Monday Night Football, #5/2011 Preview: Detroit Lions – Chicago Bears

Zu den Eigenheiten der NFL-Saison 2011/12 gehört bislang auch, dass im hohen Norden der Vereinigten Staaten das einst zahme Schnurren eines Bettvorlegers zu wildem Gebrüll mutiert ist. Es wird bereits von der Reinkarnation der Cardiac Cats gesprochen. Was in der Woche nach dem sensationellen Comebacksieg in Dallas die Detroit Lions umgibt, ist BUZZZZZ mit mindestens fünf „z“.

Nach zweieindrittel Vierteln im Cowboys Stadium wähnte ich die Lions dreieinhalb Meter tief unter der Erde, regungslos und bereits deutlich streng riechend. Die Sargnägel waren schon eingeschlagen und der Privatjet zum Detroiter Zentralfriedhof bereits gechartert. Aber die Lions zuckten noch. Völlig faszinierend, wie aus der anämischen Mannschaft der ersten Halbzeit plötzlich ein Team wurde, das die harten Nippel rausstellte, sich selbst von hirnamputierten Strafen wie Suh nicht einschüchtern ließ und wie weiland Lazarus zurückkam, nicht zuletzt dank der diesmal mehr als zwei obligatorischen Bolzen Tony Romos. Das war mental eine Riesenleistung. Respekt und Kompliment. Dadurch sollte das Ego hinsichtlich der Chicago Bears nochmal ordentlich aufgepeppt worden sein, falls dies nach dem ersten 3-0 Start seit sich „Jimmy’s World“ Heroinpfeifen in seine Spindelarme jagte, überhaupt noch möglich war.

Nun wartet mit Monday Night Football eine noch größere Bühne, eine Bühne, die dem Großteil der jungen Mannschaft noch nicht geläufig ist – und Achtung: die Geschichte ist voll von Mannschaften, denen das Lampenfieber in solchen Momenten einen Streich spielte.

Wenn Detroit die Eier bewegt

Bisschen zittrige Finger schien zumindest QB Matt Stafford bereits am letzten Sonntag bei seinem Homecoming nach Dallas zu haben, feuerte einige sehr deplatzierte Bälle links und rechts und über seine Receiver drüber. Als eine zweite Entschuldigung kann die schwache Protection für Stafford herhalten, die meistens wenig Zeit zum Überlegen und Werfen gab. Das lag großteils an der übermannten Offensive Line.

Jetzt kommt um DE Julius Peppers mit Chicagos Front Four eine Schönspiel-Truppe daher, die je nach Windrichtung ein Feuerwerk abbrennt oder blass wie holländischer Käse bleibt, zuletzt gegen Carolina in der Geschmacksrichtung „farblos“. Was man diesmal vorgeworfen bekommt, weiß man nicht: Detroit spielt in einem Dome. Dort weht kein Wind.

Die Offense dürfte nicht allzu schwer lesbar sein: Laufspiel wird es von Lions-Seite nicht viel geben, die Pass-Stafetten sind bekannt, mal kurz auf TE Brandon Pettigrew, mal über die Mitte auf WR Titus Young oder WR Nate Burleson, bei 3rd down und in der RedZone und immer wenn ein entscheidender Spielzug ansteht auf WR Calvin Johnson. Die Probleme sind eher natürlicher Art: Detroits Ballfänger sind physischer Wunder, ungemein schwer zu verteidigen. Ein Johnson beispielsweise pflückt selbst diese stundenlang in der Luft hängenden Bälle (vulgo: „jump balls“) mit zwei Kletten am Hals herunter, da hätte jeder Apfelbauer seine hellste Freude daran.

Chicago wird dem Lovie Smiths „Cover-2“-Deckung entgegenschmeißen, ein gegen Play-Action anfälliges Schema, das auf die Deckungskünste seiner Linebackers (Urlacher: Check, Briggs: Check) und quicke, sehr disziplinierte Safetys baut. Brandon Meriweather – „disziplinierter Safety“? My ass.

Wenn Chicago die Eier bewegt

Mike Martz hat sich in den letzten eineinhalb Jahren als launische Diva beim Playcalling erwiesen: Die Saisons stets mit Passorgien begonnen, dann die Notwendigkeit von Entlastung erkannt – und am vergangenen Sonntach gegen Carolina 17 Pässe angesagt. Ganze siebzehn Passspielzüge? Man könnte insistieren, dass Carolinas Abwehr förmlich zum Drüberlaufen einlädt, aber diesen Schachzug hatte ich Martz nicht mehr zugetraut.

Wenn man sich vor Augen hält, dass Martz mit der fürchterlichen Offensive Line mit einem nicht zu unterschätzenden Problem leben muss, riecht die Strategie für das Spiel heute Nacht auch ganz dufte nach einem bevorzugten Einsetzen von RB Matt Forté, zumal Detroits Defensive Line trotz der schwachen Vorstellung in Dallas als eine der dominanteren im Verlangen nach QB-Hits gilt – und putzigerweise dabei immer wieder auf Handoffs zu Running Backs vergisst. Wird Martz an dieser Einladung gepflegt vorbeicoachen? Ich glaube nicht, nicht nach dem Panthers-Spiel. Draw play und counter running, ick hör euch trappsen.

Und wenn wir bei Forté sind: Gegen aggressive Defensive Lines bietet sich nichts mehr an als quicke Swing-Pässe lateral raus zum Running Back. Nicht zufällig eine der großen Stärken Fortés. Martz wäre fahrlässig, diese Option zu meiden.

QB Jay Cutler dürfte für die ganz tiefen Bälle nicht genügend Zeit bekommen, weswegen ich trotz „Big Arm“ Cutler eher an ein Stakkato an schnellen Würfen kombiniert mit recht viel Laufspiel über Forté/Barber glaube, was bei erfolgreicher Implementierung früher oder später per se die Gelegenheit bieten wird, ein oder zwei ganze tiefe Bälle in das Herz der Secondary zu pfeffern.

Ausblick

Ein Spiel mit dem look’n’feel einer Coming Out Party der Detroit Lions, die auf ein lautes, aufgeregtes Ford Field bauen werden und hoffen müssen, nicht allzu stark vom Hype übermannt zu werden. Es sieht eigentlich vieles gut aus, inklusive der Hoffnung, dass Mike Martz’ Ego im Spiel gegen seine alte Mannschaft in ein paar hirnlosen Playcalls resultieren könnte.

Andererseits sind die Chicago Bears immer noch eine gefährliche Mannschaft, die bei entsprechend enthemmter Defensivleistung, vor allem der Front Four, jederzeit imstande sein sollte, Detroits Offensivspiel abzuwürgen und mit dem Ball in den eigenen Händen mit langen Drives die Halle zum Abkühlen bringen könnten.

Ich halte Chicago für prädestiniert, Detroit Schwächen in Angriff und Verteidigung offenzulegen, solange nur die Line um DE Peppers endlich in Schwung kommt und RB Forté intelligent eingesetzt wird. Leichter Vorteil Chicago in diesem Spiel.