Mit den Chicago Bears in den Sonnenuntergang

Eine der glücklicheren Mannschaften der Vorsaison: Die Chicago Bears, NFC-Finalist und auf dem Weg dorthin von etlichen merkwürdigen lucky breaks begleitet, inklusive Verletzungsserien bei jeweiligen Gegnern, unterirdische Gegner bei eigenen Verletzungssorgen, haufenweise knappe Siege, haufenweise knappe Niederlagen für den Konkurrenten Green Bay – und in den Playoffs mit den Seattle Seahawks der einfachst-mögliche Gegner. Das NFC-Endspiel war dann allerdings ein Fiasko der verheerendsten Sorte, mit Heimniederlage gegen Erfzfeind Green Bay und anschließendem fröhlichen Dreinprügeln in den QB Jay Cutler. Solche Niederlagen haben nur allzu oft den Beigeschmack, noch ganz tief in die kommende Saison hineinzuwirken.

Die Offense

Der Offensive Coordinator ist Mike Martz, und wenn Mike Martz Offensive Coordinator ist, dann bedeutet dies eine passlastige Offense mit Spielzügen, die lange in ihrer Entwicklung brauchen und entsprechend über eine gute Pass Protection verfügen müssen. Diese hatte Martz einst in St Louis, diese hat Martz in Chicago… nicht mehr. Die Offensive Line der Bears gilt als einer der schwächeren in der NFL, speziell und ausgerechnet für alles, was mit Pass Protection zu tun hat. Der gemeinhin als schwächstes Glied anerkannte J’Marcus Webb ist auch noch Left Tackle, während auf der rechten Seite mit Gabe Carimi ein Rookie startet, der aus Wisconsin kommt und somit den Stallgeruch von mehreren Jahrzehnten Tradition bereits kennt. Und dann hat man mit dem Rauswurf von C Olin Kreutz noch ein zusätzliches Fass aufgemacht.

Protection-Probleme beiseite geschoben, den Fokus auf das Passspiel geworfen: QB Jay Cutler lebt noch, aber Cutler dürfte noch die Phantomschmerzen von 52 (!) Sacks in der Regular Season spüren. Zur besseren Einordnung: Cutler hat noch nichtmal alle 16 Spiele durchgespielt – welch Wunder. Die furchtbare Protection dürfte auch ein Hauptgrund für Cutlers extrem schwankende Leistungen sein. Der Mann ist von der Anlage ein optimaler Mann für dieses Offensivsystem, gesegnet mit einem wurfgewaltigen Arm. So „wurfgewaltig“, dass er an schlechten Tagen auch keine Probleme hat, vier Turnovers zu produzieren.

In dieser Saison wird zusätzlich seine Psyche eine Sollbruchstelle darstellen, denn kein Mensch weiß, wie der stets weltabgewandte Cutler mit der völlig aus dem Rahmen fallenden Häme im und nach dem bitteren NFC-Endspiel umgehen wird können. Hinter Cutler wird es schnell dünn: QB Caleb Hanie zeigte ordentliche Ansätze in besagtem Fiasko-Spiel, mehr nicht. Und der dritte Mann ist mit Nate Enderle ein Rookie aus Idaho.

Die Anspielstationen sind auf alle Fälle gegeben: Mit WR Roy Williams ist ein neuer #1-Mann aus Dallas gekommen, dem bislang noch nicht der Durchbruch gelungen ist, dessen bestes Jahr aber 2006/07 war – in Detroit, unter OffCoord Martz. Das ist auch kein Zufall, denn Williams ist zu hüftsteif für schnelle Cuts, bekommt vom Martz’schen System hingegen viel besser auf seine Talente zugeschnittene Routen. Als Wide Receiver scheint sich nun auch der beste Returnspieler der NFL-Geschichte, Devin Hester, der Windy City Flyer, etabliert zu haben, dazu hat es mit Dane Sanzenbacher ein ungedrafteter Rookie von Ohio State in den Kader geschafft, ein idealer Mann für die Slot-Routen. Dass man mit Greg Olsen den vermeintlich besten Tight End bereitwillig abgab, sorgte für viel massive Kritik, die jedoch geflissentlich ignoriert, dass Mike Martz niemals fangstarke Tight Ends in seiner Offense groß einplante.

Dafür sind die beiden Running Backs gute Fänger: RB Matt Forté und der neue RB Marion Barber, ein agiler und ein brachialer Back, nicht die unsinnigste Kombination.

Die Defense

Chicagos Defense ist um Geschwindigkeit gebaut, um quicke Spieler, die auf dem frostigen Boden in Chicagos Soldier Field Gegner mit Zonendeckungen und starker Defensive Line durcheinanderbringen. Der wichtigste Mann dieser Verteidigung ist DE Julius Peppers, dessen Saison 2010/11 nicht nur wegen seiner Sacks und Passrush-Aktivität sensationell war, sondern auch und vor allem wegen der schieren Masse an Snaps: Peppers stand in neun von zehn Spielzügen auf dem Feld. Erklären lässt sich diese Menge auch mit dem kritischen Faktor „Depth“, der in der Defensive Line nicht gegeben zu sein scheint. Auch die Tackles sind nach dem Abgang von Tommie Harris etwas dünner geworden, sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass mit Stephen Paea ein Rookie schneller als gedacht ins kalte Wasser geworfen wird.

Über deutlich mehr Qualität und Breite verfügt Chicago bei den Linebackers, wo der große alte Mann Brian Urlacher gemeinsam mit dem herausragenden OLB Lance Briggs seit Jahren das Herz der Abwehr bilden. Beide gelten als exzellente, komplette Männer, die auch die Coverage unterstützen können.

Die Coverage im Defensive Backfield dagegen sollte suboptimal sein, nachdem nach Danieal Mannings Abgang mit CB Charles Tillman und SS Chris Harris so wenige starke Leute übrig blieben, dass man den überraschend in New England gefeuerten Freelancer FS Brandon Meriweather mit Kusshand aufnehmen musste. Persönlich bin ich sehr gespannt auf den FS Winson Venable, der bei Boise State einer der auffälligsten Abwehrspieler war, auch so ein Instinktfootballer. Riecht aber insgesamt eher alles danach, als ob wir uns die dominante Bears-Defense vergangener Tage (2005-2007) auch heuer schon in Teilen abschminken können, spätestens nach den ersten zwei, drei Verletzungen, die kommen werden, nachdem Chicago in der vergangenen Saison außergewöhnlich davon verschont geblieben war.

Ausblick

Head Coach Lovie Smith ist ein Mann, dem ich nichts sehnlicher als Erfolg wünsche, aber mit ein paar klaren Gedanken gebe ich zu: Die Bears sind meine #4 in der NFC North 2011/12. Schauen wir uns den Schedule an:

Wk #1 vs Falcons
Wk #2 @Saints
Wk #3 vs Packers
Wk #4 vs Panthers
Wk #5 @Lions (MNF)
Wk #6 vs Vikings
Wk #7 @Buccaneers (Wembley-Stadium)
Wk #8 BYE
Wk #9 @Eagles (MNF)
Wk #10 vs Lions
Wk #11 vs Chargers
Wk #12 @Raiders
Wk #13 vs Chiefs
Wk #14 @Broncos
Wk #15 vs Seahawks
Wk #16 @Packers (SNF)
Wk #17 @Vikings

Auch nicht viel besser. Wenn deine Offense in überdurchschnittlichem Maße von einer starken Offensive Line abhängig ist (und sie in realiter zu den 3, 4 schwächsten gehören dürfte), wenn deine Defense über so geringe Kadertiefe verfügt, wenn dein Quarterback so brutal in die Pfanne gehauen wurde, dass die 50 potenziellen Sacks und Hits dein kleinstes Problem darstellen, dann hast du ein Problem. Und dann sind die vielen glücklichen Zufälle des vergangenen Herbstes noch nicht erwähnt. Wird keine gute Saison und ich befürchte das Ende von Lovie Smiths Ära.

Das Zeiteisen verrät: 315 Minuten verbleiben. WordCount nach 23 Teams: 22173.

4 Kommentare zu “Mit den Chicago Bears in den Sonnenuntergang

  1. Die Vikings hatten letztes Jahr unglaublich vieles gegen sie laufen, inklusive der selbstverschuldeten Idiotie „Favre“, die in der Folge zu allerhand Störungen in der Mannschaft führte. Der neue Head Coach gefällt, es scheint wieder Disziplin in der Mannschaft und McNabb ist gewiss kein Downgrade im Vergleich zur vergangenen Saison und hat jahrelange Erfahrung mit suboptimalen Offensive Lines.

  2. Pingback: NFL 2011/12, TV-Guideline Week 1: Pathos Overkill « Sideline Reporter

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