NFL-Schau 2011/12, Week 14

Denver Broncos – Chicago Bears wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, als das bislang fassungsloseste Spiel der Saison. Drittes Viertel, ca. sechs Minuten gespielt. Tebow entwischt Peppers beim 1st down für 9yds. 2nd down, diesmal passt Peppers auf, verkürzt raffiniert den Winkel für Tebow, der keinen Raumgewinn macht. 3rd down: Fox lässt nicht etwa werfen, da die Wide Receivers an diesem Tag eh alles fallen lassen, was ihnen Tebow in die Hände legt. Fox lässt laufen, und McGahee wird abgewürgt. Punt. Hester returniert sich aus einer aussichtslosen Situation das Spielfeld runter, kurz danach tippelt RB Marion Barber leichtfüßig wie lange nicht in die EndZone. Es folgen „Drives“ (Gansefüßchen mit Absicht gesetzt) zweier sagenhaft ineffizienter Offenses: Denver kann den Ball nicht festhalten, läuft deswegen selbst bei 3rd and 15 mit seinen Running Backs, auch weil Chicagos quicke Linebackers Tebow keinen Raum zum Scrambeln geben. Chicagos QB Hanie nudelt sich mit einfachsten Overthrows um Kopf und Kragen und zeigt auch via Handling mit Timeouts null Autorität. Trotzdem führen die Bears vier Minuten vor Schluss 10-0 nach einem 57yds-FG, das Lovie Smith beruhigt ansagen konnte, da Denver selbst mit Startposition an der gegnerischen 40 keine Punkte erzielt hätte.

Apropos Timeouts: Chicago sieben Minuten vor Schluss, beginnt eine weitere Angriffsserie. Hanie nimmt nervös eine Auszeit. Chicago kommt zurück auf das Spielfeld und läuft für 0yds über die Mitte. Ich meine, ich nehme eine Auszeit, um meinen Spielzug zu besprechen und exekutiere dann den sinnlosesten, unkreativsten Play, der mir gerade auf den Kopf gefallen ist? Zum Start eines neuen Drives?? Zwei Läufe später wieder ein 3’n’out und der dreihunderfünfundsiebzigste Punt der Bears.

Trotzdem haben diese alles im Griff, bis sie den Horror aller Jets-Fans heraufbeschwören und auf „Prevent Defense“ umschalten, die Safetys plötzlich 30yds hinter die Anspiellinie zurückziehen. Folge: Tebow nimmt plötzlich Fahrt auf, WR #88 Demariyus Thomas legt die Butterfinger ab, Denver verkürzt 2:08 vor Schluss auf 7-10. Onside Kick. Geschickt gemacht, aber weil sich zwei Broncos über den Haufen rennen, erobern die Bears den Ball, Denver ohne Auszeiten geschlagen.

2nd down, 1:59. Chicagos Sieg-Chance laut Advanced NFL Stats in diesem Moment: 99%. Barber erkämpft sich die Yards und geht out of bounds. Folge: Chicago ist mit knapp mehr als einer Minute gezwungen zum Punten! Das Spiel eingetütet und dann muss man punten! Die Broncos arbeiten sich schnell runter, und K Matt Prater versenkt ein 59yds-Field Goal! Mile High nahe an der Explosion.

Münzwurf. Chicagos Ball. Barber erst mit einem fantastischen Catch, macht seinen Fehler scheinbar wieder wett. Verkürzt kurz darauf das siegbringende Field Goal mit einem quicken Lauf in der Overtime, nur um dann den Ball wegzufumbeln. Der Rest ist simpel tebowtiert: Prater erneut aus >50yds, versenkt zum nächsten Freak-Sieg, dem bisher irrsten, unwahrscheinlichsten, und Denver ist 8-5.

Man braucht gar nicht zu versuchen, das Phänomen „Broncos 2011/12“ zu erklären. Fox hat sich hier eine knackige Defense angelacht, Tebow war in der crunch time wieder on fire, aber das alles hätte mal wieder nicht gereicht. So brutal wie sich die Bears diesmal in die Knie geschossen haben, das war geschottenheimert at his worst und hätte hier Dinamo Zagreb gespielt, wir würden glatten Wettbetrug vermuten. Es wird sich zeigen, inwiefern sich das Zielrohr gen Lovie Smith ausrichten wird. Hanie hat keine Zukunft, klar, aber wie wird wohl die Stimmung in der Stadt der Winde nach diesem verheerenden Ergebnis sein, das möglicherweise die Playoff-Teilnahme kosten wird?

Was die Broncos angeht: Das ist wie im alten Madden, wo der Gegner siebenundfuffzich Minuten nichts zustande brachte, um mit der 2min-Offense zur unstoppbaren Angriffsmaschine zu werden und in 23sek 87yds zum Touchdown zurücklegte. Es ist zu viel „Freak“ dabei, als dass diese Offense langfristig Früchte tragen kann. Aber das Team ist unterhaltsam bis zum Anschlag. Tipp: Staunen und genießen. Am Sonntag das Duell, das sich unendlich mit Thrill aufladen lässt: Denver – New England Patriots. Superbowl-Rematch Fox vs. Belichick. Arbeiter Tebow vs. Schönling Brady.


Pythagoras adjusted

Disclaimer: Die pythagoreische Erwartung für diese Woche wurde angepasst. Ich habe gelernt, wie sich der Exponent individuell auf jedes Team anpassen lässt. Also kein „2,637“ mehr für jede Mannschaft, dafür ab sofort ein individueller Exponent, der sich da schimpft:

x = 1,5*log10((PF+PA)/G)

Ziel ist damit, das „Umfeld“ einer Mannschaft besser zu beschreiben: Spielt sie in hauptsächlich Defensivschlachten (z.B. Browns)? Oder gibt es Shootout after Shootout (Saints, Packers, Patriots)? Die Korrelation zwischen Siegerwartung und reeller Bilanz ist mit dem neuen, sogenannten „Pythagenport“-Exponenten sensationelle 0,9134 über die letzten 20 Jahre NFL, und noch etwas damit höher der alte Durchschnittsexponent. (Korrellation für 2011/12: 0,895) Quelle: Football-Outsiders.com.

W = Siege, L = Niederlagen, PF = erzielte Punkte, PA = kassierte Punkte, % = relative Siegerwartung, E16 = Siegerwartung nach 16 Spielen, E13 = Siegerwartung nach Woche 14, +/- = Soll/Ist Vergleich nach Woche 14

W = Siege, L = Niederlagen, PF = erzielte Punkte, PA = kassierte Punkte, % = relative Siegerwartung, E16 = Siegerwartung nach 16 Spielen, E13 = Siegerwartung nach Woche 14, +/- = Soll/Ist Vergleich nach Woche 14

Pechvögel. Carolina verspielte eine gepflegte 16pts-Führung gegen Atlanta, Minnesotas ehrenhafte Aufholjagd in Detroit blieb unbelohnt, Philadelphia trotz klarem Auswärtssieg in Miami immer noch klar unter seiner Erwartung. San Diego performt 1,6 Siege besser als Denver, liegt in der Tabelle jedoch 2 Spiele zurück und schleppt sich noch durch drei Spiele mit einem „lame duck“-Trainerstab.

Glücksritter. Green Bay ist nach dem furiosen Start gegen Oakland noch drei Spiele von der Perfect Season entfernt und hat seine Vorjahressaison nun, in Woche 13, an Performance übertrumpft. Denver wie geschildert muss unter einem anderen Gesichtspunkt betrachtet werden, die Geschichte zeigt jedoch, dass solche Glückssträhnen nicht auf Dauer haltbar sind (Broncos 2009/10 als Beispiel genannt). Die Giants noch einmal mit einem Aufbäumen. Aber zwei andere Mannschaften werden nach Saisonschluss interessant:

  • Kansas City. Man sage mir nicht, ich habe den letzten Platz der AFC West nicht leise kommen sehen. Die Chiefs haben ein fürchterliches Verhältnis PF/PA und es ist Wahnsinn, dass diese Mannschaft fünf Siege holen konnte. Haley bleibt auf dem heißen Stuhl.
  • Tampa Bay. Ich hatte den Buccs eine 5-11 Bilanz prognostiziert. Könnte Zeit werden, die Erwartung weiter herunterzukorrigieren. 14-41 gegen Jacksonville mit SIEBEN Turnovers? Ich würde meinen Arsch nicht an den Ofen halten, dass Raheem Morris den Jänner unrasiert überlebt. Tampa nach Pythagoras mit einer fatalen Erwartung von 3,1 Siegen nach 13 Wochen. Meine Rübe, was ist mit dem ehemaligen Spaß-QB Josh Freeman los?

Das Playoff-Bild in beiden Conferences wird klarer.

AFC-Playoffrennen

Fix durch ist erst Houston (10-3). Die Texans mussten im neunten Jahr zwei Quarterbacks auf die Injuried Reserve wandern sehen, um zum ersten Mal in die Playoffs zu kommen, und haben als einziges AFC-Team bereits ihre Division gewonnen. Fast fix: New England (10-3), Baltimore (10-3) (und Pittsburgh, ebenso 10-3).

In der AFC West halten die Broncos alle Matchbälle, sich durchzulavieren (NE/@BUF/KC). Vermutlich braucht es nur noch einen Sieg, weil Oakland blass aussieht und San Diego erst jetzt die lockeren Siege einfährt, aber noch einen happigen Rest-Schedule zu bewältigen hat (BAL/@DET/@OAK).

Die Wildcards schauen nun klarer aus: Aus der AFC North dürfte, je nachdem wer die Division gewinnt, Baltimore oder Pittsburgh den #5-Seed bekommen (beide aktuell 10-3), dahinter haben sich die Jets (8-5) die „Pole-Position“ für den #6-Seed gesichert – mal wieder. Das Restprogramm der Jets hat es aber noch in sich: @PHI, NYG, @MIA. Nicht die einfachste Dreierserie, wenn der Saisonerfolg auf dem Spiel steht.

Dahinter steht mit Cincinnati und Tennessee (7-6) ein Überraschungsduo bereit. In einem möglichen „Three-Way-Tie“ mit den Jets könnte der Sieg der Bengals über Tennessee dabei negiert werden. Auch Oakland ist mit seiner 7-6 Bilanz noch im Spiel, aber so wie man sich zuletzt präsentierte, könnten die Wildcard-Träume mit diesem Schedule eher schnell enden: DET/@KC/SD. Bleibt also die kleine Hoffnung auf den Divisionssieg.

Mögliches Seeding: #1 Houston/#2 New England/#3 Pittsburgh/#4 Denver/#5 Baltimore/#6 N.Y. Jets.

NFC-Playoffrennen

Fix durch sind: Green Bay, das bereits ein Freilos in Runde 1 hat und nur mehr gegen die Historie spielt. San Francisco, das seine Division gewonnen, aber den #2-Seed noch nicht eingetütet hat. Die New Orleans Saints sind durch, aber der Divisionssieg ist noch nicht in trockenen Tüchern.

Abseits davon wird es eng. Die NY Giants sind nach dem knappen Auswärtssieg in Dallas vorerst wieder in der schwachen NFC East vorne (beide 7-6). In Woche 17 kommt es zum „Rückspiel“ in New Jersey, wo wohl der Divisionssieger ausgespielt wird. Dallas hat sein Schicksal in der Hand, braucht unabhängig von der Giants-Situation nur zwei Siege: in New York und entweder bei TB oder gegen PHI, da man damit auf alle Fälle den Tie-Breaker mit NYG holen würde (Division und/oder Conference). Philadelphia (5-8) hat nur noch minimalste rechnerische Chancen (die Eagles würden nach meiner Rechnung sämtliche 8-8 Tie-Breaker mit zwei oder drei Teams zum Divisionssieg für sich entscheiden).

Der Verlierer von Dallas/Giants hat noch das Hintertürchen „Wild Card“, das einen kleinen Spalt offen bleibt – wenigstens bis zum Wochenende. Detroit und Atlanta (8-5) haben sich vorerst einen Vorteil verschafft, da Chicago (7-6) jene böse, böse Schlappe in Denver kassierte.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Wildcard mit „9-7“ weggeht, weswegen entweder New York oder Dallas bluten dürften. Detroit (SD/@GB) hat noch ein schwieriges Abschlussprogramm, auch Chicago (@NO), aber es müssen alle Stricke reißen, damit die NFC East mit zwei Vertretern die Playoffs bestreiten kann, zumal NYG eine schwache NFC-Bilanz hat (aktuell 4-6) und DAL das direkte Duell mit DET verloren hat.

Mögliches Seeding: #1 Green Bay/#2 New Orleans/#3 San Francisco/#4 Dallas/#5 Atlanta/#6 Detroit.


NFL im US-TV

Die neuen TV-Verträge der NFL weren fett. Diverse Tweets haben durchsickern lassen, dass die NFL bis 2022 weiterhin auf den drei großen Networks FOX/CBS/NBC bleiben werden, Flex-Scheduling ausgeweitet wird und dem „flex“ auch die Zusatzbedeutung gibt, dass CBS und FOX nicht mehr stur blindheil jeweils der AFC oder NFC verschrieben sind. ESPN soll möglicherweise ein Playoffspiel bekommen, behält wie seit längerer Zeit bekannt Monday Night Football. Die Verträge mit CBS/FOX/NBC belaufen sich auf schlappe 27 Mrd. Dollar (neun Jahre pro Sender, ergo $1 Mrd. pro Sender pro Saison im Schnitt). NBC soll das Thanksgiving-Spiel um 02h MEZ bekommen. Bissl ausführlicher das Ganze bei Allesaussersport.de.


Mayock-Watch, Week 14

Heute Nacht: Atlanta – Jacksonville (02h LIVE ESPNA/SPORT1+). Die Falcons brauchen den Sieg für das Rennen um Wildcard und eventuell sogar noch Divisionssieg, während Jacksonville nach dem Schlachtfest gegen Tampa danach trachtet, das nächste Kaliber aus der NFC South zu fassen. Ob das gegen die unterirdische Lauf-D Tampas funktionierende Laufspiel um RB Jones-Drew auch gegen die Falcons so reibungslos klappen wird, wage ich in Frage zu stellen. Ansonsten fiele mir bis auf die eleganten Teamfarben beider Franchises ad-hoc nicht viel mehr zu diesem Spiel ein. Vielleicht hat Mike Mayock was Interessantes zum Erzählen.