Sofa-Quarterbacks, #2

Sportradio360 hat schon seit längerer Zeit regelmäßige NFL-Talks (meistens mit Kommentator Andreas Renner) veranstaltet, seit zwei Wochen gibt es eine neue, eigens der NFL gewidmete Serie (?): Die Sofa-Quarterbacks. Hier geht es entlang zur zweiten Ausgabe mit dem gestrigen Talk zum vergangenen Wochenende, zu allen Divisions, zu Fantasy Football, über Tim Tebow und seine Aussichten in Denver und einen Ausblick auf das kommende Wochenende mit dem London-Spiel.

Mit dabei sind unter anderem die in diesem Haus sehr geschätzten Andreas Renner (Kommentator Football/Rugby), Kai Pahl (dogfood/Allesaussersport) und Walter Reiterer (Puls 4/Football Austria).

BCS-Report 2011/12, Uraufführung

Gestern ist das erste BCS-Ranking der laufenden Saison herausgekommen. Für Sideline Reporter bedeutet dies: Wenn in Zukunft die Platzierung einer Manschaft in der Form „#x“ angegeben wird, sprechen wir nicht mehr vom AP-Poll, sondern dem BCS-Ranking. Ja, ich weiß, Umstellungen nerven, aber im College Football entscheidet eben die BCS über Sein und Nicht-Sein.

Wo spielt der Jazz?

Bisher fehlt dem BCS-Rennen 2011/12 trotz (oder gerade wegen?) der vielen ungeschlagenen Mannschaften der Buzz der letzten Jahre, als es spätestens im Oktober serienweise Upsets in den Top-5 und Top-10 gab. Heuer deutet nichts daraufhin, dass da noch ein Massenstolpern kommt, selbst mit einem oder zwei Upsets dürfte da nicht mehr blankes Chaos ausbrechen.

Es läuft scheinbar alles auf zwei, drei ganz große conference-interne Showdowns in SEC und Big 12 hinaus, wenn es um die Endspielteilnehmer in der Bowl Championship Series geht. Ein Überblick, gewohnt misanthropisch.

Die BCS-Standings

#1 Lousiana State Tigers
#2 Alabama Crimson Tide

Zwei Kaliber aus der SEC West, in den Rankings nur hauchdünn auseinander. Beide verfügen über fassungslos gute Defenses, wobei die Unit von LSU unspektakulärer auftritt, aber insgesamt noch den einen Tick beeindruckender war, da sie noch konsequenter spielt, während Alabama insgesamt von drei großartigen Athleten abhängiger scheint (LB Hightower, LB Upshaw, S Barron). Kritikastern auf hohem Niveau.

Alabama verfügt IMHO über die klar bessere Offensive, die um den einen Mann herum gebaut ist, der nun endlich auch in den Medien die verdiente Anerkennung zu bekommen scheint: RB Trent Richardson, der jahrelang hinter dem ihm unterlegenen Mark Ingram versauerte, heuer endlich sein coming out hat. Dazu gesellt sich mit QB A.J. McCarron ein potenziell potenter Quarterback.

Alabama wäre für mich zum jetztigen Zeitpunkt im direkten Duell mit LSU Favorit mit einem Touchdown bis zehn Punkten. Am 5. November ist es soweit.

#3 Oklahoma Sooners

Die Sooners haben bereits zwei ganz fette Ausrufezeichen gesetzt: Auswärtssieg in Florida State, Schlachtfest gegen Texas. Trotzdem fehlt mir irgendwie der nötige Buzz in dieser Mannschaft und ich tue mir schwer, meine Skepsis gegenüber QB Landry Jones abzulegen, der trotz aller großartiger Stats seltsam blass spielt. Oklahoma wird nun in der nicht ganz einfach aussehenden Big 12 bestehen.

#4 Oklahoma State Cowboys

Die Cowboys spielen eine sagenhafte Offense. Punkt. Trotzdem nimmt noch immer kaum jemand die Mannschaft für voll, was an der streckenweise suspekten Defense liegt. Persönlich glaube ich noch nicht an eine BCS-Finalteilnahme von Oklahoma State. Die Mannschaft war zu lange zu anfällig gegen überflüssige Niederlagen. Andererseits halte ich auch ein Upset über Oklahoma am letzten Spieltag für nicht ausgeschlossen.

#5 Boise State Broncos

Für mich sind die Broncos auch ohne Fan-Scheuklappen die drittstärkste Kraft im College Football, im Zweifelsfalle einen Tick nach Alabama/LSU, gegen alle anderen Mannschaften für mich favorisiert. Boise State ist im Kern immer noch die gleiche Mannschaft der letzten Jahre, die sämtlichen Big Cows das Fürchten lehrt, nur dass sie heuer noch einen Tick mächtiger wirkt. Der Opener gegen Georgia war der Augenöffner, die beste Leistung, die ich von den Broncos in den letzten Jahren gesehen habe: Dominant in Offense, Defensive Line (!) und Defensive Back Seven, cool bis unter die Rindeln und angeführt vom außerordentlich souverän und schwer zu beeindruckend wirkenden QB Kellen Moore.

Boises Nachteil: Der Schedule ist so schwach wie bei keiner anderen Top-10 Mannschaft und sogar die schwersten eigenen Gegner Georgia und TCU schauen heuer nicht überragend aus. Aus diesem Grund ist das BCS-Finale mit hoher Wahrscheinlichkeit außer Reichweite, wogegen trotz „non-AQ“-Status die Teilnahme an einer BCS-Bowl fix ausschaut, solange Boise ungeschlagen bleibt. Eine Klausel besagt: Das beste Non-BCS Team ist automatisches „At-large“-Team in BCS-Bowls, wenn es in den Top-12 ist oder Top-16 und besser als ein Champ einer BCS-Conference.

Ich hoffe zum jetztigen Zeitpunkt wenigstens darauf, dass die BCS die Nüsse haben wird, Boise State auf den Verlierer von LSU/Alabama zu matchen (Gott, ich greife da zwei Monate Regular Season vor…).

#6 Wisconsin Badgers

Die Sache mit dem Schedule ist ähnlich wie bei Boise State, außer dass Wisconsin in der Big Ten spielt und somit einen Tick mehr „Credibility“ genießt. Aber aufgepasst: Alles faselt vom zugegeben starken double threat QB Russell Wilson und dem guten Laufspiel, wobei die Schwächen einer schwach tackelnden Defense zu gerne übersehen werden. Michigan State wartet als nächstes: Für mich der Gegner, der qua Anlage am ehesten prädestiniert ist, Wisconsin zu schlagen. Scheitern die Spartans, dürfte Wisconsin tatsächlich ungeschlagen durchmarschieren und möglicherweise unter den richtigen Umständen ins BCS-Finale einziehen (Michigan State könnte im Conference-Endspiel ein zweites Mal drohen und die Rankings dürften unberechenbar speziell für Wisconsin sein).

#7 Clemson Tigers

Das Überraschungsteam der Saison bisher. Clemson galt jahrelang als Sleeper, scheiterte aber stets an der lendenlahmen eigenen Offense. Just diese Offense geigt heuer mächtig auf, weil da der unglaublichen Freshman-WR Sammy Watkins mit seiner Explosivität nicht nur Schulrekorde pulverisiert, sondern auch dem QB Tajh Boyd zu unverhofft gigantischen Stats verhilft. Allerdings gilt Clemson als instabil, musste schon dieses Wochenende ein wundersames Comeback zaubern und dürfte nicht ungeschlagen durch die Regular Season kommen.

#8 Stanford Cardinal

Stanford ist aus qua Reputation seines Quarterbacks Andrew Luck so hoch gerankt, hat ansonsten bislang auch dank schwacher Gegner nicht viel gezeigt, aus dem man Honig für großartige Analysen ziehen könnte. Am Samstag wartet mit den Washington Huskies ein sehr ungemütlicher Gegner, spätestens für das Duell mit Oregon Anfang November erwarte ich die erste Saison-Niederlage für die The Farm.

#9 Arkansas Razorbacks

Die Hogs wurden zwar von Alabama in Grund und Boden gespielt, zeigten ansonsten brillante Ansätze in der Offense (QB Tyler Wilson mit einigen fassungslosen Stats) inklusive einer gar nicht so üblen Defense, die auch gegen Alabama länger als erwartet hielt. Für den ganz großen Wurf halte ich den Angriff allerdings zu eindimensional. Arkansas dürfte eine Außenseiterchance auf eine „At-large“-Einladung in die BCS-Bowls bekommen, wenn sie am letzten Spieltag auswärts LSU putzen können – ein extrem schweres, aber nicht ganz ausgeschlossenes Szenario.

#10 Oregon Ducks

Für mich sind die Oregon Ducks nach Alabama, LSU und Boise State die Nummer 4. Jo, sie wurden von LSU über weite Strecken böse abgewürgt. Jo, sie haben massive Verletzungssorgen und aktuell sind sowohl der Einser-QB Darron Thomas als auch die ultimative Offensivwaffe RB LaMichael James ausgeknockt. Aber einmal in Schwung ist Oregons Angriff unglaublich schwer zu bremsen und ich würde zu gerne ein Re-Match mit einer SEC-Mannschaft sehen.

Die Pac-12 bietet zwar noch Stolpersteine, aber keine rundum überzeugende Defense, die eine halbwegs gesunde Ducks-Offense einzubremsen vermag. Kommt James bis zum Stanford-Kracher 12. November zurück, dürfte Oregon wenigstens in die Rose Bowl durchmarschieren.

#11 Kansas State Wildcats

Die Wildcats um den wuseligen Spaß-QB Collin Klein kriegen dieser Tage viel Presse, schauen aber noch recht unausgetestet aus, eigentlich wie eine dieser Mannschaften, die mit leichtem Auftaktprogramm und gutem Start nach oben gespült werden, mit den ersten beiden richtigen Tests aber ebenso schnell wieder verschwinden. Täusche ich mich? In zwei Wochen kommt #3 Oklahoma, danach geht es Schlag auf Schlag: @ #4 Oklahoma State, vs. #17 Texas A&M, @ #24 Texas. Upsets sind möglich, aber ich verwette meinen Arsch, dass Bill Snyders sympathische Mannschaft da nicht ungeschlagen durchkommt, weil man nicht in jedem Spiel einen Turnover zum genau richtigen Zeitpunkt machen kann.

#12 Virginia Tech Hokies
#13 Nebraska Cornhuskers

Zwei enttäuschende Teams. Während Virginia Tech schaumgebremster nicht spielen könnte und von Clemson ganz übel abgewürgt wurde, zahlen die Huskers bislang Lehrgeld für den Wechsel in die Big Ten: Ihre Defense war jahrelang dafür gebaut, die Passfestivals in der Big 12 zu spoilern, wodurch heuer gegen einen lauflastigen Schedule eklatante Abwehrprobleme zu Tage getreten sind. Nebraska dürfte bis Ende November gegen jeden mächtigeren Rushing-Attack zittern.

#14 South Carolina Gamecocks

Noch liegt South Carolina in der SEC East vorne, aber die letzten Tage waren verheerend: Erst schmiss Steve Spurrier für viele längst überfällig den Eiertreter QB Stephen Garcia von der Uni, dann versuchte Spurrier per Journalistenschelte, die Meute abzulenken, ehe sich am Samstag der fantastische RB Marcus Lattimore eine Knieverletzung zuzog, die seine Saison beendet. Ich sehe nicht, wie sich die Mannschaft dort oben halten will. Schlägt doch noch Georgias Stunde?

#15 West Virginia Mountaineers

Der Pass-Angriff schaut unter dem Offensivgenie Dana Holgorsen bereits recht spektakulär aus, QB Geno Smith ebenso, aber die Abwehr genügt nicht höchsten Ansprüchen und West Virginia dürfte nach der klaren Heimniederlage gegen LSU auch erstmal nur noch über den Gewinn der Big East in eine BCS-Bowl kommen.

#16 Michigan State Spartans

Eine „langweilige“ Mannschaft, der abseits der Geschichte um den ehemaligen Herzinfarkt-Patienten Mark Dantonio (Head Coach) jegliche „Star-Power“ angeht, weswegen kein Mensch die Mannschaft ernst nimmt. Ich hatte das auch lange nicht getan: Trotz 11-1 war MSU 2010/11 eine statistisch auffällig mittelmäßige Mannschaft und wurde in der Bowl Season noch schlimmer als erwartet (und man erwartete eine klare Niederlage) von Alabama niedergemacht. Aber bis dato ist das eine rundum komplette, souveräne, disziplinierte Defensivleistung, gepaart mit einem unspektakulären Angriff, dessen Lauflastigkeit die Winde von East Lansing zum eigenen Vorteil nützt.

#17 Texas A&M Aggies

Die Mannschaft ist deutlich unter Wert geschlagen, nachdem man sowohl Oklahoma State, als auch Arkansas eigentlich hätte schlagen müssen, aber wie man diese Spiele noch verlor, geht eigentlich auf keine Kuhhaut mehr. Das sind Zeichen einer wachsenden Mannschaft, die mental noch nicht stabil genug ist, um mit plötzlichen Favoritenrollen zurecht zu kommen. Wird besser werden.

Sollte aTm allerdings noch weitere Spiele wegwerfen, dürfte auch eine Rasur von Head Coach Mike Sherman nicht ausgeschlossen sein.

#18 Michigan Wolverines

Die Defense ist wirklich besser als früher, aber der Angriff ist höllisch unberechenbar, wobei ich nicht bloß an die Niederlage gegen Michigan State denke, sondern insbesondere auch an den fassungslosen Schlager gegen Notre Dame zu Saisonbeginn, als QB Denard Robinson 338yds warf, aber nur 11 von 24 (!!!) Pässen komplettierte, für 4 TD und 3 INT. Damit dürfte alles gesagt sein.

#19 Houston Cougars

Case Keenum produziert erwartet starke Stats und Houston, einer meiner Sleeper, ist bereits in den Top-20 gerankt. Ohne ein Spiel der Coogs gesehen zu haben: Die Mannschaft soll durch und durch blass spielen und den Eindruck erwecken, dass da viel, viel mehr möglich wäre. Andererseits könnte auch eine ungeschlagene Saison drin sein und dann erleben wir vielleicht qua Saisonbilanz die Top-10… SMU wird ein ernsthafter Test werden.

#20 Auburn Tigers

Spannende Mannschaft. Auburn ist nicht so schlecht, wie sich im ersten Saisonspiel gegen Utah State angedeutet hatte mit all seinen missed tackles, und sie wirkt streckenweise richtig explosiv im Angriff. Dann kommen aber immer wieder diese schlechten Momente, die von gutem Gegnern eiskalt bestraft werden. Pikant ist, dass die Offense unter dem einst als #1 gesehenen, dann zur #2 und #3 degradierten, nun wieder zurückgekommenen QB Clint Trickett am souveränsten aussieht.

#21 Penn State Nittany Lions

Sehr solide, phasenweise richtig gut aussehende Defense, aber meine Fresse, diese Pass-Offense liegt irgendwo fuffzig Meter unter der Erde begraben: QB Rob Bolden wirft sogar für INTs zu unpräzise, QB Matt McGloin ist qua Armschwäche außerstande, das Ei weiter als 10yds zu werfen. Für den Rest der Saison braucht es überragende Abwehrleistungen, um sich durchlavieren zu können und vielleicht Wisconsin zu stoppen.

#22 Georgia Tech Bulldogs Yellow Jackets
#23 Illinois Fighting Illini
#24 Texas Longhorns

Drei Mannschaften, die möglicherweise eines eint: Ein recht einfacher Schedule zu Beginn, dadurch überproportional viele Siege geholt und gegen adequate Gegnerschaft auf Normalmaß gestutzt. Texas sieht allerdings wie eine gefährliche Mannschaft aus, die mit diesem Herbst als Lernprozess in naher Zukunft wieder lauter um BCS-Bowls mitreden werden.

#25 Washington Huskies

Meine Hochachtung, was Steve Sarkisian da in Seattle zusammenbaut. Der Angriff sieht richtig gut aus, QB Keith Price ist wurftechnisch ein massives Upgrade gegenüber dem hohen NFL-Pick Jake Locker und RB Chris Polk läuft über sämtliche Defenses einfach drüber. Hätte man eine bessere Lauf-Defense, man würde ernst genommen – so aber dürfte es gegen Oregon zu 350yds kassierten Laufspiel-Yards führen. @Stanford und @USC sind weitere unangenehme Orte, aber für die nächsten Jahre sollte man sich die Mannschaft mal vormerken.

Notre Dame ist nicht in den Top-25 gerankt, wird dort aber früher oder später auftauchen. Die Mannschaft hat nicht nur mediale Präsenz genug dafür, sondern auch brach liegendes Potenzial in der Offense, die bei dieser Defense nicht mal überragend spielen muss, um Notre Dame in jedem Spiel zu halten. Solide Leistungen reichen – die gab es bislang zu selten. Florida State ist wie auch Miami und Florida ein weiterer Kandidat für eine Top-25 Platzierung. Alle drei Unis haben derzeit mit Wehwehchen an verschiedenen Fronten zu kämpfen, aber es wurde insbesondere in FSUs Team genügend Potenzial angedeutet, als dass sie nicht letzten Endes wenigstens 8-4 enden.

Meine persönlichen Top-10

#1 Alabama
#2 Lousiana State
#3 Boise State
#4 Oregon
#5 Oklahoma
#6 Oklahoma State
#7 Michigan State
#8 Texas A&M
#9 Stanford
#10 Wisconsin

Auffallend: Nach den Top-5 wird es bereits schwer, weil nach Oklahoma eine gefühlte Lücke klafft. Clemson rauszuwählen tut mir weh, da ich die begeisternde Offense mag, aber ehrlicherweise dürfte Clemson gegen eine ernsthafte Defense vor ärgeren Problemen stehen. Wisconsin ist mir zu ungetestet. Respekt, dass sie die eklatanten Schwächen von Nebraska kaltblütig ausgenutzt haben, nun aber wartet auswärts mit Michigan State der möglicherweise unangenehmste Gegner der verbleibenden Saison (vielleicht noch Penn State).