227…

… und over. QB Peyton Manning hat seit dem 1. Spieltag 1998, seinem ersten Spieltag in der NFL, kein einziges Spiel verpasst – bis Sonntag. Manning kann wegen der anhaltenden Nacken-Probleme immer noch nicht richtig trainieren und wird am Sonntag in Houston beim Divisions-Schlager gegen die Texans fehlen. Statt ihm wird allem Anschein nach der erst vor kurzem aus dem kurzen Ruhestand zurückgeholte Kerry Collins spielen.

Damit bekommen diejenigen, die das Spiel via Gamepass sehen können, einen Eindruck davon, was die Colts ohne Peyton Manning wert sind. Auf alle Fälle geht eine der eindrucksvollsten NFL-Serien aller Zeiten zu Ende. Wie wichtig Manning für die Colts ist, haben wir vor einigen Wochen an dieser Stelle erörtert.

Mit den Chicago Bears in den Sonnenuntergang

Eine der glücklicheren Mannschaften der Vorsaison: Die Chicago Bears, NFC-Finalist und auf dem Weg dorthin von etlichen merkwürdigen lucky breaks begleitet, inklusive Verletzungsserien bei jeweiligen Gegnern, unterirdische Gegner bei eigenen Verletzungssorgen, haufenweise knappe Siege, haufenweise knappe Niederlagen für den Konkurrenten Green Bay – und in den Playoffs mit den Seattle Seahawks der einfachst-mögliche Gegner. Das NFC-Endspiel war dann allerdings ein Fiasko der verheerendsten Sorte, mit Heimniederlage gegen Erfzfeind Green Bay und anschließendem fröhlichen Dreinprügeln in den QB Jay Cutler. Solche Niederlagen haben nur allzu oft den Beigeschmack, noch ganz tief in die kommende Saison hineinzuwirken.

Die Offense

Der Offensive Coordinator ist Mike Martz, und wenn Mike Martz Offensive Coordinator ist, dann bedeutet dies eine passlastige Offense mit Spielzügen, die lange in ihrer Entwicklung brauchen und entsprechend über eine gute Pass Protection verfügen müssen. Diese hatte Martz einst in St Louis, diese hat Martz in Chicago… nicht mehr. Die Offensive Line der Bears gilt als einer der schwächeren in der NFL, speziell und ausgerechnet für alles, was mit Pass Protection zu tun hat. Der gemeinhin als schwächstes Glied anerkannte J’Marcus Webb ist auch noch Left Tackle, während auf der rechten Seite mit Gabe Carimi ein Rookie startet, der aus Wisconsin kommt und somit den Stallgeruch von mehreren Jahrzehnten Tradition bereits kennt. Und dann hat man mit dem Rauswurf von C Olin Kreutz noch ein zusätzliches Fass aufgemacht.

Protection-Probleme beiseite geschoben, den Fokus auf das Passspiel geworfen: QB Jay Cutler lebt noch, aber Cutler dürfte noch die Phantomschmerzen von 52 (!) Sacks in der Regular Season spüren. Zur besseren Einordnung: Cutler hat noch nichtmal alle 16 Spiele durchgespielt – welch Wunder. Die furchtbare Protection dürfte auch ein Hauptgrund für Cutlers extrem schwankende Leistungen sein. Der Mann ist von der Anlage ein optimaler Mann für dieses Offensivsystem, gesegnet mit einem wurfgewaltigen Arm. So „wurfgewaltig“, dass er an schlechten Tagen auch keine Probleme hat, vier Turnovers zu produzieren.

In dieser Saison wird zusätzlich seine Psyche eine Sollbruchstelle darstellen, denn kein Mensch weiß, wie der stets weltabgewandte Cutler mit der völlig aus dem Rahmen fallenden Häme im und nach dem bitteren NFC-Endspiel umgehen wird können. Hinter Cutler wird es schnell dünn: QB Caleb Hanie zeigte ordentliche Ansätze in besagtem Fiasko-Spiel, mehr nicht. Und der dritte Mann ist mit Nate Enderle ein Rookie aus Idaho.

Die Anspielstationen sind auf alle Fälle gegeben: Mit WR Roy Williams ist ein neuer #1-Mann aus Dallas gekommen, dem bislang noch nicht der Durchbruch gelungen ist, dessen bestes Jahr aber 2006/07 war – in Detroit, unter OffCoord Martz. Das ist auch kein Zufall, denn Williams ist zu hüftsteif für schnelle Cuts, bekommt vom Martz’schen System hingegen viel besser auf seine Talente zugeschnittene Routen. Als Wide Receiver scheint sich nun auch der beste Returnspieler der NFL-Geschichte, Devin Hester, der Windy City Flyer, etabliert zu haben, dazu hat es mit Dane Sanzenbacher ein ungedrafteter Rookie von Ohio State in den Kader geschafft, ein idealer Mann für die Slot-Routen. Dass man mit Greg Olsen den vermeintlich besten Tight End bereitwillig abgab, sorgte für viel massive Kritik, die jedoch geflissentlich ignoriert, dass Mike Martz niemals fangstarke Tight Ends in seiner Offense groß einplante.

Dafür sind die beiden Running Backs gute Fänger: RB Matt Forté und der neue RB Marion Barber, ein agiler und ein brachialer Back, nicht die unsinnigste Kombination.

Die Defense

Chicagos Defense ist um Geschwindigkeit gebaut, um quicke Spieler, die auf dem frostigen Boden in Chicagos Soldier Field Gegner mit Zonendeckungen und starker Defensive Line durcheinanderbringen. Der wichtigste Mann dieser Verteidigung ist DE Julius Peppers, dessen Saison 2010/11 nicht nur wegen seiner Sacks und Passrush-Aktivität sensationell war, sondern auch und vor allem wegen der schieren Masse an Snaps: Peppers stand in neun von zehn Spielzügen auf dem Feld. Erklären lässt sich diese Menge auch mit dem kritischen Faktor „Depth“, der in der Defensive Line nicht gegeben zu sein scheint. Auch die Tackles sind nach dem Abgang von Tommie Harris etwas dünner geworden, sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass mit Stephen Paea ein Rookie schneller als gedacht ins kalte Wasser geworfen wird.

Über deutlich mehr Qualität und Breite verfügt Chicago bei den Linebackers, wo der große alte Mann Brian Urlacher gemeinsam mit dem herausragenden OLB Lance Briggs seit Jahren das Herz der Abwehr bilden. Beide gelten als exzellente, komplette Männer, die auch die Coverage unterstützen können.

Die Coverage im Defensive Backfield dagegen sollte suboptimal sein, nachdem nach Danieal Mannings Abgang mit CB Charles Tillman und SS Chris Harris so wenige starke Leute übrig blieben, dass man den überraschend in New England gefeuerten Freelancer FS Brandon Meriweather mit Kusshand aufnehmen musste. Persönlich bin ich sehr gespannt auf den FS Winson Venable, der bei Boise State einer der auffälligsten Abwehrspieler war, auch so ein Instinktfootballer. Riecht aber insgesamt eher alles danach, als ob wir uns die dominante Bears-Defense vergangener Tage (2005-2007) auch heuer schon in Teilen abschminken können, spätestens nach den ersten zwei, drei Verletzungen, die kommen werden, nachdem Chicago in der vergangenen Saison außergewöhnlich davon verschont geblieben war.

Ausblick

Head Coach Lovie Smith ist ein Mann, dem ich nichts sehnlicher als Erfolg wünsche, aber mit ein paar klaren Gedanken gebe ich zu: Die Bears sind meine #4 in der NFC North 2011/12. Schauen wir uns den Schedule an:

Wk #1 vs Falcons
Wk #2 @Saints
Wk #3 vs Packers
Wk #4 vs Panthers
Wk #5 @Lions (MNF)
Wk #6 vs Vikings
Wk #7 @Buccaneers (Wembley-Stadium)
Wk #8 BYE
Wk #9 @Eagles (MNF)
Wk #10 vs Lions
Wk #11 vs Chargers
Wk #12 @Raiders
Wk #13 vs Chiefs
Wk #14 @Broncos
Wk #15 vs Seahawks
Wk #16 @Packers (SNF)
Wk #17 @Vikings

Auch nicht viel besser. Wenn deine Offense in überdurchschnittlichem Maße von einer starken Offensive Line abhängig ist (und sie in realiter zu den 3, 4 schwächsten gehören dürfte), wenn deine Defense über so geringe Kadertiefe verfügt, wenn dein Quarterback so brutal in die Pfanne gehauen wurde, dass die 50 potenziellen Sacks und Hits dein kleinstes Problem darstellen, dann hast du ein Problem. Und dann sind die vielen glücklichen Zufälle des vergangenen Herbstes noch nicht erwähnt. Wird keine gute Saison und ich befürchte das Ende von Lovie Smiths Ära.

Das Zeiteisen verrät: 315 Minuten verbleiben. WordCount nach 23 Teams: 22173.

Mit den Kansas City Chiefs in den Sonnenaufgang

Die Chiefs sind eine Mannschaft, die 2010/11 auch von einem einfachen Schedule unterstützt recht kometenhaft aufgestiegen sind und überraschend die Playoffs erreicht haben. Man kann natürlich attestieren, dass man damit hätte rechnen können: die Chiefs verfügen über einen ordentlichen Trainerstab, viele junge, hohe Draftpicks in den letzten Jahren und einige fantastische individuelle Einzelspieler. Trotzdem war die Saisonbilanz besser als erwartet – und vielleicht besser als verdient.

In der Offseason 2011 wurden einige intelligente Moves gemacht, aber ein wichtiger Mann ist weg: Offensive Coordinator Charlie Weis, der an die University of Florida gewechselt ist. Die Neuen am Steuer: Bill Muir, QB-Coach Jim Zorn und natürlich der offensiv denkende Head Coach Todd Haley.

Die Offense

Obwohl mit Haley und Weis zuletzt zwei Pass-Fans die konzeptionelle Arbeit der Chiefs-Offense inne hatten, ist das primär eine Lauf-Offense. Das liegt zum einen an der Zusammensetzung der Offensive Line, wo der sogar Left Tackle ein ehemaliger Guard ist, zum anderen aber auch am Personal bei den Skill Players.

Der Top-Running Back Jamaal Charles ist ein faszinierender Spieler, leichtfüßig und gesegnet mit dem Antritt von Klassesprintern, ein Back, der im vollen Lauf über den Boden zu schweben scheint. 2010/11 machte Charles sensationelle 6.4yds/carry, 2.7yds/Lauf mehr als Kollege Thomas Jones, der meistens in der RedZone abstauben durfte. Trotzdem vernimmt man bereits Stimmen, dass die Carries auch weiterhin schön gesplittet werden und auch der junge, vielseitig verwendbare RB/WR Dexter McCluster mehr Einsatzzeit bekommen wird.

Das Pass/Lauf-Verhältnis war in der vergangenen Saison in etwa in der Region 48:52 zu verorten, ultrakonservativ für heutigen NFL-Standard. Die Einkäufe in der Offseason sprechen allerdings dafür, dass die Offense heuer passorientierter werden wird. WR Jon Baldwin wurde in der ersten Runde gedraftet und soll langfristig das #2-Mann werden, der aus Arizona gekommene Haley-Buddy WR Steve Breaston, ein quicker Mann für die Slot-Routen, die #3-Option. Den Durchbruch zum Top-Mann hat in der abgelaufenen Saison WR Dwayne Bowe (15 Touchdowns) geschafft. Allerdings ist der in der vergangenen Saison groß herausgekommene TE Tony Moeaki bereits auf der Injuried Reserve und wird heuer komplett ausfallen.

Der Hund liegt auf der QB-Position begraben. Matt Cassell ist ein Quarterback, der zu den blässlicheren Vertretern seiner Zunft gehört und (noch?) nicht über das Standing eines Franchise-QBs verfügt. Cassells 2010/11er Saison hat statistisch gesehen ziemlichen Freak-Charakter: 27 TD zu 7 INT, aber nur 58,2% Completion Rat? Riecht nach einer ungemütlichen kommenden Saison und mit den deutlich besseren gegnerischen Defenses dieses Jahr (u.a. Patriots, Dolphins, Steelers, Bears, Jets, Packers) nach einem deutlichen statistischen Rückgang. Helfen sollte Zorn, der als QB-Coach einen exzellenten Ruf genießt. Die Chiefs sind jedoch an Cassell und seinen millionenschweren Vertrag gebunden und der Rookie-QB Ricky Stanzi gilt als noch lange nicht bereit.

Die Defense

Story der vergangenen Saison in Kansas City war die Defense, die unter dem DefCoord Romeo Crennel wirklich gut gespielt hat. Es ist eine 3-4 Defense mit einer Handvoll sagenhaft guten, jungen Talenten, und es gibt nicht viele Lücken. Am wackeligsten dürfte die Defensive Line sein, der ein Nose Tackle abgeht, sollte der neu eingekaufte, alternde DT Kelly Gregg diese Position nicht spielen können. Gregg ist schon vor allem deshalb wichtig, weil gegen Kansas City in 63% der Fälle über die Mitte gelaufen wird – sprich: Die Gegner wissen um die Lücken.

Der zweite Stammgast in der DL ist der einst hoch gedraftete Glenn Dorsey, der in sein viertes Jahr geht und mittlerweile zu den besseren seines Fachs gehört. Dagegen gilt DE Tyson Jackson (drittes Jahr) als bislang massive Enttäuschung. Die beiden Haupt-Joker für die Line sind Shaun Smith, wenn Laufspiel erwartet wird, und DE Wallace Gilberry, der als exzellenter Pass Rusher gilt.

„Exzellenter“ Pass-Rusher ist auch der OLB #91 Tamba Hali, ein unglaublich explosiver Spieler, der gegen Baltimore in gefühlt 99% der Pass-Situationen die Hand am Quarterback hatte. Hali machte zuletzt 14 Sacks, nach PFF-Statistiken war Hali der effizienteste Pass Rusher in der NFL.

Entsprechend gut waren die Chiefs auch in der Passverteidigung, die auch deckungsstark war – beginnend mit ILB #56 Derrick Johnson, der elf Bälle abwehrte. Dazu kommt ein junges, aufstrebendes Backfield mit den beiden Einser-CBs Brandon Flowers/Brandon Carr sowie den beiden Safetys Kendrick Lewis/Eric Berry, wobei Flowers mit seinen 25 Lenzen der erfahrenste von allen ist!

Ausblick

Die Chiefs sind für mich eine Wundertüte. Wir haben hier einige der besten Spieler in der NFL plus eine sehr solide Offensive Line, aber mir machen mehrere Dinge Kopfzerbrechen: Der raketenartige Aufstieg 2010/11, bei dem man zusätzlich von einem sehr einfachen Schedule schmarotzte, Cassell und die gleichzeitige völlige Abhängigkeit von Cassell, der Unsicherheitsfaktor Baldwin, die Passrush-Abhängigkeit von OLB Tamba Hali und der unangenehme Schedule, der mit einer Reihe an defensivstarken Gegnern wirklich nicht auf die Chiefs zugeschnitten ist:

Wk #1 vs Bills
Wk #2 @Lions
Wk #3 @Chargers
Wk #4 vs Vikings
Wk #5 @Colts
Wk #6 BYE
Wk #7 @Raiders
Wk #8 vs Chargers (MNF)
Wk #9 vs Dolphins
Wk #10 vs Broncos
Wk #11 @Patriots (MNF)
Wk #12 vs Steelers (SNF)
Wk #13 @Bears
Wk #14 @Jets
Wk #15 vs Packers
Wk #16 vs Raiders
Wk #17 @Broncos

Ich sehe a) keine Playoffs für die Chiefs in diesem Jahr und habe sogar leise, ganz leise Befürchtungen, dass es b) sogar potenziell einen Absturz auf den letzten Divisionsplatz geben könnte.

Das Zeiteisen verrät: 349 Minuten verbleiben. WordCount nach 22 Teams: 21159.