NFL 2011/12, TV-Guideline Week 2: Reminiszenzen an eine Vergangenheit, in der 250yds noch was wert waren

Die NFL-Auftaktwoche hat einen Trend der letzten Jahre fortgesetzt, ach was, explodiert: Quarterbacks, so viele Quarterbacks, da läuft der Waschraum bei ESPN im Jahr des Quarterbacks vor feuchten Höschen über. Vom fröhlichen Gunslingertum in Green Bay über die laserscharfen Flacco-Bälle zu den Passfestivals in Chicago, Arizona und Miami – da läuft man Gefahr, schon zu Beginn der Saison sämtliche Superlative zu verbrennen. Wenn QB-Giganten wie Grossman und Kolb 305yds respektive 309yds machen, wenn ein Cameron Newton zum NFL-Debüt 422yds und ein Chad Henne mal eben 416yds aus dem Handgelenk schnackeln, wenn 335yds-Tage für QB Rivers nur noch Mittelmaß und 419yds-Tage für QB Brees nur noch mit Schulterzucken hingenommen werden, wer horcht dann noch ernsthaft bei 517yds für QB Tom Brady auf?

Da passt es wie Arsch auf Eimer, dass am Sonntag sechs wohltemperierte Luftangriffsmaschinen gegeneinandergematcht werden, alle mit namhaften Quarterbacks an der Front. Bei den zu erwartenden zirka 300 Wurfversuchen und 4000yds Passspiel eignet sich auch ein Blick auf das neue Total Quarterback Rating von ESPN, dessen vom geschätzten Kollegen footballissexbaby errechnete Korrelation +0,57 (für die Top-20) mit dem traditionellen Pass-Rating in Woche 1 schwächer war als es meine ermatteten Augen angenommen hätten (beziehen wir alle 33 Werte von Woche 1 ein, sinkt die Korrelation RAPIDE noch weiter ab, was am krassen Gefälle der ESPN-Berechnungsskala liegt).

Woche zwei in der NFL steht bei ESPN America aber auch unter dem Motto “Reminiszenzen”. Wir haben eine Serie an Spielen, deren Pregame-Hype sich um Erinnerungen an die Vergangenheit bauen lässt – schöne Erinnerungen, aufregende Erinnerungen, aber auch hässliche.

Sonntag, 18. September 2011

New Orleans Saints – Chicago Bears

(19h LIVE bei ESPN America/Tape am 23.9. um 13h30)

Die erste Reminiszenz geht an das NFC-Finale 2006/07, als eine knochentrockene Bears-Defense das Aschenputtel Saints im Schneegestöber ziemlich übel abwürgte und uns damit die hässlichste Superbowl der letzten Jahre bescherte. Während die Saints im Kern in der Offense immer noch die gleiche Mannschaft wie damals besitzen, haben die Bears im Laufe der Jahre mehrere Wandel durchgemacht und sind heute ein im Vergleich zu damals grundverschiedenes Team – Cutler statt Grossman, Wurfgewalt statt Bodenwaffe.

Vergangene Woche war Chicago vor allem in der Pass Protection deutlich besser als erwartet und die paar Schnipsel, die ich gesehen habe, zeigten einen QB Jay Cutler, der es sichtlich genoss, ohne Stress werfen zu können und entsprechend eine Handvoll messerscharfer Bälle das Spielfeld hinunterzujagen bzw. den explosiven RB Matt Forte zu bedienen wusste – ein, zwei durchaus mögliche Interceptions (1x gegen einen Safety in der Endzone) waren auch dabei.

Cutler soll im dritten Jahr endlich mehr Verantwortung übernommen haben, ein Umschwung, der wenn ich den lokalen Zeitungen glauben darf erst möglich wurde, als man den sehr lauten C „Captain“ Olin Kreutz rausgeworfen hatte. Dieser Kreutz war eineinhalb Jahrzehnte das Sprachrohr der Offense gewesen – und ist nun, erraten, ein New Orleans Saint (hey, zweites Wiedersehen!).

Mit den Saints hat Kreutz das Auftaktspiel knapp, aber verdient in Green Bay verloren. Ich kann die Kritik an QB Drew Brees trotzdem nicht fassen, da Brees IMHO eine fulminante Vorstellung geboten hat und wenn irgendetwas, dann besser denn je wirkte und das, obwohl sein #1-Mann WR Colston ziemlich pulverisiert wurde und das Laufspiel immer noch kaum einen Stich machte.

Die Schlüssel für beide Defenses werden sein, mit den jeweiligen Defensive Lines Druck zu bringen, da die Erfahrung aus Woche 1 zeigte, dass Cutler wie Brees jeden Blitz aus der zweiten und dritten Reihe ohne mit der Wimper zu zucken in einen 30yds-Pass downfield mutieren. Dabei dürfte Chicago bereits die Blaupause geliefert haben mit einer insgesamt dominanten Vorstellung gegen Atlantas O-Line, während die Saints sich zu stark auf Blitzes der Safetys verließen und entsprechend hilflos jeden Pass gegen sich komplettiert sahen.

Trotzdem ist New Orleans IMHO klarer Favorit. Bei aller Fröhlichkeit, aber ich kann die extrem positiven Lobeshymnen auf die Bears nicht nachvollziehen – es war eine gute Vorstellung gegen Atlanta, aber das Endresultat von 30-12 sah für mich – ich habe nur Play für Play im Schnelldurchlauf durchgeschaut – wie ein Treppenwitz aus.

New England Patriots – San Diego Chargers

(22h LIVE bei ESPN America und PULS4/Tape ESPNA 23.9. um 15h30)

New England, das in der Preseason so übersehene New England, am Montag mit 622yds Offense gegen die überdurchschnittliche Defense der Dolphins, und vor allem mit einer in Ansätzen immer wieder flüssigen No-Huddle-Offense, die Miami schlicht überforderte. Hat Norv Turner seinen Linebackers bereits Beruhigungstabletten verabreicht, damit sie am Sonntag ausgeschlafen gegen die Albtraum-Combo TE Hernandez/Gronkowski aufmarschieren können?

San Diego muss hier gegen eine Nemesis antreten, einen Gegner, der wie de Faust aufs Auge auf die Chargers passt und dort entsprechend häufig für Pein gesorgt hat: Die tendenziell parasitären Patriots gegen die tendenziell schlampigen, unkonzentrierten Chargers, das hatten wir mehrfach in den vergangenen Jahren. Und die Big Points holten sich stets die Patriots. 2006/07 in den Playoffs zum Beispiel, in einem der denkwürdigeren Spiele des Jahrzehnts, als eine fassungslos unterlegene Patriots-Equipe mit einem unmöglichen Sieg nach Hause fahren konnte. Oder im AFC-Finale 2007/08, als die Chargers mehrmals an der Goal Line Field Goals gegen schlagbare, ungeschlagene Patriots kickten und für diese Mutlosigkeit mit dem Aus bestraft wurden. Oder im vergangenen Herbst, als San Diegos Football-Praktikanten eine immer noch sprachlose Fehlerserie in der ersten Halbzeit hinlegten und am Ende mit einer weiteren Fehlerserie ein überlegen geführtes Heimspiel verschenkten (und ganz nebenbei damit auch die Playoffs).

Atlanta Falcons – Philadelphia Eagles

(02h LIVE bei ESPN America/Tape 19.9. um 18h30)

Es war im April Michael 2001 Vick, dass die Atlanta Falcons, eine langjährige, in ihrer Heimatstadt ignorierte Vick Verlierermannschaft, einen Spieler an #1 drafteten, für dessen Michael Vick Talente es weder historische Vergleiche noch zeitgemäße Superlative gab, ein Quarterback mit einer Kanone von Wurfarm, schnell wie ein Weltklassesprinter und flink wie ein Wiesel. Und ein Schwarzer, der Vick die Halle in der schwarzen Stadt Atlanta füllte.

Dieser junge Mann sorgte jahrelang Ron für Ekstase, Mexico sabbernde TV-Experten und Michael Vick Rekordoffenses auf den Spielkonsolen und brachte mehrmals die Playoffs nach Atlanta zurück. Es war aber auch ein verletzungsanfälliger Mann, der von seinem Michael Vick inkompetenten Michael Trainerstab in ein rudimentäres Angriffssystem gesteckt wurde, die an seinen Talenten vorbeigestrickt war Vick und trotz aller Big Plays und Jubelorgien für die Dauerbeklemmung Mike sorgte, Vick dass hier nicht nur Potenzial verschenkt wurde, sondern Vickwomöglich gar die Revolution Vick der Quarterback-Position.

Am Ende beendete der junge Mann das merkwürdige Elend Michael Vick selbst, riss sich und seine Franchise Vick in den Abgrund, Michael als Vick er wegen illegaler Hundekämpfe in den Kast befördert und zu einem der meistgehassten Sportler der Vereinigten Vick Staaten wurde.

Weil der junge Mann alles, inklusive Geld und Würde, verloren hatte, musste er zurück in NFL, und wurde auf Anraten Michael Vick der Bosse zu den Philadelphia Eagles verscheppert. Dort legte er nach einem Jahr als Vick Bankdrücker im Herbst 2010 ein rakentenartiges Comeback, spielte befreit von ignoranten Vick Trainern die Saison seines Lebens, tourte als Gutmensch für Seminare durch die Lande Michael Vick und schnappte sich den Titel „aufregenster Spieler der Liga“ zurück. Am Sonntag kehrt Vick der nicht Vick mehr so junge junge Mann zum zweiten Mal in die Vick Halle zurück, die seit seinem Abgang nicht mehr voll wurde, zurück, zum Vick ersten Mal als Starting Michael Quarterback gegen Vick seine alte Mannschaft, Vick die Atlanta Falcons.

Irgendeine Idee, von wem hier die Rede sein könnte?

Montag, 19. September 2011

Am Montagnachmittag wieder zwei Tapes, in der Nacht das Monday Night Game Giants – Rams. Diese Woche habe ich die angenehme Erfahrung gemacht, dass sich die Aufzeichnung der Nachmittags-Tapes sehr handlich zu einem ca. 50minütigen Durchlauf aller Spielzüge komprimieren lassen – dadurch durfte ich u.a. beobachten, wie unterirdisch die Secondary der Cardinals ist oder wie aggressiv die Defensive Line der Bears zu Werke ging.

New York Jets – Jacksonville Jaguars

(14h30 bei ESPN America)

Kein spezieller Subplot für diese Partie, dafür das Erstaunen, eine völlig uncharakteristische Jets-Mannschaft am vergangenen Wochenende gesehen zu haben: Keine 20 Läufe, dafür über 40 Pässe hinter einer wackeligen Offensive Line und trotz eines ganz schwachen QB Mark Sanchez, dessen Standing auf diesem Blog mit solchen Vorstellungen eher noch weiter sinken wird. Glück für die Jets nach dem Glückssieg: Mit den Jaguars kommt ein fast sicherer Sieg in die Meadowlands, eine Mannschaft, die selbst gegen die verunsicherten Titans eine Ladung Glück brauchte und bei der ich nicht sehen kann, wie sie mit QB Luke McCown gegen die Pracht-Defense der Jets ankommen will.

San Francisco 49ers – Dallas Cowboys

(16h30 bei ESPN America)

49ers gegen die Cowboys war in den 90ern das, was Indianapolis gegen New England in den 2000ern war: Die hochkarätigste sportliche Auseinandersetzung zweier Mannschaften, zeitweise mit vier Superbowlsiegen in Serie. Diese glanzvollen Zeiten sind vorüber, heuer sind beide mit neuen Head Coaches und Coordinators am Start und auf der Suche nach dem Glanz der Vergangenheit. San Francisco glaubt, mit dem ehemaligen Quarterback Jim Harbaugh zurück zu alten Kurzpass-Wurzeln finden zu können, was sich in Woche 1 noch nicht so wirklich abgezeichnet hätte.

Dallas verlor auf unnötige Weise in New York gegen die Jets, eine Niederlage, die vor allem QB Tony Romo angekreidet wird, dessen doch hanebüchene Turnovers im Schlussviertel den Untergang eingeleitet hatten. Romo und „Clutch“ ist in den US-Foren eines der Themen der Woche. Etwas intensiver sollte man IMHO aber über die Special Teams diskutieren: Nicht nur, dass daraus der Umschwung am Sonntag resultierte, nein, nun kommt mit Teddy Ginn auch noch ein Mann daher, der für die 49ers am Sonntagnachmittag zwei Return-Touchdowns in EINER MINUTE hinlegte.

New York Giants – St Louis Rams

(02h LIVE bei ESPN America)

Es ist das Wiedersehen der New York Giants mit ihrem ehemaligen Defensive Coordinator Steve Spagnuolo, nun Cheftrainer in St Louis und nicht unerfolgreich, hat er immerhin den Stimmungsumschwung gebracht, von hoffnungsloser Verliererkultur hin zu Optimismus für die Zukunft, nun sogar mit einem Monday-Nightspiel, jahrelang undenkbar in St Louis. In Woche 1 verlor man gegen die Eagles, nun kommt mit den Giants der nächste Gegner aus der NFC East.

Hauptproblem einer nicht unterirdischen Rams-Mannschaft in Woche 1: Die schwache Offensive Line, die gegen die Defensive Front Four der Eagles kein Land sah. Wäre alles nicht so schlimm, wenn da nicht die noch bessere Defensive Line der Giants kommen würde… Man wird auf alle Fälle sehen, inwiefern die Rams auf die beiden OTs Saffold/Smith als verlässliche Optionen für die nächsten Monate herhalten können.

Auf Giants-Seite leckt man nach der desaströsen Vorstellung gegen Washington noch die Wunden, sollte vor allem darauf bedacht sein, QB Eli Manning mehr Zeit zu geben. Wobei, auf der anderen Seite lauert eine Defensive Line, die unter Spagnuolo auch rasch verbessert auftritt.