Wild Card Weekend 2011/12 am Samstag

Playoff-Zeit in der NFL! Alle Jahre wieder eines der Highlights des Sportjahres, und heuer im Vergleich zu anderen Jahren sogar mit einer sich ordentlich anhörenden Aufwärmrunde im Wildcard-Wochenende. Heute Nacht finden die ersten beiden Spiele statt, und eines ist ein echter Leckerbissen von einem Matchup.

Houston Texans – Cincinnati Bengals

Sa, 22h30 LIVE bei ESPN America
Aufzeichnung: So, 8.1. um 9h30 bei ESPN America

Ganz großes Underdog-Duell mit einigen interessanten Facetten im wunderschönen Reliant Stadium: Die Playoffdebütanten Houston Texans und die schnell wieder aus der Versenkung emporgestiegenen Cincinnati Bengals spielen heute Abend einen unerwarteten Playoff-Viertelfinalisten unter sich aus.

Die Houston Texans sind seit Jahren ein schlafender Gigant, eigentlich seit Gary Kubiak dort vor fünf Jahren als HeadCoach installiert wurde. Kubiak gilt als exzellenter Talentevaluator und Offensivgeist, jedoch auch als abgrundtief unzuverlässiger Michel in der Crunch Time, weswegen Houston immer wieder vielversprechende Spiele und Spielzeiten verschenkte. Nicht so heuer. Trotz großem Lazarett (QBs Schaub und Leinart, OLB Williams auf der IR, RB Foster und WR Johnson lange ausgefallen) und mit einer nach Systemumstellung unter dem neuen DefCoord Wade Phillips schlagartig verbesserten Defense sprang der Seed #3 heraus.

Die Cincinnati Bengals erleben in den neun Jahren unter HeadCoach Marv Lewis ein Auf und Ab, waren letzten Winter mal wieder ganz unten angekommen. Lewis durfte damals völlig überraschend bleiben, rückte mit der Mistgabel an, draftete sich zwei Monate später mit QB Andy Dalton und WR A.J. Green einen neuen Offensivkern und schnappte sich die letzte AFC-Wildcard, die weder Titans, noch Raiders, noch Jets haben wollten.

Beiden Teams wird blankes Mittelmaß nachgesagt. Den Bengals wird fein säuberlich unter der Nase zerrieben, dass alle ihre sieben Spiele gegen Playoffgegner verloren gingen und nur der Sieg über die Titans (9-7) als so was Ähnliches wie ein „Qualitätssieg“ einzustufen ist. Damit haben die Bengals nur einen Sieg über eine Mannschaft mit positiver Saisonbilanz und ergo auch nur einen solchen Sieg mehr als die New England Patriots. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass die Bengals nur einen „Blowout“ kassierten (7-35 vs Pittsburgh) und alle anderen Spiele mit maximal einem Score Differenz verloren gingen (5-6 in engen Spielen). Dem gegenüber steht ein suspekter Spielplan der Texans: Zwei respektable Siege über Pittsburgh (Wk 4) und Atlanta (Wk 13), aber nach weiteren Big Points sucht man vergeblich und zuletzt sagte man den Texans nach, nur noch lustlos die letzten heilen Knochen über die Regular Season gerettet haben zu wollen.

Dabei hatte Houston mal einen phänomenalen Angriff, bis ein Quarterback nach dem anderen auf die IR wanderte, weswegen die Offense immer mehr zur Show der beiden Running Backs Arian Foster/Ben Tate mutierte, die hinter einer der besten Offensive Lines in der NFL ganz in der Tradition von Kubiaks laufstarken Maschinen zu Broncos-Zeiten stehen. Foster/Tate gegen Cincinnatis hochgelobte Front Seven – ein Matchup aus der obersten Schublade.

Freilich wird es nicht ganz ohne Werfen gehen. QB T.J. Yates ist ein Grünschnabel, dem man eine gehörige Portion Selbstvertrauen, aber auch ein allzu lockeres Abzugshändchen nachsagt. Es deutet alles darauf hin, dass Yates auch heute Abend trotz Schulterproblemen zumindest zu Beginn den Vorzug gegenüber dem neu geholten Jungstar©Walter Reiterer Jake Delhomme erhalten wird. Delhomme hätte reichlich Playofferfahrung aus seinen Tagen in Carolina, gehört aber wie Yates nicht zu den sichersten Kandidaten unter Passrush-Bedrohung. Nicht zu vergessen: Der Mann, um den die Texans-Offenses der letzten fünf Jahre gebaut waren, ist wieder mit von der Partie: WR Andre Johnson, der 1,91m-Mann, der nicht 100%ig fit sein wird, aber zumindest als Ablenkungsmanöver fungieren kann.

Auf der anderen Seite ist auch Cincinnatis Angriff limitiert: Das Laufspiel um RB Cedric Benson ist nicht explosiv (nur 3.9yds/Carry), und so achtbar Dalton seinen Job erledigt: Mehr als 20-23 Punkte serviert Cincinnati nur selten:

27-22-8-23-30-27-34-24-17-24-31-23-7-19-20-23-16

Auf der anderen Seite sind die negativen Ausreißer nur knackigen Gegnern wie San Francisco (8) oder Pittsburgh (7) verschuldet. Dalton ist wie Yates ein Rookie-Quarterback und dürfte trotz des immer noch eher simpel gestrickten GamePlans bereits die zweite Stufe der QB-Hierarchie erklommen haben. Mit Rookie-WR Green (65 Catches, 1047yds, 7 TD) hat Dalton ein spektakuläres deep threat zur Seite, dessen Privatduell mit dem ex-Bengals CB Jonathan Joseph von mitentscheidender Bedeutung sein wird. Wird Green seinem Status als „Bedrohung“ gerecht, werden unweigerlich Räume für Cincinnatis restliche Flotte um TE Gresham frei.

Mit einer Defense, die analog zur Offense außerordentliche Konstanz an den Tag legt, dürfte es dann nichtmal ein Punktefeuerwerk benötigen.

17-24-13-20-20-17-12-17-24-31-20-35-20-13-16-24

Das sind die kassierten Punktzahlen der Bengals pro Partie. Die Defensive Front Seven der Bengals gilt als exzellent, erzwingt nicht viele Turnovers, aber legt sich wie Mehltau über die Offenses und macht die Schotten dicht genug, um eine Offense mit mäßiger Oktanzahl bei rund 17 Punkten zu halten.

Eine Prognose für dieses Spiel abgeben zu müssen fühlt sich wie ein Besuch beim Doktor an: Mal sehen, wie es dem Patienten geht. Houstons letzter Sieg datiert vom 14. Dezember 2011 – als ausgerechnet in Cincinnati die Playoff-Qualifikation eingetütet wurde – in einem Spiel, in dem man unisono den Texans aberwitzig viel „Glück“ nachsagte. Cincinnati würgte sich seinerseits nur auf den Felgen in die Playoffs. Beide wurden damit belohnt, nun auf einen Gegner auf Augenhöhe zu treffen – remember? Gutklassige Gegner sind gegen beide in Gefahr, hochklassige werden in Ruhe gelassen.

Knapper Heimsieg der Texans, die sich vom Kubiak-Trauma lösen und mit wehenden Fahnen in Baltimore untergehen werden.

New Orleans Saints – Detroit Lions

Sa/So, 02h LIVE bei ESPN America und SPORT1+
Aufzeichnung: So, 8.1. um 12h bei ESPN America und um 12h25 bei SPORT1+

Ich machte nie einen Hehl daraus, Fan der Detroit Lions zu sein – heute Abend wird diese Mannschaft zum ersten Mal seit ich Football verfolge ein Playoffspiel bestreiten. Der Gegner ist mit den New Orleans Saints ein Traumlos: Wenig „Downside“, viel „Upside“ in einer Partie, in der die Lions im Prinzip nur gewinnen können. Und ein Sieg würde im Gegensatz zu einem Erfolg über sagen wir die New York Giants auch sofort Aufsehen stiften.

Ich habe bei Spox bereits eine ausführliche, weniger analytisch veranlagte Vorschau gegeben, auf die ich hier verweisen möchte. In diesem Eintrag stellte ich die Behauptung auf, die Lions seien an einem guten Tag ein Äquivalent von „Saints für Arme“. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Mannschaften sind in der Tat frappierend.

Beide Offenses setzen in Ermangelung eines vertrauenswürdigen Laufspiels auf passgewaltige Quarterbacks hinter einer ordentlichen, aber nicht dominanten Offensive Line und müssen daher mit möglichst vielen Anspielstationen in der Formation versuchen, die Defense auseinanderzuziehen. Das sieht dann auf der Tafel so aus: Saints-QB Drew Brees stellte mit 5476yds einen neuen Passrekord auf, während Lions-QB Matthew Stafford eine Woche später nachzog und als vierter Quarterback der NFL-Geschichte die 5000er-Marke knackte: 5038 Pass-Yards für Stafford. Beide Quarterbacks mit mehr als 40 geworfenen Touchdowns (Brees 46, Stafford 41), beide mit in etwa gleich vielen Interceptions (Brees 14, Stafford 16). Beide mit frappierend gleich vielen Passversuchen (Brees 657, Stafford 663), allerdings ist Brees mit seiner unglaublichen Completions-Rate von 71.2% eine Ecke über den nicht immer konzentrierten Stafford (63.5%) zu stellen.

Auch die Ballfänger schenken sich nicht viel. Die Yard-Zahlen der besten Receivers, Running Backs und Tight Ends:

Saints: 1310-1143-710-627-620-503-425
Lions:  1681- 777-757-607-347-287-230

Beide Offenses vertrauen mächtig auf einen Tight End (NO Graham 1310yds, DET Pettigrew 777yds), allerdings ist Detroit Angriff eine Spur mehr „top-heavy“ besetzt, hängt völlig überraschend recht stark am Tropf von WR Calvin Johnson, der nach Flaute zur Saisonmitte in den letzten Wochen wieder zu absoluter Hochform auflief.

Beide setzen auf Laufspiel nur als Ablenkungsmanöver. New Orleans bringt 4.9yds/Carry zustande, während Detroit nur 4.3yds/Carry macht. Beide Offenses sind fast gleich effektiv: New Orleans bewegt das Ei 6.8yds/Spielzug, Detroit 6.2yds/Spielzug. Die Lions sind minimal effizienter, brauchen nur 13.4yds Offense, um einen Punkt zu erspielen, während die Saints 13.7yds zurücklegen müssen (#5 und #6 der Effizienzliste). Man sieht: Die Teams sind eng beisammen, prinzipiell ähnlich gebaut, aber in jeder statistischen Kategorie sind die Saints noch einen Tick besser, reifer als die Detroit Lions.

Enger liegen die Defenses beieinander, wobei die Lions dem Gegner deutlich mehr Turnovers (#4) abjagen, während die Saints aufgrund sehr guter Feldposition (#5) zwar mehr Yards (#25/Drive) kassieren, aber den Gegner tendenziell bei eher wenigen Punkten halten. Wobei die Saints-Defense bei mir aus Prinzip im Verdacht steht, zu abhängig von den aggressiven Blitzformationen von DefCoord Gregg Williams zu sein – und Williams ist dafür bekannt, in den Playoffs noch einen Tick rücksichtsloser zu Werk zu gehen. Das kann gut gehen, aber wenn der Pass Rush mal nicht zündet…

Trotzdem sind die formstarken Saints für mich klar favorisiert, zumal zu Hause. Die völlig unerfahrenen, noch immer sehr jungen Lions dürften mit Hormonschwankungen im lautesten NFL-Dome zu kämpfen haben und riskieren, als Langsamstarter gegen Brees’ Passfeuerwerk schnell hoch in Rückstand zu geraten. Lions-Comebacks sind schön und gut, aber bis dato zeichnete sich ein weiterer Trend ab: Detroit besiegt Gegner bis hinauf in die obere NFL-Mittelklasse, aber gegen die wirklichen Top-Teams wurde heuer samt und sonders verloren, wenn auch knapp:

-3  vs San Francisco
-7  vs Atlanta
-24  @ Chicago (mit Cutler/Forté)
-12 vs Green Bay
-14  @ New Orleans
-4   @ Green Bay

Statistiken eines gigantischen Sleepers für die kommenden Jahre, und auch die SNF-Niederlage bei den Saints vor einigen Wochen war unter unglücklichen Umständen zustande gekommen knapper als gedacht, als die Lions nach schnellem hohem Rückstand irgendwann sogar die Chance zum Ausgleichen hatten. Die Mannschaft ist von HeadCoach Jim Schwartz so gebaut, dass sie bereits jetzt gegen einen grundsoliden Gegner in den Playoffs Rabatz machen könnte. Aber sie ist vermutlich noch nicht weit genug und noch 1-2 Bausteine davon entfernt, einen Giganten wie Sean Paytons Saints in dessen Superdome auszuschalten.

14pts-Sieg für die Saints.

11 Kommentare zu “Wild Card Weekend 2011/12 am Samstag

  1. Danke an beide für die tollen Vorschauberichte der letzten Tage, fühle mich topp informiert. Meine Tipps sind:

    BENGALS, sie sind besser in Schuss und Dalton ist rechtzeitig wieder gesund geworden. Houstons Passing-Game ist mir zu unsicher.

    LIONS. Überraschung des Weekends. Ich war lange skeptisch, aber die Lions haben mich heuer überzeugt, ich glaube, mit genügend Pass rush ist da eine Sensation drin.

    GIANTS. Wie gestern im Eintrag geschrieben war, dieG-Men haben mehr Waffen und werden Matty Ice wieder in der ersten Runde rausschießen.

    STEELERS. Tebow in Ehren, aber da gibt es nicht viel zu diskutieren. Denver macht keine 10 Punkte und das war’s.

  2. Sehr interessant ist, dass die Saints ihre Stärke schon bewiesen haben und fünf von sechs Spiele gegen Playoffteams heuer gewonnen haben (nur knapp gegen die Packers verloren). Die Lions hingegen 1-5 in diesen Spielen (einziger Sieg gegen die Broncos). Das Spiel wird knapp, aber die Saints werden gewinnen.

  3. Sehr schöne Vorschau, vor allem in Verbindung mit dem Spox-Beitrag. NO klarer Favorit, aber Detroit mit Upset-Potential.

    Update Injury Report: WR Lance Moore und LB Jonathan Casillas fehlen definitiv bei NO. Safety Chris Harris ist „doutbful“ bei Detroit.

  4. @Maurizio: Danke, das hab ich nicht gewusst! Man würde ja erwarten, dass die Teams, die getestet sind, in den Playoffs besser abschneiden als die ungetesteten. Das wirft auch auf Cincy und Houston ein anderes Licht, Stichwort Mittelmaß.

  5. Wow, das liest sich aus einem Guss und ist schnell nachvollziehbar und mit das beste an Previews, was ich zu den Wildcards gelesen habe (danke auch für die mehr taktisch angelegte Preview von gestern zu den Sonntagspielen). Ich bin zwar der Meinung, dass das Saints-Laufspiel besser ist als nur ein Ablenkungsmanöver, aber ansonsten stimme ich schon zu, dass sich Saints und Lions sehr ähnlich sind. Wäre das Spiel im Ford Field, sähe ich keinen Favoriten, aber wegen des Heimvorteils ist New Orleans für mich doch auch vorne. Bin gespannt, wie die Lions auf die Blitzes reagieren, mein Eindruck war bisher, dass Stafford in solchen Situationen häufig in der Shotgun spielte, um mehr Zeit zu bekommen. Wird hoffentlich eine grandiose Footballnacht!

  6. @Addict, re: Shotgun/Heimvorteil

    Die Zahlen bestätigen deine Eindrücke. Stafford ist bei 68% aller Snaps in der Shotgun, mehr als jeder andere Quarterback (nach den Zahlen von FootballOutsiders).

    New Orleans ist zu Hause 8-0 und auswärts 5-3. Brees zu Hause:
    72,0% compl.; 29TD, 6 INT; 122,4 Rating; 9,8 adjusted yards/attempt; Auswärts: 70,6% compl.; 17TD, 8INT; 100,7 Rating; 7,9 AY/A.

  7. Ja, dass die Saints auswärts eine Hausnummer kleiner sind, ist mir bewusst, das zieht sich nun über Jahre. Vermutlich wirklich wegen des Lärms und der neutralen Wetterbedingungen, weil die Offense doch stark auf Drew Brees ausgelegt ist und ein Pass halt doch eher vom Wind verblasen werden kann. Andererseits war eine von den Niederlagen gegen die Rams auch in einem Dome und die anderen beiden von den großen drei Offenses sind mit Green Bay und New England im kalten Norden daheim.

  8. Das ist mal eine 1A Vorschau diesich in einem Guß liest und fundiert argumentiert ist! Danke, da steigt die Vorfreude nochmal!!!

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