Die Philadelphia Iggles in der Sommerhitze

In diesem Sommer ist für mich ein kleiner Teil NFL-Romantik gestorben. Die Philadelphia Eagles, meine netten Freunde von nebenan, mit denen ich gerne mal ein Bierchen getrunken habe und die immer in meinem Schatten gestanden waren, sind auf einmal im Mittelpunkt des Interesses und ziehen bewundernde wie verachtende Blicke auf sich.

Es ist kein Jahr her, da sah man ein Übergangsjahr für die Eagles kommen. Elf Monate, eine Vick-Renaissance und zwei Handvoll Stareinkäufe später, ist die Franchise von Jeff Lurie plötzlich im Zentrum des Interesses. Nichts anderes als der Superbowl-Sieg wird erwartet.

Um mal einen Blick auf den Kader zu werfen…

Die Offense

Es gibt aktuell keine Offense, die mehr Speichel produziert als jene der Eagles. Das liegt vor allem an der sagenhaften Explosivität, die in dieser Angriffsmaschine steckt. Das beginnt beim QB Michael Vick, dem Spieler mit dem meisten Thrill-Potenzial in der NFL. Es ist ganz schlicht und einfach bewundernswert, in welchem athletischen Zustand Vick mit seinen 31 und nach zweieinhalb Jahren Knast im vergangenen Herbst durch die Abwehrreihen gescrambelt ist.

Viel beeindruckender noch war die Präsenz des Michael Vick in der Pocket. Jo, gibt immer noch ca. eineinhalb Dutzend Quarterbacks, die souveräner wirken, aber Vick/Philadelphia verglichen mit Vick/Atlanta, das ist wie Collinsworth verglichen mit Dilfer. Nun hat Vick so seine Probleme mit Blitz-Taktiken jeglicher Natur, aber Vicks Trümpfe, die fassungslose Wendigkeit und der rattenscharfe tiefe Ball, sind für Defenses trotz allem nicht zu unterschätzen.

Und der tiefe Ball ist ein probates Mittel, wenn du so antrittsstarke Wide Receivers wie DeSean Jackson und Jeremy Maclin besitzt. Der allerdings extrem für Drops anfällige Jackson und der krankheitsgeschwächte Maclin hatten beide so ihre Offseason-Problemchen, sollten aber in der Regular Season voll einsatzfähig sein.

OffCoord Marty Mornhinweg ist zwar ein fürchterlicher Unsympath, aber ein sehr guter Coach, und wenn Mornhinweg neben solchen Sprintern auch noch verschiedenste Waffen wie TE Brent Celek oder WR Johnny Lee Higgins einbauen kann, sowie auf einen so fangstarken Running Back wie LeSean McCoy und einen so grundsoliden wie Neuzugang Ronnie Brown zurückgreifen kann, kommt es schon mal vor, dass die Auguren sich nicht mehr einig sind, ob die Eagles nun „Spread“ oder „West Coast“ spielen. So einzigartig ist dieser Angriff derzeit in der Liga.

Einzigartig, aber auch brutal abhängig vom Vick, bei dem die Eagles einfach mal darauf geschissen haben, dass der Mann mit seinem Spiel pro Saison drei mittelschwere Verletzungen riskiert, und dessen soliden Backup Kevin Kolb sie nach Arizona abgeschoben haben. Dafür ist nun der etwas labile QB Vince Young Vicks Ersatzmann für 4-6 Spiele in diesem Herbst. Eine Aussicht, die… interessant ist. Young in diesem Angriff? 6-8 Big Plays/Spiel weniger – was bleibt dann noch übrig?

Gespannt sein darf man auf die Offensive Line, der man zuletzt nachsagte, mit den komplexen Block-Schemen überfordert zu sein. Komplexe Schemen, eingepflanzt von dem Coach, der nun die Defense trainiert: Juan Castillo.

Die Defense

Philadelphias Defense stand für mich dank der Legende Jimmy Johnson stets für massive Blitz-Gewalt. Nun weiß kein Mensch, was unter dem unerfahrenen Castillo zu erwarten ist. Vermutlich weniger Druck aus der zweiten und dritten Reihe – wozu sonst hätte man den jungen Johnson-Jünger Sean McDermott feuern sollen?

Castillo kann auf ein höchst interessantes Personal bauen: Vorne hochkarätig besetzt, mitten drin inexistent, hinten „top-heavy“ – spricht tendenziell stark für eine 4-3 bzw. vielleicht eine Defense, die häufig mit fünf Defensive Backs aufs Spielfeld kommt.

Die Defensive Line ist um den kompletten, ausgelernten Superstar-DE Trent Cole gebaut, dem nun mit DE Jason Babin aus Tennessee ein veritabler Gegenpart zur Seite gestellt wurde. Für die Mitte steht nach Bunkleys Abgang ein neues Trio zum Reinrotieren bereit: Cullen Jenkins, der ehemalige 3-4 End aus Green Bay, Senkrechtstarter Antonio Dixon und der einst hoch gedraftete Mike Patterson, bei dem kein Mensch weiß, wie er sich machen wird. Patterson ist im Trainingslager zusammengeklappt und man darf sich ernsthaft fragen, ob es sinnvoll ist, weiterhin Pattersons Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Ein Star fehlt noch: Line-Coach Jim Washburn, der der Welt in Tennessee mehr starke Defensive Line geschenkt hat als Matthäus Ehen.

Die Linebackers sind recht unterirdisch besetzt, sodass mit Rookie Casey Matthews aus Oregon ein Mann den Middle Linebacker geben soll, dessen Haupt-Referenz lautet „Bruder von Clay“.

Das Maul fusselig redet man sich, wenn das Thema „Phillys Secondary“ aufkommt. CB Asante Samuel, CB Nnamdi Asomugha, CB Dominique Rodgers-Cromartie – dreimal Deckungsspieler mit großem Namen. Asomugha gilt als einer der besten Shutdown Cornerbacks der Liga, und Samuel als Genie, wenn es darum geht, das eine, entscheidende Big Play zum Sieg zu machen. Nicht ausgeschlossen, dass die in der Preseason getestete Varianten mit Samuel als Safety tatsächlich eine Option wird. Samuel als Freelancer? Nehme ich, solange mir der Mann nicht auf Running Backs abgestellt wird.

Dagegen spricht, dass „Free Safety“ genau die richtige Position für den jungen, aufstrebenden, aber von einer schweren Verletzung zurückkommenden Nate Allen ist. In dem Falle würde vielleicht sogar der local guy, Rookie Jaquan Jarrett (kommt von der heimatlichen Temple University) der Starter als Strong Safety werden.

Viele, viele Optionen in dieser Defense – aber, und das zu bestreiten grenzt an Ignoranz, auch mehrere potenzielle Sollbruchstellen.

Special Teams

Huch? DeSean Jackson ist einer der Big Three bei den Returnmännern (nach Hester und neben Cribbs), aber die Schlüsselstelle ist eine andere: Wie kommt der Rookie-Kicker Alex Henery zurecht, nachdem David Akers, einer der besten Kicker der jüngeren und älteren Vergangenheit, aufgrund zweier Playoff-Fehlkicks rausgeschmissen wurde?

Ausblick

Die Einkaufstour war so massiv, dass die Eagles unweigerlich den Druck des Superbowl-Favoriten aufgehalst bekommen. Und ein Head Coach Andy Reid unter Druck, zumal mit Philadelphias traditionell ultra-launischem Publikum im Rücken – ich habe da nicht des Weltgeists größtes Vertrauen drein.

Philadelphias Schedule ist dann auch entsprechend ein sehr Primetime-lastiger:

Wk #1 @Rams
Wk #2 @Falcons (SNF)
Wk #3 vs Giants
Wk #4 vs 49ers
Wk #5 @Bills
Wk #6 @Redskins
Wk #7 BYE
Wk #8 vs Cowboys (SNF)
Wk #9 vs Bears (MNF)
Wk #10 vs Cardinals
Wk #11 @Giants (SNF)
Wk #12 vs Patriots
Wk #13 @Seahawks (Donnerstagsspiel)
Wk #14 @Dolphins
Wk #15 vs Jets
Wk #16 @Cowboys
Wk #17 vs Redskins

Eine Prognose fällt extrem schwer. Wurscht, wie viele Stars da in dieser Mannschaft spielen, wurscht, ob die Defense überragt oder unter neuem Coordinator und ohne Linebackers kränkeln wird: Die Saison steht und fällt mit Michael Vick. Bleibt er die Waffe? Bleibt er überhaupt gesund? Bleibt er gesund und eine Waffe?

Ich sehe bedenklich viele Komponenten, die gegen die Philadelphia Eagles als Superbowl-Champ sprechen. Um noch ein bissl weiter zu gehen: Ich habe sogar in der NFC East eine andere Mannschaft auf der Rechnung. Eine vermutlich blitzfreudige…

Das Zeiteisen verrät: 481 Minuten verbleiben. WordCount nach 18 Teams: 17136.