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Die New England Patriots in der Modeschau

Heute Nacht startet mein persönlicher Topfavorit in die NFL-Saison: Die New England Patriots, die eigenartigste Franchise in dieser Liga, die über die letzte Dekade ein Erfolgsmodell gebastelt hat, das oft kopiert wurde, aber nie erreicht. Man komme mir nicht mit „aber sie haben seit sieben Jahren keinen Superbowl mehr gewonnen“. Die Patriots genießen bei mir höchstes Ansehen. Das beginnt beim Owner Bob Kraft, das setzt sich fort mit dem Head Coach Bill Belichick.

Das System Belichick

Was Belichick in New England seit Jahren unter massiven Spieler- und Coordinatorverlusten anstellt, ist mit keinem anderen Attribut als „beeindruckend“ zu beschreiben. Belichicks team first-Philosphie ist das Eine, aber was den griesgrämisch wirkenden Mann so außergewöhnlich macht, ist seine Vernarrtheit in Matchups. Bill Belichick lässt sich nicht in Offensiv- und Defensivsysteme kategorisieren. „Bill Belichick“, das ist das Suchen und Finden von Spielern, die in „sein“ System passen: Schemen, die die Schwächen des Gegners gnadenlos ausnützen. Dafür braucht Belichick Spieler, die executing nicht bloß verinnerlicht haben, sondern es leben müssen. Belichick und seine Spieler, das ist ein Geben und Nehmen.

Die Offense

Seit vergangenem Herbst ist New Englands Angriff wieder um gnadenlose Kurzpassoffense gebaut, nach den nicht wenig erfolgreichen Jahren mit der deep threat-Ergänzung Randy Moss. Moss scheint (ich traue mich nicht zu sagen: „ist“) Vergangenheit, was bleibt, ist Patriots-Angriff im alten Stil: Schnelle, präzise gelaufene Routen, quicke, intelligente Wide Receivers und Tight Ends und mitten drin ein Quarterback, dessen Fähigkeiten in Sachen Antizipation, Spiel- und Bewegungsintelligenz in der Pocket nur noch von seinen Eisklöten unter Druck übertroffen werden. Die Rede ist von Tom Brady. So wie Warner in Arizona System war, so wie Manning in Indianapolis System ist, so ist Brady unersetzlich in New England.

Diese rattenscharfen, schnellen Pässe sind New Englands Markenzeichen. Und die Anspielstationen sind breit gestreut: WR Deion Branch gilt als Brady-Kumpel und blüht in New England nach jahrelangem Siechtum ein paar tausen Meilen weiter westlich (in Seattle) wieder auf, WR Wes Welker ist mit seiner Wendigkeit sowieso ein Mann, der 120x/Jahr angespielt werden wird und als Blaupause dafür gilt, was WR Julian Edelman in ein paar Jahren sein soll, und dazu haben die Patriots mit WR Chad Ochocinco aus Cincinnati noch einen alten, routinierten Mann eingekauft, dessen Präsenz jeder Defense Sorgen machen wird.

Sorgen machen ist auch ein Stichwort bei den beiden Tight Ends, Ron Gronkowski und Aaron Hernandez, beide Spieler in ihrem zweiten Jahr, denen man jeweils sensationelle Rookie-Leistungen nachsagte. Gronkowski gilt als kompletterer Spieler, während Hernandez wie ein Wide Receiver gebaut ist und entsprechend einem Coach wie Belichick per definitionem gefallen muss. Stichwort „Matchup-Vorteile“ gegen Defensive Coordinators. Ein klein wenig erstaunt allerdings die Entlassung von Brandon Tate, einem Mann mit Ingredienzien für die tiefen Bälle.

Bei so viel Sabbern über das Passspiel darf man das Laufspiel der Patriots nicht vergessen, ein Laufspiel, das um eine Serie an guten Ballfängern (natürlich!) gebaut ist. Zu nennen ist hier die 360°-Waffen Danny Woodhead, ein kleiner, untersetzter, weißer Mann mit Armen und Beinen in Spaghetti-Dicke, aber so fassungslos wendig und vielseitig, dass ein bloßes Einsetzen bei 3rd downs einer Talentvergeudung gleichkäme. Die Hauptlast im Laufspiel trug zuletzt BenJarvus Green-Ellis, der trotz 1008yds, 4.4yds/Carry und 13 Touchdowns nur geringe Wertschätzung erfährt. Grund hierfür: Green-Ellis gilt als parasitärer Back, der nur die Yards nehmen kann, die ihm System und Blocks gewähren. Der Anti-Sanders gewissermaßen. Daher ist zu erwarten, dass die beiden hoch gedrafteten Rookies, der vielseitige RB Shaun Vereen und der brachiale RB Stevan Ridley, alle zu ihren Einsätzen kommen werden.

Man darf bei allem Hype um die oft so perfekt und brillant funktionierende Angriffsmaschine jedoch nicht die Offensive Line vergessen, die unter dem knochenharten Positionstrainer Dante Scarnecchia den Angriff seit Jahren trägt. Mit RT Sebastian Vollmer spielt hier der aktuell einzige Deutsche mit Football-Profivertrag (LB Matt Berning ist im Trainingskader der Jets) und Vollmer genießt hohe Wertschätzung (2nd All-Pro Team 2010). Die restliche Line dürfte erstmal recht unverändert bleiben: Center bleibt der nicht prototypisch gebaute Dan Koppen, die Guards geben Dan Connolly und der mittlerweile hoch bezahlte, bärtige Logan Mankins, den Left Tackle wird wohl vorerst Matt Light geben, nachdem Rookie Nate Solder, ein Mann mit unglaublich langen Armen, noch in der Entwicklungsphase steckt.

Alles in allem ist New Englands Angriff ein Meisterwerk. Kein Spektakel, aber oft so präzise wie die Uhren aus der Schweiz, so vielseitig wie ein Chamäleon, so bis ins Detail ausgearbeitet wie eine wie ein alter Kubrick.

Die Defense

Bei allem Hype um die Offense, es wird interessanter sein, wie Belichick seine neue Defense bauen wird. New England war jahrelang das Vorbild in Sachen „3-4“, dank einiger dafür untypischer Einkäufe geht man davon aus, dass Belichick ab sofort verstärkt mehr als bloß Spurenelemente von „4-3“ einbauen wird. 4-3 ist nämlich das System, das DT Albert Haynesworth in Tennessee groß gemacht hat. Haynesworth ist der spektakulärste Neuzugang in New England, ein dominanter Tackle, wenn motiviert mehr als bloß eine Schachfigur, aber auch die Einkäufe von DE Andre Carter und DE Shaun Ellis gehören zur oberen Kategorie und sollten der Defensive Line nicht bloß Tiefe, sondern vor allem Vielseitigkeit geben (Belichick behielt zehn Liner im Kader!). Man darf also Rotation erwarten: Haynesworth, Carter, Ellis und der ebenso neue, reine Pass Rusher Mark Anderson sprechen für eine Vierer-Line, wogegen der 160kg-Bonzen NT Vince Wilfork nun schon jahrelang der Ankermann in einer Dreier-Line war.

Man wird sowieso das Gefühl nicht los, dass es Belichick weniger um 3-4 oder 4-3 geht, sondern darum, in der richtigen Situation die richtige Aufstellung mit den richtigen Matchups für den jeweiligen gegnerischen Angriffsspielzug zu finden.

Dabei vertraut Belichick offenbar darauf, dass der seit Jahren schwelende Problempunkt „Pass Rush“ von den vielen neuen Linern sowie den jungen Linebackers gemindert wird. OLB Jermaine Cunningham gilt als potenziell quick genug, um auf Blitzes geschickt zu werden, soll aber besser in der Coverage sein. MLB Jerod Mayo ist der Fixpunkt, die Tacklemaschine, die ich trotzdem für nicht überaus dominant halte, dazu gesellen sich Leute wie der wendige Gary Guyton, der junge, aber schwerfüßige Brandon Spikes und der graue Bob Ninkovich. Alles Spieler mit verschiedenen Anlagen, alles Spieler (bis auf Mayo), die darauf warten, in der richtigen Situation eingewechselt zu werden.

In der Secondary schockte Belichick mit den Entlassungen von FS Brandon Meriweather, dessen Freigeistigkeit Belichick mächtiger und immer mehr auf den Magen gestoßen war, und SS James Sanders. Wie die neue Safety-Combo ausschaut, darf man gespannt sein, dafür hat man ein recht klar umrissenes Bild von den Cornerbacks: Die beiden Starter werden der routinierte CB Leigh Bodden und die Rookie-Sensation der vergangenen Saison, Devin McCourty, sein. Wie und wo der diesjährige Rookie-CB Ras-I Dowling eingesetzt wird, bleibt ein interessanter Punkt – wird Dowling Patrick Chung als Nickelback ersetzen, damit sich Chung darauf konzentrieren kann, den Safety zu geben? Eine wichtige Frage wird auch sein, inwiefern New England 2011/12 wieder auf 25 Interceptions und insgesamt 13 Turnovers angewiesen sein wird, weil die Secondary zu viele Yards über den Luftweg zulässt.

Ausblick

Dank eines sehr umtriebigen Sommers ist das Mannschaftsbild der Patriots doch stärker verändert, als man im Frühjahr annehmen konnte. Ich weigere mich jedoch, das als negativ anzusehen. Belichick hat, und das scheint seit Jahren sein Haupt-Interesse zu sein, hier einen Kader mit vielen, vielen Optionen für verschiedenste Spielsituationen beisammen. Eine Offensive Line, von der man weiß, was man bekommt. Eine Anzahl an Ballfängern, für die man mehr als zwei Hände braucht. Eine potenziell sehr starke Front Seven. Und wie immer den Quarterback der Quarterbacks, Tom Brady.

Der Schedule ist schwer, attraktiv, aber wie immer machbar.

Wk #1 @Dolphins (MNF, heute)
Wk #2 vs Chargers
Wk #3 @Bills
Wk #4 @Raiders
Wk #5 vs Jets
Wk #6 vs Cowboys
Wk #7 BYE
Wk #8 @Steelers
Wk #9 vs Giants
Wk #10 @Jets (SNF)
Wk #11 vs Chiefs (MNF)
Wk #12 @Eagles
Wk #13 vs Colts (SNF)
Wk #14 @Redskins
Wk #15 @Broncos
Wk #16 vs Patriots
Wk #17 vs Bills

Wie eingangs erwähnt: Das ist die Vorschau auf meinen persönlichen Superbowl-Favoriten. Die Hauptschwäche, das offene Scheunentor in der Secondary, scheint durch wiedergenesene Leute (Backfield) und Neueinkäufe in mehreren Bereichen (Front Seven, Backfield) zumindest in Ansätzen behandelt worden zu sein. Und ansonsten gilt selbiges wie jedes Jahr: Ich weigere mich, gegen die Combo Belichick/Brady zu setzen.

Das Zeiteisen verrät: 269 Minuten verbleiben. WordCount nach 24 Teams: 23535.