Bohrer gegen Brunos – wenn der Süden des Westens zum offenen Scheunentor verkommt

ESPN America wirbelt zurzeit (baseballbedingt?) zu häufig seinen Sendeplan durcheinander, als dass es aktuell Sinn machen würde, mehrere Tage im Voraus Übertragungen aufzulisten. Daher wird es vorerst nur mehr „Day-to-day“ geben, da ich nicht über die Zeit und Möglichkeit verfüge, täglich oder halbtäglich die Pläne zu überprüfen und überarbeiten. Das Spiel von heute (Stream) bzw. morgen (TV):

Arizona Wildcats vs. UCLA Bruins

Do/Fr 03h LIVE im kostenpflichtigen ESPNPlayer
Fr, 16h Tape bei ESPN America
Sa, 12h Tape bei ESPN America

Für die Arizona Wildcats wird es nach der Entlassung von Head Coach Mike Stoops die Premiere des Interimstrainers Tim Kish sein. Kishs Vita: Linebackers-Coach vor zwei Jahren, Co-DefCoord letztes Jahr, seit heuer alleinverantwortlicher DefCoord der Wildcats. Nun… werfen wir einen Blick auf die Statistiken Arizonas:

Auf 291yds Passspiel/Partie, 8yds/Pass und 74% Completion Rate legen gegnerische Offenses noch mal 196yds Laufspiel/Partie drauf, was sich bei drei Sacks in sechs Spielen auf durchschnittlich 37,5 kassierte Punkte pro Partie summiert. In Worten: siebenunddreißigkommafünfprospiel. Zugegeben: Die Wildcats hatten im Schedule heuer bis dato #4 Oklahoma State, #8 Stanford und #10 Oregon, also nicht gerade die lauesten Lüftchen des Westens. Trotzdem bleibt die Abwehrschwäche frappierend, wenn sogar das durchschnittliche USC 468yds Passspiel über diese Defense legt.

Nun also Kish als Head Coach.

Nicht alles ist verloren. Die Wildcats verfügen um den potenziellen Erstrundenpick QB Nick Foles einen gewaltigen Spread-Passangriff, der 375yds/Partie eigenhändig produziert. Dumm ist höchstens, dass der zottelige Foles nicht alles allein machen kann, nachdem hinter einer furchtbaren Offensive Line jegliches Laufspiel abgewürgt wird.

Siewolltennocheinenfrappierendenstathören?

Bitteschön: Arizonas Kicking Game ist so ziemlich das furchtbarste, das ich im Football bisher kennengelernt habe – fünf verschossene P.A.T. (!!!) und nur 2/6 verwandelte Fieldgoal-Versuche in sechs Spielen, nachdem man bereits den dritten Kicker verschlissen hat. Das ist sagenhaft und vielleicht sollte man mal beim heutigen Gegner UCLA nachfragen. Dort trainiert mittlerweile der ehemalige Cheftrainer des Universitäts-Fußballteams die Special Teams – mit Erfolg.

Bei den UCLA Bruins ist trotzdem nicht eitel Sonnenschein, trotz einer überraschend positiven 3-3 Bilanz. Head Coach „Slick“ Rick Neuheisel, ein Dampfplauderer vor dem Herrn, spricht tagtäglich vom Finale in der Pac-12 Finale, bekommt zeitgleich täglich aktualisierte Eintages-Verbleibsgarantien als Head Coach („his status is day-to-day“), während die heimische Rose Bowl von Woche zu Woche leerer wird und in der gigantischen Schüssel von Pasadena zuletzt kaum 40.000 für Totengräberstimmung gesorgt haben.

UCLA wird wie Arizona von einer schlechten Abwehr gehandicappt, deren Hauptproblem eine verletzungsgeschwächte Secondary ist. Gegenmittel: Im Angriff soll nach Kräften gelaufen werden, um dem Gegner Chancen zum Punkten zu nehmen. Die Running Backs produzieren dann auch annehmbare Stats, wie auch der dauerangeschlagene QB Kevin Prince, der nach etlichen Knochenbrüchen immer noch aufläuft und mit voller Wucht in die Linebackers kracht. Seine Ankündigung, auch gegen Arizona munter weiterzuscrambeln, grenzt an vorsätzliche Selbstverstümmelung.

UCLA muss aufpassen: Backup-QB Richard Brehaut liegt mit gebrochenen Beinen noch wochenlang im Spital, sodass Prince’ Ersatzmann heute ein Freshman wäre, der noch keine einzige Spielsekunde am College absolviert hat.

Und es wäre ja nicht so, dass es um nichts geht: UCLA hat in der Pac-12 eine 2-1 Bilanz zusammengezimmert, könnte in der Süd-Division also tatsächlich eine kleine Sensation und den Einzug ins Endspiel gegen Oregon/Stanford schaffen, nachdem bis auf Arizona State alle andere Gegner noch sieglos (Utah, Colorado, Arizona) oder die Saison außer Konkurrenz (USC) bestreiten.

Für die Wildcats ist das Hauptziel, nach fast einem Jahr mal wieder gegen einen Gegner aus der Football Bowl Subdivision zu gewinnen, nachdem man zuletzt neunmal in Serie abgeschlachtet wurde (einziger Saisonsieg heuer gegen ein FCS-Team). Der letzte Sieg über eine FBS-Mannschaft datiert aus dem vergangenen Oktober, ein 29-21 über… erraten, UCLA.

NFC 2011/12 im Blickfeld

Nach der AFC gestern heute ein Blick auf die NFC heute.

NFC East

New York Giants (4-2). Ganz langsam lichtet sich das Lazarett in New York, nachdem mittlerweile sogar CB Prince Amukamara ins Training eingestiegen ist. Die Mannschaft selbst ist eine Unbekannte, schwer beschreibbar aufgrund ihrer vielen Gesichter – mal gibt es große Siege über Philadelphia und Buffalo, dann wieder überflüssige Niederlagen gegen Seattle und Washington. Konstante: Die Defense bleibt die launische Diva.

Washington Redskins (3-2). In Washington scheint man auch zu stagnieren, was primär an der Instabilität von QB Rex Grossman liegen dürfte, für den die Uhr zu ticken beginnt, nachdem bereits Teamkollegen Grossman öffentlich den Rücken stärken müssen. Tipp: Die Redskins werden Platz zwei kaum halten können.

Dallas Cowboys (2-3). Auch gegen New England gab es wieder lichte Momente, nur um am Ende wieder knapp zu verlieren. Dallas‘ Saison ist bislang eine Ansammlung hauchzarter Spiele und die Mannschaft ist wirklich „dran“. Bleiben mein Divisionsfavorit, wenn Jason Garrett etwas mehr Hirschmalz ins PlayCalling steckt und die Saison nicht von Diskussionen über Tony Romos weiche Eier überlagert wird.

Philadelphia Eagles (2-4). Ich würde die Wertigkeit des Eagles-Sieges gegen Washington nicht unterschätzen – stimmungstechnisch vielleicht der Rettungsanker für die Bye Week. Das Negative für die Eagles: Sie spielen mit einer horrenden Offensive Line (trotz akzeptablem Redskins-Spiel), ohne Linebackers für die Laufdefense, mit einem falschen System für die Defensive Backs und sind auffällig undiszipliniert, was Strafen angeht. Manche Probleme sind ausmerzbar, manche dürften längerer Zeit bedingen. Ob Andy Reid und DefCoord Juan Castillo diese bekommen, hängt von den nächsten Wochen ab. Das Positive für Philadelphia: Die Offense kann trotz allem unheimlich explosiv drei Touchdowns in fünf Minuten aufholen und die Eagles haben bei einem verbleibenden direkten Duell gegen New York nur 2,5 Spiele Rückstand.

NFC North

Green Bay Packers (6-0). QB Rodgers und die Offense laufen wie geschmiert, weswegen man sich getrost über die unerwartet durchschnittliche Defense unterhalten kann, die sowohl in der Defensive Line als auch in der Secondary blasser aussieht als gewohnt, weswegen der von einigen bereits diskutierte und schedulebedingt nicht ausgeschlossene Durchmarsch zur Perfect Season noch in weiter Ferne scheint.

Detroit Lions (5-1). Die Zweifel waren berechtigt: Werden den Lions die Big Plays auf WR Calvin Johnson genommen, sprechen wir hier über einen sehr unrhythmischen Angriff, der auch durch die wenige Zeit für QB Stafford und dessen immer wieder eingestreute überworfene Bälle gehemmt wird. Weil aber die Defense von Woche zu Woche besser, abgebrühter wirkt, dürfte Detroit irgendwo in Playoffnähe bleiben.

Chicago Bears (3-3). Hätten die Chicago Bears wenigstens in Anflügen eine Offensive Line, könnte sich das große Potenzial der Skill Players auch entfalten. Die Defense lässt die Aggressivität alter Tage vermissen, ist nicht mehr jeden Sonntag auf der Höhe ihres Schaffens, während man sich wenigstens auf den sensationellsten aller Return-Spieler verlassen kann: KR/PR Devin Hester, der sämtliche Rekorde nicht bloß knackt, sondern pulverisiert.

Minnesota Vikings (1-5). Für mich eine der größten Enttäuschungen der Saison. Es fängt in der Offense an, in der RB Adrian Peterson von der eigenen schwachen Line limitiert wird und QB Donovan McNabb jeglichen Rhythmus aus alten Tagen vermissen lässt. Die Defense ist nach dem Abgang von DT Pat Williams ungemein löchrig nicht mehr so dominant (s. Richtigstellung) gegen Laufspiel und prinzipiell von zwei dominanten Pass Rushers abhängig: DE Jared Allen, der vielleicht seine beste Saison spielt, und DE Brian Robinson.

NFC South

Tampa Bay Buccaneers (4-2). Wenig Neues in Tampa: Ein eigentlich auf mehrere wichtigen Positionen suboptimales Spielermaterial, das dann immer wieder Spiele eng hält, die im Schlussviertel von QB Josh Freeman gedreht werden. Es wäre fassungslos, würde Tampa damit in die Playoffs durchmarschieren, aber wer hätte den Buccs ernsthaft zugetraut, plötzlich aus dem Nichts die Saints abzuwürgen?

New Orleans Saints (4-2). Eine insgesamt launische Defense wird in New Orleans kaschiert von einem großartigen Pass-Angriff um QB Drew Brees, einer der Spieler der Saison. Wovon ich bisher dezent enttäuscht bin, ist der Einfluss der Laufspiels, auf das der Personalpolitik nach zu urteilen mehr Fokus gerichtet hätte werden sollen. Bleibt Divisionsfavorit.

Atlanta Falcons (3-3). Die Falcons haben erst gegen die waidwunde Defensive Front Seven der Carolina Panthers ihren RB Michael Turner in die Gänge bekommen, was noch kein Qualitätsnachweis ist. Die gesamte Falcons-Paket wirkt in sich noch nicht stimmig, was auch an den schlechten tiefen Bällen QB Matt Ryans liegt – dumm nur, dass die Offense genau dieser tiefen Bälle zuliebe umgebaut wurde.

Carolina Panthers (1-5). Die Panthers verlieren Woche für Woche und trotzdem steigt das Stimmungsbarometer? Erinnert an die Lions von letzter Saison mit ihren dutzenden knappen Niederlagen (Carolina heuer: 5 Niederlagen mit insgesamt 32 Punkten). Der Angriff lebt völlig überraschend nicht von den beiden Running Backs Stewart/Williams, dafür vom groß eingeschlagenen Rookie-QB Cameron Newton, dessen fehlende Präzision im – wenn auch einfach gestrickten – Offensivsystem der Panthers kaschiert wird, der sich für einen Rookie aber erstaunlich souverän in der Pocket bewegt. Das letzte Wort in Sachen Entwicklung, positiver oder negativer Natur, ist sicher noch nicht gesprochen. Gehemmt wird Carolina in erster Linie von einer wenig präsenten Laufspiel-Defense und von insgesamt zu wenig aggressivem Abwehrverhalten.

NFC West

San Francisco 49ers (5-1). Die Offense ist mit all ihrem “Power-Running” um das RB-Duo Gore/Hunter solide und unspektakulär, aber die Defense ist das Glanzstück, spielt konzentriert, hart und konsequent und ist insbesondere mit dieser Front Seven Divisions-meisterwürdig. Es bleiben die Zweifel an QB Alex Smith.

Seattle Seahawks (2-3). Seattle hat unter dem planlosen Head Coach Pete Carroll irgendwie zwei Siege gegen Arizona und die Giants schmarotzt, aber ich weigere mich aufgrund des obskuren Langzeitplans, den Seahawks mehr als den letzten Platz in dieser Division zuzutrauen.

Arizona Cardinals (1-4). Der mittelmäßige QB Kevin Kolb hat die hohen Erwartungen bislang nicht erfüllt, während die Secondary die niedrigen Erwartungen noch unterboten hat. Resultat ist eine verdiente 1-4 Bilanz, die fast so verheerend ist wie die Auswärtsschlappe gegen Seattle.

St Louis Rams (0-5). Querbeet durch die US-Medienlandschaft werden die Rams in den Senkel gestellt: Unterirdische und ineffiziente Offense (49 Punkte in 6 Spielen, aber viele Yards gegen Green Bay), unterdurchschnittliche Defense. IMHO natürlich kein allzu gutes Zeugnis, wenn man alle sechs Spiele im Schnitt mit 15 Punkten verliert, aber der Schedule hatte es bislang auch in sich – wir hatten eine schwache Startbilanz inklusive Gefahr aufkommender Katerstimmung ja befürchtet – und wird ab der übernächsten Woche etwas ruhiger.

Trotzdem darf ein Weiterverbleib von Head Coach Steve Spagnuolo als nicht gesichert gelten – vielleicht hilft nun der auf den letzten Drücker eingekaufte WR Brandon Lloyd, um die überraschend lahme Offense in Gang zu bekommen.