Lustig…

…wie gleichgeschaltet der Tenor in amerikanischen Medien in Sachen Worst Case Scenario für das untere und mittlere Drittel der NFL-Teams 2011/12 ist, als Beispiel zweimal Grantland:

Colts:

Worst-case scenario: Manning never comes back and the Colts go through the equivalent of that one Spurs season in which David Robinson broke his foot and missed the entire year. They actively go on a hunt to try to get Andrew Luck to be the Tim Duncan to Manning’s Robinson, but come up just short when Curtis Painter leads the team to three consecutive wins over AFC South competition to end the season.

Bills:

Worst-case scenario: Los Angeles OK’s a stadium plan as the Bills win a meaningless Week 17 game against the Patriots to go 4-12, pushing them out of the first overall slot and giving Andrew Luck to somebody else.

Die Denver Broncos in der Abenddämmerung

2010/11 war für die Denver Broncos eine ziemlich üble Saison, mit einer komplett kollabierenden Defense, einer QB-Enteierung, mehreren wichtigen Verletzten und einem mitten in der Saison gefeuerten Head Coach Josh McDaniels. Dessen höchst unglückliche Zeit – auch auf diesem Blog wurde darüber intensiv diskutiert – am Steuer ist beendet, vom spektakulären Offensivgeist McDaniels geht es nun zurück zu den Wurzeln. Der neue Mann, dem in Denver vertraut wird, ist John Fox, der ehemalige Defensive Coordinator der Giants und Head Coach der Panthers, der mit Carolina einst das Unmögliche möglich machte und innerhalb von zwei Jahren von 1-15 zum unglücklichen Superbowl-Verlierer mutierte.

Fox, das Rebuilding-Genie. Trotzdem verwundert seine Verpflichtung: Mit Owner Pat Bowlen und dem sportlichen Leiter John Elway säßen eigentlich eher offensiv denkende Leute im Front Office – aber nach dem Stress mit McDaniels scheint man sich nach ruhigeren Zeiten zu sehnen.

Die Offense

Die Fox’sche Footballphilosophie in der Offense: Run the ball. Eine Philosophie, für die allerdings das Spielermaterial in Denver nicht optimal zu sein scheint. Die Offensive Line ist noch aus McDaniels’ Zeiten dafür gebaut, für das Passspiel zu blocken und besitzt mit LT Ryan Clady nur einen herausragenden Mann. Und dann ist da Running Back Knowshon Moreno, ein Mann, der 4.3yds/Carry macht, aber trotzdem nicht wie der Franchise-Back aussieht. Als Sicherheitsoption wurde erstmal RB Willis McGahee aus Baltimore eingekauft, ein nicht jünger werdender, aber vielseitiger Spieler, der Moreno entlasten soll.

Weil das Laufspiel vermeintlich noch nicht dominant genug sein wird, lastet der Druck vorerst eher auf dem Passspiel, das nach einem zeitweise unrühmlichen Theater wie erwartet auf QB Kyle Orton lastet, einem Mann, der wie die Faust aufs Auge auf eine Offense von John Fox passt: Säufer der alten Schule, Frisur aus den 60ern und ein Spiel, so blässlich und verlässlich wie Fox es nicht besser kriegen könnte. Ortons limitierte Fähigkeiten im Lesen von Abwehrschemen müssen allerdings mit simplifizierten Gameplans kaschiert werden.

Anspielstationen sind zur Genüge da: WR Brandon Lloyd hatte 2010/11 sein Coming Out und 18.8yds/Catch über 77 Catches (11 Touchdowns), dazu gesellt sich der solide WR Eddie Royal – und, erfreulich, womöglich irgendwann im Lauf der Saison auch WR Demaryius Thomas, dem hohen Pick von 2010, der nach einer schweren Achillessehnenverletzung überraschend von der PUP-Liste genommen wurde.

Ortons Backup wird vorerst der noch blassere Brady Quinn sein, während der eigentliche Superstar in dieser Mannschaft, QB #15 Tim Tebow, nach seiner famosen Karriere am College weiterhin ein Schattendasein fristet und trotz vehementer Fanproteste beim alteingesessenen Fox wohl über längere Sicht keine Chance auf den #1-Posten hat. Allerdings: Orton wird früher oder später Fehler machen, und dann geht das Theater wieder los.

Die Defense

Die Fox’sche Footballphilosophie in der Defense: Stop the run. Fox baute in Carolina innerhalb kürzester Zeit eine starke Defense um seine dominante Defensive Line auf. Tendenzen dazu gibt es auch in Denver und es sind Bestandteile da: DE Elvis Dumervil kehrt von einer schweren Verletzung zurück – sollte Dumervil an seine Form von 2009/10 anknüpfen können, ist der Pass Rush automatisch verstärkt. Der zweite Defensive End dürfte ein bislang gefloppter, gehypter ehemaliger hoher Draftpick sein: Robert Ayers oder der Neuzugang aus Jacksonville, Derrick Harvey, da DE Ty Warren erstmal mehrere Wochen, vielleicht Monate ausfallen wird. Der Ankermann der Defense dürfte der aus Philadelphia über bizarre Umwege gekommene DT Broderick Bunkley sein, eine händeringend benötigte Verstärkung auf der Innenseite.

Sollte die Line den Erwartungen halbwegs genügen, könnte Denver schneller als gedacht eine mehr als formidable Front Seven besitzen, denn die Linebackers lesen sich richtig gut: MLB wird der junge, hoch talentierte Joe Mays sein, die Outside Linebackers werden vom athletischen ehemaligen Miami Hurricane D.J. Williams und dem heuer an #2 gedrafteten Top-Pick Von Miller gebildet. Vor allem Miller ist ein Typ, dem man sehr viel Empathie entgegenbringen kann, ein großartiger Charakter und ein großartiger Athlet – und der vermeintliche neue Star-Pass Rusher der Broncos.

Der Trümmerhaufen der vergangenen Jahre war das Defensive Backfield, trotz zweier großer Namen. CB Champ Bailey ist einer der Spieler des Jahrzehnts, die ihre Karriere in mittelmäßigen Mannschaften verschwenden mussten, und Bailey gilt auch mit 33 noch als potenzieller Pro Bowler, der sich auf keiner tiefen Route verarschen lässt. Sämtliche weiteren Cornerback-Positionen sind allerdings so mau besetzt, dass sogar der aus New England in sehr unguter Erinnerung gebliebene Jonathan Wilhite ein möglicher Starter sein könnte.

Der zweite big name ist der feurige Leadertyp SS Brian Dawkins, ein mittlerweile auf die 40 zugehender knochenharter Hitter, dessen letztes Karriereziel sein dürfte, den Tutor für den jungen Free Safety von der University of California/Los Angeles, Rahim Moore, zu geben. Moore ist vom Drafttag in Erinnerung geblieben, als er mit literweise Tränen im Gesicht ein paar warme Worte für die Möglichkeit, an Dawkins’ Seite zu spielen, gab.

Ausblick

Bleibt nur noch abzuwarten, wie holprig die Umstellung von 3-4 auf 4-3 verlaufen wird, zumal große Teile der Defense noch sehr jung sind und über kaum NFL-Erfahrung verfügen – ein Problem, das in abgespeckter Version auch für die Offense gilt. Prinzipiell halte ich bekanntermaßen große Stücke auf Fox, und ich glaube an eine deutlich bessere Saison in Denver, irgendwo in der Region der .500, sollte der Sport und nicht die Debatte um Tebow im Fokus bleiben. Der Schedule hält in den ersten drei Wochen drei mögliche Siege bereit und auch danach wäre es nicht vermessen, an das eine oder andere Upset zu glauben.

Wk #1 vs Raiders (MNF)
Wk #2 vs Bengals
Wk #3 @Titans
Wk #4 @Packers
Wk #5 vs Chargers
Wk #6 BYE
Wk #7 @Dolphins
Wk #8 vs Lions
Wk #9 @Raiders
Wk #10 @Chiefs
Wk #11 vs Jets (Donnerstag)
Wk #12 @Chargers
Wk #13 @Vikings
Wk #14 vs Bears
Wk #15 vs Patriots
Wk #16 @Bills
Wk #17 vs Chiefs

Die AFC West ist eine interessante Division mit einem klaren Favoriten (San Diego) und einem IMHO völlig offenen Rennen um den zweiten Platz, eine mögliche Wildcard. Die Broncos müssen vermutlich aber sehr verletzungsfrei bleiben, um diese zu ergattern.

Das Zeiteisen verrät: 378 Minuten verbleiben. WordCount nach 21 Teams: 20293.

Die Dallas Cowboys an der Hand genommen

Wenn man die Franchise der Dallas Cowboys beschreiben will, genügt in der reduzierten ein einziger Name: Jerry Jones, Owner und General Manager in Personalunion und ein Mann, dessen Hingabe für diese Franchise schier unendlich ist. Diese Hingabe geht so weit, dass Jones hier über eine sehr zentralisierte Organisation herrscht, in der die Fäden nach oben hin zusammenlaufen. Und Jones ist der klassische amerikanische jack of all trades, würde wohl sogar noch für die Spieler die Trikots waschen, bügeln und in der Umkleidekabine verteilen. Wäre ich Cowboys-Fan, würde mir dies allerdings mehr und mehr auf den Keks gehen.

Denn wir sprechen hier über eine Footballmannschaft. Und Footballspieler können Arschlöcher sein, zum Beispiel wenn sie wissen, dass eine letzte Entscheidungsbefugnis nicht beim Headcoach, sondern beim Owner liegt – bei einem Owner, der nicht bedingungslos hinter dem Headcoach steht. Wie anders ist die Laxheit der Cowboys im vergangenen Herbst zu erklären, als man ganz einfach eine Saisonhälfte lang lustlosen Mist zusammenspielte, während in Saisonhälfte zwei mit neuem Coach plötzlich wieder eine feurige Einheit auf dem Feld stand?

Dieser neue Headcoach ist Jason Garrett und er soll ein langjähriger jones’scher Liebling sein. Garretts Mannschaft spielte nach dem Trainerwechsel teilweise richtig ansehnlich – man darf gespannt sein, wie es heuer aussieht, in der Offense, aber vor allem in der Defense, wo mit Rob Ryan ein gemeinhin verkanntes Genie den neuen Defensive Coordinator gibt.

Die Offense

Quarterback, Frauenheld, Medienliebling: Tony Romo ist das bekannteste Gesicht in dieser Offense, ein Mann mit Tendenzen zum Gunslingern, allerdings auch einer, dem ich meine Oma nicht anvertrauen würde, wenn es drum geht, Großmütterchen über den Zebrastreifen einer vielbefahrenen Hauptstraße zu führen. Will heißen: Ich halte Romo für zu oberflächlich, zu schlampig und für nicht in der Lage, die kleinen Dinge dieser Welt im Griff zu haben. Oder auf neudeutsch: Ein Schönwetterquarterback.

Trotzdem produziert der Mann immer wieder ansehnliche Statistiken, was man allerdings auch Dallas‘ traditionell hochkarätigen Ballfängern zuschreiben könnte. Da wäre zum einen der sehr komplette Tight End Jason Witten (94 Catches, 1002yds, 9 TD), gleichermaßen gut als Blocker und Fänger, und da wären die beiden Top-WRs Miles Austin (69/1041/7) und Dez Bryant. Bryant ist charakterlich wohl nicht einwandfrei und anfällig für alle möglichen Blödsinne ernsthafter oder weniger ernsthafter Natur, aber als Spieler gilt Bryant als Naturtalent, als Moss‘ Friedensschluss mit dem einst vergessenen Randy Moss. Und Bryant ist ein fantastischer Punt Returner.

WR Roy Williams wurde nach zweieinhalb „lauten“ Jahren ziehen gelassen, was nachvollziehbar ist, weil Williams viel besser in eine Offense mit tiefen Routen passt, allerdings mit Blick auf die Tiefe im Kader ein riskanter Move – abseits der großen Drei Witten/Austin/Bryant muss schnell Wikipedia als Informationsquelle herhalten.

Immerhin gilt RB Felix Jones als recht guter Ballfänger, aber Jones‘ primäre Aufgabe wird das Laufspiel sein, wo Dallas ein Trio an ordentlichen Running Backs aufwarten kann: Jones, den fleißigen RB Tashard Choice und den jungen DeMarco Murray, der als ehemaliger Oklahoma Sooner das Cowboys Stadium bereits vom Red River Shootout kennen sollte.

Problempunkt ist die Offensive Line, die auf drei Positionen verändert wird und in der der wichtigste Mann, der Left Tackle, ein Rookie ist, von dem keiner so recht weiß, was er in dieser Saison zu leisten vermag. Wir reden vom Grünling Tyron Smith, dem Draftpick #9.

Die Defense

Dallas war 2010/11 eindimensional im Pass Rush, wenig erbaulich in der Laufspielverteidigung und fürchterlich in der Passabwehr, und das, obwohl das Spielerpersonal eigentlich als sehr okay gilt. Die Probleme hier noch mehr als in der Offense: Der Schlendrian. Mit dem neuen Coordinator Rob Ryan soll sich daran einiges geändert haben und man hört nur Gutes über Ryan und seine unkonventionellen Abwehrschemen.

Die Defensive Line wird um den NT Ray Ratliff gebaut sein, bei dem nie unerwähnt bleibt, wie wenig prototypisch er denn eigentlich für diese Position gebaut sei, aber mit zwei dicken DE-Säcken an seiner Seite gilt Ratliff als dominante Waffe und potenzieller All-Pro. Die Line wird gut spielen müssen, um die als schwach gegen den Lauf geltenden Linebackers zu entlasten, und dies ohne den abgewanderten DE Stephen Bowen (zu Erzfeind Washington).

In Sachen Pass Rush vertraut man auf zwei Dinge: OLB DeMarcus Ware, einer der konstant Allerbesten auf diesem Gebiet, und Ryans Kreativität. Man erwartet viele Zone Blitzes und überhaupt Blitzfreudigkeit, was auch dem jungen Anthony Spencer helfen sollte, ein Mann, dem großes Potenzial nachgesagt wird, allerdings auch ein schwer enttäuschendes Vorjahr.

Pass Rush, und zwar vielseitiger Pass Rush, wird wichtig sein, da das Defensive Backfield zuletzt arge Probleme hatte. CB Mike Jenkins ist eine Wundertüte, die mal großartig, mal fürchterlich spielt, CB Terrance Newman wird nicht jünger und die Safetys gelten bis auf Gerald Sansabaugh als zu wenig athletisch.

Ausblick

Ich kenen Rob Ryan kaum. Ich habe Cleveland im Vorjahr nie spielen sehen, aber die Tenöre, die auf den Kleinen Rex gesungen werden, sind hymnisch. Dallas hatte 2009/10 eine sehr dominante Defense, das Personal ist so stark verändert nicht – also gehe ich davon aus, dass der neue Coordinator diese Unit wieder hinkriegt. Die Offense liegt in den Händen eines Mannes, dem ich in kritischen Momenten ungern vertraue (Romo), aber sowohl die drei Running Backs, als auch die drei Top-Anspielstationen gefallen – kritisch dürfte allerdings die Tiefe sein, und wenn die Offense Line zu lange braucht, um eingespielt zu sein…

Der Schedule ist recht ausgeglichen, von der AFC East bis zur NFC West und die Platzierungsspiele gegen Tampa und Detroit:

Wk #1 @Jets (SNF)
Wk #2 @49ers
Wk #3 vs Redskins (MNF)
Wk #4 vs Lions
Wk #5 BYE
Wk #6 @Patriots
Wk #7 vs Rams
Wk #8 @Eagles (SNF)
Wk #9 vs Seahawks
Wk #10 vs Bills
Wk #11 @Redskins
Wk #12 vs Dolphins
Wk #13 @Cardinals
Wk #14 vs Giants (SNF)
Wk #15 @Buccaneers (Donnerstag)
Wk #16 vs Eagles
Wk #17 @Giants

Es ist un-analytisch und es ist gegen den common sense, aber irgendetwas gibt mir das Gefühl, dass wir hier über den NFC East-Champion 2011/12 sprechen. Obwohl ich Sorgen um die Line habe, obwohl mir die geringe Tiefe völlig bewusst ist, obwohl mehrerenorts Fragezeichen dicker als 0,75pts sind: Dallas sollte die Division gewinnen.

Das Zeiteisen verrät: 411 Minuten verbleiben. WordCount nach 20 Teams: 19307.