Made in New York

Alle vier Jahre kommt es in der Regular Season zum Duell New York Jets vs. New York Giants, eine der eigenartigsten stadtinternen Rivalitätem im US-Sport. Zwei Franchises, die sich zwar jede Preseason aufs Neue auf dem Spielfeld treffen, in den letzten 42 Jahren aber ganze 11x in der Regular Season gegeneinander gespielt haben und dabei nicht ein einziges erinnerungswürdiges Spiel lieferten. Zwei Franchises, die nicht mal ihre Heimspiele nicht mal in ihrem eigenen Bundestaat austragen. Und zwei Franchises, die bei aller Dipolarität die beiden zentralen Werte des Sports kombinieren: Träume und Errungenschaften. Grün gegen Blau, eine spannende Frage nach der Vorherrschaft in der US-Stadt schlechthin.

Da wären auf der einen Seite die New York Giants, die deutlich ältere und traditionsreichere Franchise, deren Gründung im fernen 1925 im medienträchtigen Big Apple der NFL einen massiven Boost verschafft hatte. Big Blue ist siebenfacher NFL-Champ. Die große Zeit der Giants war in den 80ern mit dem großen Head Coach Bill Parcells, dem berühmt-berüchtigten Linebacker Lawrence Taylor und zwei Superbowlsiegen, während man vergangenen Jahrzehnt zu einer launischen Diva verkam, mit zwei weiteren Superbowls und einem Titelgewinn für die Ewigkeit (Stichwort: Tyree), aber auch etlichen durchwachsenen Jahren bis runter zur schlechtesten Ligabilanz 2003/04.

Die Jets sind die jüngere Franchise, gegründet 1960 als AFL-Gegenstück zu den Giants, und dank „Broadway“ Joe Namath und seiner legendären, gehaltenen Siegprophezeihung vor Super Bowl III die Franchise, die mit am meisten zum rasanten Aufstieg der NFL und ihrer Vorzeigemarke „Super Bowl“ beigetragen hat. Jedoch laufen die Jets bis heute einem zweiten NFL-Championat nach, trotz viel Boohay und noch mehr Star-Power, und gelten immer noch als die kleinen Brüder der Giants. In den letzten Jahren hat die Verpflichtung des sehr lauten Head Coaches Rex Ryan gleich geholfen wie das endlich gemeinsam betriebene MetLife Stadium (das Spiel wird u.a. als „MetLife Bowl“ bezeichnet), nach fast 30 Jahren Fristen als Gast in der Arena mit dem demütigenden Namen „Giants Stadium“.

Giants-Heimspiele gelten als ruhige Angelegenheiten. Wenn die Jets spielen, brodelt das weite Rund hingegen wie NouCamp am Championsleaguedienstagabend. Der typische New Yorker ist kein Fanatiker. Dennoch gibt es Unterschiede in den Charakteristika der Fans. Das Publikum der Giants ist etwas älter und setzt schon langsam graue Haare an, kommt tendenziell aus der oberen Schicht und ist noch mit dem jüngst verstorbenen, über 90jährigen Besitzer Wellington Mara aufgewachsen. Konträr dazu kommt der Jets-Fan Mitte 30 daher, ungehobelt, rotzend am Frühstückstisch und Anbeter der f*cking Ansprachen Rex Ryans. Trotz aller Unterschiede ist es aber doch angebrachter, von „Sympathisanten“ denn „Fans“ zu sprechen, da der New Yorker prinzipiell zuerst seine Stadt anfeuert und erst danach seine Mannschaft.

Was beide Franchises eint, ist das permanente Enttäuschen der exorbitanten Erwartungen im medialen Hexenstadel Manhattans. Zwei Franchises, die so steinreich sind, dass sie sich fast jedes Jahr hinreichend Spielermaterial für Träumereien einkaufen können, nur um im letzten Saisondrittel zu kollabieren oder eine völlig unnötige Playoffniederlage verdauen zu müssen. Giants-Fans sind kontrollierte Optimisten, hoffnungsfroh, aber nicht dem blinden Glauben an den Erfolg nachgebend. Jets-Fans quatschen seit vier Jahrzehnten vom nächsten Superbowlgewinn und genießen den alljährlichen Schmerz des nächsten Tiefschlags wie der Stadtrivale den alle zwanzig Jahre wiederkehrenden Trubel der geholten Lombardi Trophy.

New York ist immer noch „G-Town“. Die Jets sind der Underdog. Trotzdem wird die Gang Green immer ihre Nische besitzen. Sport im Allgemeinen und Football im Speziellen können sich den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie, die sie selbst kreiert haben, nicht entziehen, und Siegen oder Verlieren ist nicht immer das Entscheidende. Denn unerlässlich ist ebenso, wahrgenommen zu werden. Die Massen zu bewegen. Auch und insbesondere im Großen Apfel. Und darin sind die Jets den Giants aktuell mindestens ebenbürtig.


Die bei mir hoch angesehene New York Times ist der Frage nach der Rivalität zwischen Jets und Giants bereits im Oktober nachgegangen. Der Artikel sei hier verlinkt und zur vertiefenden Lektüre von Herzen empfohlen.

3 Kommentare zu “Made in New York

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