Thanksgiving-Preview 2011

Noch bevor Christopherus Kolumbus Anno 92 den amerikanischen Kontinent entdeckte, wurden in Detroit und Dallas zum Fest der fetten Truthähne die ersten Footballspiele ausgetragen. Thanksgiving und Football gehören in den Staaten zusammen wie Kraut und Wein zum Törggelen. Je nach Ortslage zum Frühstück oder Mittagessen die Lions, zum Mittagessen oder Kaffekränzchen die Cowboys und seit einigen Jahren zum Kaffekränzchen oder abends einen für NFL Network servierten Kracher mit rotierenden Mannschaften. Eine Tradition, die auch 2011 noch Bestand hat. ESPN America ist dabei. Ergo sind wir auch dabei.

Detroit Lions – Green Bay Packers

18h30 LIVE bei ESPN America und SPORT1+

Über Jahre wurde gestritten, ob man dem Bettvorleger Detroit Lions die Lizenz zu Thanksgiving streichen sollte, um ein quotenträchtigeres Kaliber für diesen attraktiven Sendeplatz zu reservieren. Auf persönlichen Wunsch von Sideline Reporter hin unterließ die NFL diese Anpassung, wodurch sich wenigstens einmal pro Jahr die Gelegenheit bot, meine Lieblingsmannschaft im TV zu sehen. Dass die Lions jahrein, jahraus abgeschlachtet wurden, spielte keine Rolle.

2011 plötzlich ein verändertes Bild. Detroit hat mit sieben Saisonsiegen bereits die erfolgreichste Saison der letzten 10-15 Jahre erreicht (!) und trifft auf einen Gegner on mission: Green Bay ist noch ungeschlagen und strebt nach der Perfect Season. Das heutige Duell mit den Lions wird allgemein als schwerster verbleibender Brocken auf dem Weg zu „16-0“ gesehen. Treppenwitz: Vor drei Jahren komplettierte Detroit mit einer Heimniederlage gegen Green Bay die sieglose 0-16er Saison, von der heute gefühlt nicht mehr viel übrig ist.

So dürfte das Matchup für die Lions auch nicht hoffnungslos sein – auch die jüngsten Aufeinandertreffen waren enge Spiele. Detroits Defense wird von Woche zu Woche besser, dominanter. Die Defensive Line und insbesondere der außerordentlich dynamische DT Ndamukong Suh spielen wuchtig und elektrisierend, da werden selbst Sorgen in der unerfahrenen, verletzungsgeschwächten Secondary übertüncht. Dazu kommt, dass mittlerweile auch die Schotten gegen Ground Game zugemacht werden (irgendeine wichtige Statistik spuckt Detroit als siebtbeste Run-Defense 2011 aus).

Man kann gegen die Mannen von Jim Schwartz bei Vorsprung nicht einfach den Laufspielmodus anschalten und die Uhr runterticken lassen, insbesondere auch nicht, weil die Offense um QB Matthew Stafford und WR Calvin Johnson immer für das eine oder andere Big Play gut ist und in dieser Saison mehrfach die Tendenz gezeigt hat, plötzlich mitten im Spiel heißer als Frittenfett zu werden und vier Angriffsserien in Folge mit Touchdowns zu beenden. Dazu kommt: Was man gegen Green Bay über die Luft so zurücklegen kann, haben die vergangenen Wochen gezeigt.

Trotzdem wird Detroits beste Siegchance ein Spiel mit wenigen Punkten sein. Ich glaube nicht, dass Detroit ein Shootout mitgehen könnte, da man in diesem Fall ziemlich schnell eindimensional in den Stafford-Modus umschalten muss. Weil Stafford, die große Serie gegen Caroliona mal außen vor gelassen, nicht der allerkonstanteste ist, kein gutes Rezept.

Heißt: Gegen den besten „Schnellstarter“ der NFL – QB Aaron Rodgers – wird es darauf ankommen, nicht zu schnell hoch in Rückstand zu geraten. Rodgers gilt als ungeduldig und neigt in der Crunch Time zu Fehlern, wenn ein knappes, punktearmes Spiel „on the line“ ist. Und wenn Detroit Green Bay eines heuer mit Sicherheit voraus hat, dann ist es das Wissen, auch in engen Spielen bestehen zu können.

Dallas Cowboys – Miami Dolphins

21h30 LIVE bei ESPN America und SPORT1+

Weil es jedes Jahr eine Auswärtsmannschaft aus der AFC braucht, damit auch CBS beim Übertragen zu Thanksgiving zum Zuge kommt, sind diesmal im Cowboys Stadium die Miami Dolphins zu Gast. Nach drei Siegen en suite für die Dolphins gibt es nun sogar einen Grund, hier reinzuschalten. Die geschlagene Konkurrenz liest sich nicht wirklich wie die Créme de la Créme (Kansas City, Washington, Buffalo), aber die im Sturzflug befindlichen Bills mit 27 Punkten abzufiedeln, ließ dann doch aufhorchen.

QB Matt Moore liefert seit Wochen ansprechende Zahlen, bringt im November 71% der Pässe an den Mann und war zuvor bei den Giants auch nicht unterirdisch gewesen, während RB Reggie Bush auch für halbwegs Laufspiel sorgt. Bushs Counterpart im Cowboylager ist Rookie DeMarco Murray bei den Cowboys, der in vier Spielen zuletzt 601yds erlaufen hat und als heiße Ware gehandelt wird. Dank Murray können die Dallas Cowboys eine ausgeglichene Offense spielen.

Es ist ein interessantes Spiel, weil man Aufschlüsse über den wahren Leistungszustand der Dolphins bekommt: Waren es bloß die schmarotzten Siegen über Laufkundschaft oder geht die Mannschaft tatsächlich in Richtung der einst von mir prognostizierten Playoff-Außenseiterchance? Interessant auch zu beobachten, wohin die Reise für die Dallas Cowboys führen wird, die sich angesichts der Divisionskonstellation (NYG 6-4, DAL 6-4, PHI 4-6) eigentlich keine Niederlage leisten können und im Gegensatz mit einem Heimsieg mächtig Druck auf die Schultern der Giants und Eagles laden können (die beiden spielen gegen New Orleans respektive New England).

Baltimore Ravens – San Francisco 49ers

02h LIVE bei ESPN America und SPORT1+
Freitag, 12h Tape ESPN America
Freitag, 8h25 und 18h25 Tape SPORT1+

Einmal Schmalzkübel bitte für das Bruderduell der Head Coaches: Baltimores John Harbaugh gegen San Franciscos Jim Harbaugh, das vermutlich erste NFL-Spiel zweier Brüder auf dem Cheftrainersessel. Leicht zu erkennen, warum das NFL Network sich für genau diese Partie entschied.

An Bedeutung gewinnt die Partie durch die überraschende Saison der 49ers, die mittlerweile zwei Spiele Vorsprung auf den #3-Seed in der NFC haben und sensationell bei 9-1 Siegen stehen. Man ist keine Mannschaft für Genusszuschauer, glänzt aber mit hartem, konsequenten Spiel und ließ sich zuletzt nicht mal vom Ausfall RB Frank Gores gegen die starken New York Giants beeindrucken. Das sind alles keine glanzvollen Siege, aber es sind Siege, die sich „verdient“ anfühlen.

Während San Francisco in der NFC durchaus als Top-Team angesehen werden darf, muss in der AFC selbiges für die Baltimore Ravens gelten, die zwar immer wieder unerklärliche Niederlagen gegen die „Kleinen“ einstreuen, aber gegen Teams auf Augenhöhe heuer zu gewinnen pflegen. 7-3 Siegbilanz ist IMHO unter Wert verkauft für die Ravens, die ab und an zu wenig auf RB Ray Rice zu bauen scheinen und QB Joe Flacco das Spiel zu sehr in die Hand drücken, aber mit ihrer Defense in jedem Spiel eine Chance haben werden, und wenn sie fünfmal den Ball herschenken.

Gegen San Francisco könnte jedoch genau dies der richtige Weg sein – also, sich primär auf Flacco zu verlassen – da die einzige augenscheinliche Schwäche der Niners bisher die Pass-Defense war. Man macht zwar INTs, lässt viele Yards zu – in einem Spiel mit potenziell wenigen Punkten und mehreren Field Goals (*) eine nicht ganz zu verachtende Taktik. Bleibt also das 49er-Hoffen auf einen Totalausfall für den unkonstanten deep threat WR Torrey Smith.

(*) Noch eine mir nicht ganz zu verachten scheinende Statistik: San Francisco gewann heuer fünf von sechs Spielen, die mit einem Score Differenz endeten. In allen fünf Spielen verwertete Kicker Akers ein langes Field Goal über 50yds. Der NFL-Schnitt für solche Versuche: 68%. Akers heuer: 100%.

Im Duell Harbaugh gegen Harbaugh würde ich hier meine Jetons auf den John setzen.

5 Kommentare zu “Thanksgiving-Preview 2011

  1. Pingback: Thanksgiving 2011: Detroit Lions – Green Bay Packers « Sideline Reporter

  2. zu SF
    Die 49ers haben halt insgesamt nicht so den Hang zu Blowout-Siegen. Daher würde ich die Statistik jetzt auch nicht zu hoch hängen wollen.
    Trotzdem darf man mit Recht annehmen, dass bei diesen grindenden 49ers prinzipiell mal wieder eine Niederlage fällig wäre…

    (Fun fact zum Spiel:
    Die 49ers sind 9-0-1 gegen Vegas. Der einzige Split war dabei ihre einzige Niederlage. Heuer sieht Vegas Baltimore 3 Punkte vorn.)

    zu Miami
    Wenn man mal ehrlich ist, waren die Fins eigentlich in fast jedem Spiel competitive … aber haben dies erst in den letzten 3 Spielen in Siege umgemünzt.
    Die meisten Niederlagen zu Beginn sahen auch zu „angestrengt“ für echtes Tanken aus. (Im Gegensatz zu den Colts, die so grausam spielen, dass sie den #1-Pick fast nicht mehr verfehlen können.)

    zu Green Bay-Detroit
    Green Bay ist saustark (und aktuell natürlich SB-Anwärter Nr.1), aber sie sehen „fällig“ … und Detroit (dazu) „fähig“ aus.

    Nicht dass Rodgers die Anspielstationen ausgingen, aber Finley und Jennings sind definitiv markante Verluste und die Defense sieht (noch) unkoscher aus.

    Plus ein lautes, frenetisches Publikum in Detroit.

    Dazu vielleicht der psychologische Effekt, dass nach 10-12 Wochen schon so manche ungeschlagene Saison endete.
    (Es wird über die Siegesserie und eine potentielle perfect season geredet und der Druck quasi jedes Spiel wie ein Playoffspiel zu bestreiten reibt langsam auf.)

  3. Wo steht dass Jennings ausfällt? Ich habe was von probable gelesen. Und Finley ist überhaupt nicht auf der Verletztenliste.

  4. @He Hate Me
    Stimmt. Ich habe gerade bei nfl.com nachgeschaut und dort ist Jennings probable und Finley nicht erwähnt.
    Ich habe am Mo mit einem Freund aus Chicago gesprochen, der meinte die Beiden seien out für das Thanksgiving-Spiel. Da er in der Regel besser als ich informiert ist, hatte ich dies bis vor wenigen Minuten ungeprüft als Status Quo angenommen.
    Asche auf mein Haupt.

  5. Pingback: Die Flacco Line | Sideline Reporter

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