Orange Bowl 2012: #15 Clemson Tigers – #23 West Virginia Mountaineers

Heute Nacht, 4./5.1. um 02h LIVE bei ESPN America
Aufzeichnung am 5.1. um 19h30 bei ESPN America

Ein Spiel mit vielen Storylines. Die erste ist die bekannte Schlammschlacht zwischen den beteiligsten Ligen, deren Champs hier antreten: Die Atlantic Coast Conference (ACC) wird von der Big East Conference beschuldigt, für deren schleichenden Niedergang verantwortlich zu sein. Nachdem die ACC vor einem halben Jahrzehnt Miami, Virginia Tech und Boston College abgeworben hatte, folgen in Kürze (2014) mit Pitt und Syracuse zwei weitere namhafte Universitäten. Bei genauerer Betrachtung eine Loose/Loose-Situation: Die Big East ist mittlerweile verzweifelt genug, um in Bälde bis nach Südkalifornien (!) zu expandieren, während die ACC ihrerseits durch die vielen Additionen nicht wirklich an Strahlkraft gewinnen konnte.

So ist die Orange Bowl auch seit Jahren die BCS-Bowl, an der man aus einem Grund meist vorbeisieht: Hier spielt vertraglich gesichert mit dem Meister der ACC meistens eine Mannschaft, die nicht zur Spitze im College Football gezählt wird. Nachfolgend die eingehenden BCS-Rankings des ACC-Champs der letzten Jahre:

2005/06 Florida State      #22
2006/07 Wake Forest        #14
2007/08 Virginia Tech       #3
2008/09 Virginia Tech      #19
2009/10 Georgia Tech        #9 (nachträglich aberkannt)
2010/11 Virginia Tech      #13

2011/12 hat es mit den Clemson Tigers mal wieder eine echte Überraschungsmannschaft geschafft. Ein Kultteam aus einem Kleinstädtchen in South Carolina, seit Jahren berühmt dafür, sein Potenzial nicht ausschöpfen zu können. Jahrelang scheiterte man an einer lendenlahmen Offense. Die heurige Saison galt dann auch als Prüfstein für den im Sommer nicht mehr unumstrittenen Head Coach Dabo Swinney – und angeführt von einer fantastischen Freshman-Klasse explodierte Clemsons Offense (33.6pts/Spiel), während man über die gesamte Saison eine suspekte Defense mit sich schleifen musste. Das führte dazu, dass man lange Zeit ungeschlagen war, dann doch dem Nervenkostüm und den Verletzungen Tribut zollen musste, am Ende ausgepowert zu sein schien, ehe der dann überraschende Kantersieg über Virginia Tech im ACC-Finale folgte, der das Ticket in die Orange Bowl löste.

Als ausgemachter Superstar im Tiger-Angriff gilt Freshman-WR Sammy Watkins, ein Rastaman mit 77 Catches für 1153yds und 11 TD trotz Verletzungsmisere im November, und dazu ein gefährlicher Mann für Reverse-Spielzüge und Returns – mit Nebenleuten wie WR DeAndre Hopkins (871yds, 4 TD) oder den Running Backs Andre Ellington (1062yds, 10 TD) und Mike Bellamy (Freshman, 6.0yds/Carry) gibt es da plötzlich haufenweise passable Skill Players, die man für das Aufblühen des bereits als ewiges Talent abgestempelten QB Tajh Boyd (3578yds, 31 TD, 10 INT plus 5 Rush-TD) verantwortlich macht.

Clemson trifft nun allerdings auf die West Virginia Mountaineers, ein Gegner, der die 3-3-5 Defense spielt, ein System, das Clemson so noch nicht zu Augen bekommen hat. „3-3-5“, das bedeutet: Eine quicke, sehr viel schwerer ausrechenbare Defense. Blitzes können von allen Seiten einschlagen, Offensive Line und Quarterback müssen mehr Denksport als gewohnt betreiben. Wie wird Boyd darauf reagieren und wird man verstärkt auf Laufspiel setzen?

West Virginia hat als Wackel-Champ der in der Spitze schwach besetzten Big East Conference das Orangebowl-Ticket gelöst. Der Weg dahin war eine Achterbahnfahrt, to say the least. Nach der abgelaufenen Saison 2010/11 wurde dem damaligen HeadCoach Bill „Leave No Doubt“ Stewart vom ambitionierten „GM“ Oliver Luck (Andrews Papa) in Offensivgenie Dana Holgorsen ein übernahmebereiter Assistent untergejubelt. Was der lokalpatriotische Stewart nicht verkraftete. Stewart zettelte eine Verschwörung an, streute via Lokalpresse Gerüchte über eine angebliche Alkoholkrankheit Holgorsens, wurde dann jedoch enttarnt und musste nach einer rührenden Schlammschlacht in der Sommerpause seinen Hut nehmen. Holgorsen übernahm den Laden per sofort, und neben Stewards Ruf war auf Lucks Reputation mächtig angekratzt.

Die Erwartungen an Holgorsen aber waren so exorbitant, dass das „9-3“ mit der knapp eingefahrenen Big East-Krone am Ende als leichte Enttäuschung gewertet wurden (hohe Niederlage gegen LSU trotz deutlich mehr erzielter Yards, hohe Niederlage gegen Underdog Syracuse, knappe Niederlage gegen Louisville). Die Offense ist ein Punktesammler (34.9pts/Spiel) und verlässt sich stark auf den Quarterback Geno Smith (3978yds, 25 TD), der trotz vieler Versuche kaum Turnovers produziert (nur 7 INTs in 483 Passversuchen), wird aber gehandicappt von einem schwachen Laufspiel. Gepaart mit einer unterdurchschnittlichen Defense ergibt sich das Gesamtbild einer guten, aber nicht großartigen Mannschaft, was sich im BCS-Ranking von #23 in etwa widerspiegelt.

Für West Virginia ist es das letzte Spiel als Mitglied der Big East, nachdem man bereits 2012/13 fröhlich mit Oklahoma und Texas Tech in der Big 12 Conference gunslingern wird. Eine Prognose fällt schwer, da beide nicht wirklich die nötige Stabilität ausstrahlen und große Aussetzer in beide Qualitätsrichtungen aufweisen. Clemson wird von Excel mit 1,3 Punkten favorisiert, aber das ist so ein Spiel, in dem mich kein Ergebnis in beide Richtungen überraschen würde. Nur so viel: Es wird etliche Punkte geben.