Gebengalt und geraidert, gepalmert und gecampbellt

Palmer nach Oakland – vier involvierte Parteien, vier Sichtweisen.

Oakland Raiders

Sofern Carson Palmer nicht monatelang auf der Coach vergammelt sein sollte, dürften die Oakland Raiders mit Palmer einen im Vergleich zu Jason Campbell verbesserten Quarterback bekommen, einen, der über den Status des Bürokraten hinauszuwachsen imstande ist und dem Raiders-Angriff mit seinem fantastischen Running Back Darren McFadden eine veritable zweite Dimension verleihen kann. Und Palmer ist erst 31.

Soweit die Kurzsicht. Langfristig sollte man in Oakland hoffen, dass Palmer dann auch einschlägt, da die nächsten Drafts sehr düster aussehen dürften: Im NFL-Draft 2012 müssen die Raiders ohne ihren Erstundenpick (Palmer), Zweirundenpick (nach New England), Drittrundenpick (Terrelle Pryor) und Viertrundenpick (Campbell) auskommen, 2013 fehlt je nach Einschlagen Palmers der Pick in der ersten oder zweiten Runde (die Kondition ist an einen Playoffsieg der Raiders geknüft). Da können eineinhalb Drafts draufgehen – für keine Mannschaft ein Zuckerschlecken.

Des Weiteren ist die Zukunft zweier Quarterbacks ungeklärt, für die man einst Draftpicks verhökerte: Campbell dürfte nochmal Lust haben, sich anderweitig für eine Starterposition zu bewerben, Pryor dagegen ist völlig ungetestet und wird hinter dem teuren Palmer keine Land für schnelle Einsätze sehen.

Cincinnati Bengals

IMHO die großen Gewinner in diesem Deal sind die Bengals, die Palmer zu keinem Zeitpunkt in den letzten neun Monaten für diesen Preis verhökern hätten können: Potenziell zwei Gratis-Picks in der ersten Runde für einen Mann, der nicht mehr für Cincinnati aufgelaufen wäre. Das war man vom starrsinnigen Eigentümer Mike Brown nicht mehr gewohnt, dass er über seinen Schatten springen würde. Aber der Preis war zu hoch selbst für Browns Bockigkeit.

Cincinnati hat den Umbruch bereits eingeleitet und mit QB Andy Dalton ein frisches Gesicht geholt, das 1-2 Jahre Lernzeit bekommen dürfte und bislang so unterirdisch nicht aussieht. Zum vermutlich hohen eigenen Pick 2012 dürfte sich ein weiterer mittelhoher Raiders-Pick gesellen, wodurch durchaus die eine oder andere wertvolle Verstärkung angedacht werden kann (Trent Richardson?).

Carson Palmer

Carson Palmer kriegt unverhofft die Gelegenheit auf eine zweite Karriere, noch dazu für eine Mannschaft, die im Aufschwung begriffen ist und in einer nicht weltbewegenden Division spielt. Palmer war für mich jahrelang ein unterschätzter QB, der im Intrigantenstadel von Cincinnati so lange gehemmt wurde, bis er lieber auf 100 Mio. Vertrags-Dollar schiss als noch Eier für Cincinnati zu werfen.

Allerdings litt Palmer Image bei mir in den letzten beiden Jahren zunehmend. Das begann mit der schaumgebremsten zweiten Saisonhälfte 2009/10, verstärkte sich beim verheerenden Playoff-Aus gegen die New York Jets mit dieser entseelten Offense, ehe der vergangene Herbst bei aller Schlechtig- und Undiszipliniertheit der Bengals auch von immer wieder zu ungünstigen Momenten eingestreuten Palmer-INTs runtergezogen wurde. Dass Palmer im Jänner die Pappm aufriss, konnte ich nachvollziehen. Dass er sich so konsequent einer weiteren Anstellung in Cincinnati verweigerte, überraschte.

Palmer, der einstige Franchise-Hoffnungsträger in Cincinnati, wird in Oakland eine persönliche sportliche Renaissance brauchen, um die Handelsware zu bestätigen.

Jason Campbell

Die bitterste Komponente in diesem Deal: Jason Campbell. Campbell ist eine der tragischen Figuren der letzten Jahre: 2005 als wenig gehypter 1st round pick zu den Washington Redskins gekommen, die mit ihrer Freunderlwirtschaft, einer gänzlich vernachlässigten Offensive Line und einem anspruchsvollen Publikum nicht wirklich der Lieblingsort eines jungen Quarterbacks sind. Campbell verletzte sich meistens im ungünstigsten Zeitpunkt, beispielsweise Wochen vor einem Playoff-Einzug, kam meistens zum ungünstigsten Zeitpunkt wieder zurück, beispielsweise als Jim Zorn Head Coach wurde, entwickelte sich als rikisoscheuer Werfer nie über den Status eines blassen Verwalters hinaus. Oakland war Campbells Chance zur Reanimierung einer in die Ecke getriebenen Karriere, bis zu der Schlüsselbeinverletzung und bis ihm nun ein teurer Quarterback vorgeworfen wurde.

In vielen Interviews habe ich ein exzellentes Bild von Jason Campbell gewonnen: Ein intelligenter, bescheidener Mann, dem ich den Erfolg gegönnt hätte und der für meinen Geschmack einer dieser NFL-Profis war, die das Pech hatten, zu den falschen Momenten an den falschen Ort gekommen zu sein.

4 Kommentare zu “Gebengalt und geraidert, gepalmert und gecampbellt

  1. Der Palmer-Trade hat mich wirklich erschreckt!
    First Rounder 2012 plus first oder second Rounder 2013..? Das finde ich extrem heftig … noch dazu für einen QB, der drei Viertel Jahr nicht gespielt oder richtig trainiert hat…

    Nun haben die Raiders in den letzten anderthalb Jahren Draftpicks für 3 QBs investiert – zuletzt ihren 2012 3rd Rounder für Pryor.
    Und bisher sah es so aus, als ob die Raiders mit Campbell ganz zufrieden waren. (Ich fand ihn auch ganz ok, habe aber nur begrenzt von ihnen gesehen.)
    … glaube nicht, dass Pryor, den sie explizit als QB gedraftet haben, nun jemals eine Chance bekommen wird oder sie nächstes Jahr einen QB für brauchbares value traden können.

    Im 2012er Draft brauchen die Raiders dann mit „kleiner Truppe“ nur zum 3. Tag vorbeischauen, da sie lediglich einen 5th und einen 6th Ronder haben…

    Für die Bengals hingegen scheint es der Deal des Jahres zu sein.
    Mit Dalton+Green extrem schick gedraftet, Mannschaft insb. Defense sieht recht gut aufgestellt aus, nun „Miesepeter“-QB für einen Haufen gute Picks weggegeben … da kann man das Team nächstes Jahr im Draft wohl ziemlich nice aufbretzeln.

    Wenn ich an Stelle der Raiders der Meinung gewesen wäre, ich bräuchte für diese Saison noch einen soliden QB-„Verwalter“, hätte ich wohl eher in Denver angerufen und ’nen Mid-Rounder (oder sogar weniger) für Orton gezahlt.

    Bei Denver war ich auch ziemlich überrascht, dass sie Lloyd quasi verschenkt haben. (Für den Preis verwundert es, dass Pats oder Jets nicht eingestiegen sind.)

    @topas: Ich habe den Kommentar nun unter den „gefühlt“ richtigeren Blogeintrag geschoben. Hoffe, das ist kein Problem./korsakoff

  2. Ich spiele mal den Advocatus Diavoli und behaupte: Die Raiders haben einen guten Deal gemacht, Palmer ist ein sehr guter QB und macht die Raiders auf Jahre zu einem Playoff-Kandidaten. Quarterbacks sind mit 32 noch nicht alt, sondern können locker noch fünf, sechs Jahre spielen. Mit einem First Round Pick hätten die Raiders keinen besseren – vor allem keinen „sichereren“ Spieler bekommen können.

    Falls die Raiders in die Playoffs kommen, wird es eh nur ein 20-32 Pick, 2013 wird es ähnlich sein, man kann nicht davon ausgehen, dass die Raiders in den nächsten zwei Jahren in den Top Ten picken werden und selbst dort floppen viele Spieler, wie ein Kommentator vor wenigen Tagen hier richtig aufzählte.

    Fazit: Sehr guter Deal für die Bengals, zweifellos. Aber auch ein guter Deal für Oakland. Al Davis würde sich nicht im Grabe umdrehen. Er wäre stolz.

  3. @Seven Destiny: Die Frage ist aber, denke ich, ob Palmer denn wirklich noch 5,6 Jahre auf hohem Niveau spielen kann.
    Er war oft verletzt in den letzten Jahren (Knie, Ellenbogen, …) und jedes Mal sah er danach schlechter aus.
    Auch McNabb ist erst 34 und man sieht seit letztem Jahr ganz deutlich, dass er nicht mehr „der alte“ McNabb ist (was nicht nur an den neuen Teams liegen dürfte).

    Aber falls Palmer gesund bleibt und zu seiner früheren Leistung zurückkehren kann, dann ist es ein hervorragender Trade für Oakland, denn ein Carson Palmer in Topform ist um Größenordnungen besser als Jason Campbell (oder auch der erwähnte Kyle Orton).

  4. Pingback: Cincinnati Bengals in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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