Mit den Buffalo Bills in die Abenddämmerung

Die Bills sind eine der Mannschaften, die du kaum zu Gesicht bekommst, solange du dich auf ESPN America verlässt. Das hat seine Gründe: Wir sprechen hier über eine Franchise, die Ewigkeiten nicht mehr in den Playoffs war und trotz zahlreicher hoher Picks (irgendwo zwischen Pick #3 und #11) fast keine Footballer mit Wiedererkennungswert besitzen.

Extrem unsexy ist auch Head Coach Chan Gailey, obwohl der Mann mal Coach bei den Dallas Cowboys war. Als GM Buddy Nix vor eineinhalb Jahren einen neuen Coach suchte, wollte keiner der großen Namen auch nur zum Vorstellungsgespräch erscheinen. Gailey ist ein Mann ohne viele Lorbeeren, aber auch einer, unter dem knallharter Football gespielt wird – und ein Mann, dessen Entlassung in Dallas Jerry Jones immer noch bereut.

Die Offense

Der #1-Quarterback ist Ryan Fitzpatrick, ein Mann, dem man niemals mehr als eine Backup-Rolle hatte zutrauen wollen, aber Fitzpatrick spielte im vergangenen Herbst eben aus ursprünglich jener Backup-Rolle kommend einen recht soliden Ball und merzte sein fehlendes Standing durch viel Wuseligkeit in der Pocket aus. Allerdings haben die Bills in der Preseason Tyler Thigpen aus Miami geholt. Da gibt es eine interessante Konstellation: 2008/09 war Gailey in Kansas City OffCoord und spielte einige Wochen sehr erfolgreich die Pistol-Offense – mit Thigpen.

Buffalo hat jüngst WR Lee Evans gen Baltimore getradet, womit es neben einem Haufen schneller Receiver bei einem einzigen Top-WR Stevie Johnson bleibt, ein allgemein anerkannt intelligenter Mann, kein Top-Athlet und drop-anfällig, aber 2010/11 mit über 1000yds. Johnson und Fitzpatrick eint eines: Einst hatte sie niemand gewollt. Sie haben sich beide durchgebissen und sollen sich entsprechend blendend auch abseits des Footballfeldes verstehen.

Das Laufspiel wird gehemmt von einer ganz schwachen Offensive Line, die Gift ist für den oftmals hirnlosen RB C.J. Spiller, dessen schierer Speed sämtlichen Verteidigern Angst und Schrecken einjagen würde – wäre der Mann ein bisschen weniger one trick pony (läuft immer sehr vorhersehbar um die Line herum). Das Arbeitstier könnte damit der blasse RB Fred Jackson bleiben, der auf allen Ebenen der Runningback-Arbeit grundsolide sein soll (zuletzt 927yds rushing, 215yds durch Fangen).

Die Defense

Unter dem DefCoord George Edwards spielt Buffalo kein System. Sprich: Das angedachte 3-4 wurde im vergangenen Herbst schnell wieder aufgegeben und seither kann sich kein Mensch entscheiden, ob Buffalo nun 3-4, 4-3 oder sonst was gespielt hat. Mehr von alles ein bisschen. Das Personal lässt auch prinzipiell keine Schlüsse zu, wie die Bills in Zukunft gedenken zu spielen.

Die Defensive Line wird angeführt vom NT/DT Kyle Williams, ein Mann, dem die Herzen von Pro Football Focus seit Monaten nur so zufliegen. Williams soll ein sensationeller Pass Rusher sein und vom Phlegma der Bills-Franchise des verdienten Star-Statuses beraubt werden:

Throughout 2010 there probably wasn’t a player I praised more than Kyle Williams. Despite playing in a scheme that wasn’t sure whether it wanted to be a 3-4 or 4-3 unit, and with some questionable talent around him, he made play after play after play.

It became pretty standard for me to write a Bills game report and drop some prose as to how great he had been (again). It got somewhat repetitive as he featured at the top of our defensive player of the year rankings (though I did have him down at number two on my ballot behind Justin Smith). Follow that up with selections in our AFC East, AFC Pro Bowl and All Pro teams and you may get the impression that I (along with everyone here at PFF) have a tremendous amount of respect for the season Kyle Williams just had.

Quelle: Pro Football Focus

Williams bekommt mit dem teuren Rookie Marcell Dareus einen neuen Nebenmann und sollte man hin und wieder die 3-4 einbauen, wäre es zu geil, würde man den Rookie Michael Jasper in die Mitte der Line (als Nose Tackle) stellen. Hier entlang zu Jaspers (#69) Erscheinung – Achtung, der Mann ist massiv gebaut.

Die Linebackers bekommen mit dem MLB Nick Barnett aus Green Bay einen neuen Leader, der den Abgang von Paul Poluzny kompensieren soll. Der einst gehypte Rookie OLB Aaron Maybin ist gestern aufgrund zu wenig Power im Pass Rush geschmissen worden, dafür scheint man auf eine Renaissance vom sensationellsten Pass Rusher der letzten Jahre 2005-2007 zu hoffen: Shawne Merriman, der Mann mit dem lights out-Tanz. Merrimans Gesundheit scheint soweit in Ordnung zu sein, dass man ihm im Winter einen Zweijahresvertrag unterjuxte – und Merriman ist unglaublicherweise erst 27. Interessanter Rookie von LSU: Kelvin Sheppard.

Noch was? Ah ja, Linebackers-Coach wird nach seinem komischen Rauswurf von der University of Pittsburgh der personifizierte Schnauzbart Dave Wannstedt sein.

Die Secondary gilt als nicht allzu vertrauenswürdig, aber rund um Safety George Wilson, CB Leodis McKelvin und den variablen Rookie Aaron Williams ist genügend Spielermaterial vorhanden, um da Coaching-Handwerk anzulegen.

Ausblick

Dieser Mannschaft wird ein großartiger Charakter nachgesagt, erwirtschaftete sie sich 2010/11 doch trotz teilweise eklatanter Lücken im Kader ein wohl verdientes 4-4 in der zweiten Saisonhälfte mit auch noch unverdienten Niederlagen z.B. gegen die Steelers. Der heurige Schedule ist nicht unmachbar:

Wk #1 @Chiefs
Wk #2 vs Raiders
Wk #3 vs Patriots
Wk #4 @Bengals
Wk #5 vs Eagles
Wk #6 @Giants
Wk #7 BYE
Wk #8 vs Redskins (in Toronto)
Wk #9 vs Jets
Wk #10 @Cowboys
Wk #11 @Dolphins
Wk #12 @Jets
Wk #13 vs Titans
Wk #14 @Chargers
Wk #15 vs Dolphins
Wk #16 vs Broncos
Wk #17 @Patriots

Ich hoffe, wir sehen heuer wenigstens ein-zweimal diese sympathische Mannschaft spielen. Ich möchte den Wusler Fitzpatrick und vor allem das offenbar verkannte Genie Kyle Williams spielen sehen. Playoffs darf ich qua prinzipieller Skepsis nicht erwarten.

Das Zeiteisen verrät: 699 Minuten verbleiben. WordCount nach elf Teams: 10561.

Mit den New York Jets in den Sonnenaufgang

Die New York Jets sind nichts für Freunde des seichten Franchise-Aufbaus. Was Head Coach Rex Ryan da hingeknallt hat, ist eine Mannschaft voll an großen Namen – kein Neuaufbau, sondern ein Umbau samt Einkauf vieler namhafter Superstars.

Ryans Standing ist recht bizarr: Wir erleben wir vielleicht einen der genialsten Coaches überhaupt, doch Ryans Großmaul und die dazugehörige emotionale Ebene der Sichtweise auf die Jets sorgen dafür, dass eine objektive Betrachtung dieser Mannschaft und ihres Coaches kaum möglich ist – etwas, das vermutlich dazu führt, dass das (zugegeben:) geniale Defensivspiel dieser Mannschaft im Schatten anderer Betrachtungskomponenten schlicht untergeht.

Die Offense

Die größte Stärke der Jets ist allgemein anerkannt die Offensive Line rund um den herausragenden LT D’Brickshaw Ferguson und den großartigen C Nick Mangold, eine Line, die allerdings in dieser Saison eine Sollbruchstelle aufweist: RT Damien Woody hat seine Karriere beendet und soll von Wayne Hunter, einem Mann mit ganz schwachen Noten, ersetzt werden. O-Line Coach ist übrigens Bill Callahan (ja, der Bill Callahan) – Sie entscheiden über die Vertrauenswürdigkeit.

Hinter einer dermaßen guten Line sieht jedes Laufspiel gut aus, selbst wenn es von zwei Backs getragen wird, die keine Höschen nass machen: RB Shonn Greene, der als maximal mittelmäßig gilt, und die Legende RB LaDainian Tomlinson, ein Mann, der immer weniger explosiv wirkt und horrend im Pass-Blocken ist. Trotzdem macht das Laufspiel über 4yds/Carry.

Ein Mann, der nicht unwesentlichen Anteil am Laufspiel hatte, ist X-Faktor Brad Smith. Smith ist allerdings weg und mit ihm wohl auch die immer und immer wieder eingestreuten Wildcat-Spielzüge in dieser Offense. Ersatzmann ist keiner in Sicht.

So muss das Werfen nun alleinig QB Mark Sanchez anvertraut werden. Sanchez hat in Brian Schottenheimers Offense den Luxus, hauptsächlich mit Play-Action arbeiten zu können – etwas, das er beherrscht. Allein, wird den Jets das Laufspiel genommen, darf man sich an Sanchez’ Hilflosigkeit ergötzen. Der Mann macht stets einen panischen Eindruck, wenn der erste Wide Receiver zugedeckt ist.

Sicherste Anspielstation für Sanchez ist TE Dustin Keller, ein halber Wide Receiver. „Halb“ im Sinne von: Tight End, der als Blocker ungebräuchlich ist. Die WR-Armada ist bis auf WR Santonio Holmes recht rundumerneuert: Cotchery/Edwards sind weg, Ex-Knastbruder Plaxico Burress und Derrick Mason neu. Verjüngungskur sieht, wie angedeutet, anders aus.

Defense

Wir sprechen über eine der interessantesten Defenses in der NFL, eine Defense, die sagenhaft viel Bewegung an der Anspiellinie veranstaltet. Ryan und DefCoord Mike Pettine sind Gläubige der sogenannten „Zone Exchanges“, was bedeutet: Man verarscht die Offense mit angedeuteten Blitzes aus der Secondary, schlägt aber bloß alle sieben, acht Downs mit einem Blitz zu. Vorteil: Die Offense traut sich selten, Receiver gegen Blocker einzuwechseln. Resultat: Die Jets lassen eine unfassbare Completion Rate von 50.7% zu. Zum Vergleich: Arizonas katastrophale Pass-Offense komplettierte 2010/11 immerhin 50.8% ihrer Pässe – nur um ein Gefühl für diesen überragenden Jets-Wert zu bekommen.

Trotzdem machten die Jets immerhin 40 Sacks, was auch den flexiblen (und IMHO tatsächlich oft blitzenden) Safetys sowie den beiden großartigen Linebackers Bart Scott/David Harris zu verdanken ist. Allerdings muss man nach dem Abgang von DE Shaun Ellis auf den wichtigsten Liner verzichten, dafür gibt es eine große Auswahl an jungen, sehr massiv gebauten Spielern: DL Sione Pouha und Mike DeVito haben ihren Wert bereits bewiesen, dazu kommen die Rookies Mu Wilkerson und Kendrick Ellis.

Schlüssel für Ryans Defense ist die Secondary. Die Trickspielchen kann man sich bloß erlauben, weil man in CB Darrelle Revis einen Shutdown Corner par excellence besitzt. Wer einen ganzen Offensivspieler – und in Revis’ Fall ist es stets der #1-WR des Gegner – aus dem Spiel nehmen kann, dessen Chancen steigen mit einem Schlag massiv. Diese Denke erklärt auch, warum die Jets so heiß auf Nnamdi Asomugha waren – eine Defense mit zwei solchen Cornerbacks wäre kaum auszudenken gewesen.

Ausblick

Der Kader ist „top-heavy“ besetzt – sprich: fallen ein, zwei Schlüsselspieler aus, wird es sofort eng. Die Jets sind potenziell aber eine Titelkandidat. Allerdings ein Titelkandidat mit vielen Fragezeichen:

– Was passiert mit Sanchez, wenn das nicht überzeugende Laufspiel aus dem Spiel genommen wird?

– Wie macht sich Burress nach Knastaufenthalt?

– Wird RT Hunter halten?

– Was passiert mit dem Abwehrsystem, wenn Schlüsselspieler Revis ausfällt?

Dazu kommt ein nicht einfacher Schedule mit dem Highlight des Heiligabendspiels gegen die Giants – ein Spiel, das um 19h MEZ stattfindet und somit parallel zur üblichen Bescherung in unseren Landen:

Wk #1 vs Cowboys (SNF)
Wk #2 vs Jaguars
Wk #3 @Raiders
Wk #4 @Ravens (SNF)
Wk #5 @Patriots
Wk #6 vs Dolphins
Wk #7 vs Chargers
Wk #8 BYE
Wk #9 @Bills
Wk #10 vs Patriots (SNF)
Wk #11 @Broncos (Donnerstagspiel)
Wk #12 vs Bills
Wk #13 @Redskins
Wk #14 vs Chiefs
Wk #15 @Eagles
Wk #16 vs Giants
Wk #17 @Dolphins

Wir haben einen weiteren potenziellen Superbowl-Kandidaten, aber einen mit fetten Fragezeichen – und man sollte die AFC-Konkurrenz nicht unterschätzen. Die Offseason lief nach dem entgangenen Asomugha-Deal nicht wie gewünscht und die Jets versuchten erst gar nicht, dies zu bestreiten. Ich sehe Playoffnähe, aber keine Playoff-„Garantie“. Sollten die Dolphins aus unerfindlichen Gründen akzeptables Quarterback-Spiel zu Tage zaubern, erleben wir eine ultraenge AFC East.

Das Zeiteisen verrät: 723 Minuten verbleiben. WordCount nach zehn Teams: 9783.