Mit den Atlanta Falcons in den Sonnenaufgang

Eine der Mannschaften der abgelaufenen Saison: Die Atlanta Falcons. Eine Mannschaft, die nicht nur mit 13-3 Siegen aufhorchen hat lassen, sondern vor allem sich mit einer unorthodoxen Spielweise angenehm aus der grauen Masse abhebt. „Unorthodox“ wie wenn Traditionalisten bereits ausgeblutet sind.

Die Falcons marschieren mit ihrer Offense seelenruhig mit zwei Tight Ends, Fullback und Halfback auf das Spielfeld und rammen den Ball mit Gewalt durch die Abwehrreihen. Zwischendurch immer mal wieder ein intelligenter, schneller Pass. Football aus den 80ern. Heutzutage eigentlich ein Tabu, aber die Falcons sind der Beweis, dass selbst altmodische Offense noch modern sein kann. Dann nämlich, wenn sie siegen.

Sportliche Leitung

Ich bin ein Fan von dem, was GM Thomas Dimitroff und Head Coach Mike Smith da in Atlanta aufgestellt haben. Es gibt vermutlich drei Millionen Mike Smiths in Amerika und vermutlich 230 Millionen Amerikaner, die mehr Profil besitzen, aber Smith brilliert dort, wo es drauf ankommt: Trainerstab und Mannschaft bei Laune halten, Grobplanung betreiben, Feinarbeit seinen Assistenten überlassen. Resultat: Innerhalb von drei Jahren wurde da eine Mannschaft zusammengebastelt, deren Grundfeste ziemlich unerschütterlich wirken, deren Potenzial aber noch lange nicht ausgeschöpft scheint.

Offense

Dabei darf man gespannt sein, wie die Offense aussehen wird, wenn RB Michael Turner aufgehört hat. Turner ist ein Brocken von einem Running Back, ein beinharter Mann mit extrem viel Wucht – der Typ Running Back, der meistens nach 3-4 Jahren im vollen Einsatz verbrannt ist. Nun ist ausgerechnet Turner der wichtigste Bestandteil dieser Angriffsmaschine, mit konstant über 300 Carries pro Jahr, und Turner wird seine Vorwahl demnächst wechseln (ist 29). Noch allerdings wird der Mann hinter Vorblocker Ovie Mughelli (sprich: Maaheeeeeeli) den Angriff tragen – und mit Rookie JaQuizz Rodgers hat er einen wieselflinken, wendigen Back zur Seite gestellt bekommen, der für Rhythmuswechsel sorgen kann.

Eine Vorschau auf die zukünftige Offense der Falcons hat uns der Draft 2011 gegeben, als Atlanta den Würfel warf und haufenweise Picks für WR Julio Jones ausgab. Die Message: Um Jones und die Catch-Maschine WR Roddy White einen Passangriff aufziehen, der sich nicht mehr nur um die Zone bis 15yds von der Line of Scrimmage beschränkt. Explosivität anstelle von Solidität.

Etwas mehr Explosivität würde man hin und wieder auch von QB Matt Ryan erhoffen. Ryan ist einer meiner persönlichen Favoriten, wirkt so ruhig und so besonnen und so relaxt, aber bisher hatte man nie den Eindruck, dass Ryan fünf Minuten vor Spielende unter Druck ein Feuerwerk zünden könnte. Nichtsdestotrotz ein junger Mann, dem die Zukunft gehört und um den herum dieser Angriff noch auf Jahre hinaus punkten wird.

Nicht mehr allzu lange dabei sein wird TE Tony Gonzalez, der seit mehreren Jahren immer wieder zum Weitermachen überredet werden muss und mit seinen 35 auch nicht mehr ewig spielen wird. Gonzalez’ Status in der Mannschaft dürfte mit der Addition von Julio Jones aber reduziert worden sein.

Ein Wort zur Offensive Line: Eine solide Unit, aber der einzige nennenswerte Abgang dieser Offseason im kompletten Kader betraf einen Blocker: G Harvey Dahl. Vor einem Jahr hat Atlanta in der dritten Runde einen G namens Mike Johnson gedraftet – der dürfte den neuen Starter geben.

Defense

Die größte Änderung in der Defense betrifft den Pass Rush. DE Ray Edwards kam für einen erstaunlich niedrigen Preis (5yrs/27,5 Mio. Dollar) aus Minnesota und sollte sofort den neue Starter auf der Gegenseite von DE John Abraham geben. Pass Rush, oder besser: fehlender Pass Rush, war das große Problem, als man gegen Green Bay nach Strich und Faden auseinandergenommen wurde.

Dabei sah die Secondary auch nicht immer besonders großartig aus. Der CB Dunta Robinson hinterließ seine größte Duftmarke in Houston, wo er schmerzlicher vermisst wurde als in Atlanta vermutet würde. CB Brent Grimes, ein junger Mann, gilt als heimlicher #1-CB.

Restliche Defense? Paar junge, hohe Draftpicks, paar solide, bekannte Namen – aber besondere Geschichte könnte man nicht drüber erzählen, außer dass die Linebackers bei Passspiel dazu tendieren, neben ihren Schuhen zu stehen.

Generell gilt auch für Atlantas Defense: Das ist keine spektakuläre Unit. Der Lauf wird nicht mit Gewalt in Grund und Boden gerammt, der Quarterback nicht mit Zillionen Blitzes durcheinandergebracht, die Wide Receivers dürfen durchaus ihre Catches machen. Aber am Ende schafft man es trotzdem, langsam und unauffällig den Gegner abzuwürgen und in der RedZone zu Field Goals anstelle von Touchdowns zu zwingen.

Ausblick

Der Jones-Pick hat was von „Win now!“, aber im Prinzip zeigt er nur: Atlanta möchte in der Offense eine neue Dimension gewinnen und sich langsam auf die Zeit nach Michael Turner einstellen. Jones kostet wertvolle Draftpicks, die man für einen Wide Receiver im Normalfall nicht hergeben würde – und ist ein Move, den normalerweise nur Teams machen, deren window of opportunity sich in Kürze schließt.

Der Schedule ist mittelmäßig schwer und die Saison wird sich zu 15/16 im mittleren Westen und Süden abspielen, mit einer langen Auswärtsfahrt nach Seattle.

Wk #1 @Bears
Wk #2 vs Eagles (SNF)
Wk #3 @Buccs
Wk #4 @Seahawks
Wk #5 vs Packers (SNF)
Wk #6 vs Panthers
Wk #7 @Lions
Wk #8 BYE
Wk #9 @Colts
Wk #10 vs Saints
Wk #11 vs Titans
Wk #12 vs Vikings
Wk #13 @Texans
Wk #14 @Panthers
Wk #15 vs Jaguars (Donnerstagspiel)
Wk #16 @Saints (MNF)
Wk #17 vs Buccs

Atlanta besitzt im Prinzip alle Zutaten eines Superbowl-Champs, aber die schwere Division und die ausgeglichene NFC machen das Unterfangen nicht einfach. Andererseits hat die NFC in zehn Jahren zehn verschiedene Champs herausgebracht – nach dem Gesetz der Serie wäre diesmal also einer aus diesem Sextett dran: Detroit, Minnesota, San Francisco, Dallas, Washington und: Atlanta.

Das Zeiteisen verrät: 666 Minuten verbleiben. WordCount nach dem ersten Dutzend Teams: 11476.

2 Kommentare zu “Mit den Atlanta Falcons in den Sonnenaufgang

  1. Mike Johnson, auch mein Favorit, hatte leider im Camp eine Gehirnerschütterung und stoßt jetzt erst wieder zum Training dazu. Garret Reynolds hat nun den Vorsprung bei der position battle, und sah gegen Miami auch okay aus. So lange er in der Preseason keine groben Schnitzer macht, wird sich Johnson (leider) schwer tun ihn vom Starter-Spot zu schubsen.

  2. Pingback: NFL 2011/12, TV-Guideline Week 1: Pathos Overkill « Sideline Reporter

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