Business as usual

(Achtung, Spoiler!)

Neben Denver und Arizona gibt es in dieser Saison noch eine dritte Mannschaft, die still, heimlich und leise Krimi für Krimi für sich entscheidet und eine Serie an großen Comebacks lanciert. Die Rede ist von den Detroit Lions. Viertes Viertel in Oakland, die Offense nach ordentlichem Beginn schon seit einer Handvoll Drives völlig aus dem Rhythmus und QB Matthew Stafford mit „misfire“ auf „misfire“ auf „misfire“. Die Raiders gehen nach einem 2yds-Fumblereturn durch OLB Aaron Curry 26-14 in Führung, ehe Raiders-Coach Hue Jackson bizarrerweise auf die logische 2pts-Conversion verzichtet (Coach-Fehler der Woche?) und den P.A.T. kicken lässt.

Die Lions marschieren strafenunterstützt (exzessives Feier, PI) in knapp zwei Minuten das Feld runter, weil die Raiders TE Pettigrew und WR Calvin Johnson nur halbherzig abdecken. 5:36, 4th and 2 nahe der GoalLine. Stafford mit einem Scramble, lässt einen sehr passiven Linebacker aussteigen und taucht mit Kopf voraus zum 1st down. Der fußlahme QB Stafford lässt einen Linebacker aussteigen! Ein Play später der TD auf einer simplen „Out“-Route für WR #16 Titus Young. Nur noch 27-21.

Oakland füttert mit immerhin zwei 1st downs die Uhr, riskiert 2:32 vor Schluss die tiefe Bombe auf WR Chad Schilenz. Der Ball fällt zu Boden. Oakland mit dem Punt an die DET 2yds-Line! Es folgt die CalvinJohnson-Freakshow. Fassungslos, wie der prototypisch gebaute Wide Receiver Johnson in der Raiders-Secondary immer wieder allein auf weiter Flur ist. Johnson macht auch die hochwertigen Catches. Ein 21yds-Catch an der linken Seitenlinie zum Beispiel. Danach folgen: 48yds Catch in der Mitte unter Begleitschutz von CB, S und LB. 17yds-Pass Interference gegen Johnson. Und 0:43 vor Schluss der TD nach einer 6yds-Bombe („Bombe“ ist ruhig wörtlich zu nehmen) über die Spielfeldmitte, wobei die Wiederholungen jeweils chaotische Zustände im Defensive Backfield der Raiders vermuten lassen.

Es sind die Momente, in denen die Raiders zudem zu kapieren beginnen, welche Chance da mit der nicht versuchten 2pts-Conversion verpasst wurde. Oakland nimmt den Ball mit zwei Timeouts auf und bewegt den Ball. 0:21 vor Schluss reißt DE Cliff Avril Palmer fast den Wurfarm aus. Es ist die Aktion des Spiels, dass Palmer dabei – im Gegensatz zu Stafford bei besagtem Fumble-TD – den Ball festhalten kann.

Oaklands Wunderkicker Janikowski mit dem 65yds-Rekordversuch bei auslaufender Uhr. DT Ndamukong Suh blockt, Game over, Lions mit 9-5 nur noch einen Steinwurf von den Playoffs entfernt.


Keine Zweifel: Nach Jahren des Niedergangs und der immer noch tieferen Tiefpunkte eine geradezu bewundernswerte Mentalität, selbst im aussichtslosen Moment nicht aufzustecken und den Sarg mit besten Dankesgrüßen zurückzuschicken. Es war das vierte Comeback der Lions in diesem Jahr nach mindestens 13pts-Rückstand, ein Jahr nach den so zahlreichen engen Niederlagen und trotz der toastbrotartigen Eindimensionalität in der laufspielresistenten Offense mit ihren fuffzich Shotgun-Pässen für Stafford pro Spiel.

Trotzdem kommen wir nicht umhin, das Thema „Glück“ zu thematisieren. Die Football Outsiders definieren prinzipiell drei Kategorien unter „Glück“:

  1. Spiele in Spielen mit einem Score Differenz
  2. Fumbles
  3. Pythagoreische Erwartung

Die Lions 2010/11 waren „unglücklich“. Sie nahmen zwar 50% der kullernden Bälle (auch „Fumbles“ genannt) auf, verloren aber sieben von elf Spielen mit einem Score Differenz (die vier Siege waren jene Siegesserie zum Ende der Saison, die das angebliche „Momentum“ für 2011/12 brachten) und lagen mit ihrer 6-10 Bilanz sagenhafte 1,8 Spiele unter der pythagoreischen Erwartung (diese war 7,8 Siege).

Die Lions 2011/12 haben mit 58,5% etwas mehr „Fumble-Glück“, aber die wichtigeren Stats sind: Fünf von sieben Spiele mit einem Score Differenz gewonnen (nur gegen San Francisco und Atlanta) verloren und aktuell 0,46 Spiele über ihrer pythagoreischen Erwartung. Man mische die vielen unwahrscheinlichen und zumindest in zwei Fällen vom Gegner mitunterstützten Comebacks rein und enthalte sich einer Prognose für die letzten beiden Spiele gegen die aufkommenden San Diego Chargers und die Green Bay Packers.

Die Playoffs sind zum Greifen, aber sie sind noch nicht eingetütet.

MNF-Preview, #15: San Francisco – Pittsburgh

(Achtung, Sunday Night Game wird gespoilert)

San Francisco 49ers (10-3) gegen Pittsburgh Steelers (10-3), heute Nacht 02h LIVE bei ESPN America und SPORT1+ aus dem Candlestick Park – Kampf um die Freikarten in der ersten Playoffrunde in AFC und NFC. Und ein Kampf zwischen zwei in sich recht ähnlichen Mannschaften.

Beide Teams haben Probleme mit ihrer Offensive Line: 49ers-QB Alex Smith wurde vor wenigen Wochen in Baltimore gekillt, neunmal gesackt. Steelers-QB Roethlisberger steht dank unzuverlässiger Protection seit Jahren im Kreuzfeuer und verpasst aufgrund diverser Verletzungen 1-2 Spiele/Saison. Auch heute wird Roethlisberger maximal angeschlagen antreten.

Fehlt Roethlisberger, werden die Steelers sich fast vergessener Werte bedienen und stärker auf RB Mendenhall setzen müssen. Angesichts der Tatsache, dass San Franciscos LB Patrick Willis erneut fehlen wird, nicht das unprobateste Mittel.

Beide Defenses ähneln sich im Kern (starke Linebackercrew, physische Secondary). Pittsburgh macht heuer kaum Sacks und Turnovers, macht jedoch die Schotten dicht und lässt kaum Raumgewinne über Boden oder Luft zu – selbst dann nicht, wenn die besten Pass Rusher Woodley/Harrison auf dem Verletzungsbogen oder im Zwangsurlaub versauern. San Francisco kann durchaus über den unauffälligen, aber ungemein effizienten DE Justin Smith und den spektakulären Rookie DE Aldon Smith Druck auf Quarterbacks ausüben, hat seine Spezialität in dieser Saison jedoch hauptsächlich im Erzwingen von Turnovers, wurscht ob Fumbles oder INTs. Dazu mischen sich fantastische Special Teams, die für die bekannten, krassen Raumvorteile in Sachen Starting Field Position führen.

Ein Beispiel: Was San Francisco an Starting Field Position rausholt (Differenz von eigener zu gegnerischer = 9,57yds), muss Pittsburghs Offense im Alleingang mit seinem wechselhaften Angriff wettmachen (Differenz Länge eigener Drives zu gegnerische Drives = 9,68yds).

Auf dem Spiel stehen die Freilose für die erste Playoffrunde. Pittsburgh bekam heute Nacht die Steilvorlage geliefert, als Baltimores erstaunlich bröselige Defense in San Diego eine unerwartet hohe Niederlage eingeschenkt bekam. San Francisco hat sein Schicksal ebenso noch in der eigenen Hand, muss aber gegen New Orleans (nun 11-3) nachziehen und gegen die vermeintlich nach unten zeigende eigene Formkurve ankämpfen.

Wiederholungstermine für das Spiel: ESPNA-Tape morgen 18h30, SPORT1+ um 16h20. Vui Spaß.