Black-Friday Preview 2011

Der „Black Friday“ 2010 ist bis heute die großartigste Football-Nacht in meiner Erinnerung: Unterstützt vom brutalsten Zahnschmerz ever bis Samstagnachmittag keine Chance, auch nur das entzündete linke Auge zuzubringen, und sämtliche schmerzlindernden Gesüffe aus Muttis Schrank verpufften wirkungslos, aber die Glotze bot adäquates Programm: Nacheinander das unglaubliche Auburn-Comeback in der Iron Bowl, die Super-Offense der Oregon Ducks gegen Arizona und am frühen Morgen die Fehlkicks des Kyle Brotzman in der Boise-Niederlage zu Reno/Nevada. Zweimal Herzschmerz, aber was liebt man mehr als tragische Helden und Augenblicke, die sämtliche Skripts über Bord schmeißen? Sport kann so wunderbar irrational sein. Manchmal regnet es Klaviertastaturen. Gäule kotzen im Kleiderschrank. Und ehe du dich versiehst, hast du einen Zwanzigpunktevorsprung gegen ein geschlagenes Team verschenkt.

Heute ist Black Friday 2011.

BCS-Watch/Woche 13

Das vergangene Wochenende hat die BCS erschüttert, Probleme gelöst und neue Probleme geschaffen. Beginnend mit der überraschenden oder doch nicht so überraschenden Niederlage der Oklahoma State „Gunners“ bei Iowa State, über das ruinierte Comeback der heimstarken Oregon Ducks bis hin zu „RG3“ und seinen Baylor Bears war alles dabei, was College Football so einzigartig macht. Zwerge, die sich auflehnen und die Großen von den Rängen schießen. Und plötzlich stehen wir da und erleben das „kleine“ Spiel des Jahrhunderts: #1 LSU Tigers gegen #3 Arkansas Razorbacks. Die BCS vor dem heutigen Abend:

#1 Louisiana State (11-0)
#2 Alabama (10-1)
#3 Arkansas (10-1)
#4 Oklahoma State (10-1)
#5 Virginia Tech (10-1)
#6 Stanford (10-1)
#7 Boise State (9-1)
#8 Houston (11-0)
#9 Oklahoma (8-2)
#10 Oregon (9-2)

Der Landesmeister 2011/12 wird ausgewürfelt. Es gibt unwiderlegbare Argumente für diejenige Finalpaarung, die sich im selben Moment von allein verbietet. Dreimal SEC-West in den Top-3. Virginia Tech an #5, obwohl man vom einzigen nennenswerten Gegner im Schedule, Clemson, haushoch abgeschossen wurde. Oregon fünf Plätze hinter der Mannschaft, die man wenige Tage zuvor in Grund und Boden gespielt hatte. Mittendrin die beiden Zwerge Boise und Houston und die Frage, was wohl passiert wäre, hätten die Broncos das Field Goal gegen TCU versenkt.

Louisiana State Tigers – Arkansas Razorbacks

21h30 LIVE bei ESPN America (Achtung: Kickoff ist um 20h30!)

Da braucht man das Informations-Sieb, um aus den zahlreichen Storylines zu diesem Spiel die richtigen Kanäle aufzumachen. #1 LSU gegen #3 Arkansas. Drei Wochen nach dem „Spiel des Jahres“ bei Alabama der nächste Kracher für die Tigers gegen einen Rivalen („Battle for the Golden Boot“) – und es ist eine Partie mit je nach Ausgang unter Umständen bizarrsten Konstellationen für danach.

Nehmen wir die SEC-West, die „Powerhouse“-Division des College Football dank der drei Top-Kräfte:

  1. Louisiana State (SEC-Bilanz: 7-0)
  2. Alabama (6-1)
  3. Arkansas (6-1)

LSU hat bei Alabama gewonnen. Alabama hat Arkansas abgeschossen. Wenn LSU heute gewinnt, gibt es keine Diskussionen. Wenn aber LSU heute verliert und Alabama wie gemeinhin erwartet in Auburn gewinnt, bricht Anarchie aus, müsste der achte (!) Tie-Breaker zur Entscheidungsfindung herhalten. Ein Tie-Breaker, der nur und ausnahmslos im College Football jemals ausgedacht werden konnte und selbst FIFA-Strategen erblassen lässt:

The tied team with the highest ranking in the Bowl Championship Series Standings following the last weekend of regular-season games shall be the divisional representative in the SEC Championship Game, unless the second of the tied teams is ranked within five-or-fewer places of the highest ranked tied team. In this case, the head-to-head results of the top two ranked tied teams shall determine the representative in the SEC Championship Game.

Hieße: Das BCS-Ranking entscheidet. Der am schlechtesten Platzierte aus dem Trio fiele automatisch raus. Der Zweitplatzierte gewinnt den Tie-Breaker mit dem Erstplatzierten, wenn er nicht weiter als fünf Plätze dahinter im BCS-Ranking klassiert ist und das direkte Duell gewonnen hat! Man kann davon ausgehen, dass im Falle eines Hogs-Sieges die drei SEC-Mächte alle in den Top 5 bleiben. Es entscheidet also die Reihenfolge, immer gesetzt den Fall, dass heute Arkansas und Alabama gewinnen:

Möglichkeit A: LSU > Alabama > Arkansas. LSU gewinnt die SEC-West.

Möglichkeit B: LSU > Arkansas > Alabama. Arkansas gewinnt die SEC-West.

Möglichkeit C: Alabama > LSU > Arkansas. LSU gewinnt die SEC-West.

Möglichkeit D: Alabama > Arkansas > LSU. Alabama gewinnt die SEC-West.

Möglichkeit E: Arkansas > Alabama > LSU. Alabama gewinnt die SEC-West.

Möglichkeit F: Arkansas > LSU > Alabama. Arkansas gewinnt die SEC-West.

Sämtliche Polls und BCS-Rankings dürften zum jetztigen Zeitpunkt unberechenbar sein. Jeder hat seine Argumente. LSU hätte einen ultraschweren Schedule und auswärts bei Alabama gewonnen, aber unter Druck zuhause verloren. Alabama war eigentlich besser als LSU und hat Arkansas hoch geschlagen, hatte aber zweimal Heimvorteil. Arkansas war in Tuscaloosa chancenlos, putzte aber unter Druck die #1 und musste zudem zweimal auswärts antreten. Noch Fragen?

Verlassen wir die hypothetische Zone und wagen wir den Sprung zurück in die Realität: Die Louisiana State Tigers sind in diesem Spiel die klaren Favoriten. Die Mannschaft ist zwar eigenartig gesichtslos und hat trotz Dominanz keinen einzigen Spieler, der im Heisman-Rennen auftaucht, aber gerade das scheint die Tigers auszumachen: Sie sind multidimensional gefährlich. Die Defense ist vorne und hinten diszipliniert, kann großen Zug zum Quarterback entwickeln, Top-Receiver abdecken oder Turnover erzwingen und lässt sich von keinem Running Back der Welt verarschen. Und sie macht kaum Fehler. Die Offense macht auch kaum Fehler, spielt unspektakulär ihren Stiefel runter und würgt trotzdem ihre 35-40 Punkte/Spiel heraus, wenn es nicht gerade gegen die Alabama Crimson Tide geht. Es gibt kaum Schlüsselfiguren, kaum Hebel, an denen man ansetzen könnte, um der Mannschaft den Zahn zu ziehen.

Das ist bei den Arkansas Razorbacks anders. Die Hogs gehören unter dem windigen Head Coach Bobby Petrino zu den wenigen passlastigen Teams in der SEC, haben es aber entgegen aller Unkenrufe geschafft, mit Spread-Passspiel gegen die athletischen Abwehrformationen des Südens über Jahre zu bestehen. Sämtliche Running Backs im Lazarett? Check. Top-QB und Eckpunkt Ryan Mallett in die NFL? Haken dran. Übergibt man das Zepter eben einfach an den Grünschnabel-QB Tyler Wilson und sieht trotz nicht rundum überzeugender Defense eine der besten Spielzeiten der Universitätsgeschichte. Eine Spielzeit, die bis dato in der Anonymität stattfindet, denn eigenartigerweise kriegen die Hogs immer noch kaum Presse, was auch an den regelmäßigen Implosionen in wichtigen Spielen liegen mag.

Letztes Jahr gewann man allerdings im direkten Duell um eine BCS-Bowleinladung gegen LSU. Heuer kann Arkansas mit einem Sieg sogar möglicherweise ins SEC- und BCS-Finale durchmarschieren, muss nun aber mit der mentalen Belastung eines vor wenigen Tagen verstorbenen Teamkollegen (TE Garrett Uekman) umgehen.

So richtig an ein Upset glauben mag ich nicht. Gegen Alabamas Defense wurde schnell klar, dass man mit einseitigem Passspiel nicht lange bestehen kann. Und auch wenn LSU gegen die wurfstarken West Virginia Mountaineers durchaus Pass-Yards zuließ, werden in entscheidenden Momenten die Schotten dicht gemacht und maximal Field Goal zugelassen.

Was würde ich geben für die bizarrsten Konstellationen und die dran anknüpfenden Diskussionen. Es ist unwahrscheinlich. Aber es ist möglich. Black Friday 2010 hat’s vorgemacht.

West Virginia Mountaineers – Pittsburgh Panthers

01h LIVE bei ESPN America

Die größte Rivalität des Nordostens, genannt The Backyard Brawl (zu dt. das „Gemetzel im Hinterhof“). Geschichtliches und ein sehr kuhles Foto gab es bereits letztes Jahr. Für beide wird es eine der letzten conferenceinternen Auseinandersetzungen sein, da WVU in die Big 12 geht und Pitt ab 2014 in der ACC mitspielen soll. Ich gehe mal davon aus, dass die Rivalität trotzdem weiterhin Bestand haben wird.

Noch sind beide aber Big East, und beide erleben mit neuen Head Coaches eine enttäuschende Saison. West Virginia sah eine Weile wie der Topfavorit in der Conference aus, verlor dann aber gegen Syracuse und ist mittlerweile trotz starkem Passspiel mit 3-2 Siegen irgendwo im grauen Mittelmaß zu verorten. Pitt baut mehr auf das Laufspiel um RB Ray Graham, weil man sich auf den schlechten Werfer QB Tino Sunseri nicht verlassen kann, kriegt aber meist zu wenige Punkte aufs Tablett. Schade, weil die Defense Potenzial hätte.

Arizona State Sun Devils – California Golden Bears

04h15 LIVE bei ESPN America
Aufzeichnung: Samstag, 12h bei ESPN America

Zum Abschluss der langen Nacht ein Livespiel aus der Pac-12 Conference, wo die Cal Golden Bears nicht erst seit der knappen Niederlage in Stanford aus dem Rennen sind, aber den Spoiler für die Arizona State Sun Devils geben könnten.

Arizona State ist eigentlich mit höheren Ambitionen gestartet als es eine 6-5 Bilanz (4-4 in der Pac-12) vermuten ließe, galt durchaus als vertiabler Anwärter auf die Top-25. Aber die jüngste Kollaps-Serie war verheerend und könnte Headcoach Dennis Erickson den Kopf kosten. Werfen wir einen Blick auf die Süd-Division der Pac-12, wo USC vorneweg marschiert, aber gesperrt sein wird (für die Gesamtbilanz aber doch mitgezählt wird!):

UCLA (5-3)
Arizona State (4-4)
Utah (4-4)

Utah gewann gegen UCLA. UCLA gewann gegen Arizona State. Arizona State putzte Utah.

UCLA hat sein Schicksal in der eigenen Hand, muss aber gegen den haushohen Favoriten USC spielen. Sieg und die Bruins wären durch. Arizona State ist mit eigenem Sieg und Niederlage für UCLA durch (weil man den zweiten Tie-Breaker gewinnen würde). Utah braucht einen eigenen Sieg über Colorado und Niederlagen von UCLA und Arizona State. Keines dieser Szenarien ist auszuschließen, so schwach sich dieses Trio heuer präsentierte (UCLA und Arizona State stehen kurz davor, ihre Cheftrainer zu feuern!).

Aufzeichnungen

Bereits um 14h30 gibt es bei ESPNA das Tape von heute Nacht: Texas A&M Aggies gegen Texas Longhorns – der „Lone Star Showdown“. Nicht unbrisant, gelten die Longhorns mit ihren Zicken doch für den Hauptgrund, dass die Aggies ab 2012/13 in die SEC abwandern werden – es gilt als hausgemacht, dass diese traditionelle Rivalität aussterben wird. Sportlich halte ich Unverbesserlicher weiterhin die Aggies trotz der mickrigen 5-5 Bilanz für favorisiert, obwohl beide Mannschaften sich als jung und fragil gezeigt haben.

Um 9h30 gibt es aus den unteren Kategorien des College Football ein Spiel: „Turkey Day Classic“ zwischen Alabama State (FCS) und Tuskegee (Division II), zwei „schwarze Unis“. Das Markante an diesem Spiel: Beide Unis tragen es traditionell zu Thanksgiving aus, womit sie mit dem jeweiligen Playoffstart in FCS und Division II kollidieren. In anderen Worten: Durch das sture Weiterspielen dieser über 85jährigen Rivalität verzichten beide willkürlich auf eine mögliche Teilnahme an den Playoffs für die Meisterschaft – jedes Jahr.

6 Kommentare zu “Black-Friday Preview 2011

  1. Beim Turkey Day Classic wird es beiden Unis egal sein, dass sie immer auf die Playoffs verzichten. Da geht es um schwarze Kulturen und Subkulturen, und Probleme mit der Rassentrennung, für beide ein viel wichtigeres Thema als ein banales Playoffspiel.

  2. Ärgerlich daß ESPN erst um halb zehn einsteigt, aber das schmälert die Vorfreude auf dieses große Spiel überhaupt nicht!! LSU ist einer unserer größten Rivalen und daß es heute für die Hogs noch eine kleine Chance auf SEC und BCS Final gibt, macht das Spiel nur besser. Ich hoffe auf den Rivalry Faktor, realistisch kann man den Hogs ja nicht so viel Chancen einräumen, dafür sind Defense und Running Game zu schwach und Wilson wohl zu unerfahren. Die Hogs haben aber immer gewonnen, wenn sie gewackelt haben!

  3. Wenn heute Arkansas gewinnt, bricht Chaos aus, stimmt. Das wird aber nicht passieren, da LSU zu stark und Arkansas zu berechenbar sind.

    Wenn LSU gewinnt, gewinnen im Übrigen zwei. Alabama ist sogar noch der größere Gewinner, nachträglich sogar der Gewinner vom LSU-Spiel, weil Bama sich das SEC-Final erspart und trotzdem BCS #2 sein wird. LSU muss noch den Umweg über Georgia gehen, wo sie aber auch bei einer Niederlage nicht mehr von #1 fallen werden.

    Bin gespannt, was heute Houston in Tulsa aufsteckt. Die Canes sind nicht zu unterschätzen, man kann auch wenn es gefährlich ist, einen Quervergleich zu Boise ziehen: Tulsa klar gegen Boise verloren.

    P.S. Ich habe heute Verständnis, wenn bei ESPNA erst NHL kommt mit Boston – Detroit. Es ist das Thanksgiving Showdown, Beginn der NBC-Saison mit der NHL, aber ich hoffe doch sehr, dass es dann pünktlich um 21:30 im zweiten viertel mit College Football losgeht!!

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