiner Meinung nach einer der Top 10-Quarterbacks in der NFL. Viele viele Teams wären froh einen QB von Eli’s Kaliber zu haben.
    Und ganz wichtig: er HAT Führungsqualitäten. Nicht nach außen, da ist er sehr spröde und langweilig. Aber die Außendarstellung ist nur für die Medien wichtig, nicht für das Team. Und wie er seine Offense durch die Verletzungsmisere 2010 geführt hat: Chapeau! Ohne Leader Skills unmöglich.

    Und btw, Jay Alford ist schon länger kein Giant mehr 😉

  4. @ footballissexbaby:

    ich kann deine Meinung über Eli Manning einfach nicht teilen.

    Wie soll ein solch ein tempramentloses Teilchen wie Eli jemals eine Mannschaft motivieren können…?

    Er ist unbeweglich, er ist langsam, er kann kein Team führen, er wirft (und ja ich sehe das durchauß als Argument) haufenweiße Interceptions….. and so on…..

    Eli hatte ein Außnahmejahr, und auch deshalb den Ring! Ohne Frage.

    Jetzt ist er mMn allerhöchstens noch ein durschnittlicher QB! Das wars….

  5. Also ob es für einen Quarterback schlimm ist unbeweglich und langsam zu sein, sei mal dahingestellt (Brady, Peyton, Favre, alles „langsame“ Leute).
    Und das er kein Team führen kann, sehe ich komplett anders. Er hat letztes Jahr eine Offense zu Siegen geführt, in der WR gestartet sind, die eine halbe Saison keinen Roster Spot irgendwo hatten (Derek Hagan), dazu noch mit einer zusammengeflickten O-Line. (Ich möchte einmal Tom Brady ohne gute O-Line sehen, wäre wohl verheerend).
    Eli ist nicht der Lautsprecher, aber Führungsqualitäten äußern sich nicht durch lautes Auftreten. Er ist halt etwas diplomatischer und macht das hinter den Kulissen, so wie sich das für jeden gehören sollte.

    Und auch das „Ein gutes Jahr“-Argument ist nicht korrekt, wenn man sich ansieht, dass er in den beiden letzten Jahren jeweils die 4000er-Marke geknackt hat. Wie viele/wenige Giants-Quarterbacks haben das doch bisher gleich geschafft? 2, 3? Mehr wohl nicht. (Die letztjährigen Interceptions sind ein Thema für sich, siehe auch WR).

    Aber Eli wird immer streitbar bleiben, was auch gut ist, denn das so viel über ihn diskutiert wird, zeigt ja, dass er doch nicht ganz langweilig ist 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.