Bowl Season 2011/12: Reminiszenz an eine ruhmreiche Vergangenheit

Kann bei ESPN America bitte jemand nochmal die erste Halbzeit von Toledo-Air Force von heute Nacht als Aufzeichnung senden? Dankeschön. Dies oder wer es sich gespeichert hat: Reinschalten zahlt sich aus. Zum heutigen Bowl-Programm, das nicht schlechter zu werden verspricht.


In den späten 80ern und den frühen 90ern waren Florida State und Notre Dame dominierende Mächte des College Football mit National Title-Ambitionen. Kulminationspunkt: November 1993, als sich die beiden Unis in einem „Game of the Century“ (datt kennen wir ja) trafen: #1 FSU vs #2 Notre Dame. Obwohl Notre Dame gewann, holte sich die Florida State University ein paar Wochen später den Landesmeistertitel, ehe sich nach wenigen weiteren Begegnungen die Wege der beiden etwas trennten: Während Notre Dame seitdem nur noch ein matter Abglanz alter Zeiten ist, blieben die Seminoles unter Trainerlegende Bobby Bowden noch fast ein Jahzehnt an der Spitze. Seit zwei Jahren haben beide Unis neue Head Coaches und neuen Aufschwung – 2011/12 war aber für beide eine Enttäuschung. Trotzdem: Die Mannschaftskerne bleiben in der Offseason intakt – wenn hier einer überzeugend gewinnt, wird er im neuen Jahr viel Presse und ein gutes Preseason-Ranking 2012 bekommen.

Champ Sports Bowl

Florida State Seminoles – Notre Dame Fighting Irish

Do, 29.12. 23h30 LIVE bei ESPN America
Tape: 30./31.12. um 04h morgens auf ESPNA

Florida State war als einer der Favoriten ins Rennen gegangen, wurde nach einer Heimniederlage gegen Oklahoma von Verletzungen auseinandergerissen und schenkte nach den Sooners noch Clemson und Wake Forest en suite ab. Es war kein Freak-Unfall: Mit wiederhergestellter Formation folgte im November eine enttäuschende Pleite gegen Virginia.

Der unerfahrene QB #3 E.J. Manuel gehört zu der Sorte „wechselhaft“, kann dem Angriff an guten Tagen jedoch eine zusätzliche Dimension mit seiner Beweglichkeit verleihen. Der komplette Angriff leidet unter einer nicht immer zuverlässigen Offensive Line, hinter der das Laufspiel nur an guten Tagen in die Gänge kommt, und einem fehlenden federführenden Wide Receiver als Sicherheitsoption. Killt der Gegner FSUs GamePlan, kommen Graupenspiele wie Virginia heraus.

Weil auch die Defense mit Verletzungen und Unbeständigkeit zu kämpfen hatte (CB Rhodes!) und mit DE Brandon Jenkins und FS LaMarcus Joyner nur zwei der vielen Talente eine wirklich gute Saison spielten, verortet man trotz solider Defense-Stats die größte Stärkte der Seminoles in der Special Teams mit einem guten Gespann aus Kicker und Punter und explosiven Leuten für die Returns.

Die Seminoles haben so was wie „Heimvorteil“ dank der in Orlando stattfindenden Partie, aber mit internen Problemen zu kämpfen: Mehrere Spieler, unter anderem der und bekannte Defensive Back Avis Commack, sind nach kleinkriminellen Handlungen in den letzten Wochen gesperrt (Commack z.B. wegen Diebstahls eines i-pods).

Notre Dame kämpft weniger mit dem Gesetz oder seiner Defense – letztere ist um den athletischen LB #5 Manti Te’o wirklich hervorragend, wenn auch nicht spektakulär – als vielmehr mit einem antiseptischen Angriff. Knackpunkt: Der als Offensivgenie bekannte Brian Kelly hat auch im zweiten Jahr noch keinen geeigneten Quarterback gefunden. Tommy Rees zerbröselt augenmaßgeschätzte acht von zehn Drives im Alleingang, während auch der mobile, junge Andrew Hendrix gegen Stanford auf verlorenem Posten war. Das alles, obwohl Notre Dame mit WR Michaely Floyd (95 Catches, 1102yds, 8TD) und TE Tyler Eifert zwei großartige Waffen besessen hätte, die nach der Champ Sports Bowl wohl beide den Weg in die NFL einschlagen werden.

Das Rating-System produziert bislang nicht unterirdische Ergebnisse: Diesmal wird Notre Dame mit +2.5 Punkten favorisiert. Eigenartig, da ich aufgrund der schwachen Offense der Fighting Irish eher auf die Seminoles tippen würde.

Valero Alamo Bowl

#12 Baylor Bears – Washington Huskies

Do/Fr 29./30.12. 03h LIVE bei ESPN America
Tape am Fr, 30.12. um 12h30 bei ESPN America

Hype! Hype! Wir sehen den taufrischen Gewinner der Heisman Trophy, Baylors fabulösen QB Robert Griffin III, Codename “RG3”, der Mann, der die kleine Baptistenuni Baylor auf die Landkarte der Relevanz gebracht hat. Ich bin wirklich nicht so schnell zu begeistern, aber: Ein schwarzer Scrambler vor dem Herrn mit einem Wurfarm vor dem Herrn, ein Sympathieträger und olympiawürdiger Hürdensprinter – Griffin gehört zu der Kategorie Sportler, denen man den Erfolg ja gerne vergönnt: Einst von sämtlichen großen texanischen Universitäten rekrutiert für alle möglichen athletisch herausfordernden Positionen – Defensive Back, Running Back, Wide Receiver – aber nur einer wollte Griffin als Quarterback: Houston Coach Art Briles. Griffin sagte zu. Als Briles kurzfristig im Dezember zu Baylor wechselte, ging im Schlepptau auch Griffin mit nach Waco, um seinen Traum vom College-Quarterback zu erfüllen – ein Traum, der möglicherweise aus Vorbehalten gegenüber dem „schwarzen Quarterback“ an renommierteren Universitäten unmöglich gewesen wäre.

2010 war schon stark, aber 2011/12 war s-p-e-k-t-a-k-u-l-ä-r. Griffin gewann das beste College-Football-Spiel des Jahres zum Saisonauftakt gegen TCU 50-48, u.a. dank eines Griffin-Catches im finalen Drive, und zertrümmerte gegen Saisonschluss mit großartigen Leistungen die Granden Oklahoma und Texas fast im Alleingang. Schlüsselmoment vielleicht dieser Wunder-Spielzug auf WR Kendall Wright gegen die Sooners:

Allein, dass ein Mann von seiner so kleinen Uni wie Baylor die Heisman Trophy gewinnt, sollte die Bedeutung des Mannes unterstreichen – allein: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Spieler wie RG3, die im Dezember einen Marathon an Ehrungen durchmachen, in der Bowl Season dazu tendieren, ausgelaugt zu sein und die immensen Erwartungen eher etwas zu enttäuschen.

Deshalb sollte man die aufstrebenden Washington Huskies nicht unterschätzen: Auch sie haben einen möglicherweise bald NFL-reifen Quarterback in Keith Price, der den großen Leader Jake Locker (nun Tennessee Titans) nahtlos ersetzte und gemeinsam mit dem brachialen RB Chris Polk und dem heuer etwas enttäuschenden WR Jermaine Kearse ein starkes Offensiv-Trio bildet. Generell wird die Arbeit vom Head Coach Steve Sarkisian sehr gelobt – man muss wissen, dass das Programm der Huskies vor wenigen Jahren noch komplett am Boden lag und eine sieglose Saison durchstehen musste.

Also: Zwei Offensivfeuerwerkskörper gegen jeweils sperrangelweit offene Scheunentore namens „Defense“. Können wir von einem Over/Under von 80 ausgehen?

8 Kommentare zu “Bowl Season 2011/12: Reminiszenz an eine ruhmreiche Vergangenheit

  1. Avis Commack, den kannte ich. Schade, dass solche Dinge immer wieder passieren. Und German Kid Werner genießt soweit ich das mitkriege, einen sehr guten Ruf.

    Notre Dame ist übrigends an der University of Miami ein viel größerer historischer und kultureller Rivale, was noch aus den Achtzigerjahren übrig ist, wo die schwarzen Chaoten gegen die katholischen Proleten um die Meisertitel spielten. FSU und Notre Dame sind in erster Linie deswegen Rivalen, weil bei besagtem Spiel ein Verzweiflungspass vom FSU Quarterback Charlie Ward knapp scheiterte und FSU kurz danach trotzdem umstrittener National Champion wurde.

    Für die Noles ist das ein sehr wichtiges Spiel, weil sie die verkorkste Saison mit einem Sieg retten können und zugleich wieder Buzz und Fahrt für 2012 aufnehmen können. Die meisten Spieler und Coach Jimbo bleiben und mit weniger Verletzten glaubt man, dass die Noles dann eben 2012 _zurück_ sein werden. Und sonst halt 2013. Oder 2014. Oder 2015.

    GO NOLES.

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  3. Pingback: Champ Sports Bowl 2011 live: Florida State Seminoles – Notre Dame Fighting Irish | Sideline Reporter

  4. Dass die Hautfarbe von Robert Griffin III beim Recruiting eine Rolle gespielt haben soll, kann ich mir nur schwer vorstellen. Gerade eine Uni wie Texas hatte ja zum Beispiel mit Vince Young einen tollen Quarterback, der noch immer in guter Erinnerung ist.
    Aber schon interessant, dass ein erfahrener Recruiter wie Mack Brown solch ein Talent nicht erkennt und ziehen lässt. Einen vernünftigen Quarterback hätten die Longhorns zuletzt gut gebrauchen können…

  5. Der Gedanke mit der Rassismus-Problematik stammt nicht von mir. Robert Griffin III hat selbst mehrmals angedeutet, dass das wohl im Recruiting-Prozedere eine Rolle spielte.

    Griffin meinte meiner Erinnerung dann aber auch sinngemäß: Wenn Coaches einen schwarzen Sprintertypen finden, wollen sie ihn als Wide Receiver oder Defensive Back aufstellen, dort, wo der Speed am dringendsten benötigt wird. Quarterbacks können sie immer noch einen weniger athletischen finden, der auch gut werfen kann. Am College kommst du schließlich auch ohne Raketenarm zurecht. Das wäre die weniger Hautfarben-orientierte Erklärung.

  6. Spoilerwarnung Baylor










    Over/Under von 80 Punkten? Ich bitte dich! Unglaublicher Shootout zwischen Washington und Baylor mit 1400 Offensiv-Yards, 59 First Downs und 123 erzielten Punkten. RG3 war nicht mal der Star der Show, obwohl er ein grandioses Spiel machte. Ich empfehle, das anzuschauen!

  7. Ja, grandioses Spektakel und im Vergleich zu FSU-Notre Dame kann man da auch an den Statisten in der Defense vorbeisehen. Wohltuende Abwechslung für zwischendurch.

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