Der Seismograph hat angeschlagen – College Football vor einer „epischen“ Woche?

Es rumort mal wieder in College Footballs Sportabteilungen. Seit Tagen kochen quer durchs Netz massive Gerüchte über eine womögliche Revolution, Spekulation, die immer konkreter werden und möglicherweise schon in den nächsten Tagen ein Dominospiel auslösen könnten.

Rückblende – schon vor einem Jahr war nach dem autoritären Gehabe der University of Texas eine Umwälzung bevorgestanden, die letztendlich in einem Revolutiönchen endete. Ein Revolutiönchen, das schon damals halbherzig und „unfertig“ wirkte. Nachzulesen noch einmal in Allesaussersports Blogeintrag von Juni 2010.

Sturmwarnung aus College Station – Aggies auf dem Sprung

Den Anstoß zur jüngsten Plattenverschiebung im College Football geben die Bestrebungen der Texas Agricultural & Mechanical University (Texas A&M) aus College Station/Texas, in die Southeastern Conference (SEC) zu wechseln. Texas A&M hat die Schnauze voll vom Ego der nahe gelegenen University of Texas und sieht sich durch das Longhorn Network (bringt Texas 300 Mio. über 20 Jahre von ESPN) bedrängt und in seiner Entwicklung gefährdet.

Man kann zwar darüber streiten, inwiefern das Longhorn Network die eh schon dominante Vormachtstellung der Longhorns überhaupt noch weiter ausbaut. Das Longhorn Network darf man aber durchaus als Zeichen einer baldigen Abwanderung von Texas gen Unabhängigkeit („Independent“) werten.

Texas A&M wollte schon im vergangenen Sommer in die SEC abwandern, wurde damals vom Druck der texanischen Regierung gebremst. Nun also die nächsten Versuche: Am morgigen Montag, 15.8., treffen sich die internen Gremien der Universität um über einen Wechsel abzustimmen – man geht davon aus, dass die Lobby für den Wechsel siegen wird. Die Aggies-Foren sind voller Enthusiasmus pro Wechsel und Studenten sollen bereits SEC-Schlachtrufe vor dem Sitz des Athletic Departments angestimmt haben.

Am Dienstag, 16.8. gibt es eine Anhörung mit dem texanischen Staatsgremium für Erziehung. Die Regierung möchte eine Aufsplittung der drei großen texanischen Universitäten (Texas, Texas A&M, Texas Tech) verhindern, aber nicht mehr um jeden Preis. Gerüchten zur Folge müssen die Aggies „nur“ noch überzeugende Argumente für einen Abgang aus der Big 12 Conference vorlegen.

Südöstliche Super-Conference am Horizont

Die SEC als aktuell dominante sportliche Conference würde mit Texas A&M eine Uni bekommen, die über eine der treuesten Anhängerschaften verfügt, Stichwort Kyle Field, 82.500 Plätze, immer ausverkauft, aber sportlich sind die Aggies nicht die Allerkonstantesten. In diesem Herbst gilt die Mannschaft vom Head Coach Mike Sherman (Packers!) als BCS-Anwärter, aber über 15 Jahre Big 12 holte man nur einmal den Titel in der Big 12 – was will die SEC also mit einer möglichen sportlichen Verwässerung?

Antwort: Das unerschöpfliche TV-Potenzial in Texas. Dank neuem Vertrag mit CBS/ESPN kassiert die SEC zwar im Schnitt 205 Mio./Jahr – allerdings liegt man damit deutlich hinter der Pac-12 und ihrem sensationellen 2,7Mrd-Paket (250 Mio./Jahr). Texas A&M würde eine Nachbesserung ermöglichen. Man gibt Texas A&M eine 60-70%ige Chance, beim SEC-Meeting dieser Tage eine Einladung zu bekommen.

Die SEC lebt jedoch unter anderem von der Ausgeglichenheit der beiden Divisions East/West, zweimal je sechs Teams, die sich über die Jahre als extrem ausgeglichen zeigten. Sollte man das 13. Team Texas A&M aufnehmen, gilt als sicher, dass die SEC noch eine 14. Universität einladen wird.

Und dort wird es richtig interessant. Seit Tagen gilt die Florida State University aus Tallahassee als echter Kandidat für eine Einladung seitens der SEC. Die FSU könnte durchaus interessiert an einem Wechsel sein – ist die ACC schließlich über die letzten Jahre immer durchwachsener geworden und mittlerweile auch monetär meilenweit von SEC-Regionen entfernt.

Ein FSU-Wechsel würde womöglich auf Widerstände seitens der University of Florida oder Georgia stoßen – Stichwort Kampf um die begehrtesten Highschool-Talente und um regionale Aufmerksamkeit. Die SEC dürfte als Ganzes jedoch weniger das bereits durch Florida gut abgedeckte TV-Potenzial in Florida interessieren, sondern die landesweite Strahlkraft der Florida State Seminoles, die Universität mit dem größten Zuschauerpotenzial während der Bowl Season. Und man traut SEC-Commissioner Mike Slive durchaus zu, sich beim Gedanken an eine Verbandelung FSU/SEC einen runterzuholen.

Von Seiten der FSU sind durchaus keine ablehnenden Töne zu vernehmen – und auch die traditionelle Basketballmacht ACC hat für die traditionelle Basketballuni FSU in den letzten Jahren deutlich an Potenz verloren.

In Sachen „Branding“ dürfte die Wechselbeziehung von Texas A&M/FSU und SEC durchaus interessant sein – bitte nachlesen im Forbes-Magazin.

Als „Ausweichkandidaten“ für die SEC gelten Clemson (innerstaatlicher Rivale von South Carolina), Missouri (potenziell neuer TV-Markt Missouri/Kansas) oder Virginia Tech – alles veritable Kandidaten, aber keine Uni kann annähernd mit den Sexappeal der Seminoles mithalten.

Im Hintergrund gibt es noch ein dark horse, das seit Jahren als dark horse bei jeder Conference-Verschiebung gehandelt wird: Die Notre Dame University, die zwar im Norden von Indiana aus dem geographischen Rahmen fällt, aber das täte der Spekulation erstmal keinen Abbruch.

Big 12 vor dem Aus, Pac-16 wieder in Sichtweite

Die Big 12 Conference stünde nach dem dritten (und mit Mizzou vielleicht vierten) wichtigen Abgang innerhalb von eineinhalb Jahren (nach Nebraska und Colorado) mal wieder vor ersten Verwesungsgerüchen. Zwar sollen Texas Tech, Oklahoma und Oklahoma State sich durchaus damit abgefunden haben, nach Texas’ Pfeife tanzen zu müssen, aber viele Beobachter gehen ohnehin von einer Auflösung der Big 12 Conference innerhalb der nächsten fünf, sechs Jahre aus. Texas wird irgendwann den mit dem Longhorn Network begonnenen Gang in die Unabhängigkeit durchziehen und dann stünden eine Reihe an Unis blank, angefangen von den großen Football-Unis bis hin zur großen Basketball-Uni Kansas.

Als erste Gegenhandlung, den TV-Markt Houston und Umgebung zu halten, könnte dem Mid-Major Houston Cougars aus der Conference USA eine Offerte gemacht werden – allein, es bleibt abzuwarten, ob noch jemand daran interessiert ist, in eine in sich zerstrittene und in Auflösung stehende Conference wie die Big 12 zu wechseln.

Und dann haben wir im Hintergrund immer noch die ambitionierte Pac-12 und ihren umtriebigen Commissioner Larry Scott, dem man durchaus zutrauen kann, in absehbarer Zeit eine „Super-Conference“ mit bis zu 16 Universitäten zusammenzubauen. Scott hätte schon im vergangenen Jahr um ein Haar den Aasgeier gegeben und sich Oklahoma und Konsorten einverleibt – man darf erwarten, dass Scott bei entsprechenden Entwicklungen in naher Zukunft seine Fühler wieder gen Osten ausstrecken wird.

Es ist nicht mehr als Spekulation, aber ein Zusammenbruch der Big 12 könnte das Domino langfristig ausweiten auf Expansionen nicht nur von Pac-12 und SEC, sondern womöglich auch der Big Ten, die sich einige Restbestandteile der Big 12 holt – und damit langfristig die Big East in Bedrängnis bringen könnte. Spekulation – noch.

Nachtrag/hatte ich vergessen: 2013 läuft der aktuelle BCS-Vertrag aus. Bis 2013 könnten sich die Pac-12, Big Ten und vor allem SEC dafür gesattelt haben, um ab 2014 mit richtigen „Super-Conferences“ aufzumarschieren.

Bowl Season und das „Plus-One“

Ein Nebenschauplatz: Jüngst drangen auch Stimmen aus den bisher als ultrakonservativ gehandelten Conferences Pac-12 und Big Ten durch, die ein „Plus-One“-Format in Sachen National Championship befürworten würden. „Plus One“ heißt: Man matcht in den großen Bowls die Top-4 der Rankings gegeneinander und veranstaltet dann erst das BCS-Endspiel. Eine Erweiterung des „2-Team-Playoffs“ von aktuell auf ein „4-Team-Playoff“.

Da Mike Slive und seine SEC als durchaus daran interessiert gelten, wäre das neue Format mit Pac-12 und BigTen-Unterstützung praktisch gesichert. Auch an dieser Front könnte es in Kürze zappeln.

Es bleibt spannend.

Mit den Cleveland Browns in den Sonnenaufgang

Man zeige mir einen General Manager in der NFL, der über mehr Power (im Sinne von Macht) verfügt als Clevelands Mike Holmgren. Holmgren ist seit eineinhalb Jahren GM der Browns und Holmgren war dominant genug, um über den Kopf des Trainerstabs hinweg einen Quarterback zu draften, den dieser Trainerstab nicht wollte. Und wir reden hier über einen Trainerstab, dessen Kopf als ultrasturer Disziplin-Nazi bekannt ist. Wir reden hier über (Ex-Coach) Eric Mangini.

Colt aus Texas

Holmgren lebt und stirbt für die West Coast Offense. Und Holmgren sah, was Cleveland für einen Football spielte. Einen knüppelharten. Unästhetisch. Holmgren vernarrte sich in einen Quarterback mit einem Namen, der keine Zweifel über dessen Herkunft mehr lassen kann. Colt McCoy. McCoy wurde 2010 einberufen und Mangini vor die Füße geworfen. Ein intelligenter Quarterback ohne raketenartigen Wurfarm.

Mangini behandelte McCoy wie ein Stück Agrarpizza und Holmgren hasste, wie der Trainerstab mit dem jungen Quarterback verkehrte, tauschte die komplette sportliche Leitung aus, installierte mit Pat Shurmur einen neuen, ihm bekannten Head Coach (Shurmurs Vater war einst Holmgrens DefCoord) und vollzog somit den lange von allen erwarteten Bruch mit Mangini und der Franchise-Vergangenheit.

Holmgren ist der Kopf.

Shurmur der Gestalter.

McCoy der Umsetzer.

Offense

Es wird gemunkelt, dass Holmgrens Verlangen nach einer klassischen „West Coast Offense“ so ausgeprägt war, dass er Mangini mit seiner knochentrockenen 80erjahre-Offense selbst bei 10-6 rasiert hätte. QB Colt McCoy hat nicht brillant gespielt, aber McCoy hat ordentliche Ansätze in einem System gezeigt, dass darauf ausgerichtet war, möglichst ohne Quarterback auszukommen.

Man sagt McCoy erstaunliche Fähigkeiten im Antizipieren von Spielsituationen nach, was für eine auf Timing basierende Kurzpassoffense, die auch von Shurmur gepredigt wird, die Fähigkeit #1 ist.

Allerdings ist McCoy immer noch ziemlich grün und vor allem: Ziemlich blankgestellt, denn die Browns verfügen über keinen adäquaten Receiving-Corp. Der unzuverlässige TE Ben Watson ist mit 68 Catches/768Yards/3 Touchdowns jeweils mit Abstand die #1 in jeder Kategorie, etwas, das nicht lange gut gehen kann. So wird in Sachen Ballfänger auf einen Haufen an völlig Unbekannten und Rookies vertraut – und auf X-Faktor Josh Cribbs, der alles ein bisschen macht, aber nirgendwo richtig gut ist. Außer im Returnieren von Kicks und Punts.

Immerhin darf McCoy hinter einer der besten Offensive Lines in der NFL antreten, rund um LT Joe Thomas und C Alex Mack. Eine Line, die auch hervorragend für das Laufspiel blocken kann, was für Cleveland nicht unbedeutend sein dürfte.

RB Peyton Hillis dürfte aufgrund der fehlenden Erfahrung McCoys auch in dieser Saison noch eine tragende Rolle spielen. Hillis wird in naher Zukunft ein Star sein: Er ist der Cover-Boy von Madden Football. Auf dem Platz ist das einer der wenigen großen weißen Running Backs – ein brachialer Typ Fullback, und fangstark. Dazu der junge RB Montario Hardesty, wieder fit nach einer Verletzung, und der fangsichere, aber laufschwache RB Brandon Jackson aus Green Bay.

Defense

Auf DefCoord Rob Ryan muss verzichtet werden, doch die Umstellung von Ryans 3-4 Defense auf eine 4-3 Defense könnte angesichts der vorhandenen Personals „logisch“ sein. In der Defensive Line wird auf zwei junge Defensive Tackles (Ahtyba Rubin, Phil Taylor) vertraut, dazu kommt mit DE Jabaar Sheard ein Rookie aus der zweiten Runde. Der Kopf der Linebackers dürfte der recht kleine MLB D’Qwell Jackson (1,83m) sein.

Prunkstück in der Defense wird CB Joe Haden sein, ein Mann im zweiten Jahr. Hadens Rookie-Saison soll nach anfänglichem, sachten Aufbau schlicht und ergreifend fassungslos gewesen sein. Sämtliche geschätzte Analystenschaft sieht in Haden bereits einen Top-5 Cornerback, dabei hat der Mann erst eine halbe Saison „richtig“ gespielt.

Mal schauen. Ryan galt als Genie des Tarnens und schemings, nun kommt mit Dick Jauron ein Mann, der schon überall gecoacht hat, ohne irgendwo wirklich bleibende Eindrücke hinterlassen zu haben. Es ist immer etwas ungut, wenn man auf eine Front Four umstellt und fast alle Spieler sind blutjung – Muskelaufbau für Defensive Liner braucht oft zwei-drei Jahre.

Ausblick

Die Browns haben ein klein bisschen was von Bodensatz der NFL. Neuer, nicht allzu mächtiger Coach, neues Offensiv- und Defensivsystem, sehr junger Quarterback ohne viele Anspielstationen, ein Running Back, der jüngst wie Phoenix aus der Asche kam und von dem keiner weiß, wohin er sich entwickeln wird, und eine Defense, deren Ankermänner durchwegs extrem jung sind.

Wk #1 vs Bengals
Wk #2 @Colts
Wk #3 vs Dolphins
Wk #4 vs Titans
Wk #5 BYE
Wk #6 @Raiders
Wk #7 vs Seahawks
Wk #8 @49ers
Wk #9 @Texans
Wk #10 vs Rams
Wk #11 vs Jaguars
Wk #12 @Bengals
Wk #13 vs Ravens
Wk #14 @Steelers (Donnerstagspiel)
Wk #15 @Cardinals
Wk #16 @Ravens
Wk #17 vs Steelers

Wenigstens der Schedule meint es gut mit den Browns: Viele Heimspiele gegen mittelmäßige Konkurrenz zu Beginn und viermal die NFC West und die ebenso nicht berauschende und physis-allergische AFC South im Kader. Die Bilanz könnte am Saisonende die wahre Leistungsstärke (-schwäche?) verschleiern – aber mir gefällt bekanntlich immer, wenn eine Franchise mit einer klaren Idee auch mal ein paar happige Jahre des Aufbaus in Kauf nimmt.

Das Zeiteisen verrät: 784 Minuten verbleiben. WordCount nach acht Teams: 7707.